Ausgabe 
9.12.1896 Zweites Blatt
 
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immer. Unaufhörlich schwatzte es vom Christkindchen iebeß Wort war ein Dolchstoß für daS arme Mutterherz.

Frau Werner nähte nicht mehr an der Maschine- sie hatte daS unbestimmte Gefühl, als hätte sie eS nicht mehr nöthig. Die paar letzten Nothgroschen reichten ja bis zum 24. und daun daun mochte werden, was wollte.

Der WeihnachtSheiligabend brach an- früh, als eS anfing zu dämmern, erhob sich Frau Werner von ihrem Lager, kleidete sich rasch an und begann dann, ein ganz kleines Christbäumchen, welches in einem Holzkreuz befestigt war, mit allerlei Schmuck za behängen, den sie aus einer Schub­lade hervorkramte. Kleine Lichter befestigte sie zuletzt daran, danu holte sie aus derselben Schublade ein neues hübsche- Püppchen heraus und setzte eS unter den Baum. Als Klein- Mariechen sich zu ermuntern anfiug, zündete sie die Lichter an und rückte daS Tischchen der Kleinen an das Bett. Helles Jauchzen erfüllte den kleinen Raum, hrlleS Jauchzen und^ die Seufzer bittersten Kummers!

Die Stunden de» Vormittags schlichen langsam dahin sür die Mutter und als das Kind aus dem Mittagsschlaf erwachte, fing sie an, eS zu baden und frisch anzukleiden, einfach, aber unendlich sauber. Die große, starre Ruhe, die ost das Uebermaß deS Schmerzes mit sich bringt, bm auch über die arme Mutter- sie hatte keine Thränen, sie konnte sogar mit dem Kinde lächeln und scherzen, und als sie alles fertig hatte, ruhig mit ihm die Stube verlafien.

Sie hatte nicht weit zu gehen bis zur nächsten Halte» stelle der Pferdebahn. Dieselbe war übersüllt, nur ein schmales Plätzchen sand sich noch für sie- daS Kind hatte fic auf dem Schooß eS drückte mit den kleinen Händchen die neue Puppe glückselig au daS kleine Herz. Mancher freund­liche Blick streifte das herzige Kiadergeficht und hastete daun wohl verwundert auf den eingefallenen Zügen der Mutier, deren Augen einen so seltsam starren Ausdruck hatten. Die Paffagiere wechselten fortwährend- alle waren beladen mit Packeten, au» aller Augen strahlte etwas wie freudige Er­wartung eS war ja WeihnachtShliltgabend.

(Schluß folgt.)

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Nr. A» Zweites Blatt, Mittwoch da» S, December 1896

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wb. Lang-GönS, 7. December. Heute Morgen 8 Uhr starb der vtelbekannte Postagent und GemeinderathSmitglied Rompf. Er war tu unserer Gemeinde eine allgemein hoch« angesehene PeifSulichkeit.

4- Nidda, 7. December. In voller körperlicher Rüstig­keit und geistiger Frische begingen unser allverehrter Herr Bürgermeister Rullmanu nebst Gemahlin gestern im engeren Familienkreise ihr goldenes Hochzeitsjubi- läum. AuS Nah und Fern wurden dem Paare neben zahlreichen Glückwünschen kostbare Blumenspenden und andere schöne Festgeschenke zu Thetl- von den letzteren seien nur die Seitens des Stadtvorstandes und bezw. von Angehörigen der Gefeierten den Letzteren überreichten prachtvollen Ruhe- seffel erwähnt. Was jedoch dem Feste die schönste Wethe gab, war die Thetlnahme Sr. Königl. Hoheit deS Groß- Herzogs an solchem durch Uebersendung Seines Bildes mit Höchsteigener NamenSunterschrist und dem Ausdrucke Seiner Glückwünsche, sowie die feierliche Ueberreichung deS unserem Stadtoberhaupt von Sr. Königl. Hoheit weiter verliehenen silbernen Kreuzes des Verdienstordens Philipps des Groß- müthigen durch Herrn Kreisamtmann Merk in Büdingen. Möge da» Jubelpaar noch lange seinen Angehörigen und der Gemeinde erhalten bleiben.

