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Nr. 297
Der Kietz<n<r Anjeiger rrschnnt täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener Aamtriendkäller mrrbtn dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Erstes Blatt. Donnerstag den 17. December
1S96
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger.
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Anrtlichev Theil.
Bekanntmachung,
betreffend: die Maul» unb Klauenseuche.
Unter dem Rindvieh der Wittwe Damm zu Gtsselberg, Krei-Marburg, ist die Maut- und Klauens uche auSgebrocheu. Ts «st deshalb Gema,kungSiperre angeordner worden.
Außerdem find die Gemeinden Marburg, Ockershausen, Reuhvfe, Cyriaxweimar, Haddamshausen, Hermershausen, Allna, Kehna, Stedebach, Niederwalgern, Roth, Argenstein, Wenkbach, Oberweimar Dors, Oderweimar GutSbezirk, Rieder- Weimar und Giffelberg, sämmtlich im Kreise Marburg, als Beobachtungsgebiet im Sinne des § 59a der BundeSrathS- tnftruct on vom 27. Juni 1895 (RnchSgesetzblatt Seite 373) und zwar vorläufig btS zum 26. December d. I. einschließlich bestimmt.
Bis dahin dürfen Wiederkäuer, einschließlich Fahrvieh und Schweine, aus diesem Gebiet nicht auSgesührt werden und ist der Durchirieb solcher Thiere durch daS BeobachtungS« gebiet verboten. AnSoahmegestattungen find bei den betreffenden Ortspolizeibehörden unter Vorlage einer thierärzt- lichen Bescheinigung Über den Gesundheitszustand der auszu- führenden Thiere zu beantragen. Die tierärztliche Untersuchung muß unmittelbar vor dem Trankport stattfinden.
An der den Viehhändlern durch § 2 der Anordnung deS Herrn Regierung» Präsidenten zu Caffel vom 16. Juli 1896 (Amtsblatt Seite 180) auferlegten Verpachtung wird hierdurch selbstverständlich nichts geändert.
Gießen, am 15. December 1896. Großherzogliches KceiSamt Gießen, v. Gagern.
Xteuifte rructzrktzchsW»
Malff« telegraphische« Lorrespondem-BrwLMt.
Berlin, 15. December. Die Subcommisfion der Schuld en- tilgungScommission deS Abgeordnetenhauses beschloß, die Anträge v. Zedlitz und Sattler folgendermaßen zu for- multren: § 4. Der Höchstbetrag, womit die Effenbahnüber- schüffe zu sonstigen ordentlichen Staatsausgaben verwendbar find, soll 1897/98 416 Millionen, 1898/99 428 Millionen und 1899/1900 440 Millionen betragen. § 5. Der diesen Höchstbetrag übersteigende oder nicht völlig zu ordentlichen Ausgaben herangezogene Ueberschuß soll, soweit darüber nicht etatmäßig zu der Bildung oder Ergänzung eines DiSpofitionS- sondS des EtsenbahnmintsteriumS bis 20 Millionen verfügt wird, verwendet werden bis 80 Millionen zur Bildung und Ergänzung eines Ausgleichfonds, der Rest zur weiteren Tilgung der Staatsschuld. § 7. Bleiben die Bahnüber- schüffe unter dem Höchstbetrage und ergibt der Jahresabschluß des Etats einen Fehlbetrag, so wird der Fehlbetrag bis zur Höhe des Unterschiede» des festgesetzten HöchftbetrageS und des wirklichen UeberschuffeS aus dem Ausgleichfonds gedeckt. Der Finanzmintster Miquel verwaltet den Ausgleichfonds.
Berlin, 15. December. Die Budgetcommission deS Reichstags beschloß, die Berathting der Dampfersub- ventionS Vorlage bis nach der Erledigung deS Etats zu vertagen.
