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16.9.1896 Erstes Blatt
 
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Mr. 218__Erstes Blatt. Mittwoch dm 16. September___________________

ichener Anzeiger

Kmerat-Wnzeiger.

Die Gießener AamitienVtätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigrlegt.

Der

Hietzener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.

1896

Vierteljähriger Aöonncmentsprcisr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Schulstratze Fr.7.

Fernsprecher 51.

Amts- rmd Anzeigeblcrtt für den Tiveis Gieszen.

aus den Fugen gegangen. Hoffmann in Grünberg, davon benachrichtigt, schickte zwar sein Factotum, den Fruchtmesser Weller, nach Hersfeld, um den Kasten auszubessern, aber MusäuS fand für nöthig, daß für den Fall einer weiteren Flucht oder selbst für die Rückkehr in ruhig und sicher ge­wordener Zeit, der Inhalt des Kastens in Gegenwart eines Bevollmächtigten der Universität in wenigstens zwei starke Verschlüge übergepackt werde- denn es sei zu befürchten, daß schon beim Herunterschaffen aus dem mit eisernen engen Thüren versehenen Gewölbe und der Treppe mit zwanzig Stufen ein Schaden nicht zu verhüten sei. Schlimmer noch aber wäre es, wenn der Verschlag unterwegs entzwei ginge und man in die Notwendigkeit versetzt würde, auf der Straße liegen zu bleiben und die einzelnen Actenstück« und andere Sachen auf der Straße zusammenzusuchen. So sei es mit den Kirchenkastensachen gegangen, die nicht gehörig verwahrt gewesen.

Dem Bericht, den der Regierungsbevollmächtigte Prof. Musäus am 14. Juli 1796 an den Rektor über seine Er­lebnisse erstattete, war am Schluß noch die Ermahnung bei­gefügt, alle seine Mittheilungen nur an wenige, die des Vertrauens würdig seien, gelangen zu lassen.

So waren denn die Werthpapiere rc. der Hochschule vorerst sicher geborgen. Aber wie lange? Mit Schrecken dachte der alte Universitäts-Oeconom Vollhard an die Nothwendigkeit einer weiteren Flucht und wendete sich in beweglichen Worten an den Rektor, ihn in diesem Fall von dem Geschäft zu entbinden und die ganze Arbeit dem in Hersfeld befindlichen Fürstlichen Regterungsrath, Profeffor und Universitäts-Syndikus Musäus oder einem anderen beliebigen Bevollmächtigten von Gießen zu übertragen, da seine anderen Geschäfte ihn bei den gefährlichen Zeitläufen verhinderten, sich längere Zett von zuhaus zu entsernen.

(Fortsetzung folgt.)

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Annahme von Anzeigen zu der Nachinittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.

Hratisöeil'age: Gießener Kamikienökätter.

Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen . Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

amtlicher ZbetL

Bekanntmachung,

betreffend: die Maul- und Klauenseuche zu Gießen.

Die Maul- und Klauenseuche zu Gießen ist erloschen unb die verfügten Sperrmaßregeln sind aufgehoben.

Gießen, am 14. September 1896.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gageru.

Betr.: Maßregeln zur Unterdrückung des Milzbrandes in der Wetterau.

Bekanntmachung.

Da mit dem Inkrafttreten des Gesetzes vom 7. Juli I. I., blt Entschädigung für an Milzbrand und Rauschbrand ge- sollenen Thtere betreffend (vergl.Gießener Anzeiger" Nr. 183), blt Gründe für das Fortbestehen deS im Jahre 1880 erlaßenen Pvltzeireglemeots zur Unterdrückung des Milzbrandes in der LSetterau in Wegfall kommen, wird hiermit mit Ermächtigung G roßh. Ministeriums des Innern das unter« 28. April 1880 rtlaffene Polizei-Reglement (vergl.Gießener Anzeiger Nr. 102 vl»m 2. Mat 1880) wieder aufgehoben.

Gießen, den 11. September 1896.

GroßherzogltcheS KreiSamt Gießen, v. Gagern.

Gießen, den 11. September 1896.

8 etr.: Wie oben.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen a» die Gr. Bürgermeistereien Allendorf a. d. Lahn, Bellersheim, Bettenhausen, Birklar, Dorf-Gill, Gberstadt, Grosteu-Liuden, Grüningeu, Holzheim, Hungen, Inheiden, Klein-Linden, Langd, Lang- Göns, Langsdorf, Leihgestern, Sich, Muschen- heim, Obbornhofen, Ober-Hörgern, Raberts- lnrufen, Rodheim, Steiuheim, Trais-Horloff und Utphe.

Indem wir Sie auf die vorstehende Bekanntmachung aufmerksam machen, beauftragen wir Sie, dieselbe in Ihren Gemeinden ortsüblich zu veröffentlichen.

Selbstverständlich hat von nun an auch die durch Aus- schreiben vom 23. August 1880 (Gießener Anzeiger" Nr. 201) aageordnete halbjährliche Einsendung der Tabellen über die innerhalb Ihrer Gemeinden crepirten Thiere zu unterbleiben.

v. Gagern.

