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Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
Die Gießmer M««tkieoökäiter eabett dem Anzeiger »Schmtlich dreimal beigrlegt.
Der Oietever Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- Montag-.
1S96
vierteljähriger > Avounemeulrpreiss 2 Marl 20 Pfg. mit Bringerlobn.
Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.
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Amts- und Anzeigcblatt für den Ureis Gieren. ^BSB= . ,7--- . E? 1 '■ .. ■-L- ■■ ■ — ■ 1 ' ---------- ' ■
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de, Affrffrt* dllle Annoncen-Bureaux des In. und Auslandes nehm«
folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Lorm. 10 Uhr. A-UA-lPViKllUyv» ^TUUUlltllVlUUXl« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Ilmtücbcr Theil.
Bekanntmachung.
ES wird hierdurch zur Kenntniß der Landwirthe gebracht, daß am 8. und 9. October l. Js. eine Gersten-, Hopfen- und Brauweizen-Ausstellnug zu Berlin stattfindet, mit welcher eine PreiSverlhetlung verbunden wird. Zar Ausstellung werden zugelaffen:
Gersten in- und ausländischer Herkunft, Brauwetzen „ „ „ „
Hopfen „ „ „ „
Gersten- und Weizenmalz in- und ausländischer
Herkunft,
Cultur- und Lehrmittel und Geräthschaften für den Gersten« und Hopfenbau,
Geräthe für die Verarbeitung der Gerste und deS Hopfens im Brauereibetriebe.
Zur PretSvertheilung werden nur vom Bewerber selbst in Deutschland im Jahre 1896 gebaute Gerste, Brauweizen und Hopfen zugelassrn. Der Nachweis deS Eigenbaues ist auf den Fragebogen zu führen.
Die Gebühren betragen Mr eine 8.Kilo-Ausstellungs« probe Gerste, Weizen oder Malz 6 Mk. und für einen Ballen Hopfen 10 Mk. Für die übrigen Ausstellungsgegenstände beträgt die Gebühr für 1 Quadratmeter Tisch- öder Bodenfläche 10 Mk.
Diejenigen Landwirthe, welche fich mit Gerste rc. an dieser Ausstellung zu betheiligen gedenken, können die Satzungen, unter welchen dieselbe stattfindet, bei dem Unterzeichneten etnsehen und auch von der Geschäftsstelle der Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei zu Berlin N. 4, Jnvalidenstratze 42, VereinShauS, erhalten. Die Anmeldungen zur Ausstellung müfien bis zum 20. September I. I. bei der genannten Geschäftsstelle bewirkt sein. Die Anmeldung geschieht auf von der Geschäftsstelle zu beziehenden Anmeldekarten und Fragebogen.
Gießen, den 9. Juli 1896.
Der Dtrector des landwirthschaftl. Bezirksvereins Gießen. Carl Jost.
Neueste Nuchet^terr.
Wolff« telegraphisches Eorrefpoadenz-Bursim.
