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18.11.1896 Erstes Blatt
 
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ABSO- ^IGLIch ®ANSTALT

Wt 272

ErRes Blatt

Mittwoch den 18. November

1806

Meßmer Anzeiger

Kenerat-Unzeiger.

Zlmts- und Anzeigeblatt für den Ureis Giefzen.

chratisöeikage: Hießener Aamilienötätter.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Borm. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Burcaux deS In« und Ausländer nehme« j Anzeigen für denGießener Anzeiger- mtgtgee.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Kchntgraße Ar.7.

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Vierteljähriger Avonnemcntspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezöge« 2 Mark 50 Pfg.

Die Gießener Aamikienvkäiter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Der

Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- MontagS.

ih zu den besten ;hnen Md i,t auch en bezeichnen.» lEßRElCH, Ber/ifl lilw serhändlen.

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AnrtLichcr^ Theil»

Gießen, den 16. November 1896.

Betr.: Die Unterstützung von Familien der zu Friedens- Hebungen einberufenen Mannschaften.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

en die Orotzh. Bürgermeistereie« des Kreises.

Wir beauftragen Sie, die Gemeinde-Einnehmer anzu­halten , soweit dies noch nicht geschehen ist, alsbald und spätestens bis zum 25. d. MtS. mit dem Kreiskafferechner abzurechnen.

Diese Abrechnung hat in der durch unsere Verfügung vom 4. Juli 1895 (Gießener Anzeiger Nr. 157, 3. Blatt) vorgeschriebenen Weise zu geschehen, worauf Sie die Ge- meinde-Einnehmer noch besonders aufmerksam machen wollen.

Dem Kreiskafferechner sind die Formularien B (Be­rechnung) in der nöthigen Anzahl, nebst dem Anweisungs­register zu übersenden mit dem Auftrage, die Berechnungen für jede Gemeinde in doppelter Ausfertigung aufzustellen. Die Vorlage wird bis spätestens 1. Januar k. Js. erwartet.

v. G a g er n.

Deutscher Reichstag.

125. Plenarsitzung. Montag, den 16. November 1896.

Die Tribünen find überfüllt, auch das Haus ist bester besetzt alS sonst.

Am BundesralbSttsche: Fürst Hohenlohe, StaatssecrelSre v. Marschall, v. Bötticher, Minister v. Goßler, v. Hammer- stetn und zahlreiche Eommtssare.

Aus der Tagesordnung steht die Interpellation Hompesch: Ist der Herr Reichskanzler in der Lage, Auskunft darüber zu geben, 1) ob bis 1890 ein geheimer Vertrag zwischen dem Deutschen Reiche und Rußland bestanden hat: 2) im Falle ein solcher Vertrag bestand, welche Vorgänge dazu geführt haben, ihn nicht zu erneuern; 3) welchen Einfluß die jüngsten Veröffentlichungen über diese An­gelegenheit auf die Stellung Deutschlands im Dreibunde und sein Verhältniß zu den üvrtgen europäischen Mächten geübt haben?

Reichskanzler Fürst Hohenlohe erklärt sich bereit, die Inter­pellation sofort zu beantworten.

Abg. Graf Hompesch weist auf die durch die Hamburger Enthüllungen hervorgerufene lebhafte Bewegung und Beunruhigung hin. Angeftchts deS durch dieseVeröffentlichungen hervorgerufenen Miß­trauens ist es wlnschenswerth, zu erfahren, ob der Vertrag mit Rußland bestanden hat. Hoffentlich werde die Auskunft gegeben werden können, daß unsere Beziehungen zu den Mächten durch die Hamburger Enthüllungen nicht nachtheiltg beeinflußt worden seien.

