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13/03/1896 Erstes Blatt
 
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Freitag den 13. März

Nr. 62

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Gießener Anzeiger

Kencral-Mnzeiger.

Aints« und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.

Dir (Airßmrr W.-ittruStätter werden dem Anzeiger »dchentlich dreimal beigelegt.

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An

Mein 1. Jnjanterie-(Leibgarde-)Regiment Nr. 115.

Tages-Befehl.

In schwerer Zeit vor zwei und dreiniertel Jahrhunderten, bet Beginn des unheilvollen dreißigjährigen Krieges, welcher unser Deutsches Vaterland in seinen Grundvesten erschütterte, hat Mein erlauchter Ahnherr Ludwig V. der Getreue, Land« graf von Hessen, den Befehl zur Errichtung Meines Leibgarde- Regiments gegeben.

WaS das Regiment von jenem 11. März 1621 an bis heute erlebt und erstrebt, wie es stets den Wahlspruch seiner FürstenGott, Ehre, Vaterland" hoch gehalten in Krieg vnd Frieden, wie eS auf fast allen Schlachtfeldern Europas gestritten hat, ohne einen Tag der Untreue, ohne einen Tag der Schande, ist mit ehernem Griffel für ewig in das Buch der Geschichte eingetragen. Alle Wandlungen deS dreißig­jährigen Krieges, die blutigen Schlachten des spanischen Erb- folgekrtegeS und die langen Feldzüge von 1792 bis 1815 hat das alte Regiment gesehen. Die Einnahme von Landau 1702, die Schlacht am Speterbach 1703, der Feldzug am Lech 1798 und 99, die mörderischen Schlachten von ASpern und Wagram, der Feldzug 1812 mit seinen ewig denkwürdigen Tagen von KraSuoy am 17. und dem Uebergang über die Beresina am 27. und 28. November unter der Führung eines helden- müthigen Prinzen Meines Hauses, sind besondere Marksteine der Hingebung, der Ausdauer und des HeldenmuthrS Meines Leibgarde Regiments.

Biele Generationen Meiner Vorfahren, Tausende und aber Tausende von braven Offizieren und Soldaten haben tu seinem Ruhme und seiner Ehre den eigenen Ruhm und daS eigene höchste Lebensziel gesunden. Sie sind Alle dahin gegangen! DaS Regiment aber ist ewig jung geblieben. Heute steht eS vor uns, ein Bild von jugendlicher Mannes- kraft und Stärke. Sie Alle, Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten, geben ihm durch Ihre Ehre und Ihr Leben die Gewißheit einer ebenso großen ruhmvollen Zukunft, als es die Vergangenheit gewesen ist.

Wie die Errichtung des Regiments in die trübe Zett des Niedergangs des alten Deutschen Reicher fiel, so war e» dem Regimente vergönnt, vor 25 Jahren ein thätiger Mithelfer an der Wiederherstellung deS neuen Deutschen Reiches zu sein. D«e Schlachtfelder Frankreichs, die in den vorderen Jahrhunderten so oft schon seine Söhne stets auf der Seite der Ehre und der Pflicht gesehen hatten, wurden die blutgetränkte Wahlstatt, welcher daS neue Deutsche Reich seine Wtedererstehung verdankt.

Die Tage von DionvtlleMarS la Tour, Gravelotte St. Privat, Metz, Noiffrville, Orleans, Meung, Beaugency Cravant, MontlivaultChambord und Vienne, die auf Euren Fahnen verzeichnet, sind beredtes Zeugniß dafür, was daS Regiment an der Seite andrer Deutscher Bruderstämme da­mals geleistet hat. Unter der ruhmvollen Führung Meines in Gott ruhenden Herrn Vaters Ludwig IV., unter dem Oberbefehl deS Großen Kaisers Wilhelm I. ist daS Regt« ment vor 25 Jahren zum letztenmale ins Feld gezogen; mit Ruhm und Ehre bedeckt ist eS in unsere Hessische Heimath zurückgckehrt.

Offiziere, Unteroffiziere, Soldaten!

Laffet die Erinnerung an die glorreiche Geschichte un­seres Regiments für Jeden ein Ansporn sein, sich zu ver­vollkommnen in jeder militärischen Tugend und Fertigkeit, damit wir stets bereit find, dem Rufe unseres Allerhöchsten Kriegsherrn, Seiner Majestät des Kaisers und Königs, zu folgen, würdig unserer Vorfahren, ein Vorbild für künftige Geschlechter.

Darmstadt, den 11. März 1896.

Ernst Ludwig.

