1S96
Ur 9 Zweites Blatt. Samstag dm II. Januar
Der -«zelger erscheint täglich, mit Ausnahme de- MontagS.
Die Gießener ,* *mlCic*6Cdl(er werden dem Anzeiger »bcheotltch dreimal brigelegt.
(Gießener Anzeiger
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Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtliche* Theil.
Nc. 1 deS Reichs Gesetzblattes, ansgegeben den 3. d. M., enthält:
(Nr. 2285 ) Uebereinkunft zwischen dem Deutschen Reiche und der Schweiz, betreffend bte Großherzoglich badische Gemeinde Bösingen. Vom 21. September 1895.
Gteßen, den 9. Januar 1896.
Großherzogltches Kceißamt Gießen.
v. Gag ern.
Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgefttzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Aufschlags von Fünf vom Hundert pro Monat December 1895 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 Kg betragen: Hafer Mk. 14,10, Heu Mk. 5,00, Stroh Mk. 4,20.
Gießen, den 8. Januar 1895.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Gießen, am 8. Januar 1896.
Betreffend: Maßregeln zur Unterdrückung des Milzbrandes in der Wetterau.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grotzherzoglichen Bürgermeistereien Allendorf a.d.Lahn, Bellersheim, Bettenhausen, Birklar, Dors-Gill, Eberstadt, Grohen-Ltnden, Grüningen, Holzheim, Hungen, Inheiden, Klein-Linden, Langd, Lang-Göns, Langsdorf, Leihgestern, Lich, Muschenheim, Obbornhofen, Ober-Hörgern, Rabertshausen, Rodheim, Steinhetm, Trais-Horloff und Utphe.
Sie werden, insoweit Sie noch im Rückstände sind, an baldige Einsendung der in unserem Ausschreiben vom 23. August 1880 — Anzeiger Nr. 201 — vorgeschriebenen Tabelle nach dem unten abgedruckten Muster über die in dem letzten halben Jahre crepirten Thiere erinnert, wobei namentlich in der Spalte „Bemerkungen" die Angabe über die Krankheit des Thiere» und die Art der Beseitigung des Cadavers nicht zu vergessen ist.
v. Gagern.
Tabelle
über die in der Gemeinde........vom .... 18 . .
bis .... 18 . . crepirten oder getödteten Thiere.
Namen der Besitzer
Der krepirten ober getödteten Thiere
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Bemerkungen über Krankheit, wenn solche durch den Thierarzt festgestellt ist, sowie über die Art der Beseitigung der Ca daver.
Vom deutschen Arbeitsmarkt.
Der erfreuliche Aufschwung, welchen das Erwerbs- und Geschä'tSleben In Deutschland während des vergangenen Jahre» im Großen und Ganzen verzeichnen konnte, scheint sich auch i« neuen Jahre erhalten zu wollen. ES muß jedenfalls als ei« recht günstiges Zeichen für die wirthschaftliche Lage betrachtet werden, daß die jähe Krisis, welche im November 1895 über die europäischen Börsenplätze hereinbrach, und viele Hunderte von Millionen verschlang, nicht vermochte, die Thätig- keit der deutschen Industrie zu hemmen. Im Gegentheil, dieser Börseogewitterfturm ist für unser Erwerbsleben im allgemeinen nur von Vortheil gewesen, er reinigte dasselbe von den üppig ins Kraut geschoffeuen faulen Speculationen, und ließ dem gegenüber die soliden Unternehmungen um so gefestigter erscheinen. ES ist eben zur Zeit auf dem Weltmarkt ein so großer Bedarf an Artikeln, bei deren Herstellung die deutsche Industrie eine hervorragende Rolle spielt, vorhanden, wie dies schon seit einer ganzen Reihe von Jahren nicht mehr der Fall war. Die günstige Conjunctur scheint auch weiterhin anhalten zu wollen, und selbst die drohende Aussicht auf das Wiedereinlenken der amerikanischen Zoll
politik io die Bahn der berüchtigtrn Mcc Kinley B»ll hat hierin noch keine kritische Wendung zu schaffen vermocht.
Bon den einzelnen wichtigsten Industriezweigen, bei welchen sich die im alten Jahre begonnene geschäftliche Neu- belebung fortgesetzt bemerklich macht, ist zunächst die Textilindustrie zu erwähnen. Im Speclellen sind namentlich in der Wirkwaarenbranche die Aufträge noch immer so zahlreich vorhanden, daß vielfach dieselben nur mit großer Mühe und Ausbietung aller Kräste bewältigt werden können. Mit besonderer Genugthuuug darf man hierbei die Thatsache verzeichnen, daß auch in der hausindustrtellen Wirkerei, wie sie z. B. in Sachsen, Thüringen u. s. w. daheim ist, meist volle Beschäftigung herrscht, nachdem gerade dieser von so vielen tausend fleißigen Händen betriebene Erwerb unter der Ungunst der Zelten lange und schwer zu leiden gehabt hatte. Ebenso wird in den großen mechanischen Webereien, in den Wirkereifabriken und in vielen Spinnereien flott, theilweise mit Ueberstunden, gearbeitet. Dafür läßt jedoch der Geschäftsgang in der Spitzen- und Slickereiinduftrie zu wünschen übrig, es machen sich bet ihr noch immer die mißlichen Folgen der Ueberproductton, welche durch die starken Bestellungen im Jahre 1894 hervorgerufen wurden, geltend.
