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Mr. 294 Viertes Blatt
Sonntag den 13 Dezember
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Gießener Anzeiger
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Schwurgericht.
W. Gießen, 11. Decewber.
Heute Vormittag begann unter Vorsitz de» Herrn Land» gerichtßrath Müller die Verhandlung gegen Heinrich Scheerer von Rüddingshausen, angeklagt des Verbrechens im Amt, der Urkundenfälschung und des Betruges. Die An- klage vertritt Herr Staatsanwalt Zimmermann. Die Ver» theidigung sü^rt Herr RcchtSanwait Kraft. ES find 30Zeugen zu vernehmen. Der Angeklagte war vom Jahre 1888 an in RücdingShausen Bürgermeister, fett 1890 aber auch OrtS- gerichtt Vorsteher. Vor 1V8 Jahren wurde er von der Strafkammer zu Gießen wegen Verleitung zum Meineid zu SVe Jahren Zuchthaus verurtheilt. Nachdem der ziemlich umfangreiche Anklagebeschluß verlesen, erklärt fich der An» geklagte in einzelnen ihm zur Last gelegten Fällen für schuldig, bestreitet aber, daß eS fich in all den Fällen um VermögenS- vortheile für ihn gehandelt hat. Er fei bet der 1888er Bürgermeisterwahl al- Candidat der geringen Leute mit einer Stimme Mehrheit zum Dorfoberhaupt gewählt. Sein Vermögen, da- er damals besifien, fei nicht sehr erheblich ge» Wesen. Im Besitz von etwa acht Morgen Land, fei fein Gütchen doch 4000 Mk. Werth gewesen. Unwahr sei eS aber, wenn die Anklagebehörde behauptet, daß ihn das Traktiren vor und nach seiner Wahl finanziell zurückgebracht habe. Sein Wahlsieg sei verhältnitzmäßig billig zu stehen gekommen. Einige Faß Bier, die er spendirt, seien dem Werlhe nach kaum der Rede werih. Im Jahre 1890 habe man ihm auch das Vorsteheramt vom OrtSgericht übertragen. Wegen der Mitw rkung der anderen Orts- gerichtSmänner bet vorkommenden Geschäften befragt, gesteht Angeklagter mit einem gewifien Humor zu, die seien weiter nicht gefragt worden und hätten meistens unterschrieben, ohne viel zu lesen, nachdem er ihnen über den Inhalt deS SchrtststückS, das zu unterschrcibrn war, Bescheid gesagt. Bet fünf Fällen der Fälschungen tst dte eine Täuschung so beschaffen, wie dte andere. ES bandelt fich um Schuldscheine, die der Angeklagte an dte Kiffen von Londorf, Geilshausen und Grünberg gegeben, auf denen er theilweise dte Bürgschafts-Unterschriften, in anderen die Beglaubigungs- Unterschriften der OrtsgerlchtSmänner gefälscht, in einzelnen Fällen haben dte OitSgertchlSmänner die gesälschten Unterschriften der Bürgen beglaubigt. Es handelt fich hier um fünf Darlehen, dte Scheerer von zusammen 1600 Mark erhoben. Die weiteren sechs Fälle sind auch emer wie der andere geartet, nur mit dem Unterschiede, daß bet zwei Fällen Scheerer sich selbst bereichert hat. Der Thatbestand
dieser Delikte tst der folgende: In RüdotngShausen stand etne Feldberetntgung bevor. RüddtugShausen ist ein Ort, deffen Bewohner vielfach nach Paris als Gassenkehrer oder sonstwohin ins Ausland gehen und ihre Ackerparzellen an Verwandle überlasten oder sonstwie später verkaufen. Von diesen Befitzwechseln tst aber vielfach kein Act im Grund» buch genommen, dte Leute tm Ausland sivd gestorben und verdorben, trotzdem längst andere Personen Besitz von den Ackerflächen genommen, sind dte früheren Besitzer nach den Grundbuchacten noch Eigenthümer derselben. So