Deutscher Reichstag.

57. Plenarsitzung. Mittwoch, den 11. März 1896.

Die Berathung der Gewerbenovelle wird bei Artikel 9, -welcher in dem von den Legitimationskarten der Detailreisendm handelnden S 44a der Gewerbeordnung lediglich eine redactionelle Berichtigung vornehmen will, fortgesetzt. #

Abg. Vogtberr (Soc.) beantragt Streichung des ganzm 844a, will also für die Detailreisenden die Führung von Legitimalionskarten ganz beseitigen. c ä

Der Antrag Vogtherr wird abgelehnt, Artikel9 und 10 werdm »ngmommen.

Artikel 11 will unter die Gegenstände, welche vom Ankauf oder Fellbieten im Umherziehm ausgeschlossen find, folgmde Waaren ein- reihm: als Nr. 10 Räume aller Art, Sträucher, Sämereien, Blumen­zwiebeln, Schnitt- und Wurzelreben und Futtermittel; alS Nr. 11 Schwucksachen, Bijouterien, Brillen und optische Instrumente; als Nr. 12 Druckschriften, andere Schriften und Bildwerke, sofern sie in Lieferungen erscheinen, falls nicht die Zahl der Lieferungen deS Werks

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Wolffs telegraphisches Torrespoudenz-Bureau.

Berlin, 11. März. AuS Anlaß des Geburtstages des Prinz-Regenten von Bayern findet morgen im hie­sigen königlichen Schlöffe bei dem Kaiserpaare eine größere Frühstückstafel statt, zu der unter Anderen sämmtliche Herren der königlich bayerischen Gesaudschaft geladen find.

Berlin, 11. März. Die Zuckersteuercommission deS Reichstages lehnte den zweiten Theil der BetrirbSfteuer der Paragraphen 65 bis 69 auf Antrag Pattkamer mit

und deffrn Gesammtprets auf jeder einzelnm Lieferung augenfällig verzeichnet ist.

Hierzu liegm vor:

Antrag Galler (südd. VolkSp.): in Nr. 10 die Worte Sämereien und Blumenzwiebeln zu streichen.

Antrag Hitze ((Str.): in Nr. 12 nur die Angabe deS Gesammt- preises, nicht dagegen die Zahl der Lieferungen vorzuschreiben.

Antrag v. Stromdeck ((Str.): a. die Nrn. 10 und 11 zu streichen; b. im Falle der Ablehnung vorstehendm Antrages, einen Zusatz zu beschlietzen, daß hinsichtlich der Nr. 10 und 11 die Landes­regierungen befugt seien, Ankauf und Feilbicten im Umherziehen zu gestatten.

Ein zweiter Eventualantrag desielben Abgeordneten geht dahin, durch zwei neue Zusätze anzuordnen, daß von dieser Befugniß der Landesregierungen zu Gunsten derjenigen Ortschaftm oder Bezirke Gebrauch zu machen sei, bei deren Bewohnern der Hausirgewerbe- belrieb mit Nr. 10 und 11 hergebracht ist. Der zweite Zusatz will den Vertrieb von Bijouterien oder Schmucksachen, die im Wege der Hausindustrie durch Handarbeit hergestellt sind, den Herstellern und deren Angehörigen für den Hausirhandel freigeben.

Antrag Schmieder (frf.) will die Bestimmung betr. Hausir- handel mit Druckschriften streichen.

Antrag Weitz-Lenzmann (frf. Vp.): in Nr. 11 die Worte: Brillen und optische Instrumente zu streichen.

Antrag Hahn (b. k. F.) in Nr. 10 einzufügen: Topfpflanzen.

Abg. v. Strombeck (Ctr.): Das Verbot des HausirhandelS mit Sämereien würde gerade zahlreiche kleine Landleute schädigen. Bei Schmucksachen werde sich kaum eine erschöpfende Definition geben lasten. Dem seßhaften Handel würde überdies das Verbot des HauflrenS mit Sämereien und Schmucksachen nichts nützen.

Staatssecretär v. Bötticher versichert auf eine bezügliche Anfrage des Vorredners, daß in der Thai nur dann politische Schriften dem Hausirvertrieb entzogen würden, wenn sie in sittlicher oder religiöser Beziehung Bedenken erregten.

Abg. Galler (Volksp.) empfiehlt seinen Antrag gerade im Interesse der Gärtnereien.

Abgg. Weiß und Hahn empfehlen ihre Anträge.

Ministerdireclor v. Woedke bittet um Ablehnung aller dieser Anträge.

