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Kr. 238 Erstes Blatt. Freitag den 9. October
1806
Der
Anzeiger scheint täglich, eil LuSnahmr de» Montag».
Die Gießmer |i*l(i<aerd(ttr taten bnn Anzeiger ztch-ntlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Wnzeiger.
vierteljähriger Aöonakmcntiprr!»» 2 Mark 20 Pfg. mll Bringerlopn. Durch die Post bezöge« 2 Marl 50 Pfg.
Rebactian, Expedin»« und Druckerei: Kchntflratze 3hr.lq Fernsprecher 51.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
laarahme Do« Anzeigen zu btt Nachmittag» für bre Mfltnbm Lag erscheinenden Rümmer bi» Börm. 10 Uhr.
Hratisöeikage: Gießener Jamitienbkätter.
Alle Annoncm-Bureaux be» In« unb Au»lande» nehme» Anzeigen für ben „Gießener Anzeiger- entgegen.
Aintlicher Theil.
vckamümachmlg,
ittitffenb: Den Wasevmeisterdieust zu Weickartshain.
Heinrich Naumann zu WeickartSha'n ist als Wasen« ■liftcr dieser Gemeinde verpflichtet worden.
Gießen, den 6. October 1896.
GroßherzoglicheS Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
LoealPolizeiSkeglemeut, •
Lttr.: Den öffentlichen Zettelanschlag in der Stadt Gießen.
Nach Anhörung der Stadtverordneten - Versammlung ntrb mit Genehmigung Großherzoglichen Minlsteriums vom 8, September l. Js. zu Nr. M I. 25 073 für den Bezirk Lir Stadt Gießen verordnet wie folgt:
§ r.
Bekanntmachungen, gewerbliche Anzeigen, öffentliche An« MiHUngen, insbesondere von Belustigungen, Versamm- Qingen und Aufführungen, soweit dieselben nicht den öffent' llichrn Verkehrsintereffen dienen, dürfen innerhalb der Stadt Meß« und deren Gemarkung, vorbehältlich der Ausnahme- Wirmungen in § 2 und § 3, nur an den von der Stadt Äiefan errichteten Anschlagssäulen und angebrachten Tafeln angeschlagen werden und zwar nur durch die seitens Groß- tznzoßlicher Bürgermeisterei Gießen dazu berechtigten Per« PMieit Diese bedürfen hierzu der Erlaubniß Großherzogin Polizeiamts Gießen und haben einen auf Namen Qoitemben, von Großhcrzoglichem Polizeiamt Gießen au«- Msltllsnden Legitimationsschein bei sich zu führen.
8 2.
Im Uebrigen ist die Anbringung der in § 1 erwähnten Arkanintmachungen rc. nur mit Zustimmung des Eigenthümers tat Mr. Gebäudes rc. und unter der Voraussetzung zulässig, M fc ie Plakate auf einer, von Großherzoglichem Polizeiamt gießm hierzu für geeignet erklärten Anschlagstafel befestigt «erben.
§ 3.
Die Bestimmungen der §§ 1 und 2 beziehen sich nicht tu, Bekanntmachungen, welche von Grundstückseigenlhümern ti=r Miethern ausschließlich in ihrem Privatintereffe an ilheil eigenen Grundstücken, Häusern ober Miethsräumen aus« gMn.gt ober angeschlagen werben.
§ 4.
Zuwiderhandlungen gegen obige Bestimmungen sowie .»Mliche Beschäbigung, Beschmutzung und widerrechtliche - Benutzung der Anschlagstafeln und Säulen, Abreißen von !Aischllägen von denselben, werden unbeschadet höherer all-
Fettilletsn.
Unser (Barten im Moder.
Die Nester der HauS- und Dorsschwalben find leer.
