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Sonntag den l9. ZuÜ
Amts- und Anzeigeblatt für den Äreis Gieren.
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de, jokgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.
All- Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
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* Norderney, 10. Juli. Die Hitze der letzten Tage, | die auf dem Festlande geradezu unerträglich gewesen sein muß, hat fich hier vorzüglich dadurch bemerkbar gemacht, daß sie unS aus allen Richtungen eine große Zahl von Gästen zuführte, größer als in irgend einem Jahre vorher, obgleich die Berliner fich ihrer Ausstellung wegen diesmal nur spärlich zeigen. Wenn trotzdem noch viele Wohnungen zu billigen Preisen zu haben sind, so liegt das an dem gesteigerten Wettbewerb der Bewohner und der hinter ihnen stehenden Geldleute, welche die prächtigsten Bauten wie Pilze aus der Erde schießen laffen. Er steigt eben in noch höherem Maße, als der Besuch, er zwingt zu immer größeren Anstrengungen. Der Wettbewerb anderer Kurorte zwang auch den FtscuS I und die Gemeinde, in keiner Hinsicht zurück zu bleiben, um den ersten Rang unter den Seebädern zu behaupten und so sind denn die vorzüglichen hygteoischen Einrichtungen entstanden, welche Norderney den Vorrang vor allen anderen Nordsee-Inseln gewähren und welche in gleicher Vollkommen- heit kaum in irgend einem anderen Badeorte der Welt ver- I einigt sein dürften. Ansteckende Krankheiten haben in Nor- dernry freilich nie Boden fassen köunen, eigentliche Epidemien haben hier — Dank der retnen Seelust und der friesischen Sauberkeit der Bewohner — nie geherrscht, aber in den letzten Jahren find wir selbst von den sog. Sommerkrankbeiten, leichten Durchfällen und dergl., ganz und gar verschollt geblieben, sodaß unsere Badeärzte nicht eben Aussicht haben, reiche Leute zu werden, wenn und soweit sie es nicht etwa schon find. Kamen doch hier nach genauen statistischen Ermittelungen in den letzten 10 Jahren auf 100 GeburtS- i fälle nur 42 Todesfälle, während auf dem Festlande im i gleichen Zeitraum auf 100 Geburtsfälle 90 Todesfälle kamen. WaS uns einzig noch fehlt, ist ein großes mit den modernsten Einrichtungen versehenes Schlachthaus nebst Kühlanlage. Der Gemetndevorstand wollte schon in diesem Jahre ein solches bauen, aber der Kreisausschuß hat wegen der hohen Kosten | Bedenken erhoben und es wird wohl erst im Herbst zum Bau kommen. Schlimm ist der Aufschub nicht, da schon seit Jahren alles zum Verbrauche kommende Fletsch, Geflügel re. durch einen besonders dazu angestellten Thierarzt auf seine Verwendbarkeit untersucht wird. So dürfen wir denn wohl hoffen, daß schon die nächsten Tage das Bad vollkommen füllen und unS alle die Gäste herführen werden, die sich nicht nur in der kühlen Seeluft erfrischen, sondern nebenbei auch versichert sein wollen, daß durch die Einrichtungen des Bades | sür ihr Wohlbefinden und ihre Annehmlichkeit bester gesorgt ist, als das in den kleineren Bädern, denen weniger Mittel zu Gebote stehen, geschehen kann.
* Aus Bern, 14. Juli, wird berichtet: Schon wieder ein Bergunglück. Eine 28jährige Dame aus Deutschland — der Name ist noch nicht veröffentlicht — stieg mit ihrem Gatten auf den schneebedeckten Säntis (2504 Meter). Die Dame hatte für eine solche Partie durchaus ungenügendes Schuhwerk. Es liegt, da der Sommer spät ins Land zog, noch viel Schnee in den Bergen, mehr als in anderen Jahren zur Julizeit. Von der Meglisalp bis zur SänttSspitze hat man noch drei Stunden zu gehen. Die Schneepartien be- gannen schon unterhalb der MegltSalp. DaS Waten durch I den Schnee mochte die Kräfte der Dame bald erschöpft haben, fie stürzte beim Steigen und fuhr über die abschüssigen Felsen jäh in die Tiefe. Beim Sturze schlug sie mit dem Kopse mehrmals an vorhängenden Felsen auf, nack Erzählung von I Augenzeugen ein entsetzlicher Anblick. Noch lebend wurde sie aufgehoben, aber der Kopf war fürchterlich zugertchtet, zudem wurden innere Verletzungen constatirt. Die Kleider waren völlig zerfetzt. Mit großer Mühe und Sorgfalt wurde die Verwundete auf die MegltSalp hinuntergetragen. Drei Stunden nachher war fie tobt. Man denke fich den Schmerz des Gatten, der seine Frau dergestalt verloren.
