Ausgabe 
9.12.1896 Zweites Blatt
 
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Radfahren steht heute in Gefahr, vom Sport zu Tode gesündigt zu werden. Der Sport hat die edelsten Dinge in Mihcredit gebracht, das Reiten, das Jagen wilder Thiere, das Berg' steigen 17. f. w., er wird» auch mit dem Radfahren zuwege bringen. ES ist der Fernhunger schon lächerlich genug, die Gier, die möglichst größten Entfernungen in mög­lichst kurzer Zett zu durchschneiden ohne wetteren Zweck. Und die Sucht jedes Einzelnen, i» dieser windigen Leistung eS dem Anderen zuvorzuthun, ohne daß dabet das geringste brauchbare Resultat herauSkommt, ist geradezu komisch. Ich will hier nicht jenen Wettstreit angreifen, der eine Sache auSbtldet, eine Erfindung vervollkommnet und der gerade auch das Zweirad rasch zur großen Vollendung gebracht hat. Doch gar so viele unsrer sernhungrigen Luftschvapper führen ihre, wenn auch nicht gerade halsbrecherischen, so doch lungeu- lähmenden Touren nur darum auS, um dann prahlen zu können. Und auf diesem Trtumphzug find fie im Stande, Alles zu zermalmen, was ihnen zufällig in den Weg läuft oder ruhig auf dem Wege dahiuschreitet.

So viel manche versuchte Radfahrer. Rechtfertigung er- rathen läßt, bilden sich diese Retter ein, mindesten» so viel, oder sogar ein wenig mehr Anrecht an der Straße zu haben, al» Andere. Dem entgegen besteht eine ganz schüchterne Meinung, als wäre e» doch vielleicht gerade ein bischen um« gekehrt der Fall, als wären die Radfahrer auf unfern Straßen bislang fast noch mehr Gast als Hausherr. Sie werden fich allerdings da- Heimathrecht auf den öffentlichen Wegen sehr bald vollends erworben haben und ich gönne es ihnen von Herzen. Jndeß, wenn heute thatsächlich noch das Sich' bequemen als Gast am Platze ist, ^dte Rückficht auf Andere wird zu allen Zetten auch vom Radfahrer verlangt werden dürfen. Der Radfahrer als Mitbürger der Straße wird fich anpaffen müssen. Er wird feinen Theil an der Straße nicht mißbrauchen. Gr wird unter allen Umständen das rechtzeitige Signal geben, aber das wird noch nicht genug sein. Wer taub ist, hat nicht die Pflicht, da» Signal zu hören, und wer e» hört, hat auf seinem Bürgersteige erst noch immer nicht die Pflicht, auSzuweichen. Wem darum zu thun ist, rasch weiter zu kommen, Andere zu überflügeln, der muß fich schon aufs Lavtren verlegen- mit dem Aurempelu und Ntederstoßen kann man wohl auch au ein Ziel kommen, aber nicht gerade anS gewünschte.

Die Erscheinung deS Radfahrer» ist unserer Generation ohnehin noch unheimlich, ich hörte fie öfter als einmal das Gespenst der Straße nennen. Wenn auch noch die Unzu- kömmlichkeiten und RückfichtSlosigkeiten dazu kommen, wenn mancher ungezogene Junge auf dem Rad seiner brutalen Laune nach Herzenslust freien Lauf lassen zu dürfen glaubt daun wird er fich sehr schwer die Sympathie der Bevöl­

kerung erwerben, auf die er doch schließlich mehr oder weniger angewiesen ist. Nun, daS wird besser werden. Gegen­wärtig ist die Radfahrerei noch tu den Flegeljahrev. Die Radsahrervereine werden ihre Mitglieder erziehen, ihre Be- strebungen adeln, den Mitmenschen aupassev und die nächsten Geschlechter werden überzeugt sein, daß da» Radfahren kein windiger Sport ist, sondern eine herrliche Erfindung voll deS Nützlichen und Angenehmen.

Aber nicht durch Sportdummheiteu oder Flegrlhaftig' ketten verderben! ES wäre zu schade! Ls.