Berlin, 9. Juli. Der „Nordd. Allg. Zeitung" geht zu den Zeitungsberichten über dteDtscipltnarverhand- lung gegen Assessor Wehlan von zuständiger Seite
eine Mittheilung zu, wonach die Aeußerung WehlanS unrichtig ist, daß das Ni e d erbr e nn en von Hütten und Feldern von Eingeborenen durch richterliches Urtheil verhängt sei, und die Colonialabtheilung deS Auswärtigen Amtes trotz der deswegen angebrachten Beschwerden nichts veranlaßt habe. Der Erlaß der Colonialabtheilung an daS Gouvernement Kamerun vom 9. December 1891 verlangt eine Aeußerung des Gouvernements über die bei Bestrafung eines Dorfes erfolgte Vernichtung der Pflanzungen, die als Härte erscheine. Gouverneur Zimmerer erwiderte am 15. Februar 1892, Leist habe ein oder zweimal Dörfer niederbrennen lassen, wenn der zur Verantwortung geladene Häuptling in den Busch flüchtete. Diese Maßnahmen werden künftig verhindert werden. Gegenüber der Behauptung Wehlans, seine Handlungen seien unter den Augen Zimmerers erfolgt, erklärte dieser unterm 14. Januar 1896 aufs Bestimmteste, daß er Wehlan zu Thätigkeiten gegen die Eingeborenen oder gar zu ihrer Tödtung weder aufgefordert noch ermuntert hat. Er, Zimmerer, habe fich höchstens vorzuwerfen, daß er die Eingeborenen mit zu großer Nachficht behandelt habe und zu sehr auf ihre Beschwerden uud Wünsche eingegangen sei. Er habe Wehlan verwiesen, zu viel zu schlagen und um ihn daran für die Folge zu verhindern, ausschließlich mit der Bearbeitung des Grundbuchs beschäftigt. Bet Zwangsvollstreckungen gegen Eingeborene wegen nicht bezahlter Schulden hat eS sich ausschließlich um die Schuldhaft als Zwangsmittel gehandelt, bezüglich deren auf Veranlafiung der Colonialabtheilung Milderungsmaßregeln erlassen sind. Das Blatt weist darauf hin, daß durch die Verordnung vom 25. und 27. Februar und vom 22. April 1896 künftig der Mißbrauch der Amtsgewalt und die Erpressung von Geständnissen Seitens der deutschen Beamten in den Colonien nicht mehr ohne dic durch daS Strafgesetzbuch angedrohte schwere Ahndung bleibt.
Nürnberg, 9. Juli. Ein gestern im oberen Pegnitz- thal niedergegangenes Unwetter hat große Verwüstungen angerichtet. Auf der Strecke zwischen Lauf und Röthenbach wurde das Geleise an mehreren Stellen unterspült, sodaß man einen Zug erst pasfiren ließ, nachdem die Maschine allein zur Probe gefahren war. Eine massive Sandsteinbrücke über den GüntherSbühlerbach bei RudolphSruh, zwischen Lauf und Eschenbach wurde durch den Blitzschlag zertrümmert. In Obstgärten, auf den Feldern und in Hopfenanlagen wurden große Beschädigungen angerichtet.
Mühlhausen i. 8., 9. Juli. Bei der heute Nachmittag vorgenommenen Bürgermeister-Wahl durch den hiesigen Gemeiuderath wurde im zweiten Wahlgange der seitherige altdeutsche Bürgermeister Hack mit 20 Stimmen gewählt.
Außerdem wurden 12 weiße Zettel uud ein Zettel für den bisherigen Beigeordneten Klein abgegeben. Im ersten Wahlgange war mit 30 von 33 Stimmen der Altbürgermeister Mieg-Köchlin gewählt worden, welcher dankend ablehnte.
Badajoz, 9. Juli. In einer in der Nähe gelegenen Waffensabrikfand eine Kesselexploston statt, durch welche vier Menschen ums Leben kamen. Der ungerichtete Schaden ist beträchtlich.
Voß (Norwegen), 9. Juli. Der Kaiser ging gestern früh 9 Uhr in Eide an Land und fuhr über Vossewangeu, wo das Frühstück eingenommen wurde, nach Stalheim. Die Ankunft dortselbst erfolgte um 5 Uhr.
Petersburg, 9. Juli. Großfürst Alexei Alexandrow ttsch, Oberbefehlshaber der Marine und Großadmiral, empfing heute Vormittag die Commandanten der Schulschiffe „Stein" und „Stosch", die Capitäne zur See v. Ahlefeldt und Thiele in Begleitung deS deutschen Marine-AttachöS Corvettencapitän Kakau vom Hofe und des deutschen Militärattaches Hauptmann Lauenstetn. Der Großfürst drückte in liebenswürdigen Worten seine Freude auS, nach langen Jahren wieder deutsche Kriegsschiffe auf der Rhede von Petersburg zu sehen und sagte nochmals seinen Besuch auf beiden Schiffen für morgen Vormittag zu.