Hamburg, 15. December. Der Stand der S t r i k e n d e n hat ficy wesentlich zu Gunsten der Arbeitgeber verändert. Die Zahl der Arbeitsstellen im Hafen hat sich etwas vermehrt, obgleich die Klagen über die Verzögerung der Ladungen irotzdem erheblich find. Die Unterstützungen find heute regelmäßig gezahlt worden. Der Verein staatlich geprüfter Mafchimsten, der verschiedene Strikebrecher ausgeschloffen hat, wurde gestern im BereinSlocale durch eine polizeiliche HauS- Buchung überrascht. Die Bücher und daS Spatkaffenbuch wurden beschlagnahmt. Die ansgeschloffenen Mitglieder ver- Hangen die Auszahlung ihres AntheilS am BereinSoermögen.
St. Pollen, 15. December. Heute Mittag fand in Ober- Gräfendorf die Leichenfeier für den verstorbenen Präfi- ibenten deS Herrenhauses Grafen TrauttmanuSdorff, sftatt, welcher außer den Mitgliedern der Familie deS Verstorbenen Obersthofmeifter Prinz von und zu Liechtenstein «IS Vertreter des Kaiser», der deutsche Botschafter Graf zu Uulenburg, der Ministerpräsident Graf Badeni, die Minister Graf GoluchowSki, Graf von Ledebur, Dr. GleiSpach, die Präsidien, sowie zahlreiche Mitglieder der beiden Häuser de» RetchsrarheS unb beS hohen Abel» beiwohnten.
Vern, 15. December. Die Commission des Stände- aath» für den StaatSvertrag mit Italien betreffend den Gimplon-Durchstich hat fich einstimmig für die Ge- aehmigung deS Vertrages ausgesprochen, ohne daß fich in der «erathung Bedenken gegen denselben erhoben hätten.
Glasgow. 15. December. Der Ausstand der Seeleute und Hetzer dehnt fich beständig weiter ans. Gestern find Überhaupt keine Dampfer abgefahren. Zwei Schiffe liegen in Greenock fest, da fie nicht im Stande find, Mannschaft anzuwustern. Die allmonatlich nach dem Conttnent fahrenden Sch>ffe find ebenfalls sämmtlich ohne Mannschaft.
Washington, 15. December. Der Ausschuß für Mittel und Wege des RepräsentantevhaufeS hat beschloffen, am 28. d. MtS. mit der Vernehmung von Sachverfiändtgen über die Lariffrage zu beginnen. Die republicantschen Mit« glieder deS AuSschuffeS haben beschloffen, bis zur Fertigstellung der Tarifvorlage jeden Abend Sitzungen abzuhalten.
Depeschen deS Bureau „Herold".
Berlin, 15. December. DteUeberfiedelung des kaiserlichen HoflagerS von Potsdam nach Berlin soll dem „Localanzetger" zufolge am 8. Januar erfolgen.
Berlin, 15. December. Wie dem .Localanzeiger" aus FriedrtchSruh gemeldet wird, ist gestern Graf Henckel von Donnersmarck zum Besuch beim Fürsten Bismarck etngetroffen.
Berlin, 15. December. Die Wahl des Predigers IS kraut zum Geistlichen der SophienGemeinde ist sür ungiltig erklärt worden, weil ein friedliches Zusammen- leben eines großen ThetleS der Gemeinde mit ihrem Geistlichen nicht zu erwarten ist. Gegen diese Entscheidung de» Vorstandes der Berliner Synode ist eine Berufung an da» Confistorium zulässig.
Berlin, 15. December. Die .Kreuzzeitung" schreibt: Sine Reihe von Zeitungen spricht von bedeutenden Forderungen für militärische Zwecke und insbesondere für Feldartillerie. Es ist ja schon seit längerer Zeit von nothwendiger Verstärkung der Artillerie und von Berände- rungen im Geschützwesen die Rede gewesen, doch dürste in diesem Jahre keine größere Forderung für diesen Zweck zu erwarten sein.
Berlin, 15. December. Don der Staatsanwaltschaft ist gegen daS Unheil im Beleidigungsprozeß Leckert Llitzow und Genoffen keine Revision eingelegt worden. Oberstaatsanwalt Drescher hatte nach der UrtheilSverküudiguug keine bestimmte Erklärung abgegeben, während LÜtzow seine Strafe sofort annahm. Bon den Berurtheilten Leckert, Redacteur Berger und Gerichtsberichterstatter Fvllmer ist gegen daS Unheil Revision eingelegt worden.