.Sie sind fort!" plätschert leise der Hofdrunnen, der ihnen so i Mal das Schlummerlied gesungen, in heißen Sommertagen sstrnrlt kühlem Trunk erquickt. „Sie sind fort!" brummt es 1 tninmrlsch auS dem warmen Milchviehstall, und große, nachdenkliche ;Ü»n richten sich nach den verlassinen Niststellen an der Decke des < $i'i i mnges. Ahnen diese Augen, daß Schwalbenmütterchen, das I ta|»cgcnbr, mit den Seinen — die unermüdlichen Vertilger der .^ringenden Bremsen und Fliegen - im ermüdeten Wander- s wohl durch die mörderische Schrotflinte der Sudtiroler und 'Mner schwer getroffen, fremden Boden mit seinem Herzblut dann, roh seines Federkleides beraubt, noch roher in die i tmi-lmbe Pfanne wanderte, über der stechend schwarze Augen lüstern Garwerben lauerten?! Unb es versprach doch mit allen mm Lieben im Frühling wiederzukehren, wenn die Gartenhecke leise e anüpite und im Beet am fröhlich erwachten Bienenstand die Narzisien i roi eaften Tulpen blüheten! Weiß es vielleicht die Wetterfahne aus IM^en Hausgiebel, die der kalte Octoberwind knarrend herum- 1 weerfjen, die unverwetlt in ben letzten Tagen weit hinaus nach dem ' iMnr Süden schaut!?
Niemand weiß eS, auch das muntere Gartenrothschwänzchen ! utl, Ibem mit den noch nicht abgezogenen Rothkehlchen drüben im ; SM «lisch vielleicht in kürzester Frist ein ähnliches Geschick droht. ! toj schallt vergnügt und sorglos sein: „Huid hutd dädä!" von der s Wr bedeckten Mauer, vom Giebel des GartenhäuSchens, es will l da Zilrbermetster Herbst noch eine Weile in Allee, Park und Garten I iioiiritn sehen, will dem letzten Stechmücken-, Fliegen- und Bremsen» 1 ;id dvts Leben sauer machen und noch ein wenig von den reifenden : chLumderbeet en htnterm Hause naschen. Unb es muß doch auch noch . gc;t sein, daß das letzte Obst glücklich etngehetmst, daß auch die i iniii t öast an Trauben im Weingarten doch noch einigermaßen Rette I «Morn I Dann sagt eS seiner Heimstätte herzlich Lebewohl, und t die zögernden Staare vom Wtesengrunde verschwunden, ehe 1 Hktrflien Plänkler der vom Norden kommenden KrammetSvögel —
gemeiner Strafbestimmungen mit einer Geldstrafe bis zu 30 Mk. bestraft.
§ 5.
Vorstehendes Local-Polizei-Reglement tritt am 15. Oc« tobet l. Js. in Kraft.
Gießen, am 6. October 1896.
GroßherzoglicheS Polizeiamt Gießen.
v. Bechtold.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 7. October. Die Ankunft Ihrer Majestäten des Kaisers unb der Kaiserin von Rußland erfolgt Samstag Vormittag 9 Uhr auf dem Bahnhof der Hessischen LudwigSbahn. Nach Ueberleitung des Zuges in den Bahnhof der Main-Neckar-Eifenbahn findet dort der officielle Empfang statt.
Neueste N^cheichtew»
»Bolffl telegraphisches Lorresponbesr-BnreM.
Berlin, 7. October. Der Magistrat hat der von den MagistratSvertretern im Gasarbeiterstrike vor dem Einigungsamte getroffenen Vereinbarung mit ben Arbeit« nehmern seine Zustimmung ertheilt.
Berlin, 7. October. Der „ReichSanzeiger" schreibt: Die in der „Spanbauer Zeitung" vom 30. September über die Neuorganisation der Gewehrfabrik gebrachten Nachrichten find durchweg unzutreffend. In Wirklichkeit findet vom 1. October 1896 ab nur ein Versuch statt zu dem Zwecke, in den Einrichtungen der genannten Fabrik die erwünschte Gleichmäßigkeit mit jenen der artilleristischen Institute herbeizusühren.
Pari», 7. October. Beim Eintreffen des Kaiser- paareS im Hotel be Ville bot der Platz einen feenhaften Anblick. Sänger und die Musik stimmten die russische Nationalhymne und die Marseillaise an. Präsident Faure, die Kaiserin am Arm, betrat neben dem Kaiser die Ehren« estrade. Präsident Baudin, umgeben vom Municipalrath, begrüßte daS Kaiserpaar unb sagte, die Pariser Bevölkerung jubele den Gästen zu als Verbündeten. Die Republik hielt in ihrer Arbeit inne, um den Gästen ihre Huldigung zu erweisen, welche Tradition Vaterlandsliebe und den Glauben an die Bestimmung der beiden großen befreundeten Nationen auSdrücken heiße. Der Kaiser dankte. Der Zug begab sich durch den in einen prachtvollen Wintergarten umgewandelten Ehrrnhof nach dem Festsaal, wo ein Concert stattfand, wozu 4000 Gäste geladen waren. Um halb 7 Uhr kehrten daS Kaiserpaar und Präsident Faure inS BotschaftSpalaiS zurück. Faure verließ daS BotschaftSpalaiS. Auf der Rückfahrt wurde er lebhaft begrüßt. Vor der Ankunft des Kaiserpaares vor dem Hotel be Ville herrschte ein furchtbares Gedränge.
