Ausgabe 
14.3.1896 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Samstag de« 14. März

$t. 63

Zweites Blatt

1896

Mchener Anzeiger

««art

Kenerak-Mnzeiger

2lRnts- unb Airzeigeblatt für den Tkreis Gieszerr

8'4 Uhr

P Hratisbeikage: chießener Aamitienbtätter

u.

land.

b :

21M

, 1

Nvmden

I Ml)

Feuilleton

saison

steckst Du denn eigentlich? Die Sonne

>nap-

äliliH63

Dir aus und

lunahm« von Anzeigen zu der Nachmittag- für de» leigenden Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.

aber in Wirklichkeit können doch nur diejenigen Verhältnisse die Preise bestimmen, die sich aus Nachfrage und Angebot, guten und schlechten Ernten, Handels- und Verkehrsstockungen oder auch Erschließung neuer Handelswege ergeben. Dies sind naturgesetzliche Einwirkungen, welche durch keine Börse und keinen Termiuhandel aufgehoben werden können und diesen Tatsachen sollte bet der erstrebten Reform deS BörsengeietzeS Rechnung getragen werden.

Regierung habe ihm eiu Schloß In Paris angewiesen, wohin man ihn geleiten wolle.

6.

«rraM

U

Die Gießener

>ettirn8fdlfer r erben dem Anzeiger d-chentlich dreimal beigelegt.

Der Jasmin duftete und die Rosen dufteten, der silberne Mond goß sein magisches Licht über die schlafende Erde und wob um Baum und Strauch seine Zauberschleier- traumhaft schön lag der Park vor JlfinkaS Blicken, die eben langsam, im weißen, schleppenden Mouffeltnkletde der Laube zuschritt. Gleich darauf knirschte der feine KieS unter leichten Tritten und Juval stand unter der Oeffnung der Laube.

Such um JlfinkaS Gestalt woben die Schleier der Mond­nacht. Nixenhaft schön ruhte ihr zarter Körper weich hin- geschmiegt tu der Ecke der Ruhebank- den Kopf hatte fie tu

Der Menet Anzeiger trief)eint täglich, * Ausnahme dcS Montag».

Stblui, ergebtnll

Zünftlern uni

etwas zu sagen."

dem Schatten der Platane bis dicht unter seine heißen Äugen schauten flehend zu

Offenbach, 12. März. Hier gerieth gestern ein kleiner Knabe unter die Räder der Electrischen Bahn und er­litt dabei so schwere Verletzungen, daß er auf der Stelle starb. Vormittags hatte ein Lastfuhrwerk ein anderes Kind überfahren und getödtet.

Mainz, 12. März. Die Gefahr einer wetteren Ausdehnung der Ueberfchwemmung scheint vorerst vor­über zu sein. Zwar wird von Maxau, Mannheim und Worms noch langsames Steigen gemeldet, dagegen lauten die Nachrichten von Kehl aufStillstand" und vom Neckar auf starkesFallen". Der am Vormittag eingetretene scharfe Rordostwind dürfte gleichfalls nicht ohne Wirkung bleiben. Hier ist der Rhein im Lauf des Tages noch 14 Centimeter gestiegen und steht gegenwärtig auf 4,43 Meter. Die Köln- Düsseldorfer Dampfschiffe haben heute ihre Fahrten einge­stellt. Zwischen hier und WormS haben einzelne von dem Hochwaffer am meisten bedrohte Gemeinden bereits Noth- dämme aufgeworfen. Heute Nachmittag haben hier große Festungsmanöver begonnen, an welchen die ganze Gar­nison theilnimmt. Dieselben werden die ganze Nacht fort­gesetzt und kommen dabet electrische Scheinwerfer zur Ver­wendung. Die Uebungen finden auf demgroßen Sande" statt, wo Erdwälle und Schanzen zu dem Zwecke gebaut find. Ein seit einiger Zett hier wohnender österreichischer Eisenbahn-Ingenieur wurde heute in das Irrenhaus ge­bracht, weil er von dem Wahn befallen, daß er Napoleon IV. sei. Seine Verbringung in die Krankenanstalt war nur dadurch zu ermöglichen, daß man vorgab, die fravzöfische

N ,6t d-«

za0,1

b. DU-

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Aber noch Jemand hatte mit ihm gelacht und geweint, eS war die reizende Jlsiaka, deS Grafen BobreSkh einziges Töchterchen- zu anderer Zett hatte fie ihn auch geschlagen, wenn sie aber dann in seine todeStraurtgen Augen sah, warf sie sich leidenschaftlich an seinen HalS und küßte ihn, dis ihm die Sinne schier vergingen.