-I- Herbstein, 4. December. Vom Schöffengericht wurde heute ein ganz wohlhabender Mann zu 50 Mark Geld­strafe verurtheilt, weil er gelegentlich der Fischerei im Rothenbachsleich bet Bermuthshain, nachdem die Fische be­reit- in Behälter gefaßt worden waren, einen im Teiche versteckt gebliebenen Karpfen fing und für sich verwerthete. Da dieses Verfahren in unserer Gegend üblich ist, indem von Leuten in den Abflußgraben usw. die zurückgebliebenen Fische in der Meinung, hierzu berechtigt zu sein, herauö- x.sangen werden, so mag dieser Fall für Jeden eine War­nung sein.

Das Gespenst auf der Straße.

Unter diesem Titel kritifirt Rosegger im Decemberheft de-Heimgarten" das Gebühren mancher Radfahrer in sehr bezeichnender Weise- der Artikel enthält so beherzigenswerte Winke für jene feinhungrigen Lustschnapper, die sich eio- bllben, mehr Anrecht au der Straße zu haben, als Andere, daß er verdient, im Jntereffe aller, welche sich nach guter

alter Sitte frische Luft und Bewegung durch Ergehen zu verschaffen suchen, in den weitesten Kreisen bekannt zu werden. Das ist ein Kreuz, zwischen den Fußgehern und den Rad­fahrern. Für zwei Parteien wird sonst die Welt zu enge und hier soll sür sie die Straße weit genug sein! Die Fuß­geher und die Radfahrer sind nicht blos verschiedene Par­teien, sie find verschiedene Wesen. Die einen kriechen, die anderen fliegen. Der Käfer und die Libelle. Nur schade, daß diese Libelle für ihren pfeilschnellen Flug doch noch eines handbreiten Streifens Scholle bedarf von der Straße, die der Fußgänger gerodet und gebaut hat, die der Fuß­gänger erhält und bewacht. Der Fußgänger ist der älteste Bürger der Straße, dann kam der Retter, dann kam der Fuhrmann- ohne einige Befehdung ging e- nicht ab, der Fußgeher wurde etwas an den Rand gedrängt, aber auf diesem Bürgersteige fühlte er sich sicher, und die reitenden und fahrenden Herren zollten ihre Mauthen.

Da kam der Radfahrer gesaust, plötzlich und unver­mittelt. Weder Straße noch Gesetz waren auf ihn vorbe­reitet, er zahlte keine Mauth und keine Steuer, aber kühn­lich eignete er sich die Fahrbahn an und den Reitweg und den Steig des Fußgehers. Der letztere war ihm am liebsten- er brauchte mit seiner Schelle nur zu klingeln, so sprang der Fußgeher zur Sette und blickte mit Bewunderung der Libelle nach. Ein einziges Bäuerlein war, das den ersten Radfahrer, den sah, für einen verrückt gewordenen Scheerenschletfer hielt der Frevler wurde niedergerannt. Auch mancherlei Anderes wurde niedergerannt, Ziegen, Kinder, alte Wetblein, Enten, Hunde- die Schuld war an ihnen, sie waren nicht ausgewichen, oder zu langsam oder ungeschickt. Manche dieser Geschöpfe verloren vor Schreck den Kopf, rannten mitten in die Gefahr hinein und daß eherne Rad deß Geschickes rollte über sie dahin. Man hat die Rad­fahrer verpflichtet, rechtzeitig das Signal zu geben, aber daß Gesetz Hut die Tauben nicht streng genug verhalten, zu hören. Diese Eigensinnigen laffen sich lieber über den Haufen rennen, als daß sie das Signal beachteten! Was kann der arme Radfahrer dafür, wenn Paffanten schwerhörig find! Und was kann er dafür, wenn im Straßenlärm sein be­scheidenes Klingeln nicht aufkommt! Da soll man doch lieber den lästigen Straßenlärm abschaffen oder den Fußgehern andere Wege bauen, wenn ihnen der moderne öffentliche Radverkehr zu gefährlich dünkt!