* Et» vielfacher Millionär, der Privatier Emanuel Fontenay in Montpellier (Frankreich) starb dieser Tage und sein Nachlaß sührt täglich neue Ueberraschungen herbei. I Der Verstorbene, besten Vermögen auf 20 Millionen geschätzt wird, scheint fich besonders in Täuschungen über seine zu- künstigen Erben gefallen zu haben. Es wurden bereits fünf Testamente aufgefunden, von denen das eine das andere aufhebt. Jedes Mal taucht ein neuer Universalerbe auf. In einem Testament vom Jahre 1893 war ein ent- fernter Verwandter Fontenays, NamenS Fraiche aus PamierS als Erbe deS halben Vermögens aufgeführt. Er eilte bet der Nachricht von dem Funde dieses Testaments sofort nach Montpellier und ließ die Siegel von dem Geldschrank deS Millionärs abnehmen. An 20 Personen waren hierbei zugegen. In dem Schrank fand sich ein neueres Testament von 1894, durch daS ein anderer junger Verwandter Namens Cöbr auS Roujau an die Stelle Fraiches tritt. In einem
§ AuS dem Kreise AlSfeld, 16 Juli. Hebet die Verheer, ungen, welche daS Unwetter am vorigen Freitag im Kreise verursuchte, laßt fich erst j-.tzt eine Zusammenstellung geben. In der Nähe Kirtorfs befand fich die Frau deS dortigen Schäfers mit der Heerde während des Wetters auf dem Felde. Da fuhr ein Blitzstrahl in die Schafheerde, tödtete auf der Stelle 25 Schafe und betäubte zwei, die fich iudesten wieder erholten. Nur an einem getödteten Hammel bemerkle man Spuren des Blitzes- sicher find die meisten der um» gekommenen Schafe erstickt. — Zu Ober Kleen schlug der Blitz in den Ktrchthurm, riß desten Mauer auf und zersprengte eine Glocke. — Auf dem Wege zwischen Alsfeld und Romrod fuhr vor einem dort befindlichen Gefährte der Blitz in einen Haferacker- die Pferde des Fuhrwerks sanken vor Schreck in die Knie, nahmen aber weiter keinen Schaden. Auch sonst sanden in Wäldern und Feldern mehrere Blitzschläge statt. Der mit dem Wetter verbundene orkanartige Siurm verursachte gleichfalls beträchtlichen Schaden. So riß der Sturm in Burg°GemÜnden das Dach der sür daS I Sängerfest bestimmten Halle ab. — Auf dem DammeShof bei Arnshain deckte der Sturm ein Scheunendach ab. Ebenso flogen in Schrecksbach mehrere Dächer zu Boden - hier richteten auch die eindringenden Waffermaffen in Häusern großen Schaden an. — In der Gemarkung Berfa zerschlug der Hagel einen Thetl der Ernte- die Beschädigten find nicht versichert.
