Ausgabe 
15.11.1896 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

'auf.

Eitler.

r ä 50 Pfe fg. g"

»oderner,

Lvr.

«e.

ten nnb Bekannten mit, i und unsere gute Mutter

10122

lenen:

iann.

ged, Winnecker, Hem entschlafen ist- n Hinterbliebenen: ttb und Kader.

jmitM «/.«- 1oA

ifl*

>-»

furiee, (»WH'«*®

a

jyr, »«*

» 71 10146

8.

Nr. 270 Zweites Blatt. Sonntag den 15. November 1800

Der

erschkint täglich. Mit Lurnahme bei Montags.

Die Sießener Kamttienvsäiter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal deigelegr.

Gießener 21 nzeiger

Kenerat-Wnzeiger.

Vierteljähriger Ji6oencDi<nt6pi«i$: 2 Mark 20 Pjg. mit Vringerloh«.

Durch bic Post bezogen 2 Mark 50 Psg.

Rtbaction, Expedition und Druckerei:

-chutftrahe Zlr.7. Fernsprecher 51.

Aints- und Zlnzeigeblutt süv den Ttvers Gieszen.

Hratisöeikage: Gießener Jamilienblätter.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Borm. 10 Uhr.

Hessischer FechtvereinWaisenschutz".

(WohlttzStt-lettt - Berel» zu« Schutze verwahrloster Kinder).

Bon dem Verband Darmstadt deS Hessischen Fecht- BereinSWaisenschutz" wird und der nachstehende, in der ^Darmstädter Zeitung" unter dem 20. October l. I. gleich­falls zum Abdruck gebrachte Artikel, betr. die Ziele und Zwecke des Vereins, mit der Bitte um Aufnahme zugesandt:

Der Hessische VereinWaisenschutz" ist im Jahre 1892 von Mainzer Bürgern nach dem Vorbild der durch Albert Bürkliu in Lahr inS Leben gerufenen Generalfechtschule mb der deutschen ReichSfechtschule in Magdeburg gegründet worden und hat sich die Pflege und Erziehung von sogen. Halbwaisen unsere» Großherzogthums, Kindern also, die auf irgend welche Weise Vater oder Mutter verloren haben und der elterlichen Erziehung entbehren müssen, zur Aufgabe ge« macht. ES sei gleich hier hervorgehoben, daß bei der Grün­dung deS Vereins der Gedanke fern gelegen har, dadurch einen Gegensatz zu den genannten so segensreich wirkenden Skeichsfechtschuleu zu schaffen. Man hat sich dieselben zum Borbild genommen, lediglich von der Erwägung ausgehend, » einmal die Waisenpflege in unserem Großherzogthum durch L^rndeSgesetz geregelt ist und daß die bedeutenden Gummen, welche den Fechtschulen im Laufe der Jahre aus Hessen zuglstogen find, zu den durch die Aufnahme von Kindern in den erbauten Waisenhäusern bis jetzt verursachten Kosten in keinem Verhältniß stehen.

Man erstrebt daher das Ziel, das in Hessen aufgebrachte Geld im Interesse zunächst von Kindern unseres engeren Vaterlandes zu dem oben angedeuteten Zwecke in nutzbringen­der Weise zu verwenden. Es erübrigt hier anzuführen, wie außerordentlich zahlreich die Fälle sind, in denen neben der staatlichen Hilfe für unsere Vollwaisen die Fürsorge für sogen. Halbwaisenkinder, die des elterlichen Schutzes und Anleitung entbehren müssen und so der Verwahrlosung anheimgegeben stnd, außerordentlich Noth thut.

Um solchen Kindern ein bleibendes Heim zu schaffen, ist die Erbauung einer Heimstätte, in der die Zöglinge Er­ziehung und Pflege ähnlich wie in den Pestalozsthausern finden sollen, inS Auge gefaßt. Daß das erstrebte Ziel zu erreichen ist, dafür spricht die Thatsache, daß vom September 1892 bis dahin 1896 Seitens des Vereins daar 2500 Mk.

