Jahre sind seit diesem kleinen Reiseabenteuer dahin- geflogen.
Drei Monate nach meinem Besuch iw Kloster zum jsacre coeur* btv ich Bernhard FernhovenS Frau unb meiner süßen Röfi Mutter geworden.
Unser holde- Töchterlein ist jetzt für immer bei uns, da mein Gemahl nicht mehr in die Ferne ziehen mochte und den Abschied genommen hat.
Seitdem wohnen wir auf seiner schönen Besitzung in Oefterreich'Schlefien.
Oft und gern aber nehme ich diese Blätter zur Hand, weil seit jener Stunde auf dem Bahnhofe zu P. . wo der große Unbekannte mir so hilfreich seinen Beistand an» geboten, erst das echte, rechte Glück für mich aufgeblüht ist.
Allein auch Bernhard hat diese Aufzeichnungen gelesen und in seiner ihn so wohlkleidenden, halb spöttischeu, halb neckischen Weise, sagte er einmal zu mir:
„Eigentlich bin ich nicht viel werth, Marianne, denn um 50 Gulden hast Du Dir Deinen Mann erkaust!"
Feuilleton.
Um fünfzig Guide».
Novelle von Doris Freitn von Spättgen.
(Schluß.)
Die Frau Oberin, Mutter Ludmilla und ich standen im wohlgepflegteu Kloftergarteu beieinander. Ich hatte soeben über mein fatales Reiseabenteuer Bericht erstattet und beide sprachen mir ihre Thetlnahme aus, als eine Laieuschwester sich der ersteren näherte und leise etwas zu ihr sagte.
„Ich lafle Seine Excelleuz hier in den Garten bitten/ gab die Oberin laut zurück.
„ES ist Graf Feruhoven, der kommt, um unS Röfi für heute und morgen zu entführen," wandte fie fich au unS.
„O, das herzige Kind! Ich habe mich bereits im Sprechzimmer mit ihm angefreuudet," rief ich, erfreut darüber, das kleine Mädchen noch einmal zu sehen.
Im selben Moment kam auch schon der Genannte, sein Töchterlein an der Hand, den Kiesweg entlang geschritten, und da ich von dem Gaste nicht gleich bemerkt zu werden wünschte, trat ich mit einer mir selbst unerklärlichen Befangen» heit hinter der Oberin behäbige Gestalt. Allein daS Kind hatte mich dennoch wahrgenommeu- freudig aufgeregt kam es auf mich zugestürmt und rief lebhaft: „Ich habe Papa schon alles von Ihnen erzählt — uud er möchte Sie so gern kennen lernen — und er fragte, ob Sie wohl Lortzing heißen — und . ." athemlos stockte die Sprecherin, weil des Vaters Hand fich plötzlich auf das kleine Mündchen legte.
Zugleich aber starrte ich wie traumumfangen, fast wie gelähmt, in des Grafen erstauntes Geficht.
Allmächtiger, was war das? Trat denn abermals jenes neckische Gaukelspiel der Sinne vor meinen Geist, indem fich Wirklichkeit und Phantasie vermengte? Wie kam eS nur, daß fort uud fort die Züge des fremden Reisenden mich verfolgten und ich die dunklen Augen überall zu sehen vermeinte?
Nein — nein, jetzt war eS keine Täuschung, keine Halluctnation — er selbst in seiner ganzen stattlichen Höhe stand hier vor mir.
Indem ich Purpurgluth in meine Wangen steigen sühlte, prallte ich mehrere Schritte zurück.
„Der Zufall ist oft liebenswürdiger uud entgegenkommender als die Menschen," sagte Graf Fernhoven lachend und verneigte fich tief vor mir. „Ich habe mir den ganzen Morgen schon heftige Vorwürfe gemacht, Ihnen nicht doch
gefolgt zu sein uud Hilfe geleistet zu haben, Gnädige. SS war ein gar zu peinlicher Anblick, Sie unter polizeilicher EScorte davoufahren zn sehen."
Die beiden Nonnen, denen ich auch mein kleines Rencontre mit de« Fremden auf dem Bahnhofe erzählt hatte, verstanden sofort den Zusammeuhaog uud wiegten schmerzlich bedauernd die Köpfe.