Reichskanzler Fürst Hohenlohe: Aus die Interpellation habe ich Folgendes zu erklären: lieber die Verhandlungen, die vom Jahre 1887 bis 1890 zwischen Rußland und dem Deutschen Reiche ftatt- gefunden haben, ist s.Z. unbedingte Geheimhaltung verabredet worden, und der Zeitpunkt, von welchem aus diese Verpflichtung aushört, kann hiernach von untz nicht einseitig bezeichnet werden. Ich bin daher z. Zt. nicht in der Lage, über das Ergedniß der Verhandlung amtliche Auskunft zu ertheilen. WaS sodann die Haltung der deutschen Politik gegenüber Rußland seit dem Frühjahr 1890 betrifft, so ist auch hier meinerseits eine erschöpfende Antwort nicht möglich, so lange jene Veipfllcktung fortbesteht. Was in dieser Beziehung gesagt werden kann, überlasse ich dem Herrn Staatssecretär des Auswärtigen AmtS darzulegen, der damals an den Berathungen theilgencmmen hat. Nach sorgfältiger Prüfung deö vorhandenen Materials kann ich nicht umhin, die Gründe, welche damals die deutsche Politik leiteten, als vollwichtig anzuerkennen. (Beifall.) Dabei kann ich der Ueberzeugung Ausdruck geben, daß eine ungünstige Veränderung in unseren Beziehungen zu Rußland als Folge jener Politik sich nicht fühlbar gemacht hat. Die Behauptung, daß damals oder jetzt englische ober überhaupt auswärtige Einflüsse mitgewirkt hätten, muß ich als jeder Begründung entbehrend, zurückweisen. (Hört! hört!) Was die Wirkung betrifft, welche die jüngsten Veröffentlichungen auf die Stellung Deutschlands zum Dreibund und sein Verhältniß zu den übrigen europäischen Mächten gehabt haben, so freue ich mich, erklären zu können, daß die Wolke de? Mißtrauens, welche sich in dem ersten Augenblick in einzelnen Schichten der Bevölkerung jener Länder gezeigt hat, wieder verschwunden ist, und daß unser Verhältniß zu unseren Verbündeten nach wie vor getragen ist von unbedingtem gegenseitigem Vertrauen. (Beifall.) Desgleichen haben unsere Be­ziehungen zu Rußland keinen Augenblick aufgehört, gute und sreunb- schastliche zu fein. (Lebhafter Beifall.)

Staatssecrelär v Marschall: Ich bitte von mir keine Ent­hüllungen zu erwarten, es würde das nur den Streit vermehren. Mine Aufgabe ist nur die Vertheidigung und die Beleuchtung gewisser Angriffe. Die eine gegen uns gerichtete Anklage wiegt am 'chwersten, denn sie trifft uns an der empfindlichsten Stelle. Ich weise daher diese Anklage auf das Entschiedenste zurück, als ob wir jemals etwas gethan hätten, was auch nur im Geringsten unvereinbar loSte mit unteren Verträgen, weder dem Geiste noch dem Wortlaute nach (Bravo!) Bei aller Bewunderung der staatsmännischen Weisheit, welche zu unseren Verträgen geführt, dürften doch Zweifel gestattet frin, ob mit der Mehrzahl der Verträge der innere Werth jedes einzelnen Vertrage« gesteigert werden würde. Ein Bündnißvertrag |ut Sicherung gegen einen ferneren Angriff kann loch nur dann ralbsam sein, wenn auch ein vollkommenes gegenseitiges Vertrauen rrtb gemeinsame Interessen vorhanden find. Man sagt, wir hätten Bitt Rußland einen Vertrag geschlossen, der unS zu wohlwollender Neutralität verpflichte, wenn Rußland von Oesterreich angegriffen werbe. Ob das richtig ist, weiß ich nicht. Aber wenn es richtig ist, we8 hie Enthüllungen sagen, so hätten wir auf der einen Seite die

