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Erstes Blatt. Donnerstag den 16. April 1S96
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
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Aints- unb Anzeigeblatt für den Ureis Giefzen.
folgenden Lag erscheinenben Nummer bis Corrn. | Hralisbeikage: Gießener Aamitienökätter T
Amtlicher Theil.
Gießen, den 13. April 1896.
Letr.: Die Ablieferung der Vacanzüberschüffe erledigter Schulstellen an den Provinzialschulfonds.
DaS Großherzogliche Kreisamt Gießen
** die «rssth. eargetmdfktete* M «reise».
Unter Hinweis auf unsere Ausschreiben vom 24. Ja« niar 1878, Amtsblatt Nr. 1, und 30. October 1893, Amtsblatt Nr. 9, empfehlen wir Ihnen, innerhalb zehn Tagen die von Ihnen mit den Schulvorständen ge« meinfchaftlich aufzustellenden Berechnungen der an den Pro« vmzialschulfonds abzuliefernden Vacanzüberschüffe aus dem Jahre 1895/96 in doppelter Ausfertigung an uns ein- zureichen oder zu berichten, daß im genannten Jahre in Ihrer Gemeinde Schulvacanzen nicht eingetreten waren. __v. Gagern.______________
Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Aufschlags von Fünf vom Hundert pro Monat März 1896 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 Kg betragen:
Hafer Mk. 14,80, Heu Mk. 4,70, Stroh Mk. 3,70.
Gießen, den 13. April 1896.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Deutsche» Reich.
Berlin, 14. April. Ein interessanter fürstlicher Gast wird nächstens am Berliner Hofe eintreffen, Fürst Ferdinand von Bulgarien. Nach den bisherigen Dispositionen erfolgt die Ankunft deS von Petersburg kommenden Bulgarenfürsten in Berlin voraussichtlich am 30. April. Er nimmt im königlichen Schlöffe Wohnung und wird dann den kaiserlichen Majestäten im Neuen Palais rin-n Besuch abstatten. Der angtkündigte Berliner Besuch deS Fürsten Ferdinand zeigt wohl am Besten die Befestigung feiner europäischen Stellung an.
— Der Reichstag setzt am Donnerstag seine durch die Ofterpause unterbrochene Thältgkett fort. Der Arbeitstisch für die Reichsboten ist auch jetzt noch immer reichlich genug besetzt, denn von den schwebenden Vorlagen sind zunächst in der SPecialberathung zu erledigen die Gesetz« entwürfe über die Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbes und über die Reform der Börse, die Novellen zum Wirth« schaftSgenoffenschaftSgesetz und zu den Juftizgesetzen, sowie die neue Margarine-Vorlage, während die Novelle zur Ge« werbeordnung nur noch in dritter Lesung durchgenommen zu werden braucht. Andererseits muß jedoch die Zuckersteuer« Vorlage erst noch die zweite CommlssionSlesung passtren, daS Gesetz über die Handwerkerkammern ist sogar nicht über die erstmalige Erörterung in der betreffenden Commission hinauS- gedieheu, da sich letztere nach Abhaltuog ihrer ersten Sitzung auf unbestimmte Zeit vertagte und was den weitaus wichtigsten BerathungSstoff der gefammten Session anbelangt, den Entwurf des Bürgerlichen Gesetzbuches, so steckt derselbe noch tief in der ersten CommlssionSlesung. Außerdem aber soll das Haus noch eine größere Anzahl von Initiativanträgen und von Berichten der Pettrions' und der WahlprüfungS« commission erledigen. Demnach birgt der nachöfterliche Ab« schnitt der ReichStagssesfion noch eine Fülle von Arbeitsstoff in sich, deffen gänzliche Bewältigung bis Pfingsten schon jetzt alS unmöglich erscheint. ES ist aber im höchsten Grade zweifelhaft, daß sich die parlamentarischen Vertreter der Nation bereit finden laffen sollten, nach Pfingsten nochmals zusammenzukommen, es wird also wohl die eine oder die andere Vorlage nicht mehr zu Stande kommen. Hoffentlich werden aber mindestens die dringenderen der schwebenden gesetzgeberischen Aufgaben zur Durchführung gelangen, wie z. B. die Vorlag u gegen Len unlauteren Wettbewerb und über die Börsenresorm. In Betreff des Entwurfs deS Bürgerlichen Gesetzbuches steht zu erwarten, daß bei einem etwaigen förmlichen Schluffe der Session zu Pfingsten ein Ausweg gesunden wird, welcher die bisherigen Ergebniffe der parlamentarischen Behandlung dieses riesigen Stoffes sicher stellt.
Neueste Nuchpichtet!^
NolffS telegraphisches Correspondem-Bureau.
Berlin, 14. April. Die Reichstags Commission für das Bürgerliche Gesetzbuch nahm von dem Titel „Un<
erlaubte Handlungen" die Paragraphen 807 bis 815, betreffend dte Schadenersatzpflicht aus unerlaubten Handlungen, nach der Vorlage an.
