1896
Dienstag den 12. Mai
Erstes Blatt.
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Amts- und Anzeigeblutt fite den Ttveis Gietzen
Gratisbeilage: Hießener Jiamilienblätter.
Feuilleton
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. St; Pustel setzte einen Augenblick der Herzschlag aus, jkbäd schäbige Gestalt an der Thür erblickte- nun war der ü'M.irliche Moment, den sie heraufbeschworen, doch ge- ' entmin. „ Wenn Kratzmeyer den Betrug merkte! Aber der warr tush, gesprungen und starrte bleich, entsetzten Blickes auf dm Ankömmling und fragte mit zittender Stimme:
,/eWo kommst Du her?"
gab Gustel die Besonnenheit zurück. Sie beugte 'ich kx ilhrer Mutter und sagte halblaut mit einem schaden-
Müncheo, 9. Mai. Der P r i n z r e g e n t hat auS Anlatz der Erinnerungsfeier des Feldzugs von 1870/71 einer größeren Reihe von Osfiziereu a. D. die Erlaubnitz zum Tragen der Uniform mit den für verabschiedete Offiziere vor- geschriebenen Abzeichen ertheilt.
Drvclck« dN ahreean
Berlin, 10. Mai. In langen Artikeln gedenken die Morgenblätter der 25jährigen Wiederkehr des Friedensabschlusses zu Frankfurt a. M. und der heutigen Feierlichkeiten daselbst auS diesem Anlaß, verbunden mit der Enthüllung des Denkmals Kaiser Wilhelm I.
München, 10. Mai. Bei herrlicher Witterung vollzog
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und Saar
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Durch die Post bezog« 2 Mart 50 Psg.
Rfbachon, ^xpedttio« und Druckerei:
ZchularaheKr.7.
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getragen. Ich vertraue zu Gott, daß ähnliche Zeiten gleich pflichttreue und opferfreudige Männer finden werden. Sie wollen diesen Meinen Erlaß durch den Reichs-Anzeiger zur öffentlichen Keontniß bringen.
Frankfurt a. M., den 10. Mai 1896. Wilhelm. I. R.
r Fürst zu Hohenlohe.
An den Reichskanzler.
Berlin, 9. Mai. Die Enthüllung deS mit einem neuen Sockel versehenen Denkmals des Großen Kurfürsten auf der Langen Brücke wurde heute Vormittag 10 Uhr feierlich vollzogen. Nach Verlesung der Documente durch den Bürgermeister Zelle wurden diese durch Baurath Pinkenburg unter den Schlußstein gelegt und durch eine neue Gedenk- tasel verschlossen. Damit war die Feier zu Ende.
Berlin, 9. Mai. Der Festzug der Berliner Künstler zur Feier des 200jährigen Jubiläums des Bestehens der Akademie ging bet herrlichem Wetter in folgender Ordnung vor sich: Zuerst kam ein prachtvoller Zug als Blumen gekleideter Thetlnehmer. ES folgten die einzelnen Gruppen Maleret, Bildhauerei und Architektur. Hieran schloß sich der Prunkwagen der Architectur, der einen prachtvollen Anblick gewährte. Besonders hervorragend in Ausstattung und Durchführung war der dann folgende historische Zug in der alten brandenburgischen Tracht auS der Zeit deS Kurfürsten Friedrich III. Den Schluß bildete ein Fantasiewagen, auf dem deutsche Sage und Märchen dargestellt waren. Die Straßen, Fenster und Balkone, sowie die Dächer der Häuser an den Straßen, durch die drr Zug ging, waren von einer zahllosen Menschenmenge besetzt.
Köln, 9. Mai. Wie qu8 sicherer Quelle verlautet, hat die Depesche deS Kaisers an Geheimrath Hinz- veter, auf die fich bekanntlich Freiherr von Stumm vor Kurzem berufen hat, einen weit schärferen Inhalt, als bisher bekannt geworden ist. In der Depesche heißt es u. A.: „Die Pastoren sollen sich um Seelsorge, aber nicht um Politik bekümmern, dieweil fie daö gar nichts angeht."