Stark beschäftigt sind neben den meisten Zweigen der Textil-Jndustrie die Maschinen-- und die Eisenindustrie. Die deutschen Maschinenfabriken müssen vielfach die Arbeitszeit verlängern, neue Arbeiter einstellen und die Betriebe erheblich erweitern, welcher gesteigerte Geschäftsgang auch fast überall zu einer Erhöhung der Arbeiterlöhne im Maschinenbauwesen geführt hat. Die gegenwärtigen Verhältn'ffe in den Mittelpunkten der deutschen Eisenindustrie, in Rheinland- Westfalen und in Schlesien, find durchschnittlich gleichfalls recht befriedigende. Selbstverständlich ist, daß sich in der jetzigen winterlichen Jahreszeit namentlich in der Kohlen- induftrie eine überaus günstige Conjunctur bemerklich macht, von weiteren großen Jnduftrieen weisen dann noch der Schiffs- bau und die Glasindustrie lebhafte Thätigkeit und fortdauernde Aufträge auf.
Leider deuten schon mancherlei Anzeichen darauf hin, daß der lebhafte Aufschwung in den genannten Industrien seitens der in ihnen beschäftigten Arbeiter zum Anlaß benutzt werden wird, im kommenden Frühjahre wieder größere SlrikeS in Szene zu setzen. Es ist bet der derzeitigen Geschäftslage möglich, daß die Arbeiter durch die geplanten Strikes noch eine weitere Aufbefferung ihrer Löhne erzielen, aber fie sollten trotzdem bedenken, daß ein Rückschlag früher oder später unausbleiblich ist, und daß StrikeS für die Arbeiter stets sehr zweischneidige wrrthschaftliche Kampfwaffen bleiben.
Der Krieg von 187O|71, zeschlldert durch Ausschnitt- euS ZeitungS - Nummern jener Zett (Nachdruck verboten.) 11. Januar.
750 Francs Prämie find allen gefangenen französischen Osfiz'eren versprochen, wenn sie ihr Ehrenwort brechen, nach Frankreich fliehen und dort Kriegsdienste gegen die Deutschen nehmen.
Von der Eisenbahn, die von CH au m o nt nach Troyes führt, find schon dreimal die Schienen abgerissen und locker wieder aufgelegt worden, um ein Unglück herbeizuführen. Dasselbe geschah auch bei Bricon, wobei ein ganzer Militärzug aus dem Geleise gerieth. Kaum war das geschehen, so stürzten auch die Franktireur» aus dem Walde hervor, um die Mannschaft gefangen zu nehmen. Damit aber war es nichts. Die preußischen Landwehrleute hatten keinen Schaden erlitten, sammelten sich schnell und empfingen die heranftürmenden Franzosen mir einigen wohlgezielten Salven, so daß diese schnell mit Hinterlassung von Todten und Ber- mundeten die Flucht ergriffen.
♦ Berlin, 8. Januar. DaS Boot-Hau- deS Berliner RuderclubS ist niedergebrannt. Der Schaden beträgt etwa 80,000 Mk.
• Görlitz, 8. Januar. Der „Neue Görlitzer Anzeiger" berichtet: I« Marklissa ermordete in der verflossenen Nacht der Fabrikarbeiter Hecken in seiner Wohnung feine Ehefrau durch Hammerschläge auf den Kops. Der Mörder wurde verhaftet.
♦ Leipzig, 8. Januar. Der Berlagsbuchhändler Phil. Reclam, der Begründer der bekannten Universalbibliothek, ist gestorben.
* Aus Thüringen, 8. Januar. Auf dem Bahnhose ta Meiningen wurde zur Abendzeit der HilfSweichenfteller
Hildebrand auS Walldorf von der Locomotioe eineZ Zuges erfaßt, eie ihm beide Beine vom Körper trennte. 1 er 93er« unglückie starb bald darauf.
• AuS Baden, 8. Januar. In Kehl find einem Soldaten, der sich während 14 Tagen in einer Kiste innerhalb der Kaserne aufhielt und sich deS NachtS von Abfällen auS dem Spülicht nährte, beide Beine erfroren, so daß fie ampu- tlrt werden müssen.