x Ulrichstein, 16. Juli. Unseren dreitägigen ^Jacobi- mar kt" begünstigte daS beste Welter, so daß der Markt einen guten Verlauf nehmen konnte. Der Viehmarkt am Montag, der nur mit Bullen und Rindvieh befahren war, zeigte eine sehr starke Auffahrt mit Ausnahme von Bullen, deren ca. 3 bis 10 Stück vorhanden waren. Der Handel ! ging indessen im Allgemeinen flau, weil einmal das Angebot die Nachsrage bet Weitem übertraf und weil das andermal die Verkäufer sich mit den auf etwas tieferer Stufe stehenden Preisen nicht befreunden können. An Futter fehlt es keinesfalls im Vogelsberg, weshalb auch die Landwirthe nicht ge- w«llt find, ihr feiles Vieh für Spottpreise abzusetzen. DaS Jungvieh stand im Vergleich zum älteren höher im Preise. Fette Maare fand ihre Käufer. Am vorgestrigen Markttage, der außer mit Rindvieh auch mit Schweinen befahren war, ging der Handel mit Rindvieh noch matter. Der Schweinemarkt zeigte außergewöhnlich starke Befahrung, aber auch hier fehlte dem Handel der sonst gewahrte flotte Gang, weil die Preise für Jungschweine wirklich sehr niedrig stehen. Bezahlte man doch für ein Paar Frühjahrsferkel, Läufer, erst 40 bis 45 und 45 bis 50 Mk., die früher 60 bis 70 bis 80 Mk. gegolten hatten. Jüngere Ferkel kosteten im Durch- schnitt per Paar 30 bis 35 und 35 bis 40 Mk., waren mithin verhältnißrnäßig besser am Preise wie die Läufer. Für das Pfund Lebendgewicht fetter Schweine bezahlte man 32 Pfg. Trotz dieser niedrigen Schweinepreise mußte man den Metzgern für ein Pfund gewöhnlicher Wurst 80 Pfg. bezahlen. Der gestrige, dritte Markttag, der nur Krämer- uab Vergnügungsmarkt ist, war recht gut besucht. Da die Jugend der Umgegend sich hierbei ein Stelldichein gibt, io entfaltete fich bei dem schönen Wetter ein recht lebhaftes, fröhliches Jahrmarkttreiben.
□ Darmstadt, 16. Juli. Heute fand die Probefahrt auf der neuen Nebenbahnstrecke Reinheim—Dieburg—Offenbach statt, woran Ftnanzminister Weber, Ministerialrath Mtchell, Geh. Oberbaurath Wetz, Oberbaurath Mayer, Bau- rath Stahl und Oberbetriebsinspcctor Heyl von der Hesfischen LudwigSbahn theilnahmen. Die Strecke wird noch im Laufe des Sommers in Betrieb kommen. — Wie verlautet, hat fich der Finanzausschuß der Zweiten Kammer mit allen gegen eine Stimme (Dr. Schröder) sür die Annahme des hessisch-preußischen Eisenbahnverkehrs ausgesprochen.
Vermischtes.
* AuS der Pfalz, 14. Juli. Im Dorfe Klingen- Münster bei Bergzabern erschoß der Forstwart Stunt) die achtzehnjährige Tochter eines dortigen WirtheS, weil diese ihm, der doppelt so alt war wie sie, auf seine Bewerbung einen Korb gegeben hatte. Stunt) richtete seine Büchse aus dem ersten Stockwerk einer neben dem Bahnhofe gelegenen Wirtschaft auf die junge Dame, al- diese mehrere Freundinnen zum Bahnhofe begleitete, und schoß sie durchs Herz. Mehrere Männer stürmten alsbald in das Haus, um den Mörder zu ergreifen. Ruhig ließ er sich verhaften, kurz herauf aber brach er zusammen, er hatte Strychnin genommen.
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Schranke verborgen wurde eine Reisetasche entdeckt, die eine Menge kleinerer, mit Goldstücken und Banknoten gesüllter Täschchen enthielt, deren Werth sich auf fast zwei. Millionen beläuft. Es war dies das mütterliche Vermögen des Verstorbenen. Fontenay hat es uiverzinft 40 Jahre lang aus- bewahrt.
♦ New York, 14. Juli. Ein entsetzliches Grubenunglück, bet dem 59 Personen daS Leben einbüßten, ereignete sich am 28. Juni 3 Uhr Morgens in einer bei PittSton in Pennsylvanten gelegenen Kohlenmine. Infolge leichtsinnigen Raubbaues hatten schon seit längerer Zeit die Anzeichen fich bemerklich gemacht, daß die Decke deS Stollens einzubrechen drohe. Erft am 27. Juni ordneten die Grubenbesitzer die Stützung der Decke an; bevor aber diese Arbeit vollendet werden konnte, brach das Unglück über die in dem Schacht Beschäftigten herein. Mit einem entsetzlichen Getöse stürzte der ganze Stollen zusammen, zugleich erfolgte eine heftige Explosion schlagender Wetter, so daß die durch die Katastrophe hervorgerufene Erschütterung auf der Erdoberfläche im Umkreise von mehreren Kilometern verspürt wurde. Von den zur Zeit des Unglücks in der Grube befindlichen Personen dürfte vorausfichtlich nicht eine mit dem Leben davongekommen sein und gerettet werden können, denn die angestellten Versuche, bis zu der Unglücksstätte vorzudringen, erwiesen sich in Folge der außerordentlich großen Mafien niedergestürzten Gesteine, sowie der vorhandenen Gase biö jetzt als erfolglos. Zugleich bemerkte man den Einbruch von Wasser in das Bergwerk. Man schließt, daß die Wafier des in der Nähe des Bergwerks vorüberfließenden SuSque- Hanna-Flufies zum Theil ihren Weg ins Innere der Kohlengrube gefunden haben und es zu ersäufen drohen. Die bei dem Unglück ums Leben gekommenen sind größtenteils Polen, Böhmen und Ungarn.
