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19.2.1896 Erstes Blatt
 
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Mittwoch den 19. Februar

1896

Erstes Blatt

M. 42

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mzeiger.

Zlmts- unb Anzeigeblatt für den "Kreis Gieren

Hratisöeikage: Gießener Kamitienökätter.

Innahmr von Anzeigen zu der Nachmittags für bei folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Dorm. 10 Uhr.

Rcbaction, ExpeditioO und Druckerei:

Kchnkstratz-Nr.1,

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VierteljLhriger Avonnemeutrprelst 2 Mark 20 Pfg. mtt

Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pf^

Die Gießener WamtkieuvtLIler werden dem Anzeiger »öchmtlich dreimal brigelegt.

Der

#U|ener Auzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag-.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Deutscher Reichstag.

42. Plenarsitzung. Montag, den 17. Februar 1896.

Präsident o. Buol ruft den Abg. Stadthagen (Soc.) wegen Beleidigung de« KrtegSmtnifterS in der SamStagssttzung nachträglich zur Ordnung (Beifall.)

DaS Haus setzt sodann die zweite Berathung des Militär- Etats fort.

Bet EapitelMiltlärgeistltchkeit" versichert Generallteutenant o. Spitz gegenüber dem Abg. Lingens (Ctr.), der Militärverwaltung liege die Sorge für die religiösen Bedürfnisse der Soldaten am Herzen, und bestreitet, daß evangelische Offiziere, die sich katholisch trauen und ihre Kinder katholisch taufen lassen, Nachtheile in der Beförderung zu befürchten hätten.

Aus eine Beschwerde deS Abg. Speiser (d. Vp.) erwidert Generalmajor Matter, der Director eines württembergischen Mlttärgesäkignisses, der Briefe eines Milttärgefangenen vernichtete, sei dahin rectifictrt worden, daß die Vernichtung ungerechtfertigt gewesen.

Auf eine Beschwerde des Abg. v. Ezarltnski (Pole) über die Beichtmpfung katholischer Soldaten in Bromberg durch einen Hcup'inann sagt der Krtegsmintster genaue Untersuchung und event. 9t( nubur zu.

Abg. Richter (fr. Dp.) constatirt, daß trotz der Einführung der zweijährigen Dienstzeit jetzt weniger Vakanzen im Unterosfiziers- stomde entstehen als früher; die Leute seien offenbar jetzt mehr geneigt, hu Dienste xu bleiben.

Graf Roon (cons.) hebt die Nothwendigkeit der Neuregelung der Pensionsoerhältnisse der Militärcap llmeister hervor.

Auf eine Anregung des Abg. (Sailer (d. Vp.) rechtfertigt Major v. Wachs die EtatSansätze für die Unteroffizierdienst- prkrnten.

Abg. Frhr. v. Gültlingen (Rp.) beantragt, die nöthigen Mittel in den Etat zur Beschaffung warmen Akendbrods für die Mannschaften ein,ustellen. Die Miitel könnten eventuell durch eine pragresfioe Wehrsteuer aufgebracht werden.

Generalmajor v.'Gemmingen bezeichnet die jetzige Verpflegung der Mannschafien als vollkommen ausreichend; die Militärverwal- tumg würde ftdoch die Bereitstellung der gedachten Mittel dankbar bezrüßen.

Abg. Richter (fr. Vp): Wenn man sich in den Marine- foriberungeit einschränke, könnten die Mittel für die Abendkost be­schafft werden; eine Wehrsteuer sei aber höchst unpopulär.

Abg. Gröber (Ctr.) beantragt eine Modifikation des Antrags Aibltlingen. Danach sollen im nächsten Etat Mittel zu dem Ver­suche eingestellt werden, warme Abendkost einzuführen. Redner spricht sich gegen eine Webrsteuer aus.

Abg. v. Frege (cons.) schlägt zur Beschaffung der Mittel eine Z« nggesellensteuer vor. (Große Heiierkeit.) Die Hauptsache fei aber die Festlegung der Malricularbetträge.

Frhr. o. Gültlingen zieht seinen Antrag zurück.

Abg. Ham mach er (ntl.) wünscht, daß die genannten Versuche nur bei einzelnen Truppentheilen stattfinden.

Abg. Richter stimmt dem Antrag Giöber zu und schlägt die Besteuerung der Titel- und Adelsverlethungen vor.