Beim Spital am Semmering geschah es vor Kurzem,

daß ein Radfahrer einen Pintscher uiederschoß, der ihm unter- Rad laufen wollte. Zwei Frauen mit einigen Kindern, die in Begleitung ihres Hüodletus argloß des Weges gegangen, begehrten lebhaft auf, da feuerte der heldenhafte Radritter auch nach ihnen einen Schuß ab und fauste mit wilden Schtmpfworten davon. Man hat bemerkt, daß die Radfahrer so manchmal von Landbewohnern und auch AnderenQüoqutxl wurden. Ich entschuldige daö nicht, aber ich begreife. Da mag auch ein psychtscheß Moment dabei sein, daß bißher nicht beachtet wurde. Ich gehe gewiß gern ruhig meiner Wege und weiche bereitwillig jedem Fußgänger auß, ge- schwege jedem Wagen und Radfahrer. Und doch ist mir bei solchen manchmal schon ums Zuschlägen gewesen. Der Schreck! Da macht man harmlos seinen Erholungßspazier- gang und ganz plötzlich huscht in nächster Nähe lautlos so ein Gespenst vorüber, den Rock streifeod. Der Schreck zuckt einem durch die Nerven, unwillkürlich hebt sich der Arm wie zu einer Gegenwehr und wahrl'ch nicht milde ist daß Wort, daß man dem vorbeifliegenden Fremdling zurust:Warum kein Signal! Fort auß dem Fußweg!" Und wenn der Herr im Gefühle seiner fliegenden Sicherheit noch rohe oder höhnische Bemerkungen zurückschleudert, anstatt sich zu ent­schuldigen, so find im Augenblick alle Anläffe zu einer Schlägerei gegeben, biß auf den einen, allerdings wichtigsten, daß man den Kerl nicht erwischt. Eineß Tageß sah ich, wie so ein auss Rad geflochtener Bursche einen alten Mann ntederstirß, daß dieser sein weißeß Haupt an einen Stein schlug und liegen blieb. Der Radler spannte alle Kräfte an, um rasch dem Schauplatz zu entkommen, aber indem er zurückschaute, ob er nicht verfolgt würde, benutzte da­tückische Rad den freien Moment, um ihn in den Straßen-- graben zu werfen. So lange er oben geseffen, hatte er noch höhnisch gekrinst, al- er sich nun aber, von mehrere« Bauern umgeben, in der Wasserlache liegen sah, wurde er überaus demüthig und fand nun ganz selbstverständlich, daß er sich um den alten Mann kümmere und den Unfall nach Möglichkeit entschädige. Eine so prompte Nemesis kommt aber selten vor. Beim Fußgeher ist der plötzliche Schreck, der aufregt, beim Radfahrer das Gefühl der Fluchtsicherheit, daß ihn keck und grob macht, und so find die Conflicte er­klärlich genug.

Daß Radfahren, sei es nun zu practischen Zwecken oder zur Erholung, ist eine schöne Sache, und derHeimgarten" hat mehrmals seine Freude darüber geäußert. Aber daß

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Feuilleton.

Durch eine Puppe.

Eine Weihnachtsgeschichte von E. Ritter.

(2. Fortsetzung.)

Die Befürchtung der Frau Werner oder war eS niijt vielmehr eine leise Hoffnung? daß die Wahl deß iuchenden Ehepaares nicht gerade auf ihr Kind fallen würde, ging nicht in Erfüllung.

war am zweitfolgenden Tage nach Abgang deß 8-lieseß, als eine elegante Equipage vor dem Hause in der Neustadt hielt und eine feine Dame, eine in dieser Straße ganz ungewohnte Erscheinung, die vier Treppen zu dem Liübchen der Wittwe hioanstteg.