Jlsinka war eine Vollblut-Ungariu in jeder Beziehung- fie verachtete wie alle vornehmen Ungarn die Zigeuner, nur Juval, den schlanken schönen Juval, dessen Augen solch ver­zehrendes Feuer auSströmren und deffen Lied zuweilen be­rauschte wie der feurige Schaumwein, ihn liebte fie. Das hinderte aber nicht, daß fie sich heute mit dem Grafen Karolh verlobte, denn lieben konnte sie den Zigeuner, aber heirathen niemals.

Um zehn Uhr, wenn Alle im Salon zum Spiel vereinigt waren, wollte sie ihm die Neuigkeit mittheilen; zu diesem Zwecke sollte er in die an der Parkmauer gelegene Roseulaube kommen, das hatte ihre Zeichensprache ihm vorhin gesagt

Man hatte die junge Gräfin al- Kind ruhig gewähren laffen, wenn fie in Begleitung ihrer deutschen Gouvernante mit Juval durch Wald und Feld streifte, mau hatte auch nichts dagegen, als sie älter wurden. Er durfte ihr jeden Abend stundenlang die süßesten Lieder spielen und fingen, er war ja nur einCygano" und somit verpflichtet, die Herr­schaft fo gut als möglich zu unterhalten. Ost wenn er spielte, kamen Alle zusammen, denn Mufik zieht den Ungar an, wie daS Licht die Fliegen- dann wechselte Juval schnell die Weise, statt der Phantasien spielte er feurige CzardaSmelodieo, der Bogen raste über die Saiten und nicht lange währte es, so tanzte Alt und Jung. Noch athemloS vom Tanze, warf daun der alte Graf dem Zigeuner einen oder mehrere Gulden zu. Niemals hatte Juval ein solches Geldstück berührt- waS kümmerte das aber den Grafen, wer es aufhob!

Wb«

Vorstellungen in

astik, Pauts-

sr^AlÄ

6 $*

die Hand gestützt und die dunklen Locken ringelten sich gleich Schlangen um ihre Finger, der weite, griechische Aermel war zurückgesuukeu und gab den in feiner plastischen Schönheit herrlichen Arm den Blicken frei. Juvals Augen hingen wie gebannt an ihrer Erscheinung. In nachlässiger Grazie reichte sie ihm, ihre Stellung nicht verändernd, die freie Hand.

Er küßt fie innig und demüthtg, dann fragt er fie mit seiner tiefen, weichen Stimme:

Hat JlfinkaS Herz fich von dem armen Juval gewendet, der sein Leben' für einen Blick dieser süßen Augen gäbe? WaS that der Graf, daß er den Schatz auf sein Schloß tragen darf, während der arme Juval in Sehnsucht vergehen wird nach dem Stern, der einzig seinem Leben Glanz verliehen?"

Vom Schmerz übermannt, sank er zu ihren Füßen nieder, die Hände flehend zu ihr emporhebeod.

Juval, so weißt Du schon, waS ich Dir mitzutheilen gekommen bin, ja, ich werde den Grafen heirathen und zwar schon in sechs Wochen, denn wiffe, mein Freund, ich bin nicht so reich, alS man glaubt, und der Graf besitzt Millionen."

Ein unsäglich schmerzlicher Blick auS seinen dunklen Augen läßt sie einen Moment verstummen. Bewegt reichie sie ihm beide Hände.

Du weißt, Juval, daß ich bis jetzt keinen so liebte wie Dich, und ich glaube, keinen so lieben werde, nicht einmal den Grafen, aber sprich, könnte ich Deine Gattin werden?"

Aufstöhnend wie ein verwundetes Thier erhebt fich der Zigeuner und weicht zurück.