Berlin, 15. December. Dem BundeSrathe ist nunmehr der Entwurf der Militär-Strafprozeß-Ordnung aus der Commtffion wieder zugegangen und dürfte noch vor den Weihnachtsfeiertagen an den Reichstag gelangen, da die Be- rathungen im Bundesrath, wie die .Post" hört, möglichst beschleunigt werden sollen.
Berlin, 15. December. Die verstärkte Ftnanzcowmisfion deS Herrenhauses hat den Gesetzentwurf, betreffend die Hessische LudwigSbahn, unverändert angenommen.
Berlin, 15. December. Unter den Tabakarbeitern Deutschlands macht sich eine starke Bewegung gegen die HauS- arbeit bemerkbar. Letztere wirke ungemein schädlich für Arbeiter und Consumenteu, wofür man den Beweis erbringen wolle.
Berlin, 15. December. Der „Post" zufolge circulirt hier in Jntereffentenkretsen daS Gerücht, die Regierung gehe mit der Abficht um, die Einfuhr von amerikanischem Petroleum zu erschweren.
Berlin, 15. December. AuS dem nunmehr vorliegenden Wortlaut der Proclamation ClevelandS, deS Prästdenten der Vereinigten Staaten, geht hervor, daß der Widerruf der Befreiung deutscher Schiffe von Tonnengeldern in amerikanischen Häfen schon mit Wirkung vom 1. Januar 1897 erfolgt.
Frankfurt a. M., 15. December. Dor dem Schöffen- gerichr wurde heute die Privaiklage des Margarinefabrikanten Mohr-Bahrenfeld gegen Redacteur Oeser von der .Frank- furter Zeitung" verhandelt, bekanntlich hatte die ^Frankfurter Zeitung" behauptet, Mohr habe sich in eine Horch- Heimer Fabrik eingeschlichen und außerdem von einem Werkmeister der betreffenden Fabrik Geschäftsgeheimnisse zu erforschen versucht. Der Privatkläger, Landtagsabgeordneter Mohr, war bei der Verhandlung zugegen. Nach vierstündiger Verhandlung wurde das Urtheil gefällt. Redacteur Oefer wurde auf Grund der §§ 185 und 186 wegen öffentlicher Beleidigung zu 500 Mk. Geldstrafe oder für je 10 Mk. einen Tag Gefängniß verurtheilt und dem Privatkcäger die PublikationSbefuguiß in dem politischen Theil der .Frankfurter Zeitung", der .Rationalzeitung", der .Wormser Zeitung" und den .Altonaer Nachrichten" zuerkannt. Ferner sollen die vorhandenen Exemplare der incriminirten Rümmer
der .Frankfurter Zeitung" und die Druckplatten vernichtet werden. In der UrtheiiSbegründunq wird auSgesührt, de» Beklagten sei der Schutz deS § 198 (Wahrung berechtigter Interessen) nicht zuzubilligrn. Der Bckeag'e habe grob fahr- läsfig gkhandelt, indem er fich auf die Informationen einer Concurrenzfirma gestützt habe. DaS Gericht fieht e» al» nicht erwiesen an, daß fich der K äger einen Bei stoß zu Schulden kommen ließ, insoweit eS fich nm die Beschuldigungen der .Frankfurter Zeitung- handelt. DaS Gericht ist außer Stande, Über da» fonstige Verhalten deS Kläger» za urtheilen. Für die Höhe der Strafe kam die Bedeutung und Verbreitung der .Frankfurter Zeitung" in Betracht. Redacteur Oeser wird gegen daS Unheil Berufung einlegen.
Wien, 15. December. D-r Budgetausschuh de» Reich»- rathS hat dem Antrag, den Zeitungsstempel vom Beginn de» Jahre» 1898 ab auszuheben, feine Zustimmung ertheilt.