Verpflichtung zu wohlwollender Neutralität, auf der anderen zu gemeinsamem Vorgehen (Rufe: Sehr richtig I) und wir hätten dann also die schwierige Frage zu entscheiden gehabt: wer ist der Angreifer, wer der Angegriffene? Wenn ein so hervorragender Staatsmann wie Fürst Bismarck glaubte, solche Schwierigkeiten zu beherrschen, so steht doch desien Staatskunst so anerkannt fest, so felsenfest, daß fie keiner Bestätigung bedarf. Wenn aber sein Nachsolger Über diefe Rück­versicherung eine andere Auffassung hatte und wegen der Zweckmäßigkeit einer unbedingten Geheimhattung solcher Verträge Zweifel hegte, so mag man diese Auffassung kritifiren. Aber ein so verdienstvoller und gewissenhafter Mann wie Graf Caprivi ist doch wohl erhaben über Angriffe dieser Art. Redner weist dann den Verdacht zurück, als ob England irgendwie s-.ine Hand im Spiele gehabt habe. Unsere Beziehungen zu Rußland bedürfen auch nicht des Ptedestals solcher Abmachungen. Es hieße das Verdienst Bismarcks verkleinern, wenn man behaupten wolle, unsere Beziehungen beruhten auf keiner anderen Grundlage, als auf jenen Abmachungen. Unser Verhältniß zu Rußland bat dauerndere Grundlagen, die Freundschaft der Souveräne und der Regierungen, um das Vorhandensein mancher gemeinsamen Interessen. Auch seit 1890 haben wir mit Erfolg diese guten Be­ziehungen zu Rußland auf dieser Grundlage gepflegt und es hat seit jener Zeit keine ernste Differenz zwischen Rußland und uns bestanden. Ich habe nicht die Absicht, etwas zu sagen, was den Streit verbittern könnte, der Niemandem frommt und ick bin außer Stande, in diesem Streit einen practischen Kern zu finden. Die Treue und das unentwegte Festhalten an dem Vertrag mit Oesterreich und Italien, die Pflege der freundschaftlichen Beziehungen zu Rußland auf der angedeuteten Grundlage, die Aufrechterhaltung eines guten Verhältnisses zu anderen Mächten, die Bereitwilligkeit, unsere Macht stets zu Gunsten des Friedens geltend zu machen, das sind die Grundlagen unserer Politik. Gestützt auf diese Politik und unsere Wehrkraft wollen wir allezeit unsere Einheit bekunden, die wir unserem großen Kaiser und unserem ersten Staatsmann verdanken. Wir können getrost unsere realen Güter pflegen und mit voller Zu­verficht in die Zukunft schauen. (Lebhafte längere Beifallsrufe.)

Abg. Lieber (Ctr.): An der Erklärung deS Reichskanzlers sei ihm wichtig: Erstens die beruhigende Versicherung, daß seit 1890 unser Verhältniß zu Rußland ein durchaus gutes geblieben sei; zweitens die Versicherung, reinerfei englische Einflüsse im Spiele seien; drittens die Versicherung, daß das Mißtrauen in einzelnen Schichten der Bevölkerung der uns verbündeten Länder wieder ge­schwunden sei. Gerade hierüber Aufschluß zu erhalten, sei vornehm­licher Zweck gegenwärtiger Interpellation gewesen, denn die Zeiten seien vorbei, wo Staatenbündnisse möglich seien ohne innere Antheil- nahme der Bevölkerung. Gerade da« Bündniß mit Oesterreich habe sich bisher des größten und allgemeinen Vertrauens ber beiberfeitigtn Bevöikerungcn erfreut. Der Ansicht seiner Freunbe nach hätten niemals solche Abmachungen, wie sie in ben Enthüllungen erwähnt feien, geschlossen werben dürfen, so lange ber Dreibunb bestehe. (Wtberspruch bei ben Nationalliberalen.) Auch seine Partei meine, Deutschlanb muß sein ber Freund der Freunde seiner Freunde und ber Feinb ber Feinbe seiner Freunde. (Beifall.)