Karlsruhe, 14. April. Drr amtliche Hofbericht der „Karlsruher Zeitung" meldet: Die Ankunft des Kaisers erfolgt am Donnerstag den 16. dS. MtS, Vormittags nach 11 Uhr, mittelst Sonderzuges von Wien, von wo der Zug Mittwoch Abend abgehen wird. Der Kaiser hat sich jeden osficirllen Empfang verbeten. Der Aufenthalt in dem Jagdhause Kaltenbronn ist der Ausübung der Auerhahnjagd gewidmet, die mehrere Tage tn Anspruch nehmen wird. Der Erbgroßherzog begleitet den Kaiser nach Kaltenbronn. Die erbgroßherzoglichen Herrschaften, welche heute früh auS Luxemburg wteder in Freiburg eingetroffen sind, gedenken morgen nach hier zurückzukehren.
Wien, 14. April. An der Hostafel, die zu 110 Gedecken um 5 Uhr im Ceremoniensaale in der Hofburg zu Ehren des Deutschen Kaiserpaares stattfand, nahmen Theil der Deutsche Kaiser in der Uniform eines österreichischen Generals der Cavallerie, Kaiser Franz Joses in der Uniform eines preußischen FeldmarschallS, die Deutsche Kaiserin, die Erzherzöge und Erzherzoginnen, die Ministerpräsidenten Graf Badeni und Baron Banffy, die gemeinsamen und die österreichischen Minister, die Ehrencavaliere, die betberfeitigcn Suiten, Reichskanzler Fürst Hohenlohe uud Gemahlin, Graf zu Eulenburg und Gemahlin, der österreichische Botschafter tn Berlin, Gras Szögyeny und Gemahlin, Prinz Hohenlohe- Oehrtngen, die Hoswürdentrager, Cardinal Fürstbischof Gouscha und GeneralftabSchef Freiherr o. Beck. Kaiser Franz Joses ging mit der deutschen Kaiserin am Arme in den Saal, der Deutsche Kaiser führte die Erzherzogin Maria Josefa. Die Ehrenfitze an der hufeisensörmigen Tafel hatten die Deutsche Kaiserin und die Erzherzogin Maria Josefa. Zur Rechten der Kaiserin saßen der Kaiser Franz Josef, oie Erzherzöge Otto, Ludwig, Victor, Franz Salvator, Eugen und die Gemahlin des Reichskanzlers. Zur Linken der Erzherzogin Maria Josesa saß der Deutsche Kaiser, die Herzogin von Modena, die Erzherzöge Ferdinand, Josef Ferdinand, Friedrich und Rainer. An der Hoftafel herrschte die an.mirteste Stimmung. Die Kaiserin converfirte lebhaft mit dem Kaiser Franz Josef, der Deutsche Kaiser mit der Erzherzogin Maria Josefa und der Herzogin von Modena. Die Erzherzöge Franz Salvator, Friedrich Eugen und Rainer trugen
Feuilleton.
Berliner Ausstellungsbriese.
(Von unserem Correspondenten.)
I.
Berlin, 14. April 1896.
Selten wohl hat eine städtische, eine LocalauSstellung richt nur im ganzen Lande und im ganzen Reiche, sondern Md) über die Grenzen deS Reiches hinaus im AnSlande so M Interesse erregt, wie die bevorstehende Berliner Gewerbeausst ellung.
Seitdem widrige politische Strömungen daö Zustandekommen einer Weltausstellung in Berlin verhindert hatten, trug man sich in den Kreisen der Berliner Industrie damit, kille Berliner Ausstellung zu schaffen, die für den Entgang Ihrer Weltausstellung vollauf entschädigen sollte. Ohne die nächtige moralische und materielle Hilfe deS Staates, lebig» Ich auS dem Gemeinsinn, den Mitteln uod dem Local« fotriotiSmuS der Bürger heraus wollte man ein Unternehmen dS Leben rufen, das glanzendes Zeugniß ablegen sollte von km großartigen Umfange der Berliner Industrie, von der jiwaltigen Bedeutung seines Gewexbefleißes, von einem Waffen, daS berechtigtes Staunen in der ganzen Welt her- lorxnfen muß, daS Berlin den größten Industriestädten taropaS ebenbürtig macht, baß aber auch im Reiche selbst kiklfach erheblich unterschätzt wird. Von der Bedeutung kerlinS als Jndustriecentrum wird man sich wohl einen un« psahren Begriff machen können, wenn wir sagen, daß, wenn um die industriereichen Städte Magdeburg, Hannover, tüsseldorf, Barmen, Älberselo, Dortmund, Crefeld, Altona, lstmnitz, Halle und Nürnberg zu einer Stadt znsammen- Itgen würde, man dann erst, aber auch nicht vollständig, ein kmtrum besitzen würde, daS auf industriellem und gewerkt« Itycm Gebiete so viel producirt wie Berlin.
Mit Recht dürfte daher dieses reiche unb fleißige, dieses jrdoch auch viel geschmähte Berlin, als eS sich anschickte, der Bel t einmal in einem großartigen Bilde zu zeigen, was eS p Leisten vermag, nicht nur ganz Deutschland selbst, sondern »h, daS Ausland zu sich zu Gaste laden. Wird doch dieses
großartige Bild des Berliner Gewerbefleißes, der Berliner Arbeit, sich in einem würdigen Rahmen repräsentiren, in einem Rahmen, geschmückt mit den schönsten landschaftlichen Reizen, wie sie in gleichem idyllischen Zauber so nahe den Thoren der Großstadt kaum ein zweites Mal in Deutschland vorzufinden sein dürften.