• Neber eine Hochzeit in Dar es salaam wird Folgende» berichtet: Seit mehreren Jahren befindet fich im Dienste der Deutsch-Ostafrikanischen Schntztruppe der Feldwebel Seidlitz, der Sohn eines General-Agenten aus Landsberg a. W. Bei einer Expedition wurde der Feldwebel nicht unerheblich verwundet, sodaß er auS dem activen Dienst ausscheiden mußte, und als Militär-Beamter in Dar-eS-Salaam bezw. Ktlwa eine Stellung erhielt. Der junge Mann war verlobt mit einer Tochter des Stadtraths Brahts zu LandSberg a. W. Die junge Dame hat im August v. I. die Reise nach Dar- es-Salaam angetreten, um sich mit ihr em Verlobten zu ver- hetrathen. Sie reifte damals mit der Frau des bereit» in Ostasrika weilenden Herrn v Eberstein von Hamburg auf einem Woermann-Darnpfer ab, und traf am 26. September in Dar es-Salaam ein. Beretts am nächsten Tage war die Hochzeit. Die kirchliche Einsegnung fand in der evangelischen Kirche statt. An dem Hochzeitsmahl nahmen sämmtliche Militärs höherer Chargen, soweit sie nicht in anderen Garnisonen waren, theil, auch Herr Dr. Bumiller befand sich unter ihnen.
♦ TödtlicheS Gift. In früheren Zeiten wurde, besonders auf dem Lande, häufig zur Beseitigung unliebsamer Persönlichkeiten ein Gift angewendet, daS in schleichender Art wirkte, aber stet» unausbleiblich tödtende Wirkung hatte. DaS Geheimniß der Zusammensetzung dieses Giftes war und blieb lange Zeit ein wohlbehüteteö und unaufgeklärtes- erst spätere Zeiten brachten Licht in die Sache — das so wirkende Gift bestand aus nichts anderem, als einem Glase Wasser, das man unter das Bett eines Sterbenden gestellt und während dessen Agonie und Tod dort belassen hatte. Der Niederschlag der in der nächsten Atmosphäre des Kranken befindlichen, von demselben ausgeströmten Angststoffe der Todespein verleibt sich dem Wasser in einer Art ein, daß der Genuß desselben tödtlich für andere wirkte. Diese geiährliche Thatsache ist zwar freilich nicht so bekannt, daß sie als Warnung zur Vorsicht dienen könnte, jedenfalls aber dürfte sich in diesem Punkte die größte Vorsicht bet Kcankenfällen und in den Zimmern Sterbender empfehlen in Bezug auf Speise und Getränke. Es wird hierin auS Rohheit, Unwissenheit und Leichtsinn vielleicht gar oft gefehlt. Und mancher Fall von Unwohlsein und Krankheit möchte sich auf die Unvorsichtigkeit zurückbeziehen, die manchen OrteS, besonder- bei den unteren Ständen, in solchen Fällen geübt wird. Wo peinliche Ordnung und regelrechte Krankenpflegung herrscht, da sind ja die Gefahren folcher Unvorsichtigkeit ausgeschlossen, aber manchmal wird mit einer Unklugheit verfahren, die geradezu unbegreiflich ist. Mau kann nicht selten die Beobachtung machen, so schreibt Prof. Dr. Gustav Jäger in seinem Monatsblatt", daß Speiseüberreste, die tagelang im Zimmer eine» Schwerkranken gestanden hatten, noch einem Kinde verabreicht werden und die Betreffenden glauben, damit noch etwas Gutes zu thun, da es ja etwas „Feineres" war, was das Kind ja gern ißt und was wegzuwerfen schade wäre. In Städten, wo der Raum'in den Wohnungen sehr oft beschränkt ist, habe ich auch schon oft beobachtet, daß im Z mmer eines Schwerkranken ein Buffet ober ein offener Speisekasten stand, der zur Aufbewahrung von Speiseresten, von Fleisch, Bäckereien u. s. w., auch Zocker, Thee, Kaffee, Brod u. a., während der Kranken- zeit benutzt wurde- eß ist anzunehmen, daß dies der Nahrung schädlich ist, während in zweiter Richtung auch der verschiedenen Nahrungsmitteln entströmende Geruch für den Kranken nicht zuträglich ist- auch die beste Lüftung vermag die doppelte Gefahr nicht zu beseitigen. Ebenso zu tadeln ist es, vom Kranken nicht berührte oder nur zum Theil genossene Nahrung im Krankenzimmer — oft gar über Nacht — stehen za lassen, um dieselben dem K-anken später wieder zu bieten; daß hettzt den Kranken mit dem eigenen Gift vergiften, noch schwererer Erkrankung außsetzen.
* Zm Quartier. „Alle Wetter, habe ich nicht gestern streng befohlen, daß ich meine Scküsftl extra bekomme und nun löffelt der Alte wieder in meiner Suppe herum! — Um Vergebung, Herr Lieutenant, da darf Jhna net grausen, Ihrer Supp'n g'schieht nix, der Vater fangt bloß die Fliegen 'rau-!" ,
* Pflichtbewußtsei«. Lehrer. „WaS thut man, Karl, wenn man nach schwerer Krankheit wieder gesund wird?" Karl (Sohn eine» Arzte»): „Man bezahlt den Doctor.


