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Mittwoch den 15 Juli
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Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren
Gratisbeilage: Gießener Aamitienötätter
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Der Gesetz-Entwurf, betr. den Besuch von Tauz- belusttgungen und Wirthschaften von Seiten jagend- sicher Personen, wurde bekanntlich von Zweiter Kammer abgelehnt. Der berichtende Ausschuß beantragt Nichtbettritt zu diesem Beschluß. Präsident Fürst zu Isenburg-Büdingen kann diesem Gesetz-Entwurf nicht zustimmen. Durch den- selben würden insbesondere auf dem Lande alte Traditionen und Gebräuche zerstört. Er selbst habe ländlichen Festen beigewohut, bei denen Alt und Jung getanzt habe, aber selbst der strammste Sittenrichter hätte hier nicht tadeln können. Er könne es nicht auf sich nehmen, daß man sage, er habe sich daran betheiligt, dieses Gesetz zu Staude zu bringen. Graf Laubach, Freiherr von Heyl, Präsident Gold- mann und Prälat Habicht sprechen sich für ein solches Gesetz aus, das dazu bestimmt sei, jugendliche Personen vor Verführungen zu schützen. Freiherr von Hehl verweist auf die Schweiz, wo durch die Abstimmung des Volkes ein der- artiges Gesetz erlösten worden sei. Gegen die Stimme des Fürsten zu Jsenburg-Büdingen findet sodann das Gesetz die Annahme des Hauses.
Die Rückäußerung Zweiter Kammer bezüglich der Anstellung weiblicher F abrikinspectorinnen, des Gesuchs der hessischen Mitglieder des deutschen Kriegs- und Friedens- Invaliden-Verbandes um Steuerbefreiung und Peu- sionserhöhung sowie das Gesuch des pensionirten Oberwachtmeisters K. Gieß zu Romrod und des GestütSdienerS i. P. Lohr in Darmstadt um Pensi ons serhöhung wird conform den Anträgen Zweiter Kammer genehmigt.
Der von dem Abg. Wasserburg in der Zweiten Kammer gestellte und dort abgelehnte Antrag auf Aufhebung des Jesuitengesetzes gtebt heute wieder Veranlaffung zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen dem BischofHaffner und dem Staatsminister Finger, Präsident Goldmann, Prälat Habicht und dem Grafen zu Laub ach. Letzterer weift darauf hin, daß der Jesuitenorden gegründet und von der katholischen Kirche geschützt worden sei, nur um die evangelische Kirche zu bekämpfen. Er beantragt Ablehnung des Antrages. Prälat Habicht weift auf die Christenverfolgungen durch die Jesuiten hin und giebt dem Hause einige Proben aus der Moraltheorte deS JesuitenpaterS Gurh zur K-nntniß, dessen Lehrbuch in dem Seminar in Mainz eingesührt sei. Präsident G o ldmann spricht sich mit Entschiedenheit für Ablehnung des Antrages aus. Bischof Haffner sucht die Darlegungen deS Prälaten Habicht zu widerlegen und bezeichnet die über die Jesuiten verbreiteten Anschauungen als Märchen, Eine chinesische Mauer möge man um daS Großherzogthum bauen, daun würden die Jesuiten doch kommen. ES würde dem hohen HauS zur Ehre gereichen, wenn eS für Aufhebung dieses abscheulichen Gesetzes eintrete. Sei dies nicht der Fall, so beantrage er, Großh. Regierung zu ersuchen, für Aufhebung deS JesuitengesetzeS Mitwirken zu wollen. — Staatsminister Finger steht nicht au, auch in diesem Hause zu erklären, daß er niemals den Hessischen Gesandten instruiren werde, daß er für Aufhebung deS JesuitengesetzeS eintreteu möge. Das Gesetz sei ein dauernder Protest gegen die Jesuiten. Gegen 4 Stimmen wird der Antrag abgelehut. Ebenso der Antrag deS Bischofs Haffner.