* Radfahrer als fechtende Truppen. DaS „Milit. , Wocheubl." hat aus der Feder eines Premierlieutenants v. Puttkamer umfafiende Erörterungen angestellt über die Frage: „Sind Radfahrer als fechtende Truppe verwendbar?" Der Verfasser ist der Meinung, daß eS fich lohnen würde, zu untersuchen, wa« Radfahrer bei einer größeren Schlacht im Kriege von 1870/1871 zu leisten vermocht hätten. Während für Pferde 10 Kilometer in 30 Minuten anstrengend find, ist dikseS Tempo für den Radfahrer kaum mehr als die gewöhnliche Fahrleistung. Die andauernde Schnelligkeit und Beweglichkeit macht Radfahrer befähigt, offensive Unternehmungen unmittelbar nach der Kriegserklärung in Verbindung mit Cavallerie und Artillerie ober mit einer ber besten Waffen, ja auch ohne I beibe, auszuführen. In Verbinbung mit Cavallerie und
reitender Artillerie tritt der Radfahrer an die Stelle des vielumstrittenen fahrenden ober reitenben Infanteristen, jedoch mit wesentlich besserem Erfolge. Bei ber Verfolgung wird der Radfahrer zur Unterstützung der berittenen Waffen feine beste Verwendung finden können. Auf keine andere Weise I wird hier Infanterie so andauernd an den Feind zu bringen sein. Im Verhältnisse zur Cavallerie bieten Radfahrer- abtheilungen mehrfache Vorzüge. Das Pferd deS Cavalleriften kann durch feindliche Kugeln außer Gefecht gesetzt werden. Das fällt beim Rade so gut wie ganz fort. Die Cavallerie I ist bei Unternehmungen, die zum Theil zu Fuß auSgeführt werden müssen, gezwungen, ein Drittel der Mannschaft zum Halten der Pferde abzugeben. Die Pferde sind weit schwerer zu verbergen als Räder. Die Ausrüstung des Reiters hindert ihn an größerer Beweglichkeit. Dem gegenüber find I die Radfahrer bis auf eine Wache oder einen Posten unter Zurücklassung ihrer Räder zu verwenden. Ihre Annäherung ist bei Tage unauffälliger als die der Reiter, bei Nacht geräuschlos, ohne daß sich ihre Schnelligkeit wesentlich vermindert. Die leichte Fußbekleidung der Radfahrer macht fie auch zu Fuß gewandter und schneller als die Cavalleriften. Sprengmaterial, kleinere Brecheisen und etwas AehnlicheS kann von Radfahrern ohne besondere Schwierigkeit mitge- sührt werdet'. Bisher hat man sich im deutschen Heere daraus beschränkt, für jedes Infanterie- und Jägerbataillon zwei Fahrräder anzuschaffen.
* Militärischer. Bei den Kais er man ö ver n in diesem Jahre sollen, wie verlautet, Versuche mit Schnellfeuerkanonen gemacht werden. ES wird sich habet um die Frage handeln, ob Schnellfeuerkanonen im Feldkriege neben ober an Stelle der Geschütze von dem jetzt gebräuchlichen Kaliber Verwendung finden können. Diese neuen Schnellfenerkauonen sollen in ihrer Art bad Vollkommenste fein, was überhaupt erbacht werben kann. Man glaubt, baß biete Geschütze mit Vortheil gegebenenfalls an bie Stelle von Feldgeschützen treten können, vor Allem da, wo die räumlichen Verhältnisse die Aufstellung 1 einer größeren Zahl von Geschützen verbieten.
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