„Ich hoffe, Sie zürnen mir nicht gar zu sehr, Graf Feruhoven," sagte ich jetzt, durch die offene und liebens« würdige Natürlichkeit uud Unbefangenheit des großen MauueS angenehm berührt, ebenfalls heiter. „Allein meine Nerven waren durch daö tete-A-tete mit dieser unliebsamen Reise» gefährtin und deren abscheulichen Ausplelungen dermaßen iu Aufruhr gebracht, daß ich mich überall von Jutriganteu uud Hochstaplern umgeben wähnte. DaS Schicksal hat Ihnen aber Gerechtigkeit widerfahren laffeo, Excelleuz! ES führt unS nochmals hier zusammen, damit ich mich bei Ihnen ent» schuldige."
Während ich sprach, ruhten die dunklen Mäuueraugeu eigenthümlich forschend auf meinem Geficht.
„O, Marianne hat wirklich eine wahre Stufenleiter von Uuauoehmlichkeiten uud Demüthiguugen auf dem Poltzeibureau durchkosten müffen, bis glücklicherweise ein Telegramm auS L . . . eintraf und fie erlöste. Meine Nichte ist nämlich Hofdame bei der dortigen Herzogin," mischte fich nun auch Mutter Ludmilla inS Gespräch.
„Marian--Sie heißen Marianne, Gnädige?" fragte
der Graf mit aufleuchtendem Blick. „So hat mich jene Aehnltchkeit doch nicht getäuscht. Röfi erzählte mir bereits, daß ein Feruhoven als junger Mann bet Ihren verehrten Eltern verkehrt habe. Wenn deren Name Lortzing ist, dann glaube ich mir schmeicheln zu dürfen, selbst jener Glückliche gewesen zu sein, der unzählige frohe Stunden tu diesem gastlichen Hause verlebt und diesem treue Dankbarkeit bewahrt hat!"
„O, welch wunderbares Zusammentreffen!" riefen die Nonnen wie aus einem Munde.
Ich aber streckte dem Freunde des Heimgegangenen Vaters die Hand entgegen und sagte erfreut, aber zugleich schmerzlich bewegt:
„Papa weilt nicht mehr unter unS. Seit seinem Tode find mannigfache Schicksalsschläge über meine arme Mutter hinweggezogen."
„Sie gleichen dieser edlen Frau sehr, Gräfin! Ihre Züge machten wich augenblicklich stutzig, da Sie selbst nebenbei mir noch als holdes Backfischchen vor Augen schweben."
Die Oberin uud auch Mutter Ludmilla wurden durch ihre BerufSpflichteu tu Anspruch genommen- allein noch lange saßen der Graf, ich selbst uud Röfi auf etuem schattigen Platze deS stillen SlostergattenS und tauschten gemeinsame Erinnerungen auS.
Ich hatte plötzlich eia Gefühl, als ob gerade mit diese, Erinnerungen etwas Neues, NiegeahnteS, Beseligendes in meinem Innern zum Leben erweckt würde.
AlS ich zum SechS-Uhr-Zug wieder reisefertig auf de» Bahnhöfe stand, befanden fich Graf Feruhoven mit seine» Töchterlein an meiner Seite. Dieses Mal hatte er eS fich nicht nehmen lassen, regelrecht als Schutz und Beistand für mich einzutreteu.
Um keinen Preis der Welt hätte ich jetzt Einwand dagegen erhoben.
Wie alte treue Freunde schüttelten wir unS beim Abschiede die Hände und gleich etuem Jauchzen ging eS durch meine Brust, als der Graf mit bedeutsamem Lächeln sagte:
„Ich werde mir für Röfi acht Tage Urlaub bei der Oberin erbitten und dann komme ich zu Ihnen tu die Berge — nach H. . . . Die lieben Ihrigen nach so langer Zeit einmal wiederzusehen würde mir eine große Freude sein." —
Ob das wohl der einzige Grund seines Kommens nach H. war? — — — —--—--—--—
Bei den am I.Juli 1896 ausgeloosten Schuldverschreibungen der Stadt Sich vom Jahr 1892 wurden folgende Nummern ausgeloost:
Lit. A. Nr. 11 über 500 Mark.
„ B. „ 184 „ 200 „
6. „ 15 „ 100 „
„ C. „ 67 „ 100 „
rückzahlbar am 1. October 1896, wo von da auch die Verzinsung aufhört.
Lich, den 15. Juli 1896.
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