Abg. v. Manteuffel (cons.): Seine Partei habe eine Inter­pellation nicht für nötbig gehalten, denn eineBeunruhigung" habe überhaupt nirgends bestanden. Nicht beistimmen könne er Lieber in dem Verwerfen jenes Rückoerstcherungsvertrages, denn dieser habe doch thatsächlich zu Gunsten des europäischen Friedens gewirkt. Die Darlegung des Staatssecretärs über unsere Beziehungen zum. AuS- lande sei sehr geschickt gewesen, aber ob sie sich praktisch bewähren i werde, bezweifle er. Dankbar sei seine Partei für die Erklärung, daß Mißhelligkeiten mit den verbündeten Mächten nicht eingetreten feien und jede Beeinflussung englischerseits aus eschlossen gewesen sei. Noch dankbarer aber seien seine Freunde für die Erklärungen betreffend unsere guten Beziehungen zu Rußland.

Abg. EnnecceruS (nl.) dankt dem Reichskanzler vor Allem für die Erklärung, daß niemals eine Abmachung abgeschlossen wor­den sei, die mit unserer Vertragstreue unvereinbar sei. Dieser Auf­fassung stimmten seine Freunde einmüthig und mit vollster lieber# zeugung zu. Der Dreibund sei nicht nur ein Vertrag der Herrscher, sondern auch ein Bund ber Bevölkerungen, bess.n Fortdauer er aus vollem Herzen wünsche, aber er sei nur ein Desenfio-Bunb unb Deutschlanb habe also sehr wohl baneben noch einen NeutralitSts- vertrag schließen können. Zu einer Entscheibung batüber, ob in einem etwaig»n Kriege zwischen Oesterreich unb Rußlanb ber Ver- theibizungsfall für Oesterreich vorliege, zu einer solchen Entscheibung fei ja unsere Reichsregierung schon durch das Defenfivbünbniß, ben Dreibunb, genötigt.

Abg. v. ®ültl Ingen erklärt NarnenS ber Reichspartei kurz, biefelbr werbe an einer Besprechung sich nur bethelligen, wenn An­griffe eine Abwehr nöthig machen tollten.

Abg. Richter (freis. Vp): Der Dreibund ist nicht nur ein Augenblicksproduct diplomatischer Klugheit, sondern ein Bedürfniß der verbündeten Völker. Der Vertrag mit Rußland ist in ben anderen DreibundlSnbern nicht als harmlos angesehen worden. Characteristisch ist, daß der Vertrag mit Rußland den anderen Drei­bundstaaten nicht sofort mitgetheilt wurde; kann man einen Vertrag nicht den Anderen mittheilen, so verstößt er offenbar gegen die Ver­träge mit diesen. (Sehr richtig!) Daß der Vertrag nachträglich, ber Abmachung mit Rußland zuwider, veröffentlicht worben ist, ist zweifellos ein Vertrauensbruch deS Fürsten Bismarck. Sehr richtig hat ber Staatssecretär bie Schwierigkeiten geschilbert, welche aus bem Vertrage mit Rußland entstanden. Wäre der Vertrag mit Rußland veröffentlicht worden zu einer Zeit, wo er noch in Kraft stand, so hätte er auf ben Dreibunb wie eine Sprengpatrone wirken müssen. Wir waren bamals gerabezu dem Czaren in bie Hänbe gegeben. Dieser konnte bas Bestehen be8 Vertrages verrathen in einem Augen­blicke gerade, wo uns das am unangenehmsten war. Fürst Bismarck hat seiner Zeit große Mühe gehabt, den Czaren von ber Fälschung gewisser Depeschen zu überzeugen. Wie leicht konnte ber Czar, ber ja damals Bismarcks Rückversicherung mit Rußland kannte, glauben: Vielleicht hat Bismarck doch noch eine vierte Versicherung. (Heiter­keit.) Unser Verhältniß zu Rußland anlangend, habe ich den Ein­druck, als seien wir in letzter Zeit gegen Rußland eher etwas zu freundlich geratfen. Welcher Grund lag für Bismarck vor, den Ver­trag gerade jetzt bekannt zu geben? Ich bezweifle, daß die Veröffent­lichung eines vor sechs Jahren abgelaufenen Vertrages abfchwächend

Deutsches Reich.