71 Pfg. verzinslich angelegt werden konnten und außerdem ein Vermögensbestand, bestehend in Sammelbüchsen usw., von 3494 Mk. 75 Pfg. nachgewiesen ist, was zusammen 5995 Mk. 45 Psg. ergibt. Dazu ist auch die Abhaltung einer Lotterie mit 75,000 Loosen ä 2 Mk. zu Gunsten de» Vereins pro- jectttt; ferner wurde von einem Gönner ein Grundstück zur Erbauung eines Hauses zum Geschenk gemacht, so daß der Gedanke, den Bau eines Hauses bald in Angriff nehmen zu können, seiner Verwirklichung um ein Beträchtliches näher gerückt ist. Aber noch viel bleibt zu thun, um daS Gelingen deS Unternehmens dauernd zu sichern.

Die Mittel müssen reichlich fließen und rechnet man dabei auf die Unterstützung und Mitwirkung jedes einzelnen edel denkenden Menschen, getreu dem Grundsätze: Viele Wenig machen ein Biel. Und eS ist leicht hier mitzuhelfen. Für 50 Pfg. Beitrag für das Jahr gewinnt Jedermann daS Anrecht der Mitgliedschaft des Hessischen FechtvereinS. Durch den Verkauf von weiteren solchen Mitgliedskarten wird der Titel eines FechtwarteS erworben, worüber Urkunde und Abzeichen durch den Verband kostenlos übermittelt werden. Die weiteren Bedingungen über daS Aufrücken in die höheren Grade wie Oberfechtwart usw. find aus den Satzungen des Vereins ersichtlich. Gar Manche der verehrten Leserinnen und Leser wird sich noch der Zeit erinnern, wo dasFechten" für die ReichSfechtschule an der Tagesordnung war und mit Genugthuung daran zurückdenken, mit welcher Freude er die Urkunde über die Ernennung zum Fechtmeister der deutschen ReichSfechtschule entgegengenommen hat.

Freilich nicht in diesen äußeren Dingen, sondern in dem Bewußtsein einer edlen Sache gedient und zum Gelingen derselben beigetragen zu haben, darin liegt der wahre Wrrth der Erinnerung. Und fürwahr, eS ist Großes erreicht worden. Man vergegenwärtige fich die Thatsache, daß die Lahrer Generalfechtschule zur Zeit über einen VermögenSbestaud von 476,665 Mk. 78 Pfg. verfügt.

Auch in unserem Hessenlande kann AehnlicheS erreicht werden und ein weites Feld der Thätigkeit ist uns eröffnet.

Mit größter Freude können wir berichten, daß die menschenfreundlichen Bestrebungen deS Vereins überall Wür­digung und fruchtbaren Boden gefunden Haden.

Auch Seitens unseres Großherzogl. HauseS werden dem Verein die regsten Sympathien entgegengeb'acht. Unter dem

Alle Anuoncen-Bureaux deS In- nnb Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger- entgegnt.

24. October l. I. ist dem Vorstand Seiten» deS Kammer- Herrn Ihrer Königl. Hoheit der Großherzogin ein Hand­schreiben zugegaugen, in welchem eS wörtlich heißt:

Ihre Königliche Hoheit die Großherzogin haben mit großer Freude und Genugthuung den Bericht über den neu in'S Leben getretenen FechtvereinWaisenschutz" in Darm­stadt entgegengenommen. Ihre Königliche Hoheit wünschen dem Verein mit seinen segenbringenden Zielen ein gutes Ge­deihen und schöne Erfolge und werden den Bestrebungen desselben stet» daS größte Interesse entgegenbringen.

Als Beitrag Ihrer Königlichen Hoheit zu dem Grün- dungSfond des Verbandes bin ich beauftragt, dem Vorstar de 50 Mk. aus der Privatschatulle Allerhöchstderselben zu Ub:r» senden."

Auch Seine Großherzogliche Hoheit Prinz Wilhelm rott Hessen haben unter Anerkennung der Bestrebungen deS Ver­eins eine namhafte Spende durch Höchstdeffen persönlichen Adjutanten zu überweisen geruht.

Diese Beweise des Allerhöchsten Wohlwollens werden überall in unserem Großherzogthum die größte Freude Her­vorrusen und ein Ansporn zu immer weiterem Streben sein.