Wien, 15. December. Der Botschafter Nelidow ist unerwartet bereits gestern Abend nach Constantinopel weiter gereist. ES bestätigt fich ntcht, daß der Botschafter vom Kaiser empfangen worden ist. Dog-grn hatte er eine längere Unterredung mit dem Grasen GoluchowSky und zwar in Anwesenheit deS Botschaster» Grafen Kapnist. Bezüglich der, der Türkei vorzuschlagenden weiteren Reformpläne soll zwischen GoluchowSky unb Nelidow vollstänbige Ueberein- stimmung erzielt worben sein, auch barÜber, baß nöthtgen- falls auf die Tütket ein Druck auSzuüden ist. Die Bcrath- ungen der beiden Minister sollen angeblich unverweilt den übrigen Mächten mitgetheilt werden.
Pari», 15. December. Dem .Watin" zusolge Hai der Colonial-Director Lagarde den Auftrag erhalten, König Menelik zu besuchen, infolge eines eigenhändigen Schreibens des Königs an den Prästdenten der Republik.
Pari«, 15. December. Bezüglich des angeblich beab- fichligten Besuches Kaiser Wilhelms in Dinars befragte der .Evennement" den Deputirten von St. Malo um seine Austcht, der fich dahin aussprach, die Regierung thue gut daran, dafür Sorge zu trogen, daß eine folche Eventualität nicht eintrete, da der Kaffer fich unangenehmen Patriot scheu Kundgebungen auSsetze.
Pari«, 15. December. Bon der Mittelmeerküste wird abermals heftiger Sturm gemeldet. Gin Dreimaster, deffen Nationalität noch nicht ermittelt werden konnte, ging in der Nähe von Hagne Pay unter. Die Mannschaft ist anscheinend ertrunken.
Antwerpen, 15. December. Der Dampfer .Tau iS-, von hier nach Chile unterwegs, hatte auf hoher See einen mächtigen Sturm auszuhalten. Ein Rettungsboot wurde forigeriffea und alles, was fich an Deck befand, weggefpült.
Petersburg, 15. December. Bei den letzten Excefien der Studenten in Moskau find über 1200Verhaftungen erfolgt. Bier Studenten, welche die Wache angrgr-ffeu und dem Soldaten da» Gewehr entrissen hatten, wurden vor da» Kriegsgericht gestellt, welches e nen zum Tode verurtheilte, die drei andern zu zehnjähriger Zwangsarbeit.
Berlin, 16. December. Fast fämmtliche Morgevblätter besprechen eingehend das Scheitern der Justiznovelle in der gestrigen Sitzung des Reichstage». Die .Rat.-Ztg." verzeichnet diesen AuSgang mit Grnugthuung. Die .Dvff. Ztg." schreibt: So lebhaft zu brbauern wäre, baß die seit Jahrzehnten erhobenen Forderungen ber Berufung unb Ent- fchädigung nnfchulbig Verurtheilter wiederum unerfüllt bleiben müffen, so überwiegt doch die Befriedigung darüber, daß die von der Regierung gewünschte Verschlechterung deö Verfahren» verhindert worden ist. Die Mehrheit des Reichstages weiß fich frei von der Verantwortung für daS Scheitern de» Gesetzentwurfs, die vielmehr lediglich der Haltung der verbündeten Regierungen zufalle. Die .Berk. Reuest. Nachr. sagen: Die Entschiedenheit der Ablehnung der Regierung werde dem weiteren Fortgang der parlamentarischen Arbeiten schwerlich zur Förderung gereichen. Der politische Effect dieses AuSgangeS wird fich recht ungünstig sür die öffentlichen Interessen erweisen. Die .Deutsche Tageszeitung" meint, daß der Vorgang recht bedauerlich ist, will aber nicht der Regierung die Verantwortung für daS Scheitern de» Gesetze» aufbürden. DaS .Berk. Tageblatt" macht direct den Finanz- Minister Miquel verantwortlich wegen deffen alles Maß überschreitenden FiScaliSmuS, in dem wesentlich der Grund für das Scheitern des ReformgesetzeS zu suchen und zu finden sei. Die .DolkSztg." schreibt: Die Justiznovelle ist der Stein des Anstoßes unb eine bessere Wahlparole al» eine zeitgemäße Reform ber Strafproceßorbnung kann e» gar nicht geben. Die gestrige Niederlage der Regierung ist daher nicht zn unterschätzen, denn fie schwäche die Stellung der Regierung