Ihren Lesern wird vielleicht noch der heiße Kampf, der im Vorjahre, als eS um die Wahl des Ausstellungs« terrainß sich handelte, in lebendiger Erinnerung sein. Die ganze Bürgerschaft Berlins nahm an diesem Kampfe mit einer Heftigkeit Theil, als gelte eS, die bedrohten heiligsten Jntereffen des Vaterlandes zu vertheidigen. Zahlreiche Volks« Versammlungen fanden statt, in denen leidenschaftlich die Rufe erschallten: „Hie Witzleben!" „Hie Treptow!" und es wurde von beiden Seiten, nämlich von den Witzlebenern, die Speculantenintereffen verfolgten, und von den Anhängern des schönen, an der Spree gelegenen Treptow mit der größten Erbitterung gekämpft. Erft als bekannt wurde, daß der Kaiser in einem Privatgespräch für Treptow eingetreten war, trug Treptow den Sieg davon unb die liebe Seele hatte Ruh'. Unb mit vollem Recht hatte man sich für Treptow entschieden: denn kaum hätte man einen günstiger gelegeneren, landschaftlich schöneren Ausstellungsplatz finden könnest, als das mit der Stadtbahn, Pferdebahn, mit Omnibus, Kremsern unb zu Fuß selbst von den entferntesten Stadttheilen schnell erreichbare Treptow. Kaum war so die Schlacht zu Gunsten Treptows geschlagen, als die Bürger« schäft mit Eifer die vorbereitenden Schritte machte, um die Ausstellung so glanzvoll wie möglich zu gestalten. Die Seele des Unternehmens wurde der Geh. Commerzienrath Gold« berger, der, an der Spitze des ArbeitSauSschuffeS stehend, unterstützt von dem Commerzienrath Kühnemann und Bau« meister Felisch, sich der riesenhaften Aufgabe der Organisation der Ausstellung unterzog. Beim Publikum, in erster Reihe natürlich bei den Industriellen unb Gewerbetreibenden, aber auch bei den städtischen nnb staatlichen Behörden, fand der Arbeitsausschuß baß bereitwilligste Entgegenkommen. Mit Begeisterung nahmen die Gewerbetreibenden den Plan einer GewerbeauSstellung auf unb alßbald war ein Garantie- fondß von 4^2 Millionen Mark gezeichnet. Unb während
| so nach dieser Seite hin daS Unternehmen auf eine sichere Grundlage gestellt worden war, zögerten auch die städtischen und staatlichen Behörden nicht mit freundwilliger und werk« thätiger Unterstützung. Die Stabt Berlin gewährte einen Beitrag von anderthalb Millionen Mark, dec Staat erklärte sich bereit, zur Erleichterung beß Verkehrs zur Ausstellung das Schienennetz zu erweitern und außerdem hat der Eisenbahnminister in dankenSwerther Weise sein lebhaftes Interesse dadurch bekundet, daß für die Dauer der Ausstellung den Ausstellungsbesuchern im Reiche Ermäßigungen für die Fahrt nach Berlin gewährt werden. Der Prinz Friedrich Leopold hat der Ausstellung durch die Uebernahme des ProtectoratS höhere Weihe gegeben, der Kaiser und die ReichSbehörben nicht nur, sondern auch die preußischen Behörden, historische Institute, wie Museen, kunstgewerbliche Anstalten in Berlin und anderen Städten Preußens und beß Reiches, Industrielle unb Gewerbetreibende aus allen Theilen Deutschlands werden an der Ausstellung sich betheiligen, so daß die Zahl der Aussteller nachgerade Legion geworden ist und viele Hunderte wegen Platzmangels zurückgewiesen werden mußten.
Aber nicht allein auf die Erzeugnisse, des GewerbefleiHeS soll die Ausstellung beschränkt bleiben: sie wird ihren Besuchern auch mancherlei, viel Amüsement und Spektakel aller Art bieten. Da wird man auf einer amerikanischen Bahn eine Fahrt rund um die Ausstellung machen können; dort ladet Kairo mit seinen ^schlanken MtnaretS und Kuppeln ein, und wem eS hier zu heiß geworden, der wird sich beim Anblick deS Nordpol-PanoramaS abkühlen können. In Alt«Berlin mit seinem wechselnden Theater unb seinen sonstigen Schaustellungen wird man für billiges Geld sich ebenso gut unterhalten können, wie in den zahllosen anderen BergnügungSorten, die eine reizvolle Abwechselung bieten unb nie die Langeweile aufkommen laffen werdet Kurzum, die Ausstellung wird nach jeder Richtung hin die Erwartungen, die die Berliner und die Fremden hegen, weit übertreffen unb so viel bie Vorbereitungen schließen lassen, wird Niemand unbefriedigt von bannen ziehen.