Nieste

»slffS telegr>phis-eS Eorresponderu-Bmeiau

Hamburg, 14. September. Heute Nachmittag gegen 51/2 Uhr entstand im Freihafen-Block A Nr. 12 am Kehr- wieder Groß feuer, daS durch drei Züge Feuerwehr nach mehrstündiger Thättgkeit auf seinen Herd beschränkt wurde. Zwei Böden, in denen große Quantitäten verschiedener Kauf- mannSwaaren, als Wein, Tabak, Kaffee, Leder lagerten, sind ausgebrannt. Zwei Feuerwehrleute wurden durch den Rauch betäubt, aber gerettet. Die Wiederbelebungsversuche waren von Erfolg. Der Schaden ist ziemlich bedeutend.

Kiel, 14. September. Das kaiserliche Canalamt macht bekannt: Die Schifffahrt durch den Kaiser-Wilhelm- Canal bleibt auch über Montag Abend hinaus in bis­heriger Weise für Schiffe von höchstens 8 Meter Breite und 4 Meter Tiefgang offen.

Pofeu, 14. September. DaSPosener Tageblatt" meldet: Dem commandirenden General des 5. Armeecorps, v. Seeckt, ist vom Kaiser der Schwarze Adler-Orden und vom Kaiser von Rußland der Weiße Adler-Ordeu verliehen worden.

ZnuSbrock, 14. September. Der Historikertag ist heute geschloffen worden. Für den nächsten Congreß sind Nürnberg und Breslau in Aussicht genommen.

Innsbruck, 14. Septembtr. Am heutigen dritten Ber- handlungStage der Versammlung deutscher Historiker hielten Vorträge: Profeffor Heigel München und Archivar Hafen Köln. Zum Vorsitzenden für die nächsten zwei Jahre wurde Profeffor Stieve-München gewählt. Nachmittags fand ein Festmahl statt, wobei u. A. Bondel Parts für die herz­liche Aufnahme und die durch hervorragende Vertreter der deutschen GeschichtSwiffenschaft gegebene Anregung dankte.

London, 14. September. Das Vorhaben der anar­chistischen Bande, die in England Attentate aussühren wollte, wurde durch die Wachsamkeit und Thätigkeit Melvilles, des Chefs der geheimen Polizei, entdeckt. Die Mitglieder der Bande wurden gerade in dem Augenblick verhaftet, als alles -uc Ausführung des Planes reif und bereit war. Bell hätte mit Attentaten in Schottland beginnen sollen- die Bomben sollten nach und nach von Belgien aus versandt werden.

Glasgow, 14. September. Der irländische Fenier Bill, der am SamStag Abend verhaftet worden war, er- schien heute vor Gericht unter der Anklage der Mitschuld an dem jüngst entdeckten Dynamitanschlag. Auf Antrag deS StaatSanwaltS wurde die Verhandlung in dieser Angelegen­heit vertagt. Wie es heißt, soll die Polizei einem neuen großen Complott auf der Spur fein.

Athen, 14. September, Jedes von Konstantinopel an­kommende Schiff bringt eine Anzahl Armenier. Gestern find wieder mehrere derselben eingetroffeo. In Phaleron befinden sich bereit« gegen 1000 Armenier.

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Berlin, 14. September. Wie derStaatSb.-Ztg." zufolge in Hoskreisen verlautet, Hal Herr v. Kotze von der Festung Glatz auS an den Kaiser daS Gesuch gerichtet, ihn von seinem Amte als Ceremonienmeister zu entbinden. Der Kaiser hat dem Gesuch auch entsprochen, dagegen bleibt Herr v. Kotze Kammerherr und gehört auch ferner der Reserve der Cavallerie als Rittmeister an.

Berlin, 14. September. Wie verlautet, wird die Ein- berufung deS preußischen Landtages schon Ende October erfolgen.

Berlin, 14. September. Zu dem Zusammenstoß deS kaiserlichen HofzugeS mit dem Dresdener Schnell- zuge meldet dasBerl. Tagebl.", daß der Führer des Schnellzuges den Hofzug rechtzeitig wahrnahm und daß es ihm gelungen war, feinen Zug durch energisches Bremsen so rasch zum Stehen zu bringen, daß die zweite Maschine deS kaiserlichen ZugeS nur ein wenig bei Seite geschoben wurde. Unrichtig sei eS, daß der Salonwagen des Kaisers sich dicht hinter dem Tender befand. Auf den Tender folgte vielmehr erst der lange Gepäckwagen und dann der Wagen des Kaisers. Der Kaiser soll von dem Zusammenstoß zunächst überhaupt nichts gemerkt haben. Die Verantwortung für den Unfall trifft den Stationsvorsteher, der, um dem Kaiser ein bequeme- Etnstetgen zu ermöglichen, auf Anweisung eines höheren Eisenbahnbeamten den Hofzug etwas vorrückte, dabei aber vergaß, daß der Zug so in die Fahrt-Linie deS Schnellzuges hinein kam.

