Ausgabe 
10.11.1896 Erstes Blatt
 
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Mv. 265

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Dienstag den 10 Novernber

1896

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TlmtiidKt* Theil.

Bekanntmachung,

betreffend Reichstagswahl.

ES wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß bei der am 5. dsS. MtS. vorgrnommenen Ersatzwahl ia dem 1. Wahlkreise deS GroßherzogthumS von 12 105 gtlttg

abgegebenen Stimmen gefallen find auf

1. Herrn Philipp Köhler VI., Landwtrth in Langsdorf............4177,

2. Herrn Philipp Scheidemann in Gießen 3351,

3. Herrn Carl Meinert, Gutspächter zu Hammerhof,........... 2442,

4. Herrn Professor Dr. Stengel in Greifswald 2129,

5. auf andere Personen........ 6.

Da hiernach eine absolute Stimmenmehrheit auf keinen

der (Sanbiboten gefallen ist, wird bk Vornahme einer engeren Wahl zwischen den höchbeftimmte« Phil. Köhler VI. in Langsdorf und Phil. Scheidemaun in Gießen auf

Donnerstag den 19. November d. Js. mit bem Bemerken festgesetzt, baß bet bteser Wahl alle auf anbere Canbibaten fallenden Stimmen ungiltig find.

Gießen, den 9. November 1896.

Der Wahlcommissär: v. Gagern.

Bekanntmachung.

Zu Garbenheim, Kreis Wetzlar, ist die Maul- und Klauenseuche, und unter der Schafheerde zu Ober Quem- bad), in demselben Kreise, die Klauenseuche amtlich festgestellt und Weldesperrr angeordnet worden.

Gießen, den 7. November 1896.

Großherzogliches Kretsamt Gießen.

v. G ag ern.

Deutsches Reich.

Berlin, 7. November. DiePost" meldet aus Kon­stantinopel: Der Großmeister der türkischen Artillerie hat mit einem Düffeldorfer Hause einen Vertrag über eine größere Masch inen liefern ng für die Militärwerkftätten ab« geschloffen.

Koblenz, 7. November. Dem Oberbürgermeister Schüller ging eine Mittheilung zu, daß ein Herr Salomon in Hamburg 600000 Mark ausgesetzt und bestimmt habe, daß die Zinsen dieses Capitols den Städten Hamburg, Wien und Cobleuz ausgezahlt werden. Das Geld soll zu Armenunter- stützungen und anderen WohlthätigkeitSzwecken verwandt werden. Die Verwaltung des CapitalS wird wahrscheinlich Hamburg übertragen werden.

Dortmund, 7. November. DieTremonia" meldet: Gestern Abend gegen 107a Uhr wurde im benachbarten Solingen am Hause eines ColonialwaarenhändlerS ein Dynamit»Verbrechen verübt. Der Sprengstoff wurde durch ein Kellerloch geworfen und explodtrte. Das HauS wurde stark beschädigt, die im Laden befindlichen Maaren zum großen Theil vernichtet. Menschen find nicht zu Schaden gi kommen.

Ausland.

Wie», 7. November. In einer Loge des Karl-Theaters brach gestern Abend 5 Uhr Feuer aus, das jedoch bald gelöscht werden konnte, sodaß die Vorstellung nur eine kurze Verzögerung erlitt. Die Polizei fand bet der Untersuchung in jener Loge einen mit Petroleum getränkten Vorhang, weshalb ans Brandstiftung geschloffen wird. Die Polizei forscht eifrig nach dem Thäter.

Petersburg, 7. November. Der General-Gouverneur von Kiew, Graf Jgnatiew, ist zum Nachfolger des Grafen Haydeu, des General-GouverneurS von Finland, destgnirt.

Petersburg, 7. November. Die heute hier zusammen- tretende internationaleEisenbahnconferenz beräth über die Haftbarkeit der Eisenbahnen für die Jntartheit der Getreidefrachten, die Regulirung deS GetreideversaudtS und die für das Jahr 1897 ausgeworfenen Mittel zur Ünter- 'haltung eines internationalen EiknbahncomptoirS.

Newyork, 6. November. Das Wiederaufleben des 'Geschäfts in den Vereinigten Staaten nach einer 'Vräfldentenwahl ist nie so groß und allgemein gewesen als jsetzt. Zahlreiche Fabriken, die lange Zeit unbeschäftigt waren,

haben die Arbeit bereits wieder ausgenommen; besonders im Südwesten macht sich eine ernste Geschäftethätigkeit bemerkbar.

VelffS telegraphisches Lorrefponbent'BLrra».

verliu, 8. November. Die Gesellschaft für Erd­kunde wählte einstimmig zum ersten Vorsitzenden den Gou­verneur Major v. SB i 6 mann.

Rimini, 8. November. Infolge deS heftigen Regens ist das Canalwasser ausgetreten. Die Vorstadt ist überschwemmt, an manchen Punkten hat der Wafferftand eine Höhe von 2 Metern erreicht. Der verursachte Schaden ist bedentend.