war auch ctn gewisser Dörr tu den vierziger Jahren nach Amerika gegangen, nachdem er seine Aecker versteigert und an Ver- wandte theilweise verschenkt hatte. Dte Steigerer und Verwandten haben damals auch Besitz von den Aeckern und Wiesen ergriffen, im Grundbuch fungirte aber Dörr noch als Eigenthümer. Statt nun, wie es richtig gewesen wäre, durch ein Aufgebot dte Erben des Dörr durch die Zeitung zu ermitteln, um etne Punctation wegen des BefltztitelS zum Zwecke der Aeuderuug tm Grundbuch vorzuuehmen, oder wenn solche sich nicht meldeten, in Form Rechtens zu bewirken, erklärte einfach der Angeklagte als OrtSgerichtsvorsteher eine Frau Susanne Feldbusch, geb. Dörr, als alleinige überlebende Erbin deS nach Amerika gegangenen Namensvetters, fertigte eine Kausnotel an, ließ sie von der Feldbusch und auch von dem factischeu Besitzer der betrtffcndeu Wiesen und Aecker unterschreiben, beglaubigte, was zu beglaubigen war und schickte dte Punctation an daS zuständige Amtsgericht nach Homberg, von wo der Amtsrichter den Eintrag in daS Gruntbuch verfügte. So machte Scheerer alles schön in dte Reihe, um tm Grundbuch Ordnung zu schossen, und damit er selber nicht zu kurz kam, ließ er die Frau Susanne Feldbusch, die, als Zeugin vernommen, erklärte, sie habe dem Bürgermeister Alles unterschrieben, was er verlangt habe, ohne eS zu lesen, auch in zwei Fällen Kaufnotuln unterzeichnen, wonach sie als die einzig überlebende Ecbin des Dörr seinem, deS Bürgermeisters, Sohu zwei und deffen Schwester zwei Wtesengrundflücke verkaufte. So wurden denn auch zwei Scheerer'sche Famillevmitglteder als Eigen» thümer ins Grundbuch eingetragen, ohne daß deren rechtmäßige Besitzer gefragt wurden oder eine Ahnung davon hatten.
Die Anklage nimmt an, daß der Angeklagte diese zwei Ueberschreibungen an seine Familie bewirkt hat, um bet der Feldberetniguug Nutzen daraus zu ziehen, daß er diese Maut- i pulation in den vier übrigen Fällen vorgenommen hat-, um | dte Sporteln zu verdienen, dte er als OrtSgerichtSmann 1 davon gehabt. Die Gebühren der ganzen OrtSgerichtSbar-
kett sind nämlich meistens in ScheererS Sack gewandert, denn feine Collegen depontren, sie hätten selten einen Pfennig von den Einnahmen deS OrtSgerichtS bekommen. (Forts, folgt.)
Hygienische Weihnachts-Geschenke für Jung und Alt.
Von Dr. Otto Gotthilf.
(Nachdruck verbotm.)
O du fröhliche, o du selige, freudeospendende Weihnachtszeit, wieder stehst du vor der Thür, um Jung und Alt mit Gaben der Liebe zu beglücken! Wie klopft schon daS Herz der lieben Kleinen in Erwartung der herrlichen Dinge, dte da kommen sollen, wie horchen und paffen fie auf, wenn dte Eltern letse mit einander sprechen oder ein Packet uneröffnet einschließen. Auch dte Erwachsenen suchen einander die geheimsten Wünsche an den Augen abzulesen, um durch Erfüllung derselben überraschende Freude zu bereiten. Aber bisweilen hilft alles Kopfzerbrechen nichlS, eS will einem durchaus nichts etnsallen, es sagt einem nichts aus dem schier unerschöpflichen Sacke deS Knecht Ruprecht zu. Da möchte ich denn dte Aufmerksamkeit auf einige Geschenke lenken, welche nicht nur sehr nützlich, sondern auch der Gesundheit äußerst zuträglich find. Durch deren Wahl wird man seine Angkhörtgeu erfreuen und ihr körperliches Wohlergehen ein gut Thell fördern.
