Ausgabe 
16.10.1896 Zweites Blatt
 
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Btt« 244 Zweites Blatt. Freitag den 16. October

1S9«

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-1- Herbstein, 14. October. Bet der heute im hiesigen M^thhause stattgehabten Wahl eines Landtagß-Ab- ze ordneten für den Bezirk Herbstein Ulrichstein fiei.en von 36 Stimmen 20 Stimmen auf den Großhrrzogl. vtlrgermetster und OrtSgerichtSvorsteher Heinrich Schwal­be ch IV. zu Crainfeld, 13 Stimmen auf den seitherigen Shgeordneteu Bürgermeister Christoph Muth III. zu Sulz, 3 Stimmen auf Lehrer Reitz zu Freiensteinau. KHerer ist somit gewählt. Derselbe war der Borgänger beit seitherigen Abgeordneten Muth und wird nunmehr auch ber Nachfolger desselben. Fast sämmtliche 36 Wahlmänner teerten Bürgermeister.

-ü- Lauterbach, 14. Oktober. Heute wurde ein Land- ta,gSabgeordneter für den Bezirk Lauterbach- Schlitz gewählt. Beim ersten Wahlgang fielen 17 Stimmen 611*1 den seitherigen Abgeordneten Bürgermeister Zins er in Schlitz, 17 Stimmen auf den neuen Candidaten Bürger« master Stöpler in Lauterbach. Bürgermeister Stöpler trat hierauf als Candidat zurück, worauf Bürgermeister Zinsser zu Schlitz einstimmig gewählt wurde.

Butzbach, 14. Oktober. Eine am SamStag einberufeue Vbtrgerversammlung faßte nach einem Referate deS hvnrn Weidmann über die hiefigen Wasserverhältniffe folgende Molutlon:Die heutige von ca. 80 Bürgern besuchte Ver­sammlung erkennt in den bestehenden Wasserverhältnifsen der Svadt Butzbach einen unerhörten Mißstand und ersucht den Slradtvorstand um schleunige Abhilfe.

4- Heldenbergev, 14. Oktober. Herr Geistlicher Rath M> Decan Brentano dahier feierte dieser Tage in aller Siiille sein 50j ährtgeS Prtesterjubtläum. Der wür- kljic Greis erfreut sich noch einer seltenen geistigen und köqperltchen Frische.

A Mainz. 14. Oktober. Bon den heute vorgenommenen Niahlen zu dem hessischen Landtag find bis jetzt von Rütinheffen folgende Resultate bekannt geworden: In Mainz wunden die Candidaten der Soctaldemokraten, Redakteur Dl David und Schriftsetzer Haas gewählt. In Ober- iogkelheim siegte der Centrums-Candidat Rechtsanwalt Dr. Fr en ah-Mainz gegen den seitherigen freisinnigen Abgeord- nttetn Lichten st ein. In Bingen, wie auch in Oppenheim wunden die seitherigen Abgeordneten Redakteur Pennrich slvatrum) und Dr. Schröder (nationalliberal) wieder- frvvählt. Für die demnächst im Wahlkreis Mainz-Oppen­

heim ftatifindende Ersatzwahl zum Reichstag werden jetzt allmälig die Candidaten der einzelnen Parteien bekannt. Seitens der Bertrauensmäuner der Centrumspartet wurde beschloffeu, den LandtagsabgeordnetenRechtSanw. vr. Schmitt von hier als Candidat den Wählern zu empfehlen. Als Candidat der nationalliberalen Partei wird Ftnanzrath Braun in Darmstadt genannt, der längere Zeit als Amtmann bet der diesseitigen Provtnzialdirection beschäftigt war, von den Soctaldemokraten wird Dr. David aufgestellt.

A Mainz, 14. Oktober. In heutiger Sitzung der hiefigen Stadtverordneten interpelltrte Stadtverordneter Dr. Horch wegen dem in einer neulichen Gerichtssitzung zu Tage getretenen Trtnkgelderunwesen bet städtischen Polizei- beamten. Der Oberbürgermeister constattrte, daß bei der Polizei und besonders bet dem tn der beregten Gerichts­verhandlung stark gravirten Wachtmeister seit 1893 das Nehmen von Trinkgeldern nicht mehr vorgekommen sei und er in Bezug der übrigen städtischen Beamten über gleiche Anschuldigungen Mittheilungen au8 der Versammlung ent­gegensetze. Weiter imerpellirte der Stadtverordnete Falk wegen einer tn einer zweiten Gerichtssitzung von einem Ver- theidiger auf Grund eines Schreibens des PoltzeirathS TrawerS ausgestellten Behauptung, daß den hiesigen Schutz­leuten kein Glauben beizumesien sei. Die Sache hat hier viel Staub aufgewirbelt, zeigt sich aber durch Verlesen des betreffenden Schriftstücke- wesentlich anders, indem mit der Behauptung die Schutzmannschaft im Allgemeinen nicht zu verstehen war, sondern e- sich nur um einen speciellen Fall drehte.

t>ermifd?tezv

* Marburg, 11. Oktober. Ein seltenes Jubiläum, nämlich das seiner 60jährigen Thätigkeit als städtischer Be­amter, begeht am 1. Januar 1897 der Bürgermeister des hessischen Städtchens Homberg, Namens Winter. Da der­selbe demnächst sein 84. Lebensjahr vollenden wird, so dürfte er auch der älteste Bürgermeister im ganzen deutschen Reiche sein.