Berlin, 16. November. Im Reichstag gelangte am Donnerstag ein neues FractionSverzeichniß zur AvSgabe. Darnach find 394 Mandate gegenwärtig besetzt und 3 zur Zeit unerledigt, bie der früheren Abgeordneten Köhler (Deutsche Res.), Wengert (Centr.) und Joest (Soz.) Unter den 394 Abgeordneten find: Deutschconservative 58, Reichspartei 27, deutsch soziale Resormpartei 12, Centrum 99,

auf bie französischen Liebeswerbungen um Rußlanb einrairken kann. WaS bie BiSrnarck'schr Presse über englische Einflüsse, höfische Strö­mungen erzählt, so ist nichts schlimmer, als solche allgemeine Ver- bächligungen. Kann Gras Bismarck etwas mittheilen, was beweist, baß biefe VerbSchtigungen tot ber Presse feines Vaters nicht ganz haltlos feien, fo hat er die Pflicht, dies hier zu thun. Die Ent­hüllungen sind vergleichbar bem Thun eines ManneS, ber eine 24 Centimeter-Kanone in's Dunkle abfeuert. Man will mit Rück­ficht auf fein Alter wohl hier Gnabe vor Recht ergeten lasten. (Leb­hafte Oho Rufe unb Beifall.) Hier gerade treten bie gefährlichen Folgen bes Hausmeisterthums aber zu Tage. Bismarck betrachtet jede Nachfolge in feinem Amt als eine Frembherrfchaft. (Heiterkeit.) DaS ist bas Unglück biefeS Mannes, daß et sich jeder Selbstkritik entäußert hat. Er möge doch beherzigen, was er uns selbst immer empfohlen hat: Man solle sich nicht, ohne die Verhältnisse übersehen zu können, in die auswärtigen Angelegenheiten mischen. (Beifall links.)

Abg. Graf Mirbach (c.) weist die Angriffe Richters auf ben Fürsten Bismarck zurück, besten hohe Vetbienste um Deutschlanb in warmen Worten roürbigenb. Daß wir jemals zu freunblich gegen Rußlanb gewesen seien, trifft boch nur hinsichtlich ber Hanbels- oerträge zu. DaS System ber RückoerficherungsvertrSge kann ich bem Staatssecretär nur aufs Wärmste empfehlen. (Heiterkeit linkS). Keinesfalls war Fürst Bismarck bei ben Veröffentlichungen von kleinlichen persönlichen Motiven geleitet; er war sich im Gegentheil bewußt, bamit seinem Daterlanbe einen großen Dienst zu leisten. Aus bieser Kunbgebung Vorwürfe gegen ben Fürsten Bismarck her- zuleiten, sie als einen Verstoß gegen Die Krone hinzustellen, ist ber Gipfel ber Unverschämtheit. Dem Grafen Bismarck wirb etz nicht zu verbenken sein, wenn er auf bie Anzapfungen Richters nicht etngeht.

Abg. Liebknecht (Soc.): Der AuSbruckGipfel ber Unver­schämtheit" hätte ernsthaft gerügt werden müsten! Der Vertrag mit Rußland war ein Derrath, und al8 solcher ist er auch im Auslände aufgefaßt worden; von einem höheren Offizier ist dies imPester Lloyd" offen ausgesprochen worden. Und wer den Verrath nicht als solchen erkennt, der ist nicht im Stande, unehrenhafte Hand­lungen von ehrenhaften zu unterscheiden. Und wenn Fürst Bismarck bei der Veröffentlichung keine menschlichen Motive hatte, bann waren es Motive eincS politischen Verbrechers. Rebner erinnert bann an bie Reden Bismarck 1887 mit ihren Spitzen gegen Rußland: .Wir laufen Niemandem nach rc." So sei das Verhältniß zu Rußland gerade bereits zu Bismarcks Zeiten gewesen! Unb gerabe Bismarck bade burch sein ganzes polftifches System Frankreich in bie Arme Rußlanbö getrieben.