Ja, Jlfinka, die Liebe kann alles- Du weißt nicht, was ich für Dich thun könnte. Du kannst eS freilich nicht, denn Du kennst nicht die Liebe, die das Herz aufwühlt in oll seinen Tiefen, die beseligende, die vernichtende Liebe- o, hätte ich den Grafen hier, ich würde ihn zermalmen, denn ich Haffe ihn, wie ich Dich liebe, namenlos- darum gehe nicht von wir, Jlfinka, verlasse mich nicht, ohne Dich bin ich elend, der gute Geist wird von mir gehen und der Geist der Rache wird mir die Waffe in die Hand drücken. Du weißt, daß auch ich reich bin, ich habe die schönsten Pferde und kann mein herr­liches Lieb mit den kostbarsten Perlen und edlen Steinen schmücken, eS ist alle» Dein- Du weißt, ich brauchte nichts als Deine Liebe, ohne diese werde ich verlöschen wie die Lampe ohne Oel, welken wie die Blume ohne Thau."

(Schluß folgt.)

1(8« 0 iS«

an

108« 1(8«

Zur Börsenreform.

Daß gewisse Mißbräuche und Auswüchse an der Börse, soweit alS e» möglich ist, gesetzlich bekämpft werben müssen, tarßber ist wohl Niemand im Zweifel, der den oft ganz übermächtigen Einfluß der Börse auf die Preisbildung der kcrthpapiere und gewisser Maaren kennt. Wenn aber bie kommtsfion für die Berathung des BörsengesetzeS im Reichs­tage immer neue und wettere Bestimmungen tu das Börsen- zrietz zu bringen versucht, so dürfte mau bald mit der ge- -ionten Reform Schiffbruch erleiden, indem man in dieselbe tani sovtele Forderungen bringt, die gar nicht mit unseren Handelsgesetzen und Handelsbräuchen in Einklang zu bringen find, also daS Börsevreformgesetz zum Scheitern bringen müffen. Bisher wurde eS als selbstverständlich betrachtet, daß ein Kaufmann den Preis der Waaren, mit welchen er Handel ; tr ibt, auch nennen und beliebig bezeichnen darf. Dem (iffectenhändler an der Börse soll aber in Zukunft dieses J Recht im Wege der Gesetzgebung verwehrt werden. DaS ! Publikum wird fich also fernerhin begnügen müffen, nur die ijvrückgesetzteu Preise" verschiedener Waaren in den Schau­fenstern zu studtren, während denselben die Preise der Werth- s Miere, auS welchen ein großer Thetl deS Nationalvermögens besteht, ferngehalten werden müffen, weil vielleicht dadurch Jemand zum Spiel verleitet werden könnte. Dies sind doch weit über daS vernünftige Ziel htnauSgehende Bestimmungen.

Unsere« Erachtens geht, man ferner auch mit dem Ver­suche der vollständigen Beseitigung deS GetretdeterminhandelS zu wett. Die Börsengesetz -Commisfion har seine Aufhebung beschlossen. Ob damit auch wirklich dem Landwirthe gedient fei« wird? Bisher konnte der Landwtrth, wenn er Geld brauchte, sein Getreide verkaufen, wenn er wollte, auch wenn er «och nicht auSgedroschen war- daS wird natürlich auf# ; tyiren, wenn der Kauf oder Verkauf auf spätere Lieferung gewissermaßen als Verbrechen geahndet wird. Ueberhaupr « doch der Jrrthum bekämpft werden, als ob der Termin- handel an der Börse ganz allein die Preise bestimme. 6)crn wollen wir zugeben, daß der Terminhandel die Preise zeitweilig sehr drücken oder auch sehr hoch treiben kann,

Dermifdytt».