Abg. Munckel (frf. Vp.): Der Herr Staatssecretär sagte: was politisch und deshalb in Bezug auf den Drucksachen-Hausir- Betrieb nicht ansechlbar ist, ist möglicherweise sittlich anfechtbar." Was kann da nicht an politischen Schriften, vielleicht socialen In­halts, für nicht sittlich gehalten werden! Wenn beispielsweise ein Arbeitgeber seinen Arbeitern vorschreibt, einer bestimmten politischen Richtung anzugehören, so hält das der Eine vielleicht für sittlich, der Andere nicht. Sie verlangen von dem Hausirer, falls er sich nicht der Bestrafung aussetzen will, daß er alle Sachen, die er führt, auch liest. Wie kann er dazu Zeit haben. Und da wollen Sie in den Paragraph gegen die Druckschriften-Eolportage gar noch eine neue Erschwerung hineinbringen! Die Zahl der Lieferungen vor- zufchreiben, ist ganz verfehlt. Die Colportage-Romane werden, wenn die proclamirte letzte Lieferung erscheint, einfach abschlietzen und man wird dann einen neuen Roman, als Fortsetzung des alten, erscheinen lassen. Gute Lteferungswerke, ein Lexicon, eine Encyclopädie können nicht einfach mit dem 16. Bande aufhören, wenn das Material noch für einen ferneren vorliegt und zum Abschluß des Werkes nöthig ist.

Abg. v. WolSzlegier (Pole) spricht in gleichem Sinne.

Abg. Payer (Vlksp.) spricht gegen das Verbot des Hausirens mit Sämereien. Diese Hausirer seien nicht Concurrenten der Handels- gärtner, sondern deren Abnehmer.

Badischer Gesandter v. Jagemann beleuchtet die Nothwendig- keit, die Sämereien im Interesse der Landwirthschast genau zu unter­suchen, wobei er namentlich auch auf die Phylloxera hinwetst.

Abg. Frhr. v. Stumm (Np.): Herr Munckel warf mir vor, ich schreibe meinen Arbeitern vor, für welche Partei sie stimmen sollen. Das fällt mir nicht ein. Nur diejenigen Arbeiter, welche Socialdemokraten sind, entlaste ich mit Innehaltung der Kündigungs­frist. Und das werde ich auch weiter thun, Herr Munckel! (Bei­fall rechts.)

Nunmehr wird unter Ablehnung aller übrigen Anträge die Vorlage mit dem Anträge Hitze angenommen. Bei Lteferungswerken braucht also nicht die Zahl der Lieferungen, sondern nur der Ge- sammlpreis angegeben zu werden.

AlS Art. 11a beantragen die Abgg. Gröber, Holleuser und Hitze, daß daS Auf suchen von Bestellungen und der Hausirhandel auf Abzahlung, falls der Veräußerer sich das Rücktrittsrecht vor­behält, verboten sein solle. Auch soll sich das Verbot auf das Detailrcisin auf Abzahlung erstrecken.

Der Antrag wird angenommen.

Art. 12 will die Landesregierungen ermächtigen, den Handel im Umher-iehen mit Schweinen, Ziegen oder Geflügel auf bestimmte Dauer zu untersagen.

Auf Antrag des Abg. Schädler wird eingefügt: Rindvieh.

Nach S 56c darf behördlicherseits in Ausnahmefällen der Hausirvertrieb auf dem Wege der Ausspielung (Lotterie) und Ver­steigerung gestattet werdm.

Auf Antrag des Abg. Gröber wird beschlossen, daß Wander­versteigerungen nur stattfinden dürfen bei dem raschen Verderbm ausgesetzten Waaren.

Eine Anzahl weiterer Abänderungsanttäge werden abgelehnt.

Nächste Sitzung morgen.

allen gegen 2 Stimmen ab. Finanzminister Miquel tritt im Jntereffe der kleinen Fabriken für die staffelförmige Be- triebssteuer ein und erklärt, wenn fie nicht staffelförmig an­genommen werde, so werde die Regierung wohl kaum noch Werth auf sie legen, vorausgesetzt, daß die Commission be­reit sei, für die bei Streichung der Betriebssteuer entstehende Verminderung der Ausfuhr - Vergütung einzutreten. Die Commission nahm ferner mit 13 gegen 7 Stimmen unter Ablehnung verschiedener Anträge den Absatz 1 der Para­graphen 80 nach Antrag Puttkamer an, wonach daS JahreS- contingent auf 17 Millionen Doppelcentner festgesetzt wird.