die wohlbeleibten Wachholderdrosseln — durch die Alleebäume jagen, um sich an den rothen Korallen der Vogelbeeren gütlich zu thun, ist es in einer kühlen Nacht, vielleicht zugleich mit Wanderflügen der Feld- und Heidelerchen, abgezogen.
Und am kalten nebeligen Morgen liegen dann auf den Gartenwegen und schwimmen aus dem Wasser des Brunnentrogs Tausende von Abschiedsgrützen an Garten, H-uS und seine Bewohner; derselbe Wind, der es davon trug, hat sie im bunten Durcheinander von seiner trauten Birke, von seiner Eberesche, von seinem Ahorn hernieder- gewirbelt — schwefelgelb, brennendroth und goldfarben!
Dann staunt der alte Brunnen, murmelt träumerisch seine Herbstweisen:
»Der Wind geht übers Stoppelfeld,
Hat einen rauhen Gruß vermeld't Vom düstern Herbst, dem Nebelmann, Der alle Tage regnen kann.
Ein guter Färber ist er zwar,
Versteht sein Handwerk auf ein Haar: Er färbt an Baum und Hecknnaun Das grüne Laub gelb, roth und braun.
Doch bald gefällts ihm selber nicht, Weil frisches Leben da gebricht! Er jagt im Sturm die Blätter fort, Don Baum zu Baum, von Ort zu Ort."
„Ja!" sagte die große ernste Kreuzspinne aus ihrem Netz: „Und hast du dir ein solches buntes Herbstblatt schon einmal näher angesehen?":
Stimm so ein Blatt, daS er verweht
Und lies, was draus geschrieben steht:
„Was blüht und qläozt, vergeht im Herbst!
Mach, daß du ew'geS Leben erbst!" —
Im Garten nebenan da ist man offenbar, trotz Herbst und Dräuen hartherzigen NachireifS, keineswegs solch elegischer Stimmung. Blickt auch das fahle Laub der Obstbäume düster und mahnen die noch stehenden rostigen Buschbohnen, die zersrefienen Kohlblätter an Vergänglichkeit und Tod, so können sich doch unsere Augen, gar beim freundlichen Blick der Herbstsonne, an einer wirklich brennenden
Mehrere Personen wurden verwundet, darunter zwei Polizei« agenten, mehrere wurden leicht verletzt.
Pari«, 7. October. Um 2»/, Uhr verließ der Kaiser und die Kaiserin daS russische BotschaftSpalaiS, um der Feier der Grundsteinlegung der Brücke Alexanders HL beizuwohnen. Auf der ganzen durchfahrenen Strecke wurde das Kaiserpaar von einer großen Volksmenge begeistert begrüßt. — Unter ben Theilnehmern an bem Frühstück in der russischen Botschaft befanden sich der Herzog von Aumale, Prinzessin Mathilde, der Herzog unb bie Herzogin von ChartreS, bie Herzogin von Laroche-Foucaulb, bie Herzogin von UiceS, bet Minister des Aenßeren Hanotaux, General BoiSbeffre, Admiral Gervais, sowie der Herzog unb bie Herzogin von Magenta.
Paris, 7. October. Bei bet Feier ber Grundsteinlegung zur Brücke Alexander III. bat bet HanbelSministet den Kaiser von Rußland, ben ersten Stein zur Brücke mit bem Präfibenten Faure zu legen, um dergestalt bem großen Werke bet Ctvilisation unb des FriebenS die hohe Weihe des Kaisers unb bie huldvolle Patronage der Kaiserin zu ver« leihen. DaS Kaiserpaar verneigte sich unb unterzeichnete darauf daS Protocoll. Hierauf nahmen der Kaiser und Prä« sident Faure die Kelle unb thaten nach Einfügung des Mörtels die ersten Hammerschläge.