* Eine monumentale Brücke über den Main. Man schreibt derFr. Ztg." aus München vom 25. v. M.: Die von demBismarck Denkmal-Bauverein" ausgeschriebene Concurrenz zur Errichtung eines Monumentes in Form eines Thurmes auf einer Höhe am Starnberger See hat sich zu Gunsten eines Entwurfes des hiesigen Architecten Fischer entschieden. Der Fischer'sche Plan, der übrigens noch einigen Abänderungen unterworfen wird, zeigt auf einem au« rauhen Blöcken aufgemauerten Fundament eine hohe, auf Freitreppen zu besteigende Terrasse, aus deren Mitte fich ein viereckiger Thurm erhebt. Derselbe ist mit hohem, in der Art der Bedachung römischer SiegeSmonumente gehaltenen Dach ver­sehen, dessen Spitze der Reichsadler bekrönt. Die vier Seiten des Thurmes werden Reliefschmuck erhalten, dessen Inhalt die vier Himmelsrichtungen und deren geographisch politische Bedeutung zum Ausdruck bringen soll. Sämmtliche ein­gelaufenen Entwürfe, unter denen sich viel Originelles findet, werden von dem Comits auf Antrag Lenbachs dem Verein, der finanziell vorzüglich fundirt ist, zum Ankauf vorgeschlagen werden. Die glänzendste Idee freilich, welche von einem angesehenen Münchener Künstler stammt, allerdings ober einen allgemeinen Gedanken, die Zusammengehörigkeit von Nord- und Süddeutschland verkörpert, ist trotz der lebhaften Sympathie, deren fie fich in Künstlerkretsen zu erfreuen hatte, nur bei der mündlichen Darlegung geblieben. ES ist der Gedanke einer monumentalen Brücke über den Main, sei in einer bedeutenden Stadt, sei eS an einem landschaftlich oder historisch hervorragenden Punkt des FlußuferS. Die Brücke selbst wäre als gewaltige, nach der Mitte auffteigende Bogenspannung zu denken, mit reichem Sculpturschmuck ver­sehen, und auf dem Höhepunkt von einem hallen- oder triumphbogenartigen Aufbau überragt, bestimmt, ein ent­sprechendes plastisches Monument in fich aufzunehmen. Der Gedanke hat inhaltlich und formal so viel Großartiges, daß

Lcr, ich habe Er tritt ia« Fenster ihr auf.

<in weher Seufzer trifft ihr Ohr.

Juval, wo steckst Du denn eigentlich? Die Sonnt blendet mich, daß ich Dich nicht sehen kann, komm doch hier.

vierteljähriger jMonnemettitoyrcU l 2 Mark 20 Pfg. mit vringerlohu. Durch die Post bezogat 2 Mark 50 Pfg.

Redaktion, 6rT>ebitiet und Druckerei:

Sch«kftr»«eHkt.^ Fernsprecher 51.

8*4 Ul;, itsaal).

Pe ^faet

bfdjau mit tu u» M dslM

».Bestand Hill. Mark, illschaft De eühtrhttt

Statt zu sprechen, hält fie beide Hände mit gespreizten Fingern hoch, nimmt die Rose von der Brust, küßt fie und c-rft sie ihm mit einem sinnverwirrenden Lächeln zu.

Er hat sie verstanden. Mit jauchzendem Laut fängt :r geschickt die Rose, hebt die Geige an das Kinn und entlockt :t)T Töne, die dem Schlagen der Nachtigall gleichen in ihrem Hmelzenden Hinsterben und wieder jubelnden Aufleben.

Noch ein Weilchen lauscht fie, finnenden Ausdruck im ilage, dem herrlichen Spiel, dann wirft fie plötzlich den Ichönen Kopf in den Nacken und mit flüchtigem Gruß nach bem Spielenden verschwindet sie hinter dem weißen Vorhang. Still und tobt liegt daS ganze Gebäude wieder da und mit einem schrillen Accarde, der wie der Aufschrei eine» gequälten Vtrzens klingt, läßt Juval sein Instrument finken.

Liebkosend fährt seine schmale, bcaune Hand über die Ä-eige- o, ihr hat er seit seiner frühesten Jugend alles er« «hlt, all fein tiefes Leid und sein unendliches Glück, und Re hat ihn verstanden wie Niemand sonst, sie weinte und '.achte mit ihm.

n für Giessen. Inserate.

arten, sowie ßitfe-- ift Preisangabe m

D r r Zigeuner.

Von L. Scharff.

(Nachdruck verboten.)

An den schlanken Stamm einer hochgewachsenen Platane seiehnt, steht ein junger Zigeuner. Die geschmeidigen Glieder leben vor Erregung, während der Bogen in seiner Hand der tteige süß schmeichelnde Melodien entlockt. Seine dunklen klugen find unverwandt auf ein durch einen klaren, weißen Tüllvorhang verhülltes Fenster gerichtet. Immer wilder und leißer werden die Melodien und immer sehnsüchtiger die vlicke. Da endlich theilt eine schneeweiße Hand das duftige ttewebe und ein jugendlich schönes Mädchenantlitz beugt fich veit heraus. D.e Strahlen der untergehenden Sonne weben einen goldenen Glorienschein um ihr Haupt und spielen über bie herrliche Büste.

Die Töne find für einen Moment verstummt und nur