* Der Hauptgewinn der ersten Ziehung der Berliner Ausstellungs-Lotterie, eine Zimmereinrichtung im Werthe von 25 000 Mark, hat demglücklichen Gewinner" beim Verkauf ganze 5600 Mark gebracht.

Pari-, 12. Oktober. Der bekannte Bimetallist Ed- mond Thery hat fich der Mühe unterzogen, auszurechnen, wo die zu den Russenfesten nach Parts gekommenen

Provinzler und Fremden ein Unterkommen gefunden, und welche Quantitäten tn der Festwoche in Paris verzehrt wurden. Die Eisenbahnen sollen, abgesehen von dem Ver­kehr der Bannmeile, 800,000 Personen nach Parts besördert haben. Bon diesen muß mindestens die Hälstc bei Ver­wandten oder Bekannten abgesttegen sein. Parts besitzt nämltch 10,500 Hotels oder GarniS, die zu gewöhnlichen Zeiten 175,000 Personen beherbergen können. Selbst wenn die Gafthosbesitzer bet dem ungeheueren Andrange die doppelte Anzahl von Personen untergebracht haben, so bleiben doch immer deren 450,000 übrig, die bet Privatleuten ab­gesttegen sind. Paris hat rund 85,000 Häuser, so daß jedes derselben durchschnittlich 5 Bewohner mehr erhalten hat. Aus der nahen und entfernteren Pariser Bannmeile mögen überdies 500,000 Personen zu den Festen nach der Haupt- stadt gekommen sein, die wahrscheinlich des NachtS nach ihren Wohnorten zurückkehrten, sür deren Versorgung mit Lebens- Mitteln Parts aufkommen mußte. Durch den Zuwachs von 1/300,000 Menschen ist die Bevölkerung von Parts, die nach der Volkszählung vom 29. März d. I. 2,511,955 Köpfe betrug, vorübergehend auf rund 3,800,000 gestiegen. WaS mögen diese in den fünf Tagen verzehrt haben? Nimmt man den von der städtischen Verwaltung für daS Jahr 1895 aufgestellten Durchschnittsconsum sipeS Bewohners von Parts als Grundlage an, also einen Tagesconsum bon 400 GrawM Brod, 56 Centiltter Wein, 167,1 Gramm Rind- und Kalbfleisch, 26,8 Gramm Schweinefleisch, 31,5 Gramm Geflügel und Wtldpret, 301/» Gramm Fische u. s. w., so erhält man durch eine Multiplikation folgende Ziffern für den Gesammt-

consum:

Brod Wein Rind- und Kalbfleisch . . Schweinefleisch . . . . Geflügel und Wildpret Fische Eier Butter ..... Salz Früchte und frische Gemüse Austern Käse Conserven

7,600,000 Ktlogr.

10,640,000 Liter

2,174,900 Ktlogr.

509,200

598,500

575,700

10,450,000 Srück

437,000 Ktlogr.

378,000

266,000

184,300

144,400

34,200 usw.

Diese Ziffern find keineswegs zu hoch gegriffen, da der Consum an Festtagen ein bedeutend größerer ist, als in ge-

Feuilleton.

Dir liebr Mams.

Von Anna Seyffert.

(Nachdruck verboten.)

Nu erschrecken Se man nich, jnä' Frau, Ihr Mäxeken

il llnn See jesallen!"

Die Angeredete, eine blühende, junge Frau, erhob sich !jL«strunken von der Chaiselongue, auf welche sie fich zu fordern NachmtttagSschlummer ntedergelegt und starrte der fsMtersrau, der rücksichtslosen Unglücksbotin, ungläubig in 1:8 verarbeitete Gesicht.

Zugleich fühlte sie, daß ein lähmendes Entsetzen sie an ".jii er wetteren Bewegung hindere.

Wie? Erschrecken sollte sie nicht, wo eS fich um ihr 'fltlinob, ihr einziges, abgöttisch geliebtes Kind handelte?

Ich will ja nichts gesagt haben, aber ich meine doch, pi Frau waren manchmal zu streng mit dem armen inDigtn"

Martha Grunert hob die schönen, sprechenden Augen, Üi uuch ihr Kind besaß, in flehender Bitte zu der vor ihr eie^en^en empor.

Diese hatte die stumme Frage wohl verstanden. Schnell üfttc sie den Blick. Martha aber sah doch die Thräne, illche ihr verborgen bleiben sollte. Jetzt erst war eS ihr, ti habe fie einen tödtlichen Schlag erhalten.

Ein schmerzhaftes Aechzen entrang sich ihrer gemarterten kiaist.