Alle Annoncen-Bureaux de« In- unb LuSlandeS nehme» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Deutsches Sei#»
Betllhi, 10. Mat. Der „RetchSaiyeiger" bringt folgenden AM nhichften Erlaß:
Lei der heutigen fünfundzwayjigjährigen Wiederkehr deS Teuzpt bei Frankfurter FrtedenSsckruffeS ist eS Mir Bedütfniß, alllri jksigen und ehemaligen Angehörigen deS CivtldiensteS, woilr sich, fei eS in höherer, fei eS in geringerer Stellung, Je«n an feinem Theil, um bfc großen Erfolge von 1870/71 tenülint gemacht haben, irr* dankbarer Erinnerung Meine SluHilenaiung auszudrücken. Ich gedenke dabei nicht nur der öctamttt der Post- und Telegraphen-Berwaltung, deren Verctimf e Ich bereits in Meinem Erlasse vom 18. Januar d.! Z. anerkannt habe, sondern nicht minder der unermüdlichen mV' ersolgretchen Leistungen der Beamten des trefflich otflittipitien Feld-EistnbahndtensteS, wie der verdienstvollen THMgkeüt der Beamten de» Großen Hauptquartiers und der Eiti»chkr»altung in den occupirren Gebietsteilen. Sie alle halmn im ihrer amtlichen Stellung mit Ausopferung und PsWllcüue zur Erfüllung der in jener großen Zeit der Etchlijllliz; der Deutschen Stämme gestellten Aufgaben bei-
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2627 Seltersweg h
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Das schäbige Männchen meckerte hämisch:
„Auf die Polizei will er mich bringen, hä, hä, die kennt mich besser als Du, mein Goldsöhnchen, die hat mich unter ihrer speziellen Aufsicht, hä, hä. Laß mich lieber nicht einsperren, Herr Feldwebel, weißt, ich hab's Sitzen satt, ja, ja kannst mir’S glauben —"
„Wollen Sie Ihren Herrn Onkel nicht veranlaßen —, sagte nun die Cantinenwirthin, die ihre würdige Haltung wiedergefunden hatte.
Kratzmeyer raffte sich noch einmal auf.
„Er lügt," rief er mit heißerer Stimme.
Aber der kleine Schäbige ließ sich nicht irre machen.
„Weiß schon, paßt ihm nicht, daß ich hergekommen, geht hier in die Heirath, und jetzt schämt er sich, weil ich gesessen habe. Na weißt, hast keine Ursache dazu, groß zu thun. Wer hat Dir damals das Geld gegeben, das Du Deinem Prinzipal unterschlagen? Wer hat Dich aus dem Gefängniß gerettet’ He?" .
Nun war es vorbei mit Kratzmehers Haltung. Dieses Geheimniß, das er längst begraben geglaubt, so unerwartet zur Sprache gebracht, gab ihm den Rest. Denn Wahrheit war es, er konnte cs nicht leugnen, wenn auch {einer Zeit die Sache vertuscht worden war. Er wußte, daß alles ans war und er verließ das Zimmer, ohne ein Wort weiter zu sagen. Sein „Onkel" folgte ihm.
Die beiden zurückgebliebenen Frauen sahen noch durch's Fenster die Beiden über den Kasernenhof gehen. Kratzmeyer hielt seinen „Onkel" fest am Arme gepackt, blieb dann plötzlich, wie ans einen Ausruf seines Begleiters stehen, schüttelte dann den Letzteren tüchtig und gab ihm einen Stoß, daß er hmflog — eine That, die die Cantinenwirthin zu einem Ausruf der Empörung, Gustel aber zu herzlichem Lachen veranlaßte, namentlich als der putzige „Onkel" sich wieder auskrabbelte und eilig durch das Kasernenthor verschwand. —
Als am Montag Morgen der Einjährige Schellbaum zu einem Stehseidel in der Cantine erschien, trat Gustel verstohlen zu ihm und sah ihn verständnißvoll lächelnd an.