Berlin, 14. September. Der Bund der Landwtrthe hat einen Gesetzentwurf über die Kunstwetn-Fabrtkation au«- gearbeitet. Derselbe enthält folgende Hauptpunkte: Der Kunstwein soll Vtnosine genannt werden und seine gewerbs­mäßige Herstellung einer Besteuerung von 15 Mark pro Hectoliter unterliegen. Für die Fabrikation soll ein steuer- amtlicher Erlaubnißschein erforderlich sein, der auch die für Fabrikation und Lagerung zulässigen Räume bezeichnet. Jedem Hectoliter Vtnosine soll mindestens ein Gramm Phenolphtalrm zugesetzt werden. Die Bezeichnung Vtnosine soll überall deutlich auf Flaschen und Fäffern neben dem Namen der Firma angebracht werden.

Berlin, 14. September. ImReichsanzeiger" werden heute das Gesetz betreffend die Gewährung von UmzugS- kosten an RegieruvgSbaumetster, vom 24. August 1896, sowie eine Verordnung vom 31. August 1896, betreffend die

LeniUeton.

Hör hundert Zähren.

Die Flucht des Gießener Universitäts-Archivs vor den Franzosen 17 96.

Von Dr. O. Buchner.

(2. Fortsetzung.)

Natürlich verbreitete sich die Schreckenskunde, daß Gießen ton den Franzosen besetzt sei, mit Blitzesschnelle durch die ganze Provinz. Schon vorher begann die Flucht der im offenen Lande wohnenden Frauen und Mädchen aufs neue. Geld und Geldeswerth wurde ebenfalls geflüchtet oder mög­lichst sicher versteckt. Schon am 5. Juli wurde der Regierungs- iLth und Profeffor Musäus vom Rector nach Grünberg geschickt, um sich über den Zustand des Oekonomats und der Gefälle zu unterrichten. Da die Gerüchte von der Annäherung brr Franzosen immer bedenklicher lauteten, reiste er am 7.. Juli nach Alsfeld weiter und nahm einen Kasten mit bcn wichtigsten Grünberger Vogteipapieren mit. Hier erhielt tr am 8. Juli Mittags die Nachricht, daß am Morgen des- seilben Tages Gießen von den Franzosen besetzt worden sei. Daraufhin wurde für nötig erachtet, das Regierungsarchiv weiter zu schaffen. Als der alte Universitäts-Oeconomus Vollhard davon Wind bekam, ruhte er nicht, bis er auch bi c Werthsachen der Hochschule an demselben Tage weiter ncoch dem Amthof in Grebenau verschickt hatte.

Das war aber leichter gesagt, als ausgeführt. In A Isfeld entstanden, wie an vielen anderen Orten Unruhen untb Ausstände des ärmeren Volkes, das nicht flüchten konnte - t§§ fanden Zusammenrottungen der Bürger statt, welche ver­hindern wollten, daß ihresgleichen ihre Sachen in Sicherheit

brächten. Nur mit Mühe gelang es, daß das Staats- und Universitätseigenthum freigegeben wurde und abfahren konnte.

In Grebenau konnte man ruhiger an die weitere Flucht denken. Wohin? Die Feste Ziegenhain war nicht fester und sicherer als Gießen. Man entschloß sich deßhalb, das Regierungsarchiv nach Hersfeld zu schaffen. Darauf­hin sollten auch die Universitäts-Acten rc. dorthin verbracht werden.

Musäus selbst fuhr in der Nacht von Alsfeld ab und kam am 9. Juli morgens 10 Uhr in Hersfeld an. Gleich nach seiner Ankunft beschickte er den Stadt-Oberschultheiß Commissionsrath Victor und ließ um einen Platz in der Registratur nachsuchen, wo er die Universitätskisten unter­bringen könne. Es wurde ihm darauf versichert, die Auf­nahme sei nicht schwierig, doch möge sich Musaeus des geeigneten Platzes wegen an Privathäuser wenden. Da aber unterdeß für das Regierungsarchiv Platz im Stiftsgebäude bewilligt worden war, so erwirkte Musaeus die Erlaubniß, auch die Universitäts-Acten in diesem wohlverwahrten, sicheren Gebäude unterzubringen.

Aber der Schatz war noch nicht da! Sollten neue Zu­sammenrottungen stattgefunden, sollte die Flucht verhindert, die Kisten zerschlagen und ihr werthvoller Inhalt von dem aufgeregten Volke zerstreut worden sein?

Es wurde deßhalb ein Bote an Vollhard geschickt mit dem Auftrag, er solle sobald wie möglich die Universitäts­sachen schicken. Diese kamen dann endlich auch am 12. Juli in Hersfeld an und wurden auf wiederholtes dringendes Bitten des Regierungscommissärs Musäus im Stift in der alten Canzlei in sichere Verwahrung gebracht. Der unförm­lich große, von nur schwachen Dielen verfertigte und allzu­schwer beladene Kasten war inzwischen, obgleich der Oeconom Vollhard ihn noch mit hölzernen Reifen versehen lassen, auf den schlimmen Wegen nach Hersfeld auf der eine Seite