Schluß der Sitzung V82 Uhr. Morgen Sitzung.
putation der deutschen RetchSavgehörigen statt, welche eine Glückwuuschadreffe zur KrönungSfeier überreichte. Um 4 Uhr Nachmittags kehrten die Osfiziere und Cadetteu nut dem kaiserlichen Dampfer „Possilnh" nach dem Schulschiffe zurück. _____________
Wolff* telegraphisch-» Lorrespondenr-Burum.
Lardalsore», 13. Juli. Während deS Sonntages lag die „Hohenzolleru" bet Marifjären 'vor Anker. Vormittags hielt der Kaiser den Gottesdienst ab. Den ganzen übrigen Tag widmete er der Erledigung von RegierungSgeschäfteu zu dem Abends abgehenden Courier. Nachmittags fuhr die „Hohenzollern" nach Lärdalsören. Heute Vormittag unternahm der Kaiser einen längeren Spaziergang an Land. Auf die Nachricht, daß der französische Dampfer „Chanzy" bet Faroe auf Grund gefahren sei, befahl der Kaiser am SamStag Abend dem „Gefion", dem Dampfer zu Hilfe zu kommen. Nach verschiedenen vergeblichen Versuchen ist eS nun heute geglückt, den Dampfer abzuschleppen.
Petersburg, 13. Juli. Heute Morgen kamen auf der Station Alt-Peterhof die Offiziere und eine Anzahl Cadetten der deutschen Schulschiffe unter Führung der Commandanten Ahlefeldt und Thiele au. Die Osfiziere wurden von der Station in Hofequipagen abgeholt. Sie machten eine Spazierfahrt durch die Parkanlagen in Peterhof und frühstückten dann im alten Schloß Peterhof. Nach dem Frühstück wurden die Offiziere und Cadetten in Hofequtpageu nach dem KaiserpalatS gebracht, woselbst fie dem Kaiser vorgestellt wurden. Bald darauf fand die Vorstellung der De-
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Berlin, 13. Juli. Die „Nordd. Allgem. Ztg." sagt zu dem Artikel der „Köln. VolkSztg.", wonach neuerdings Söhne von Postunterbeamteo, auch wenn sie ein gutes Abiturienten- Examen gemacht hätten, von der Postverwalung als Postelev en nicht angenommen würden, weil der Vater Unterbeamter fei: Die Annahme von Posteleven ist lediglich Sache der Ober-Post-Directionen. ES besteht keinerlei Bestimmung, nach der die Annahme von Söhnen von Unterbeamten anders zu beurtheilen wäre, als die von Bewerbern aus höheren Gesellschaftsklaffen.
Berlin, 13. Juli. Wie das „Kleine Journal" au« Paris erfährt, hat sich Fritz Friedmann mit seiner Geliebten und einem Stenographen nach einem französischen Seebade begeben, um daselbst sein Buch: „Unfreiwillige Muße" zu schreiben.
Hannover, 13. Juli. In der letzten Nacht wurde der Maschinenmeister AhreuS von der chemischen Fabrik der EggerSdorser Salzwerke von Arbeitern erschlagen. Lohndifferenzen sollen der Grund dieser That sein.
Düffeldorf, 13. Juli. Der „Düsseldorfer Gen.-Anz." meldet, daß die Apotheke deS Ho möop athen vr. Vol- beding auf Anordnung des CultuSministerS geschloffen und die Medikamente beschlagnahmt worden find.
Bonn, 13. Juli. Wegen eines Streites wurde heute in Plittersdorf ein Knecht durch Faustschläge gegen die Schläfe getödtet.
Leipzig, 13. Juli. In Auergrottendorf hat sich am SamStag Abend eine entsetzliche Familien-Tragödie zugetragen, welcher drei Menschenleben zum Opfer gefallen find. Die Ehefrau des WetnzapferS Schtpke hat ihre beiden Kinder im Alter von 3 und 6 Jahren durch Erhängen umgebracht und sich dann selbst getödtet. AuS hinterlaffenen Briefen geht hervor, daß die Frau die That wegen ehelichen Unfriedens begangen hat.