Ganz besonder» richten wir daher an die Bewohner unsere« HeffrnlandcS die herzliche Bitte, uns zu unterstützen und durch Beitritt tu den Verein und Verkauf von Mitglied- karten an Freunde und Bekannte unser Werk fördern zu helfen.

Auch durch das Sammeln von Eigarrenabschnitten, Staniolkapseln, Korkstopfen, getragenen Glacehandschuhen und alten Briefmarken können dem Verein wesentliche Dienste ge­leistet werden, da durch den Verkauf derselben schöne Em- nahmen erzielt werden.

Mitgliedskarten werden durch den Vorstand des Verbandk» Gießen des Hessischen Fechtvereins gegen Einsendung vsn 50 Pfg. in Briefmarken, KartenblockS für Bewerber und Bewerberinnen um den Titel eines FechtwarteS deS Verein» zum Verkauf in Freundeskreisen zunächst kostenlos gegen genaue Angabe von Wohnort und Adresse übermittelt. Sammelobjecte oder Zuwendungen in Baar werden an die Adresse des Vorstandes erbeten, lieber jede Gabe wird Quittung ertheilt und die Namen von ernannten Fecht- warten u. s. w. in der Vereinszeitung und in diesem Blatte veröffentlicht.

Feuilleton.

Spiritus indocilis.

AuS dem Italienischen des E. Castelnnooo.

Don M. v. Locella.

(Schluß.)

Im Trost?"

Ja, wirklich. Ich verließ jetzt Venedig gern, denn auch sie war nicht mehr hier und mir winkte die Hoffnung, ihr anderswo zu begegnen. Eitle Täuschung! Kein Wirth, kein Postillon entsann fich auf eine Reisende, deren AeußereS mit der Beschreibung meiner jungen Freundin übereingeftimmt hätte. Ihr Bild immer vor Augen, in Gedanken beständig mit ihr beschäftigt, traf ich zu Hause ein, wo meine Mutter mich blaß, aufgeregt und abgemagert fand. Ich entdeckte ihr alle»."

Und sie? Ich bin neugierig, zu hören, wie Ihre Mutter baß seltsame Abenteuer beurtheilt haben mag," unter­brach hier die Gräfin A ba.

ES war so: im Anfang hatte meine Mutter eine Regung von Dankbarkeit für die Unbekannte, die sich meiner angenommen. Dann, vielleicht um mich von einer hoffnungS- losen Neigung abzuziehen, wurde sie kühler und eines Tages sagte sie:Höre, mein Sohn, je mehr ich darüber nach- denke, je mehr scheint eS mir, daß Du sür eine Kokette schwärmst."

SD, daS ist zu viel gesagt."

Ich selbst lehnte mich gegen diese» Unheil auf. Aber fie in ihrer ruhigen, maßvollen Weise, die der getreue Spiegel ihre» klaren Geistes war, sagte zu mir:Nein Ludwig, ein verständige» Mädchen wirft nicht einen Funken in da» Herz eine» jungen Mannes, ohne fich um die Flamme zu kümmern, die daraus entstehen kann."

Und ®ie, Herr Professor, nahmen Sie stillschweigend die Berultheiluvg Ihrer Freundin hin?"

Keineswegs. Monatelang suchte ich meine Mutter zu überzeugen, daß fie Unrecht habe, monatelang hegte ich eine tiefe mrd aufrichtige Verehrung sür Spiritus indocilis "

Und nachdem diese Monate vorüber waren?"

AlS me ne Hoffnung, Spirit» indocilis wiederzusehen,

gänzlich geschwunden war, gab ich meiner Mutter zwar keines­wegs Recht, aber ich hörte auf, darüber zu reden. Neue Sorgen traten an mich heran. Ich gab die künstlerischen Bestrebungen auf, für die ich keine hervorragende Begabung besaß, um mich Studien zu widmen, die mir einen gewissen Ruf verschaffen sollten. Der Dichter wurde Gelehrter."

Und der Gelehrte hat nie die junge Dame wieder- gesehen, die dem Dichter einst gefallen hatte?"