Abg. Bebel (Soc.) hebt die Nothwendigkeit hervor, zu prüfen, woher die Mittel zur Adendkost zu nehmen wären.

Die Abstimmung über den Antrag Gröber erfolgt erst bei der bittten Lesung des Militäretats.

Auf Anregung Bebels legt Generalmajor Frhr. v. Gemmingen baß Verhältniß der Militärverwaltung zu den Gewerbevereinigungen bezüglich der Lederlteferungen dar.

Die weitere Debatte berührt die Frage der verbeiratheten Unten assiziere, die Frage der Erhöhung des Gehaltes der Militärärzte und die Frage der Reisekosten und Tagegelder. Schließlich wird die von bei Budgetcommission beantragte Resolution betr. die Bemeffung bei Vorspannvergütung debattelos angenommen.

Nächste Sitzung morgen 1 Uhr. Tagesordnung: Antrag liier und Ancker, betr. daS CoalitionS- und Versammlungsrecht, brüte Antrag Förster auf Aufhebung des Impfzwanges. Schluß 5Ve Uhr.

Deutsche» Reich.

Berlin, 17. Februar. DiePost" meldet: Der ehe­malige Rechteanwalt Dr. Fritz Friedmann soll, wie in Snwaltskreisen verlautet, da daS Geld, welches er mit» genommen, zur Neige gegangen, allen Ernstes mit dem Ge- ianken umgehen, freiwillig nach Berlin zurückzukehren.

Gegen die geplante Abänderung des I!ch fisch en Wahlrechts hat sich der berühmte Leipziger Rechtsgelehrte, Geheimrath Prof. Dr. Sohm, in einer ton denLeip;. Reuest. Rachr." veröffentlichten Kundgebung zmz entschieden ausgesprochen. Profeffor Sohm bezeichnet iie etwaige Annahme der Wahlrechtsvorlage durch den sächsischen Landtag geradezu als ein Unglück für Sachsen md belegt diese Anschauung allerdings mit bestehenden Gründen. 6r führt namentlich aus, daß daS vorgeschlagene inbircctc sklmsfenwahlchstem daS Wahlrecht der unteren Klaffen nahezu kotwerthen und hierdurch eine Ungerechtigkeit bedeuten würde. Profeffor Sohm giebt zu, daß infolge deS geplanten neuen Wahlgesetzes die Socialdemokratie möglicherweise überhaupt ms dem sächsischen Landtage verschwinden würde, er betont itbcod), daß hiermit nur ein Symptom der ausgesprochensten kamkheit unseres Volkslebens, nicht jedoch auch letztere selbst tnrlirt werden würde. Außerdem weift Sohm auch darauf sio,, daß die Socialdemokratte, falls sie sich wirklich in de« Affach behaupteten unaufhaltsamen Anschwellen befände,

neben der dritten Klaffe bald auch die zweite Klasse der Landtagswähler in Händen haben würde und nachher wäre die von dem neuen Wahlgesetz erhoffte hauptsächlichste Wirkung illusorisch gemacht. Vor Allem aber hebt Profeffor Sohm hervor, daß durch die Wahlreform die bürgerlichen Parteien in den Augen der großen Maffe eine ungünstige Stellung gegenüber der socialdemokratischen Partei erhielten, letztere würde als die Vertheidigerin der bedrohten Dolksrechte er* scheinen, und die Wahrnehmung, daß die socialdemokrattschen Führer als Diener der Gerechtigkeit und Vertreter der er­worbenen Wahlbefugnisse der besitzlosen Menge aufträten, müßte einen gewaltigen Eindruck auf die breiten Maffen machen. Es erscheint indeffen trotzdem zweifelhaft, ob sich die wahlreformfreundliche Mehrheit des sächsischen Landtages durch diese schweren Bedenken etneß der hervorragendsten unserer RcchtSlehrer in ihrer Stellung zu der Wahlresormvorlage wieder beirren lassen wird.

Ausland.

Loudon, 16. Februar. Bei einem um 2 Uhr Morgens in einem bewohnten Hause im Soho Viertel stattgehabten Brande kamen 11 Personen ums Leben, von denen 6 durch Verbrennen und Ersticken, die anderen durch einen Sprung aus dem Fenster auf die Spitzen eines Gitters ihren Tod fanden.

Neueste Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Correfpondenz-Bureau.