München, 13. Juli. Die Ehe des Professors Lenbach ist heute von der ersten Civilkammer des Laud- geiichtS I getrennt worden. Die Kosten wurden der Frau Lenbach wegen böswilligen VerlaffenS auferlegt.
München, 13. Juli. Ein seit dem 3. d. MtS. ver- mißteS Liebespaar, ein 23jährtger Schlosser und eine 19jährige Büglerin, wurde gestern Nachmittag in der Isar aufgefunden. Die Beiden waren an den Hüften mit eine« Strick zusammeugebunden und hielten fich eng umschlungen. In einem bet ihnen vorgefundenen Briefe bitten fie um ein gemeinsames Grab.
Wien, 13. Juli. Gutsbesitzer Brabek in Udvar erschoß seine Frau und fünf Kinder und daun fich selbst aus unbekannten Gründen.
Tranteuau, 13. Juli. Infolge Umstürzens einer Schtebe- leiter wurde während des GaufesteS der Feuerwehr ein Mann getödtet und zwei andere schwer verletzt.
Budapest, 13. Juli. In Tapolesa find 56 Wohn- und viele WinhschaftSgebände niedergebraunt. Mehrere Personen werden vermißt.
Neapel, 13. Juli. Der Kegel deS Vesuvs, der wieder in voller Thättgkeit ist, gleicht einem Flammenmeer. Infolge der thalwärtS strömenden Lava ist die Verbindung de« Observatoriums mit der untersten Station der Drahtseil- dahn bereit« unterbrochen.
Parts, 13. Juli. China widersetzt fich dem Project einer Eisenbahn nach der russischen Grenze. Der HauptverhaudlungSpunkt mit Lthung-Tschaug bezog fich auf die Schaffung dieser Bahn, zu der die rusfischen und französischen Finanziers die Mittel gezeichnet hatten.
London, 13. Juli. Die „Morntug Post" bespricht den Artikel der „Hamb. Nachr." betreffend den Dreibund und meint, der letztere scheine seinem Ende entgegen zu gehen, seine Auflösung stehe bevor. Deutschland kehre zur Politik BtSmarckS zurück, d. h. zur Freundschaft mit Rußland und lege dabei gleichzeitig den Grund zur Verständigung mit Frankreich.
Loudon, 13. Juli. Wie aus Schoa gemeldet wird, hat König Menelik erklärt, trotz seiner tiefsten Verehrung für den Papst müsse er dessen Wunsch auf Freigabe der italienischeu Gefangenen so lange verweigern, bis zwischen Abeffynteu und Italien ein Friedens- und FreundschaftS- bündniß abgeschloffeu sei.
Erstes Blatt.
Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, Wil Ausnahme deS Montag«.
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Aus de« Verhandlungen der Ersten Kammer der hessischen Stände.
nn. Darmstadt, 13. Juli 1896.
Unter dem Borfitz deS Fürsten zu Isenburg- Büdingen trat heute die erste Kammer der Stände zu mehreren Sitzungen zusammen. Die Sitzung wird um halb 10 Uhr eröffnet. Vor Eintritt in die Tagesordnung pellt der Staatsminister dem Hause den Regierungsrath v. Biegeleben als technischen Referenten vor. Nach Be- kanntgabe neuer Einläufe erfolgt die Berathung der Vorlage der Regierung wegen Herabsetzung deS Zinsfußes bet Darlehen aus der LaudeScredttkasse. Die erste Kammer tritt den Beschlüffen zweiter Kammer bei. Ebenso bezüglich de« Gesetzentwurfs wegen Herabsetzung der TilgungS- qnote.