Abg. v. Karborsf (Rp.): Die Reben Richters unb Lieb­knechts waren nichts weiter als Angriffe auf ben Fürsten Bismarck. Dem Vonebner erwidere ich nichts, denn er ist boch nicht ernsthaft zu nehmen, wenn er Bismarck einen Verbrecher nennt. Richter irrt, wenn er behauptet, Bismarck sei zur unbebingten Geheimhaltung bes Vertrages oe pflichtet gewesen. Bismarck selbst ist jebenfalls ber Meinung, baß ber Vertrag ben Archiven unb ber Geschichte an­gehört. Die Kritiker Bismarcks finb einfach zu klein, um ben Maaß- ftab für seine Größe zu finben. Bismarck ist jeberzeit bereit, Alles hinzugeben für bas Vaterlanb. (Lachen links).

Abg. Paasche (nl.) ebenfalls bie Angriffe auf Bismarck zurück- weisend, conftattrt insbesondere, den anderen Dretbundsstaaten sei von den Verhandlungen mit Rußland ja s. Z. Mittheilung gemacht worden- Einem so hochverdient-n Manne wie Bismarck dürften so kleinliche Motive, wie man sie ihm bezüglich ber Enthüllung nach- gesagt habe, überhaupt nicht untergeschoben werben-

Abg. Liebermann v. Sonnenberg (Ref.-P.): Herr Lieb­knecht ist wohl nur aus Bosheit von seiner Fraction oorgeschickt worben, um zu zeigen, baß bie Recht hatten, bie auf bem sociali- stischen Parteitage Herrn Liebknechts Fähigkeiten anzweifelten. (Heiter­keit). Was Herrn Richter anlangt, so bröckelt ja seine Partei immer mehr ab und die Zeit ist abzusehen, wo von ihr, frei nach Uhland, nur noch eine dicke Säule übrig sein wird. (Große Heiter­keit). Redner vertheidigt sodann die Enthüllungen, die ja auch bereits den Chauvinismus in Frankreich abgekühlt hätten. BiSmarck sei schmählich angegriffen worben, habe baher bas Recht zur Ver- theibigung gehabt. ~ .

Abg. Hausmann (Sübd. Vp.): Es bonbeit sich um ein Staatsgeheimniß, unb bie Enthüllung hat Mißtrauen bei ben Bunbes- genossen, also eine Schäbigung des Reiches bewirkt, wenn auch nur vorübergehend. Wenn BiSmarck sich das Recht anmaßte, seinen Nachfolgern Schwierigkeiten zu machen, so gehe bas weit hinaus über alles Dagewefene, keinesfalls habe ber G-Heimvertrag aufrecht erhalten werden können. Bedauerlich fei die Mißstimmung zwischen England und Deutschland, zwei Ländern mit solcher Stammes- und Cultmgemeinschaft. c ~ c o

Abg. Rickert (frf. Vp.): Im vorliegenden Falle frage es sich nur, war Bismarck zu den Enthüllungen noch als Staatsmann a. D. berechtigt ober nicht? Diese Frage habe Bismarck früher selber ver­neint. Erfreulich sei, baß ber thatsächlich vorhanben gewesenen Be­unruhigung burch die Erklärung bes Reichskanzlers unb beS StaatS- fecretärS vorgebeugt worben sei.

Ein Schlußantrag wirb angenommen.

Persönlich bemerkt u. A. Abg. Gros Bismarck, er wisse nichts von einem Interview mit einem Amerikaner über bie Wäh­rungsfrage.

Nächste Sitzung Dienstag 8 Uhr: Freisinnige Interpellation betr. ben Fall Brüsewitz unb Duellwesen.

(Schluß 6«/« Uhr).