Kaltowitz, 17. Februar. Von den fünf in derKönigin- Louise-Grube" verschütteten Bergleuten sind bisher ein Todter, ein leicht und ein schwer Verletzter aufgefunden. Die RettunoSarbeiten werden fortgesetzt.

Wacheuheim, 17. Februar. Im vorigen Jahre war da­hier ein junger Mann RamenS Michael Hirsch alö israelitischer ReligionSlehrer, Schächter und Friedhofausseher thätig. Er wußte sich durch gewandtes Benehmen Sym­pathien und Srebit zu verschaffen, war aber etneß TageS unter Hinterlassung zahlreicher Schulden spurlos verschwunden. Wie diePf. Bl." melden, wurde nun Hirsch in Simmern als Betrüger höheren Stils verhaftet. Wie Pastor Partitsch in Oldenburg hatte sich H. die nöthigen Zeugniffe selbst angefertigt.

Paris, 17. Februar. Bei der gestern Vormittag statt­gefundenen Zusammenkunft waren die Minister ein­stimmig der Ansicht, daß die letzten Beschlüsse der Depu- tirtenkammer ihnen die Pflicht auferlege, diejenige Politik weiter zu verfolgen, welcher die Kammer ihr Vertrauen be­zeugt hat.

London, 17. Februar. Das Auswärtige Amt erklärt, daß die britischen Martnetruppen nach Söul lediglich zum Schutze der englischen Gesandtschaft wegen des bedrohlichen Aussehens der koreanischen Angelegenheiten entsandt wurden.

Stockholm, 17. Februar. Auf zahlreiche Anfragen be­treffs Nansens erklärt Nordenskjöld, sei wahrschein­lich, daß Nansen im nördlichen Theile beß karischcn Meereß oder in der Nähe des CapS Tscheljuskin, wo dieBega­st 3. ihren Courß veränderte, im Eise sestgeblieben, später nicht freigekommen, vielleicht aber nördlich bis zum 78. Grad n. Br. getrieben wurde. Hier habe Nansen Land gefunden und Schlitten- oder Schneeschuhfahrten unternommen, aber auf diese Welsk/, kaum den Nordpol erreichen können, weil eine solche Fahrt für eine Entfernung von 12001500 Kilo­metern unmöglich erscheine.

Depeschs» beß $ Kreta , Herold*.

Berlin, 17. Februar. DaS Abgeordnetenhaus berieth heute den Bau-Etat. Nächste Sitzung Mittwoch. Auf der Tagesordnung stehen kleine Vorlagen und Fort­setzung.

Berlin, 17. Februar. Reichskanzler Fürst Hohen­lohe hat sich zur Beisetzung seines Bruders heute nach Wien begeben und gedenkt Donnerstag wieder hier ein» zutreffen.

Berlin, 17. Februar. Die R eich ßta gS - Co wmis sion für daß bürgerliche Gesetzbuch trat heute zu ihrer ersten Sitzung zusammen. Der Vorsitzende, Abg. Spahn, wies zunächst auf die Bedeutung beß Werkes hin und versprach die Vorlage möglichst schnell zu erledigen. Wöchentlich sollen vier Sitzungen stattfinden. Auf seinen Vorschlag wurde dann noch eine besondere Redactionß- Commission eingesetzt und hierauf die ersten hundert Paragraphen angenommen. Bei § 6, welcher die Entmündigung wegen Trunksucht zuläßt, gelangte eine Resolution beß Abg. Gröber einstimmig zur Annahme, in welcher die Commission die Erwartung auß-

spricht, daß bei der bevorstehenden Revision der Civll-Proceß- Ordnung daß Entmündigungsverfahren im Sinne eines besseren RechtSschutzcß des Beklagten abgeändert, insbesondere die volle Berücksichtigung der von dem Beklagten erbetenen Beweise gesichert werde.

Berlin, 17. Februar. Der Bundeßrath wird am Donnerstag die 25jährige Wiederkehr des Tages, an welchem der Bundesrath die erste Sitzung abhielt, durch ein Festmahl begehen.

Berlin, 17. Februar. Die Conservativen, die Reichs- parteiler, Nationalliberalen und das Centrum haben sich über die Erinnerungßfeier an die erste Reichßtags- sitznng am 21. März 1871, welche gleichzeitig die Feier der Gründung beß Reiches durch das Parlament darstellen soll, geeinigt. Daß Zustandekommen der Feier ist demnach gesichert und findet am 21. März im Reichstagßgeböube statt.