London, 8. November. Ein großes Feuer brach hier gestern Abend in einer Dampfspritzen-Bauanstalt im Black- friarS-Bezirk aus. 350 Dampfipritzen und 37,000 Fuß Schlauch wurden vernichtet.

Bareeloua, 8. November. In der Nähe von Ferrol ist ein Fischerboot gekentert. Fünf Jnsaffen find ertrunken.

Depeschen deS BureauHerold".

Berlin, 8. November, Wie die preußische, hat auch die sächsische Regierung Erhebungen über die Bäckerei- Verordnung deS BundeSrathS angestellt. ES heißt, die sächsische Regierung sei entschlossen, eine Aenderung der Verordnung im BundeSrathe zu beantragen.

Berlin, 8. November. Zwei serbische Offiziere find nach Deutschland commandirt worden und werden in Stettin, der eine bei der Artillerie, der andere bei der In­fanterie eingestellt werden.

München, 8. November. Professor Dr. Quidde sprach gestern Abend in einer von demokratischer Sette in den Centralsälen einberufenen Versammlung, welche sehr zahlreich besucht war, über unsere Rechtspflege, Militärgerichtsbarkeit und den Fall Brüsewitz. Redner wandte sich ganz energisch gegen den Offiziers Ehrbegriff und den Duellunfug. Schließ­lich gelangte eine Resolution zur Annahme, welche u. a. ver­langt, daß der deutsche Reichstag seiner am 21. April d. I. einstimmig gefaßten Kundgebung gegen den Duellunfug prac- tische Geltung verschafft, ferner daß die Militärgerichtsbarkeit beschränkt werde auf dienstliche Vergehen und daß endlich der Reichstag so lange die Mittel für Militärzwecke verweigere, bis diese Forderungen durchgeflihrt seien.

Krakan, 8. November. In dem großen Steuer- HinterziehungSproceß, welcher zwei Jahre dauerte und j-tzt zum Abschlüsse gelangt ist, wurden sämmtliche 240 Ang. klagte zu inSgesammt 600,000 Gulden Geldstrafe, bezw. zu den entsprechenden Arreststrafen verurtheilt.

Brüssel, 8. November. Wie die hiesigen Blätter ein­stimmig melden, wurde die Brüsseler Filiale deS Crsdit Lyonnais daS Opfer großer Checkfälschungen. 460,000 Francs seien durch einen flüchtigen Bankbeamten defraudirt. Gegen denselben wurde ein Steckbrief erlassen.

Paris, 8 November. Der russische Maler Bogalubow, welcher bekanntlich die Ankunft deS Zarenpaares in Cherbourg in einem Bilde verewigen sollte, ist plötzlich gestorben. Das Bild ist noch unfertig.

Brüssel, 9. November. Die gestrige Kundgebung 2000 alter Bergleute zur Erlangung einer Pensions­berechtigung ist ohne Zwischenfall verlaufen.

Paris, 9. November. Infolge der Kammerdebatten über die armenischen Greuelthaten sandte der Sultan seinen Secretär zum französischen Botschafter in Konstantinopel und ließ diesen nach den Instructionen Hanotaux fragen. Der Botschafter erwiderte, der Sultan möge selbst Maß­nahmen veranlassen. Darauf hat der hiesige türkische Bot- schaster die Regierung verständigt, daß der Sultan eine Reihe von Maßnahmen angeordnet habe, wofür Hanotaux dankte.

Paris, 9. November. Die Regierung dementtrt amtlich die Legende eines angeblichen Aufenthalts Kaiser Wilhelms in Paris während der Russenfeste.

Paris, 9. November. Die Maßnahmen, welche der Sultan aus Anlaß der Kammerdebatten angeordnet hat, find folgende: Die Gefangenen, gegen welche bisher kein Verbrechen erwiesen werden kann, sollen freigelaffen werden. Die Polizei von Konstantinopel erhält den Befehl, friedfertige Armenier nicht zu verfolgen- eine armenische Versammlung bebufs Wahl eines Patriarchen soll sofort einberufen werden. Oberst Morzhar soll für die Ermordung des Paters Salvador vor ein Kriegsgericht gestellt und der außergewöhnliche Gerichtshof soll heute aufgelöst werden,- ferner sollen alle Militärbefehlshaber persönlich verantwortlich gewacht werden

für weitere Unruhen rc., die auSbrechen. Die Unterredung des franzöfifchen Botschafters mit dem Sultan dauerte drei Stunden.

Belfort, 9. November. Unweit der deutschen Grenze wurde die Leiche eines jungen, durch zahlreiche Messerstiche ermordeten Menschen gefunden. Man vermuthet, daß die That jenseits der Grenze begangen und die Leiche zur Er­schwerung der Recherchen binübergeschleppt wurde.

CocaUs unb protHnsieöe*,

Wetzen, den 9. November.