Da iS nicht- mehr zu machen, jnä' Frau," murmelte h -rudere unbeholfen,was bot iS, daS iS bot, un baS Sulii iiebt keinen wieber raus!"

Martha riß fich jäh empor.

Hilfe, Rettung für meiu Kinb!" wollte fie rufen, aber liHton blieb ihr tn ber Kehle stecken, mit einem unter- liiMten Aufschrei sank fie auf baS Ruhebett zurück, benn so­ll!« i würbe bie Thür aufgeriffeu unb vom Flur herüber thitixa schwere Schritte.

Wie im Krampf wand fich ihr Körper und doch öffnete fie weit die Augen und ihr Blick schien fich festsaugen zu wollen an dem todtbleichen Antlitz ihres Kindes, dessen Köpschen auf dem Arme deS Doktors ruhte, der soeben daß Zimmer betrat.

Ein mattes Lächeln irrte um MarthaS Mund.

Wie gut, daß der Doctor, ein Freund ihres Mannes, mit ihnen dieselbe Villa in der Sommerfrische bewohnte ohne seine Hilfe o das Furchtbare ist nicht aus- zudenken er wird den Knaben retten

Da löst fich ihr Blick von dem lilienhaft weißen Antlitz ihres Kindes und haftet an des DoctorS Zügen.

Diese find ernst und verschlossen.

Muth, gnädige Frau, was menschliches Wissen vermag, daS soll geschehen indeß eS ist wenig Hoffnung*

Martha weiß, daß hier keiner Bitte, keines Wortes bedarf, dieser Arzt geht in seinem Berufe auf, und hier wird ihn nicht allein Pflichteifer, sondern ein inniges Freundschafts­gefühl leiten, sein Bestes zu thun.

Um so vernichtender treffen fie seine trostlosen Worte. Sie faltet wie in Todesangst die Hände:O, mein Gott, mein Gott, nimm mir nicht mein Kind!" So betete fie verzweiflungsvoll in Gedanken, über die bebenden Lippen zwingt sie kein einziges Wort.

Und dann sieht fie, wie der Arzt den Körper des Kindes auf den Tisch legt, wie er (mit scharfer Scheere die waffer- gettänkte Kleidung zerschneidet, das reizende, mit buntseidener Borde bestickte Rückchen, an welchem fie eine volle Woche mit ach so frohen, hoffnungsreichen Empfindungen gearbeitet.

Noch einige bange Augenblicke und der kleine Leib ist endlich von der «affen, kältenden Kleidung befreit. Jetzt be- ginnt die schwere, verantwortungsvolle Arbeit deS Arztes der Wiederbelebungsversuch.

Martha verfolgt alles mit fieberhaft gespanntem Blick und während ber Doctor immer von Neuem auf ein Lebens­zeichen deß (Ertrunkenen lauscht, leidet fie unsägliche Qualen.

ES bedarf nicht erst noch der wenigen, feierlichen Worte deS ernsten Mannes, die ihr den Tpd ihres Lieblings künden,

feit Minuten weiß fie es bereits, daß fie ihr süßes Glück verloren.

Sie sieht eS an dem langgestreckten Körper ihres Knaben. Wie seltsam die Glieder fich bereite verändert haben, auch auf dem weißen, plötzlich so schmal gewordenen Gesichtchen thront die herbe Majestät des TodeS.

Und da ist eS plötzlich, al« dehne sich eine unendlich weite, öde Fläche vor MarthaS innerem Blick aus, alles leer unb kalt um fie her, ein unbeschreibliches Grauen schüttel^ fie.

O, furchtbares Geschick! Bor einer halben Stunbe noch hielt fie ihr Kind lebensfrisch in den Armen, .bei dieser Erinnerung ist eS der jungen Frau plötzlich, als wachse ein ungeahntes Etwas in ihr empor, als brenne fich ein tödtlicher Schmerz in ihrem Herzen fest.

Hat fie denn zuletzt ihren herzigen Jungen liebkosend im Arm gehalten, sich mütterlich an seinem KindeSübermmh erfreuend?

O nein, nein, o grausames Verhängniß, daS ihr nun nicht mehr gestattete, gutzumachen, was sie in uuverzeih- lichem Mißmuth unb kleinlicher Ungeduld verfehlt!

Mäxchen war unartig gewesen. ES hatte an einer seidenen Decke, welche Mama mit bunten Arabesken verzierte, weitergearbeitet" und dadurch den kostbaren Stoff arg mit­genommen, sowie die durch leise Umrisse angebeuteten Figuren zum Theil beschädigt, ber Mama also, anstatt zu helfen, wie eS meinte, eine recht unliebsame Ueberraschung bereitet.

Mama hatte fich in den 'Kopf gesetzt, die Decke noch am selbigen Tage fertigzustellen, und in ihrem Unwillen über die Verzögerung hatte fie fich hinreißen lassen, ihren Jungen sehr hart zu züchtigen.

Fast ungeheuerlich erschien eS ihr nun, daß fie daß vierjährige Kind so arg gestraft hatte, und noch jetzt tönt ihr daß jämmerliche Geschrei desselben in den Ohren.

(Schluß folgt.)