Berlin, 17. Februar. Siaatssecretär Dr. v. Stephan wird in den nächsten Tagen eine Urlaubßreise nach Italien antreten.

Berlin, 17. Februar. Die Zahl der strikenden Con- fectionßarbelter und Arbeiterinnen nimmt mit jedem Tage zu. Bisher sind 14000 Strikekarten außgegrben worden. Die Gesammtzahl der Strikenden wird auf etwa 30000 geschätzt. Auch die Arbeiterinnen der Blousen-Branche haben sich dem Strike angeschloffen.

Berlin, 17. Februar. DemKleinen Journal" wird aus Wien gemeldet, baß weder in der Hofburg, noch im Palais des Erzherzogs Carl Ludwig seit zwei Tagen irgend eine beunruhigende Nachricht über das Bifinden beß Thron­folger ß eingelaufen ist. Die Nachricht von dessen Tode dürfte dadurch entstanden sein, daß ein anderes Mitglied beß kaiserlichen Hauseß, Erzherzog Albrecht Salvator, ein Bruder beß jüngsten Schwiegersohnes Kaiser Franz Josefs, in Grieß bei Bozen, woselbst derselbe seit einigen Wochen zu seiner Erholung weilt, sehr bedenklich erkrankt ist.

Berlin, 17. Februar. Mit dem Confectionsstrike beschäftigten sich gestern Mittag fünf von socialbemokratischer Seite einberufene Volksversammlungen, in welchen die Reichs* tagSabgeordneten Schönlank, Schmidt-Magdeburg, Fischer, Wurm und eine Frau Grenzenberg referirten. Der Andrang war ein so großer, daß die Versammlungslocale polizeilich geschloffen wurden. Die Strikenden wurden zu fernerer muthigen Ausdauer angefeuert. ES wurde mitgetbeilt, daß heute Nachmittag 13 öffentliche Versammlungen der Strikenden stattfinben werden.

Berlin, 17. Februar. In der gestern Vormittag abge­haltenen Versammlung der Confectionäre, die von etwa 300 Fabrikanten besucht war, wurde einstimmig be- schloffen, durch Veröffentlichung daS große Publikum über die wirklichen Ursachen beß Striktß aufzukläreu. Es wurde ausgeführt, daß durch den fortwährenden Zuzug von aus­wärts ein Ueberfluß an Arbeitskräften entstanden sei, den man unmöglich beschäftigen könne. Daraus resultire der Strike.

Berlin, 17. Februar. Die Stellungnahme der Frauen zum bürgerlichen Gesetzbuch wurde in einer von über 1000 Frauen und Männern besuchten Versammlung gestern behandelt. Als Rednerinnen traten Frau Stritt auß Dresden und Fräulein cand. jur. AugSpurg auf. Beide begründeten in 'längeren Ausführungen die bekannten For­derungen. Der Münchener Beschluß gelangte einstimmig zur Annahme.

Fravksnrt a. M., 17. Februar. DieFranks. Zig." meldet auS Amsterdam: Die Diamantarbeiter find in den Aus st and eingetreten.

Bern, 17. Februar. 10000 Eisenbahnbeamte beschlossen gestern einstimmig in Aarau, den 29. Februar alß letzten Termin zur Bewilligung der von ihnen gestellten Forderungen feftzusetzen. Falls die Bahnverwaltungen diese Forderungen nicht bewilligen, wird sofort in den Strike ein- getreten werden.

Rom, 17. Februar. Der König wurde vom Herzog von Aosta nochmals um Uebettragung eines Commandos in Afrika ersucht.

Paris, 17. Februar. Der Präsident Faure wird seine Reise nach dem Süden Frankreichs wegen der voraus­sichtlich längeren Dauer der Krisis nicht ausführen. Die EmpfangSvorbereitungen wurden deshalb schon in Marseille aufgehoben.

Sofia, 17. Februar. Anläßlich der Umtaufung beß Erbprinzen Boriß spendete der bulgarische Bankier Georgiern die Summe von 800000 Frcß. zum Ban einer Uni­versität in Sofia.

Konstantinopel, 17. Februar. Am Samßtag ließ die russische Regierung der Pforte die Mittheilung zugehen, daß