Nie. Lebt fie noch? Glücklich oder unglücklich? Im Kreise einer Familie ober allein? Erinnert fie fich noch deS unglücklichen Verfassers deSGraf Ugolino" ? ES find dies Fragen, die mir mehr zu denken gegeben haben, al» man eS bei meinen Jahren und meinem gewichtigen Amt al» Senator und Akademiker vermuthen sollte. Und bisweilen möchte ich die Hälfte meines vergänglichen wissenschaftlichen Ruhme» hin­geben, nur um sie einen Augenblick zu sebrn."

Wirklich?"

Ja, so wie ich sie vor fünfundvierzig Jahren im Dogen- palaft sah vor dem Parodie» de» Tintorerto mit ihrer schlanken Figur, ihrem blonden Haar, ihrem rosensarbenen Hütchen."

Um Ihren Wunsch zu erfüllen, müßten wir zu der Zett leben, wo Feen Wunder tharen."

Ohne Zweifel. Aber andererseits, wa» würde ich dabei gewinnen, sie heute wiederzusehen, wenn fie überhaupt noch lebte? Könnte sie nur entsernt dem Bilde gleichen, da» meine Phantasie von ihr bewahrt? Was wäre au» ihrem blonden Haar, ihren großen, ausdrucksvollen Augen geworden? Wer weiß, wie viele Falten jetzt auf ihrer Stirn liegen und wie eckig ihre damals so volle biegsame Gestalt geworden ist."

Aber bitte," unterbrach hier ein wenig verstimmt die Gräfin,glauben Sie, daß Spiritus indocilis viel dabei ge­winnen würde, Sie wiederzusehen?"

O keineswegs," antwortete lachend der Professor, ob­schon ein wenig überrascht durch die offenherzige Frage seiner Nachbarin.Ich war zwanzig und bin jetzt sünsundsechzig Jahre, damals war ich schlank und stolz auf meinen üppigen Haarwuchs, jetzt habe ich einen kahlen Kopf. Ich war Dichter und jetzt bin ich Professor der Paläontologie. Besser bleibt eS also, dieser Traum, der vor einem halben Jahrhundert Wirklichkeit war, wird für keinen von beiden gestört."

Und doch haben Sie eins nicht bedacht," bemerkte die

Gräfin.Diese Illusion kann für Sie ungestört fortdauern, da Sie den wahren Namen von Spiritus indocilis nicht gekannt haben, aber war diese nicht in einer anderen Lage? Sie, Herr Professor, würden, wenn Sie heute Ihrer alte« Flamme begegneten, dieselbe nicht wieder erkennen, aber Spiritus indocilis müßte vermittel» Ihres Namens gleich wissen, wer Sie find. Sie*

In diesem Falle möchte ich sagen: Armer Spiritus indocilis 1*

Unter seinen Augen hätten Sie so zu sagen an Jahre» und Umfang zunehmen können."

Der Professor sah sich unruhig um.

Sagen Sie aufrichtig, haben Sie etwa den Schlüße! zu dem Geheimniß?"

Ich? Wie kommen Sie darauf?"

Die MittagSglocke hatte vor einigen Minuten geläutet und der Saal hatte fich allmälig geleert.

ES ist Niemand mehr da," sagte die Gräfin.

Haben Sie die Glocke nicht gehört? Sie find alle schon bei Tisch."

Und Ihre Geschichte ^ist zu Ende?"

Ja, Gräfin!"

Dann wollen wir dem Beispiel der Andern folge«. Geben Sie mir den Arm und führen Sie mich an meinen Platz!"

Nach der table dhdte zog fich die Gräfin Alba auf ihr Zimmer zurück und streckte fich auf einem Lehnstuhl am Fenster aus.

Mama, kommst Du nicht hinunter?" srug aus dem Nebenzimmer eine nicht mehr junge, aber noch anmuthige Dame, die vor dem Spiegel ihr Haar ordnete.

Ich komme gleich, geh nur voraus."

Auf Wiedersehen, Großmutter!" sagten zwei hübsche Kinder von zehn und zwölf Jahren, indem fie die Gräfin küßten.

Der Professor Marcoucelli hat Recht," dachte bei fich die Gräfin Alba, als fie allein war.Er würde nicht» dabei gewinnen, wüßte er heute, wer ich bin. Aber auch er, großer Gott, welche Veränderung! Und er hat nichts errathen! Ist e» möglich, daß man so alt werden kann!?"