„'s hat gewirkt," sagte sie, „Mutter fängt nicht wieder von ihm an."
„Aber tiefstes Schweigen, Gustchen, denn wenn s herauskommt —"
„Weiß schon, Herr Schellbaum, aber —
„Noch 'mal machen wir so eine Sache nicht. Wie er mich auf die Wache schleppen wollte —" •
„Na die Angst'. Ich wäre beinahe gestorben.
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„Und Unrecht war es eigentlich doch von mir. Der arme Kerl 1 “
Aber davon wollte Gustel nichts Horen.
„Ach was, Unrecht — armer Kerl! Der „arme Kerf hat mich beinahe mit meinem Mutterlc auseinandergebracht. Nein, Herr Schellbaum, dem ist ganz recht geschehen. Aber daß er Sie wirklich für seinen Onkel gehalten hat. Wie Sie sich verstellen können!"
„Das ist ja mein Metier, Gustel. Em Gluck ist es auch, daß er nicht zu wissen scheint, daß der richtige Onkel Kratzmeyer noch sitzt. Na, nu Schwamm über die Geschichte. Aber in Zukunft, Mädchen, wecken Sie nicht wieder den Comödianten in mir, der mag fchlummern, so lange ich bei der Miliz bin. Da ist das Comödiantenspielen doch unter Umständen eine verflixt gefährliche Sache. Wie Sie sich nun Ihren Emil langen, das ist Ihre Sache."
„Keine Angst, Herr Schellbaum, das bringe ich schon allein in's Reine." . p
Und Gustel brachte es ins Reine. Sie war em kluges Mädchen, sie schmiedete das Eisen, so lange es noch warm war, aber sie überstürzte nichts. Sei es nun, daß der Mutter durch die Affaire der Hochmuthsteufel überhaupt ausgetrieben war, sei es, daß sie durch die Erfahrung gewitzigt, dem liebenden Instinkt der Tochter besser vertraute, als ihrer eigenen Menschenkenntniß — binnen Jahresfrist gab sie die Zustimmung zu der Wahl ihrer Tochter, und Gustel konnte eine dankerfüllte Freudenepistel an Denjenigen senden, der ihr durch seine Kunst den ersten lästigen und gefährlichen Freier vom Halse geschafft hatte.
Kratzmeyer lebt seit dem unerwünschten Auftauchen seines „Onkels" wie unter einem Damoklesschwert; er fürchtet eine Wiederholung des unliebsamen Besuchs. Er hatte auch Angst, es würde die in der Cantinenwohnstube stattgehabte Szene in weiteren Kreisen ruchbar werden und seine Stellung untergraben, aber ohne Grund- denn es verlautbarte nichts, und was man sich eine Zeit lang zu flüsterte, waren unbestimmte Gerüchte. Aber der Herr Feldwebel ist dadurch noch em gut Theil zugeknöpfter und schroffer geworden und trägt eine noch hochmüthigcre Miene zur Schau, um seine Angst vor dem Damoklesschwert zu verbergen. Mit der Heirath hat er auch den Plan der Zäblmeistercarriöre aufgegeben, er feldwebelt weiter bis zum Civilversorgungsschein - täglich aber schließt er in seinen Morgen- und Abendfluch seinen Oheim väterlicherseits, ohne eine Ahnung zu haben, wie bitter Unrecht er dem theuren Verwandten thut.
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>rohi«s Blick auf Kratzmeyer:
^Der Onkel des Herrn Feldwebel."
^atzmeyer hörte das, sah den Blick und auch den nbio$ urtcn Blick, mit dem ieinc Schwiegermutter in spe anthaajtete, und raffte verzweiflungsvoll seinen ganzen Muth
I Aöi ist nicht wahr," schrie er, „Der Kerl lügt!"