Konstantinopel, 9. Juli. Die türkischen Truppen verweigerten, außer in Djeddah, auch in Mekka und Taif den Gehorsam. Man befürchtet, daß die Ausschreitungen auch auf die Haltung der Beduinen zurückwtrken werden. Der Generalgouverneur und der Groß-Scheriff von Mekka erhielten diesbezügliche strenge Instructionen. — Gestern passirte das türkische Transportschiff „Scheres" mit Truppen aus den Hafenstationen des Schwarzen Meeres den Bosporus. Sein Bestimmungsort ist Djeddah.
Depeschen dal Bnrean
Berlin, 9. Juli. CultuSmiuister Dr. Bosse tele- graphirte an den Obrrpräfidenteu der Provinz Westpreußen, daß die bakteriologische Untersuchung deS Falles Drexler in Danzig asiatische Cholera nicht ergeben hat.
Berlin, 9. Juli. Die „Post" kann die Blättermeidung bestätigen, wonach der Verein des Zeug« uud Feuerwerk-Personals in Spandau kürzlich verboten worden ist. Als Grund des Verbots wird angegeben, daß die von dem Verein veranstalteten Festlichkeiten die VereinSmitglieder zu einem Aufwande verleitet hätte, der auf die Dauer der vorgesetzten Behörde bedenklich erscheinen mochte.
Berlin, 9. Juli. Auf daS Ersuchen deS Vorstandes des Bundes der Landwirthe, den deutschen Land- wirtheu daS Getreide in ausreichender Weise zu lombardtren,
Feuilleton.
Um fünfzig Gulden.
Novelle von Doris Frettn von Spättgen.
(Nachdruck verboten.)
„Behüt Sie Gott, Marianne, und geben Sie ab und zu ein Lebenszeichen von fich I" sagte die alte Oberhof« rnetsterin Baronin Steiner, indem fie den Arm um meine Schulter schlang uud mir einen Kuß auf die Wange drückte. Wir standen zusammen auf dem Bahnhofsperron unserer kleinen Residenz und erwarteten den von D . . . kommenden Nacht-Courierzug, welcher mich für eine sechswöchenlltche Urlaubsreife entführen sollte.
Seit drei Jahren bekleidete ich die Stelle einer Hofdame bet der Herzogin von X. . . und obgleich mein Dienst durchaus kein schwerer zu nennen war, so erfüllte mich der Gedanke, wieder einmal einige Zett bei den fernen Lieben »eilen zu dürfen, mit Entzücken.
Sechs Wochen Urlaub! Die Lungen dehnen fich, daS Herz wird weiter, die Nerven erhalten neue Spannkraft und wie ein in Freiheit gesetzter Vogel flattert der Geist empor, hoch über daS Niveau des ewigen Einerlei der täglichen verufspflichten.
Sechs Wochen Urlaub! Welcher süßer Zauber lag in diesen Worten.
Baronin Steiner in ihrer etwas altmodischen Prüderie und Aengstlichkett hatte wir zuvor alle erdenklichen fatalen Eventualitäten einer Nachtfahrt ohne Jungfer vor Augeu zu führen versucht, was indeß bei meinem von HauS aus un- nschrockenen uud selbstständigen Character nichts fruchtete, tebtm ich lachend erklärte, daß bet der gegenwärtigen Juli- Hitze eine Tagretse mich den Meinigen in gebratenem Zustande ^führen würde.
Rach dieser peremtorischen Erklärung ließ die alte Dame,
welche sozusagen Mutterstelle bei mir vertrat, fich etwas beschwichtigen.
Merkwürdig war eS aber doch, daß mir, nachdem ich im Damencoupö zweiter Klasse saß und der Zug durch die laue Julinacht dahtnbrauste, der guten Oberhofmetsterin letzte Mahnung oft durch den Sinn ging.