Die Vorlage der Großherzogl. Regierung, Erlaß eine« Neuen Kunftstraßengesetzes, gibt zu einer längeren Debatte Veranlassung. Zunächst ist eS Graf zu SolmS- Laubach, der fich gegen die von der Regierung geplanten Stetnlagerplätze in den Waldungen wendet. Dadurch würden die Privatbesitzer von Wald schwer geschädigt. Er beantragt Strich derselben. — Oberbaurath Schäffer steht auf dem Standpunkte, daß dieselben unbedingt nöthig sind. Die Regierung werde diese nur da anlegeo, wo sie eß für erforderlich halte. — Fürst zu Jie nburg-Birstein spricht fich ebenfalls gegen diese Lagerplätze aus. — Commerzienrath Oehler ist für Beibehaltung der Fassung, wie fie von der zweiten Kammer angenommen wurde, und wird demgemäß beschlossen. — Weiter findet eß Graf zu SolmS-Laubach bei Art. 34 und 44, die davon handeln, daß von jetzt an bei den Kreißämtern je ein Kreißbaumeister dem KreiSrathe beigegeben werden soll, der die Leitung deß Straßenbau- tvesenß übernimmt, nicht für gerecht, daß man die Kreißtechniker, welche fich doch in allen Stücken deß Straßenbaueß bewährt haben, so ohne Wettereß bei Seite setze. Eß empfehle fich doch hier nicht, Leute, die fich in der Praxis glänzend bewährt, akademischen Beamten unterzuordnen, die erst Beweise ihrer Tüchtigkeit abzulegen hätten. Hier müsse ein Uebergangsstadtum geschaffen werden, um besonders be- fähigte Kreistechniker an Stelle der Bauinspectoren zu ver- wenden. — Ministerialrath vr. Schäffer hebt die Schwie- rigkeit einer derartigen Organisationsänderung hervor. Der jetzige Straßenbau gehöre in die Hand eines akademisch gebildeten Technikers. — Regierungßrath v. Bi ege leb en hält die durch den neuen Gesetzentwurf festgelegte Stellung her Kreißtechniker für entschieden bester als seither. Außer einer Aufbesterung der Gehalte würden diese jetzt Staatsbeamte, was fie seither nicht waren, und würden dadurch penfionßsähig. Mehr zu thun, müste die Regierung entschieden ablehnen, um die ganze Organisationsfrage nicht zu gefährden. — In gleichem Sinne spricht Finanzminister Stber. — Freiherr v. Heyl weist auf die guten Er- sahrungen hin, die man mit den Kreißtechnikern gemacht habe. Er halte eß ebenfallß für eine Zurücksetzung, wenn man jetzt die Kreißtechniker kurzer Hand neben hin lege. Er verweist dabei noch auf den Kreißtechniker Häußler in Michelstadt, der selbstständig die schwierigsten Straßenbauten außgeführt habe tmb jetzt zum Hilsßarbeiter degradirt werde. — Graf zu Solmß-öaubach hält trotz den Erklärungen vom Regie- rungßtische seinen Antrag aufrecht, der zur Berathung dem Außschuß überwiesen wird. Im Weiteren findet der Gesetzentwurf die Annahme des Hanseß. Ebenso ohne Debatte der Gesetzentwurf, den Schutz der Heilquellen im Großherzogthum betreffend, nach dem Beschluß der zweiten Kammer.
Bezüglich deß Gesetzentwurfeß, daß oberste Ber- waltungsgericht betreffend, hat die zweite Kammer be- schloffen, nichtjuristische Personen von der Berufung in daß- selbe außzuschließen. — Namenß des berichtenden Ausschusses beantragt Commerzienrath Michel die Zuziehung nicht- juristischer Personen in Steuerfragen. Nur müßten bei Be- schlüffen und Entscheidungen die Mitglieder des Berwaltungß- gerichtßhofß in ihrer Zusammensetzung der Mehrheit nach die Dualität deß Richteramtes besitzen. Auf Empfehlung der Annahme des Antrages durch Ministerialrath v. Krug wird derselbe einstimmig angenommen.
Die Regierungsvorlage, Herstellung des Re- zierungsgebäudes, Neckarstraße 3, sowie tauschweise Abtretung von Gelände in der Gemarkung Vilbel, wird genehmigt, dagegen einem Gesuch der Katharine Michel- wann zu Hain-Gründau, Nachangeleg enh eit betreffend, »ad dem Gesuch deS Metzgers Leopold Baum IV. von Alzey «m Unterstützung, keine Folge gegeben.