Der Wagen wartete und nach einer kleinen halben Stunde erschien die Dame wieder. Der Diener riß den Schlag auf, half seiner Herrin beim Einsteigen, schwang sich rasch wieder auf seinen Sitz und da- Gefährt rollte lahin.

In dieser kleinen halben Stunde hatte sich alles ent­schieden. Frau Hanna war entzückt gewesen von dem kleinen Rädchen, auch befriedigte sie die Auskunft, die Frau Werner über sich und ihre Verhältniffe geben konnte, vollständig. Frau Werner stellte ihr anheim, sich noch bei dem Geistlichen bts Bezirks und bei dem Arzte, der sie im Krankenhause behandelt, nach ihr zu erkundigen- aber das hielt die Frau Baronin für unnöthig. Sie vertraute ihrer Menschenkenntniß uaL dem Eindruck, den da- ganze schlichte, aber tactvolle Benehmen der Frau Werner auf sie machte, vollständig und Bear überzeugt, daß sie in dem lieblichen kleinen Mädchen gmz da» Gewünschte gesunden hatte. Sie wollte ia den nächsten Tagen ihren Notar bitten, Frau Werner aufzusuchen neyen der nölhigen Formalitäten und dann würde sie da- ftinb am 24. December Nachmittag- abholen laffen.

Es handelt sich um eine Überraschung sür meinen Namn," hatte sie erklärend hinzugefügt. Und dann hatte sie noch gemeint:Ich schicke Ihnen vorher noch Garderobe für Ole Kleine."

Aber da stieg eine dunkle Röthe in Frau Werners Ge­sicht und fast heftig bat sie die Frau Baronin, davon ab» zusehen.Ich ziehe daß Kind ganz sauber und ordentlich an, daß versichere ich Ihnen, aber ich möchte nicht anders sehen hier bet mir, als ich es gewohnt bin, und bann, bitte, gestatten Sie mir, Ihnen das Kind selbst zu bringen, es ist so an mich gewöhnt und und wird mir dann auch leichter."

Die Bitte wurde nach kurzem Nachfinnen gewahrt und damit hatte die Unterredung ihr Ende erreicht, zum Glück für Frau Werner, die nur mit Aufbietung aller Kräfte sich so lange hatte beherrschen können. Und nun war sie wieder allein mit ihrem Kinde. Mit ihrem Kinde? Ja, noch ge­hörte ihr, noch ganze acht Tage lang. Weiter hinauß wollte, konnte sie nicht denken weiter hinauß war ja alleß dunkel und leer für sie.

Mechanisch ging sie ihren Beschäftigungen nach, aber nur den nothwendigsten- jeden freien Augenblick benutzte sie, um mit dem Kinde zu plaudern, zu spielen, um zu Herzen und zu küssen. Dann kam nach einigen Tagen wieder ein Besuch, der Herr Notar, der sich ihre Papiere, daß Ge- burtszeugniß und den Impfschein des Kindeß vorlegen ließ. Und dann mußte sie ein Schriftstück unterschreiben, welches er ihr vorgelesen hatte. Sie war nicht im Stande, dem Wortlaut genau zu folgen, aber so viel hatte sie doch erfaßt, daß sie allen Rechten auf ihr Kind entsagen solle und daß für dasselbe für alle Zukunft in jeder Weise gesorgt werden würde. Der Notar hatte auch noch angedeutet, daß es die Fran Baronin gern sehen würde, wenn Frau Werner sich entschließen könnte, von Dresden wegzuziehen, und daß er beauftragt sei, ihr zu diesem Zwecke in jeder Weise be- htlflich zu fein mit Unterstützung durch Geld und guten Rath.

O, daß ist nicht nöthig, danke sehr, ich brauche nichts und ich werde nur noch ganz kurze Zeit hier bleiben," war die mit etgenthümlichem Lächeln gegebene Antwort. Und nun war auch daß Überstanden. Nun war alles entschieden. Sie hatte verzichtet auf ihr Kind und nur noch acht Tage lagen zwischen dem letzten Abschied. Und daS kleine Wesen, dem all diese Kämpfe galten, war ahnungslos, fröhlich, wie