Wo irgendwie Gelegenheit zum Schlittschuhlaufen ist, wähle mau diese „Flügel der Füße" zum Geschenk für Kinder und Erwachsene. Im Winter, wo viele Menschen einen großen Thetl deS Tages in schlecht ventilirter, durch Heizung und Beleuchtung verderbter Stubenluft zubrtngeu müffen, ist eS überaus Vortheilhaft für Aihmung, Blut- circulation und Stoffwechsel, tu freien Stunden sich draußen energische Bewegung zu machen und daS papulum vitae, die Lebenslust, in vollen Zügen einzuatbmrn. Dies wird durch Schlittschuhlaufen weit besser erreicht, als durch einfache- Spazierengehen, bei dem die Athmung nur eine langsame ist und meist auch die gesellige und gemeinsame Lustigkeit fehlt.
O Jüngling, der den Wasserkothurn Zu beseelen weiß und flüchtiger tanzt, Latz der Stadt ihren Kamin! Komm mit mir, Wo des CihstallS Ebene Dir winkt! (Klopstock.) Namentlich für Lungenschwache, Bletchsüchtige, Nervöse und Schwächliche ist dies eine herrliche, von Mutter Natur uns dargebotene Gymnastik. Auch sehr corpulente Personen
Feuilleton.
Das erste Concert.
Bon E. Capley.
(Nachdruck verbotm.)
I.
„Ach bitte, Herr Röltg, schlagen Sie noch einmal zum Schluß den C-Dur-accorö an, — daun wird eß für heute genug sein."
„Do —re—mi—fa—sol—la—si—do! * schmettert Margarethen- klare, frische Stimme. Dte Wände deS Zimmer- erscheinen fast zu enge, um die gewaltige Tonfülle zu fassen, eS tst, als müßten diese jubelnden Klänge die niedrige Decke sprengen und direkt zum Himmel htvaufdrtngen, um dort mit dem Chor der Engel zu verschmelzen.
An dem kleinen alten Ciavier, daS in seiner Bauart einem Sarg auf vier Beinen gleicht (man zählte daS Jahr 1845) sitzt ein blasser, junger Marn und starrt unausgesetzt in einen kleinen, hinter dem Instrument hängenden Spiegel, aus dem ihm daS Bild der Sängerin entgegenleuchtet. Seine dunklen Augen hefteten fich mit leidenschaftlicher Gluth auf den lieblichen Mädchenkopf mit seiner blonden Lockenfülle, seinen großen blauen Augen und dem süßen, rothen Mund, der beim Singen zwei Reihen tadelloser Zähne zeigt.
Margareihe S. . ., die Tochter einer armen Beamten» vittwe, tst mit ihrer Mutter vor einigen Jahren nach der großen, mitteldeutschen Stadt gezogen, um Musik zu studtren. Nun steht fie vor dem Ziel ihrer Wünsche — fie hat ihre Studien beendet und soll morgen, durch die Protection ihres iLehrer-, Professor Müller, begünstigt, ihr erstes Concert geben. Heuer ist leider erkrankt und infolge dessen hat Guido Rölig, itiuer ihrer Mitschüler, eS übernommen, fie an Stelle de- »alten Herrn am Clavier zu begleiten.
Der kommende Tag hat für Margarethe noch an Be- ideutung gewonnen, seitdem fie weiß, daß ein bekannter Wiener Theaterdirector auf Veranlassung des Professors dem
Concerte beiwohnen wird, um fie, falls fie die Feuerprobe eine- ersten DebutS bestehen sollte, als Opernsängerin für seine Bühne zu engagtren. Auf dieses Engagement baute daS junge Mädchen ihre ganze Hoffnung für die Zukunft,- für diesen Zweck hat fie einen Saal in einem der größeren Gasthäuser gemiethet. Gefällt fie dem Director, so darf fie einer geficherten Zukunft entgegensehen. Im entgegengesetzten Falle jedoch ist dte Ausficht eine ziemlich trostlose. Die kleinen Ersparnisse ihrer Mutter find von den theuren Gesangsstunden bereits verschlungen worden, — baß letzte baare Geld ist für dte Miethe deS Saales verausgabt und daß magere Wtttwengehalt der alten Dame genügte kaum zum Lebensunterhalt einer Person, geschweige denn für zwei.