; Kafct trat die schäbige Gestalt des eben Angekommenen 'läbeMmit schlürfenden Schritten und ließ ein giftiges Zischen orenitt
r So der Kerl lügt?" fauchte das Männchen mit dünner, keuchtt^d-r Stimme und warf aus seinen schillernden Augen .Nkntückischen Blick auf den Feldwebel, der vor Angst und Dtzchs ganzen Leibe bebte. „Soll ich dem Herrn vielleicht dcwen fm, daß ich sein rechtmäßiger Onkel bm, seines Vaters Brud-"ti
X Herr," brüllte der verzweifelte Kratzmeyer, „ich führe Sie : Üc' Polizei, ich lasse Sie einsperren!"
-4jlUtb er rannte zur Thür und schrie:
.Wache! Patrouille!" . w
Ith her jetzt mischten sich die Weiber in die Angelegenheit. ! tW jjiel mit einem Schreckensrus in ihren Stuhl zurück, t leibte Alles verloren. Bei der Muter aber verwandelte iftit würdevolle Indignation in flammenden Zorn. Sie
®ukrl Kratznikytt.
Hat Geschichte aus der Kaserne. Von E. Reinhold.
7 (Nachdruck verboten.)
Gießener Anzeig er "
Kenerat-Mnzeiger.
Arr-larrd.
Rom, 9. Mai. Ueber der Stadt und Umgebung ging gestern ein surchtbareS Hagelwetter nieder, welche» großen Schaden anrichtete.
Mailand, 9. Mai. Sämmtliche Webereien und Spinnereien von Carate, Brianza und Albiat beschlossen, wegen beträchtlicher Erhöhung der Sinfommcnfttuer am 15. Mai die Arbeit ein zu ft eilen, wodurch 10000 Ar beiter brodloS werden. . ®nt.
Paris, 9. Mai. Heute werden sur deu Berliner Botschafter Posten als Candidaten genannt: General Billot und der Seine-Präsect Bubelle. Für den Botschasterposten beim Vatikan soll ein Berufsdiplomat ausersehen sei.
Athen, 9. Mai. In hiesigen RegierungSkreisen ist man höchst ungehalten über daS Jrade deS Sultans, wonach die Einberufung der treten fischen Volk-versammln g bis Ende August verschoben worden ist. Man be ürcht" schlimme Folgen und glaubt, daß die sehr erregte Bevölkerung Kretas zum offenen Ausstand schreiten werde.
Alexandrien, 9. Mai. Gestern früh find an Cholera 33 Personen erkrankt und 20 gestorben.
Amtlicher Theil.
Gießen, 11. Mat 1896.
E8th.: Die AuSsührung deS RetchSgesetze» vom 10. Mai 1892 wegen Unterstützung von Familien der zu FrtedenSübungen etnbetnfenen Pranaschaften.
Mi Grotzherzogliche Krei^amt Gießen
in W Grstztz. Bfttamttdftet** M tMU». <
zaüls bet Ihnen für die Zeit bi» Ende März ds. IS. in t wbr. Betreff außer den bereits liqaidirten Betragen wMirr Ansprüche geltend gemacht worden sind, sehen wir urt:8eihgc der Empfangsbescheinigungen innerhalb drei Tagen enr.|t|tL
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berei und asch- Anstali Snichiet) für )er-Garderobm ic., f* einschlagende M<1 lfte Bedienüiis sträge ProM.
ÄWWkWrMI lödel-Htzt mann, Giessei sweg 89, ezugsquelle in I lieber
Mattungen.
auf. ,
VN.Nnterstehen Sie sich," rief sie Kratzmeyer elterlich zu, M d«r Wache zu schicken. Hier in meine Wohnung kommt iW*' fliSPTl- fmtrouitle, hier wird auch kein Skandal gemacht. Wenn pofla wollen, dann nehmen Sie Ihren sauberen Herrn ”1 ^ch Ihrer Wohnung."