Verarrschtes»

BekleidungrstLcke au» Torf diese Nachricht kommt nicht auS England oder Amerika, sondern auS Erefeld. Eine dortige Firma hat eine neue Fabrik gegründet, in welcher eine eigenartige Industrie betrieben wird. ES wird in derselben Torf nach einem besonderen Verfahren bearbeitet. Zunächst werden Torfmassen in riesigen VorbereitungSmafchtoeu zerkleinert und gesiebt. Nachdem dann der erdige Theil au»- gesondert ist, welcher zu Streuzwecken verkauft wird, bleibt eine faserige Masse übrig, die zu feinen und groben Fäden gesponnen werden kann und viel Aeholichkeit mit gewöhn­licher Wolle aufweist. Diese Fäden dienen vornehmlich als Material zur Herstellung von Teppichen, Vorhängen, Pferde- und Schlafdecken, Fußläufern, Säcken rc. Nach verfeinertem Verfahren ist e» möglich, Kleiderstoffe, Filze für Hüte, grobe Handschuhe rc. daraus anzufer'igen. Versuche, die mit der­artigen Bekleidungsstücken vorgenommen wurden, sollen be­friedigende Ergebniffe erzielt haben, sodaß dieser Artikel bald in den Handel gebracht werden wird.

Die Locken der Studeuti». AuS Budapest wird der ^Reichswehr" folgende amüsante Geschichte gemeldet:An der Budapester Universität studireu gegenwärtig etwa fünf junge Damen. Bisher ging auch Alles ganz glatt. In jüngster Zett wurde jedoch eine dieser jungen Damen, Frl. M. Sch., vor die Alternative gestellt, entweder daS Studium der Medizin aufzugeben, oder ihr schönes, lauge» Haar der Scheere de» Friseur» zu überlasten. Ein berühmter akademischer Lehrer, Prosestor der Chirurgie, hat nämlich er- klärt, da» Fräulein nicht eher zum chirurgischen Proctikum zuzulaffen, al» bi» fie ihr Haar abgeschnitten habe, da durch die langen Locken die Kranken leicht inficirt werden könnten. Man darf mit Recht darauf gespannt sein, was wohl den Sieg davon tragen wird: die Liebe zur Wtstenschaft oder zu den schönen Locken.___________________

Literatur uud Aunst.

- Schär Langenscheidt, aa«fmL««1fche Unterrichtsstrmde« Vollständiger Lehrgang der practtschen Handelswissenschasien für den

Selbstunterricht. 6utfu8 2, Eontorpraxis (16 L-ctionen A 1 Mk. Lectton 1. Verlag für Sprach» und Handel-Wissenschaft (vr. P. Langenscheid,), Berlin SW. 46. Der vorstehende De'lag gtebt unter dem IttelKaufmännische Unterrichtsstunden" einen voll­ständigen Lehrgana der HandelSwifienschaften für den Selbstuntc - richt heraus. Nicht wenige Halbwissmde wurden durch den bisherig« kaufmännischenbrieflich« Unterricht" herangedlldet, weil dtefer Unterricht bhfe darauf hinzielt, die Buchführung .etnzudressiren", ohne dm Schüler zum Dmk« zu veranlassen. Es war alfo höchste Zeit, daß berufene Kräfte dm Kampf mit dielen Herren aufnahm« und durch systematischen Lehrgang «dlich die Aufgabe löst«, auf dem Wege des Selbstunterrichts dm heranwrchlrndm Ksufmanns- ftand tüchtig «uszubtldm. Demmtsprechend ist das Werk von vielen Unterrichksbehö den auf da» Günstigste beurthetlt, und in Handelft- kreisen mit unbeschränkter Anerkmnung auigmommen wordm. Der nunmehr fertig gestellte CursuS 1 diese» Werkes behandelt in gründ­licher Weise die Buchballung. Vom Eursu» 2 derKaufmännisch« Unterrichtsstunden", der die Handelscorrelpondenz, daS ContocorreM mit Zinsen, die Wechsellehre, da» kaufmännische Rechn«, die Eontotr­arbeiten, die Münz, Maß- und GewtchtSkunde, die kaufmännische Terminologie rc. umfassen soll, liegt uns nun L-ction 2 und 3 vor. welche in tkld) trefflicher Weise bearbeitet ist. Da» Ersch.tue.t M zweiten TheilS kann daher nur begrüßt und das Studium deS ganz« Werkes den Handelsbrfl'fienen nachdrücklich empfohlen werd«.

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