Margarethen- Herz ist schwer. Mit traurigem Blick sieht fie beim Singen an dem Kopfe deS ClavierspielerS vorbei auf ihr Bild im Spiegel und achtet nicht auf die leidenschaftlichen Augen, welche den ihrigen dort zu begegnen suchen.
Plötzlich hört die Clavierbegleitung mit einer schrillen Dissonanz auf. Die Gefühle deS jungen Mannes haben ihn überwältigt- er liegt zu Füßen der Sängerin und bedeckt ihre Hände mit Küssen.
„Oh, angebetete Margarethe," ruft er, „ich liebe Sie! Nicht länger kann ich Ihr Bild so vor mir sehen, ohne Ihnen mein Herz zu entdecken!"
Margarethe ist sehr bestürzt.
„Bester Herr Rölig," sagt sie ängstlich, „stehen Sie doch auf! Wenn jetzt Mama hereinkäme, was müßte fie nur denken !"
Aber der junge Mann erhebt seine dunklen Augen flehentlich zu seiner Göttin und schüttelt die lange Künstlermähne, dte ihm über die Stirn hängt und die ihn nach seiner. Anficht unwiderstehlich interessant macht.
„Erst müssen Sie mich anhören, Margarethe. Ich liebe Sie und kann nicht ohne Sie leben. Als ich Sie baß erste Mal sah, prägte fich Ihr Bild mit unauslöschlichen Zügen
in mein Herz. Wir üben nun bereits seit einer Woche täglich miteinander und mit jedem Tage wurde eß mir schwerer, Sie nicht mitten im Gesang mit den Worten zu unterbrechen: Margarethe, ich bete Dich an! Ich weiß eß ja, daß Du mich wieder liebst- — willst Du die Meine werden?"
Er spricht mit leidenschaftlicher Hast und heiserer Stimme. Seine glühenden Blicke erscheinen dem jungen Mädchen zudringlich und widerwärtig. Unwillig tritt fie einen Schritt zurück unb entzieht ihm ihre Hänbe.
„Ich weiß wirklich nicht, Herr Rölig, wie ich Sie verstehen soll," sagt fie kühl. „Wann gab ich Ihnen Veranlassung, zu glauben, daß ich Sie liebte und bei welcher Gelegenheit erlaubte ich Ihnen, mich „Du" zu nennen?"
„Du willst mich prüfen, Margarethe," entgegnet dir junge Manu erregt, ohne ihre letzte Frage zu beachten. „Da liebst mich — ich weiß eß! Deine Augen führten eine aufrichtigere Sprache al- jetzt Dein Mund! Denkst Du, ich hätte eß nicht im Spiegel bemerkt, wie innig Deine Blicke beim Singen auf mir geruht, wie Dein ganzes Wesen unbewußt die Gefühle verrieth, denen Dein Mund im fremden Liede Ausdruck lieh? O nein, Geliebte, nicht Deine Zunge sagte mir Dein Geheimniß — in Deiner Seele laß ich eß!"
Entsetzt schlägt Margarethe die Hände zusammen.
„Aber ich bitte Sie, Herr Rölig, sollten Sie nicht gewußt haben, daß ich im Spiegel meinen Ausdruck unb meine Geberde für die Bühne einübte- daß ich dabei nur an meine Rollen, an meine Lieder — niemals an Sie gedacht ? Gütiger Himmel! Glauben Sie etwa, ich hätte aus (SoEetterle den Sp'egel dorthin gehängt?"
Röltg erhebt fich langsam au- seiner Enieenbcn Stellung. Sein liebeschmachtender Blick hat einem grollenden Au-druck Platz gemacht- sein mageres Geficht fieht plötzlich recht häßlich aus.
Margarethe bemerkt die Verwandlung unb bereut ihre scharfen Worte. (Fortsetzung folgt.)