Paris, 7. Oktober. Die vom Akabemiker Heredia gedichtete Ode klingt in dem Wunsch au«, daß die Zukunft dem Kaiser, welcher ben unerschütterlichen Granitstein einmauere, ber eine Wohnstätte des FriebenS bUben werde, ben Namen „der Große" beilegen werde.
Paris, 7. Oktober. In der Münze nahmen das Zarenpaar und Präsident Faure verschiedene Ateliers in Augenschein und wohnten dem Prägen einer Erinnerung-. Medaille bei, welche ihnen alflbalb überreicht wurde.
Cherbourg, 7. October. Zu Ehren ber hier weilenben russischen Offiziere wurde gestern Abend eine Gala- Vorstellung in dem hiesigen Theater gegeben, bei welcher das Publikum ben russischen Offizieren Huldigungen dar« brachte. _____________
Lepesch« bei Bereen „Her»Ä".
Berlin, 7. Oktober. Nach dem heutigen Kronrathe in HubertuSstock fand daselbst eine FtühftückStafel statt, an welcher sämmtliche Minister theilnahmen.
Berlin, 7. Oktober. Die zuständigen Minister haben, wie die „Post" erfährt, verfügt, daß die Befreiung von der Beibringung der für Ausländer vorgeschriebenen Eheschließung-toteste auch auf die luxemburgischen Staat«- angehörigen, die in Preußen eine Ehe eingehen wollen, ausgedehnt wird.
Berlin, 7. Oktober. Die meisten Abendblätter beschäftigen fich mit den gestrigen Trinksprüchen de« Zaren uvd deS Präfidenten Faure im Elysüe. Die „Post" glaubt
Farbenpracht des letzten Blumenflors weiden! Am Prunk solch gesättigter Farben, wie sie der Wonnemonat in dieser Masie nicht auf- zuweism^ nur0 jugendfrische Pracht deS Blüthen-
meeres der Herbstastern; gefüllte, ungefüllte, hohe, niedere! Vom scrneeigen Weiß, durch alle zartesten Abtönungen des Roth bis »um tiefsten Violet; dazwischen die goldgelben Biüthenpolster der ungesülltenst Darüber ragt ein Trupp riesiger Sonnenblumen, an denen schon KohlmetSchen herumklettern, die Samenreife zu inspiciren! Daneben stehen die üppigsten Winterastern in dicken Büschen aufgebunden. Hier ganze Wäldchen hoher kerzengerader lieblichst blühender Balsaminen; so jungfräulich schön — und so leichtsinnig, denn der erste Nachtfrost raubt ihnen Schönheit und Leben, auch ihren Kapuzinergesährten, die in schreiendem Gelbroth über den dunkeln Bur lachen uvd alL kletnblüthige gelbe Kletterer ein paar hochstämmige Rosen fast zu ersticken drohen, sodaß deren letzte königliche Blüthe aus dem Gewirre sich kaum zum Lichte erbeben kann. Jungsecnaugen, Ringelblumen, später Phlox, Verbenen, Zinnien und die gewaltigen blumenüberladenen Büsche der Georginien wetteifern im bunten Faroenspiel. Die Krone des feurigsten Roth müffen sie aber einigen hohen an Stäben prunkenden Gladiolen zuerkennen. Diese ärgern sich ein wenig, ganz in der Nähe recht ordinär auS- sebender, reich Samen tragender Salatstöcke zu flehen und fich gelegentlich mit den unanständig großen Plattköpfen deS biederen Weißkohls unterhalten zu müssen, die immer so viel von Schweine- fletsch träumten und auf Uhland schworen, der beide unsterblich besungen:
„Heb, ist Ihnen etwa diese Ehre zu Theil geworden trotz Ihres rothen GckräheS? Denkt man überhaupt Ihrer bei so wichtigen Dingm, wie bei der Metzelsuppe!? Da hören fie einmal:
Auch unser edles Sauerkraut, Wir sollens nicht oergefien; Ein Deutscher bat« zuerst gebaut, Drum ists ein deutsches Essen. Wenn solch ein Fleischchcn, weiß unb «ild, Im Kraute liegt, daS ifl ein Bild Wie Venus in den Rosen!"
„3 freilich!" lachte die alte Gartenlise, die eben in den Garten