Rudolstadt, 11. März. Das Ministerium hat die Ein­gabe des StadtratheS von Frankenhausen wegen Erlaubniß zum Bau einer Eisenbahn nach dem Kyffhäuser abgelehnt.

Leipzig, 11. März. Die Verhandlungen deS Vorstandes des Deutschen Buchdruckervereins mit den Ver­tretern deSVerbandes deutscher Buchdrucker führten, wie dieFrkf. Ztg." meldet, zu einem Ergebntß, daS eine friedliche Lösung der schwebenden Fragen erwarten läßt.

Bern, 11. März. Die von der Direction der Jura- Stmplon-Bahn gemachten Zugeständuiffe werden von dem Personal als noch nicht genügend erachtet. Die Dele­gationen der einzelnen Betriebszweige werden der Direction ihre Begehren vorbringen. Von dem Erfolge dieses Schrittes hängt eS ab, ob der Strike am Freitag beginnt.

Petersburg, 11. Marz. Der bekannte Profeffor der Medicin, Sacharin, spendete eine halb e Milli on Rubel zur Errichtung geistlicher Primarschulen in Rußland. ___________

Depesche« des £hue«EHerold*.

Berlin, 11. März. Wie wir erfahren, wird da» Kaiserpaar mit den ältesten kaiserlichen Prinzen in Rom mit Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen zusammen- treffen und dortselbst das Osterfest feiern.

Berlin, 11. März. Wie ein Berichterstatter meldet, zog sich gestern nach Aufhebung der Festtafel bei dem öster­reichischen Botschafter der Kaiser mit dem Grafen Golu- chowskh in einen Nebensaal zurück und verweilte dortselbst mit diesem längere Zeit im Gespräch.

Berlin, 11. März. Wie derLocalauzeiger" erfährt, hat der Kaiser bei dem heutigen Frühstück dem Grafen GoluchowSkh daS Großkreuz zum Rothen Adlerorden mit Brillanten und seinem Secretär, dem SectionSrath v. Merey, den Rothen Adlerorden 3. Klaffe verliehen.

Berlin, 11. März. Der österreichische Minister deS Aeußeren, Graf GoluchowSky, wird voraussichtlich Freitag Nachmittag seine Rückreise nach Wien anrreteu.

Berlin, 11. März. Geh. Commerzienrath Frentzel, Präsident deS deutschen HandelStageS, ist, wie diePost" hört, infolge Allerhöchsten Vertrauens auf Lebenszeit in daS preußische Herrenhaus berufen worden.

Berlin, 11. März. In der heutigen Sitzung der Budget-Commission deS Reichstages wurde zum Depotgesetz eine Resolution angenommen, welche nach den Vorschlägen der Abgeordneten Grafen Arnim (Reichsp.) und Schmidt-Warburg (Centr.) die gänzliche Regelung deS Geld- DepositenwesenS enthält. Sodann wurde mit der zweiten Lesung deS Börsengesetzes begonnen und die beiden ersten Paragraphen im Wesentlichen nach dem Beschluß der ersten Lesung angenommen. Bet § 2 wurde ein Zusatz Müller- Fulda (Centr.) eingefügt, wonach die StaatScommissare be­rechtigt sein sollen, die Börsenorgane auf hervortretende Mißbräuche aufmerksam zu machen. Gestrichen wurde der PaffuS, daß der Börsencommiffar berechtigt ist, den Sitzungen der Börsenorgane beizuwohnen.

Berlin, 11. März. Eine Reihe von Gewerkschaften be­schlossen, in diese« Jahre keine Kranzspenden an den Gräbern der Märzgefallenen niederzulegen. Das Geld wollen sie entweder für die eigene Lohnbewegung oder für die strikeuden Kottbuser Textilarbeiter verwenden. Die großen Kränze der socialdemokratischen Wahlveretne kommen diesmal selbstverständlich auch in Wegfall, da diese Vereine aufgelöst find.

Berlin, 11. März. Heute find die Holzbildhauer in den Genera Ist rike eingetreten. Sie fordern: All­gemeine Einführung der Lohnarbeit, 21 Mk. Minimalwochen­lohn, sowie 51 Stunden MaximalarbeitSzeit wöchentlich. Bi» heute früh hatten 45 Werkstätten mit 160 Arbeitern diese Forderungen ganz und 54 Werkstätten mit 180 Arbeitern theilweise bewilligt.

Berlin, 11. März. Die Meister der Damen- mäntel-Confection erkennen den vereinbarten Lohn­tarif nicht an- ebensowenig wollen sie sich den übrigen