„ES ist ja recht schön, so beherzt zu sein, Marianne, aber man muß das Schicksal nicht herausfordern, Kind. Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht!"
Zum ersten Male fühlte ich etwas wie leises Unbehagen fich in mir regen- ich war mutterseelenallein. Wahrhaftig, ich hätte beinahe die Unbequemlichkeit eines überfüllten Coupös mit der Beigabe von unvermeidlichen Hutschachteln und Freßkobern freudig begrüßt. Baronin Steiner hatte so Unrecht nicht. Gerade in letzter Zeit hörte man oft von Beraubungen im Eisenbahnwagen, von Morden — —
Urwillkürlich preßte ich die Hand auf meine wohlverborgen auf der Brust ruhende Baarschaft und schob mein mit Brillanten und Saphiren besetztes Uhrenarmband, das WeihnachtSpräsent der Herrschaften, tiefer unter den Jackenärmel.
Dann lachte ich auf. Thorheit, fich dergleichen Gedanken hinzugeben. Wie oft war ich schon deS Nachts allein gereift, ohne daß mir daS geringste Abenteuer begegnet wäre. Zuwal war ich kein Kind mehr. Ich stand on der Grenze des Alters, auf dem junge Mädchen, wie die böse Welt meint, gern eine Weile verharren. Also um ehrlich zu sein, ich war 29 Jahre uud ich glaube, ich fühlte mich sogar alter, als ich eS in Wirklichkeit war.
Meine Jugend hatte nicht viel poetischen Reiz uud Froh- finn zu verzeichnen gehabt. Die richtigen Freuden derselben, tanzen und fich amüfiren, waren mir gänzlich versagt geblieben. AIS ich eben erwachsen war, starb mein Baler, ein höherer Offizier, und in keineswegs glänzenden Verhältnissen blieb Mama mir vier Töchtern zurück. Hier StandeSrückfichren
— dort knapp zugemeffene Mittel! ES war ein stetes Ringen und Kämpfen umS Dasein.
Glücklicherweise wachten die beiden jüngeren Schwestern gute, annehmbare Partien. Unsere Aelteste, ein engelSguteS, aber verwachsenes Geschöpf, blieb voraussichtlich als Stütze der Mutter daheim, fie sorgte, wirthschaftete und arbeitete von früh bis spät und erntete sicherlich dafür reichen Gotteslohn. Mit mir aber wußte eigentlich Niemand etwas rechtes anzufavgen. Ich war klug, befaß jedoch keinerlei Talente und haßte alles, was an die Mtfäre kleiner Verhältnisse erinnerte. Man behauptete, ich wäre „schön", was ich nicht beunheilen konnte.
Ich wußte nur, daß mein kastanienbraunes Haar gar seltsam mit dem blendenden Colorit meiner Haut contrastirte. Die verschiedenen Onkel unserer zahlreichen Verwandtschaft nannten meine Figur junonisch, die Tanten stritten darüber, ob meine Nase griechisch oder römisch sei, und diverse Vettern meinten: wenn die Marianne lacht, dann müssen alle Männer« herzen wie Butter in der Märzsonne schmelzen. Allein man schalt auch darüber, daß ich so gräßlich verwöhnt wäre, daß ich so blutwenig leistete. „Pah, die Prinzessin, die Anspruchs« volle, fie kriegt niemals einen Mann!" tönte es mir zn meiner heimlichen Belustigung gar oft ans Ohr. Die Verwandten mochten wohl Recht haben.
Lag eS vielleicht daran, daß meine Ansichten von Ehe und Glück zu hochgeschraubt waren und ich Ideale suchte, die auf unserem nüchternen Planeten nicht zu finden find, kurz, ich blickte etwas spöttisch und Überlegen auf die Männer nieder und weine erste Jugend verging wirklich, ohne daß je einer der Herren der Schöpfung mir nähergetreten wäre.
(Fortsetzung folgt.)