** ReichStagSwahl. Wie aus der im amtlichen Theile unseres heutigen Blattes befindlichen Bekanntmachung er- fichtlich, stellt sich das Gesammt - Ergebniß wie folgt: Köhler 4177, Scheidemann 3351, Meinert 2442, Dr. Stengel 2129 Stimmen. Zersplittert waren 6 Stimmen. Die sonach zwischen den Herren Köhler und Scheidemann nothwendig geworbene Stichwahl findet am Donnerstag den 19. November statt.

** Grotzhetzogl. Handelskammer. Die Kgl. Eisenbahn- Direction Frankfurt a. M. theilt uns mit:Vom Sonntag den 15. b. Mts. ab kommen dorlselbst Sonntags-Rück­fahrkarten 1., 2. unb 3. Wagenklaffe nach Marburg zu ben einfachen Persouenzug-Toxen zur Verausgabung."

** Schuldieustuachrichten. Durch Allerhöchste Entschließung Sr. Kgl. Hoheit des Großherzogs vom 31. October wurde dem Schulverwalter Martin Jung aus Gensingen, im Kreise Bingen, die Schulstelle zu Heimertshausen, Kreis Alsfeld, definitiv Übertragen.

e* Paul vultz, der bekanntlich der Lieblingssänger Sr. Maj. des deutschen Kaisers ist, wird zu seinem hiesigen Concert, welches am Mittwoch den 18. November im großen Saale des Gesellschafts-Vereins stattfindet, den aus­gezeichneten Claviervirtuosen Fritz MaSbach, mitbringen. Paul Bulß ist zur Zeit das bedeutendste Mitglied der Ber­liner Hofoper. (Siehe Inserat.)

*H Etadttheater. DaS hiesige theaterliebende Publi­kum hatte gestern Abend den Genuß einer Classtker-Vorstel­lung, geboten durch unser heimisches Ensemble, Dank dem anerkennenSwerthen Streben der Direction Kruse-Helm Allen in Allem Rechnung zu tragen. Gegeben wurde Kabale und Liebe" von Friedr. v. Schiller, einbürgerliches Trauerspiel" benannt, dem noch der Ton, die Ueberzeugung seiner ersten Schöpfungspertode anhaftet, und welches heute noch, bei Versenkung unseres Geistes in damalige Zustände, tiefen gewaltigen Eindruck hinterläßt. Die Realistik, mit welcher das Stück bedacht, muß mit dem Historischen herauS- gearbeitet werden, und deßhalb ist es nicht leicht, in unserer Zeit davon eine richtige Wiedergabe zu geben. Die Be­setzung deS Stückes durch unsere heimischen Kcäfte war eine glückliche, die Wiedergabe zeugte von lobeuSwerthem Eifer und Studium. In erster Reihe standen diesmal unter den Darstellern Herr Fritzschler, der den Präsidenten spielte, und Herr Goldbach, als dessen Sohn Ferdinand. Ersterer führte die Rolle in richtigen Tone durch- Herr Goldbach überraschte mit seiner Leistung. Er legte ein künstlerisches Empfinden an den Tag, das bisher wenig wahrzunehmeu war. Wenn auch stellenweise der junge Major weibische Schwäche zeigte, allerdings in Berücksichtigung desWerther"- toueS jener Zeit, so gelangen doch die Scenen der Ecregung, der Männlichkeit, seiner Liebe und seiner Grundsätze durch ausdrucksvolle Sprache und Spiel aufs Ueberzeugendste. Der Mufikant Miller" deS Herrn Schröder war, wenn auch mit Eifer, so doch nicht einheitlich durchgeführt- am Besten gelang die Scene mit dem Präfidenten. Die Luise gab Frl. Leno in einzelnen Momenten mit vorzüglicher Wirkung. Die Dar­stellung dieser Gestalt ist Übrigens sehr schwierig, und nur glückliche Zufälligkeiten schaffen ein solch eindrucksvolles Wesen, daS mit seiner Liebe zu Grabe geht. Herr Peikner schuf seinen Hofmarschall v. Kalb mit bestem Gelingen, desgleichen Herr Kunert den Secretär Wurm. Eine RepräsentalionS« rolle war die Lady Milford des Frl. Egger. Sie fand fich mit Verständniß in diesen Character, dessen tiefinner- licheS Verhältniß durch hingebungsvolles Spiel klargelegt wurde. Frau Krufe hatte fich der wenig dankbaren Rolle der Frau Miller verdienstvoll angenommen und Frl. Diener war eine graciöse Kammerjungfer. Das HauS war gut, aber für so einen genußreichen Abend doch nicht gut genug besetzt- an dem Beifall, d.-n jeder Act davontrug, war daS lebhafte Interesse zu ermessen, welches der schönen Leistung unseres Ensembles ungetheilt entgegengebracht wurde.

** Coucertverein. Zum ersten Mal in diesem Winter hatten fich gestern den hiesigen Mufikfreunden die Psorten dcS Clubsaal:s für die Darbietungen des ConcertvereinS wieder geöffnet. Leider war es dem neu erwählten Univerfitäts-