Donnerstag den 9. Januar
Nr. 7
1896
Amts- und Anzeigeblatt für den IC«« Gieren.
Gralisöeitage: Gießener Aamikienökälter.
Alle Annoncm-Bureaux des In» und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» ^kqendcn Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.
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Die Gießener A«m1tie«5tätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Der
Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger.
Amtlicher Theil.
Nr. 44 des Reichs • Gesetzblattes, auSgegeben den 31. v. M., enthält:
(Nr. 2282.) Bekanntmachung, betreffend die Gestattung deS Umlaufs der Scheidemünzen der Frankenwährung innerhalb des württembergischen Grenzbezirks. Vom IS. De- cember 1895.
(Rr. 2283.) Bekanntmachung, betreffend die Anzeige- p flicht für die Schweineseuche, die Schweinepest und den Rothlauf der Schweine. Bom 28. December 1895.
Nr. 45 des Reichs - Gesetzblattes, ausgegeben den 31. v. MtS., enthält:
(Nr. 2284.) Zusatzveretnbarung zum Internationalen Uebereinkommen vom 14. October 1890, betreffend die Beifügung zusätzlicher Vorschriften zu § 1 der AuSsührungS- bestimmungeu und die Aenderuvg der Anlage 1 zu diesen Bestimmungen. Vom 16. Juli 1895.
Gie ßen, den 8. Januar 1896.
Großherzogltches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
betr. Schießübungen.
Es wird hiermit zur öffentlHen Kenntniß gebracht, daß daS 3. Bataillon tes Infanterie Regiments Kaiser Wilhelm Nr. 116 am 10. l. Mts. in dem Gelände Staufenberg—Mainzlar—Treis a. d. Lda.—Todtenberg— Fortbach—Sichertshausen—Staufenberg ein Ge- fechtSschießen mit scharfen Patronen abhalten wird, weßhalb daö gefährdete Gelände an diesem Tage nicht betreten werden darf.
Gießen, den 8. Januar 1896.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Gießen, den 8. Januar 1896. Betreffend: Wie oben.
Sei Swßherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien Mainzlar, Staufenberg, Treis a. d. Lda.
Vorstehende Bekanntmachung wollen Sie sofort in ortsüblicher Weise zur öffentlichen Kenntniß bringen.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
betreffend das Ersatzgeschäft für 1896.
Mit Bezug auf die Bestimmungen der Deutschen Wehr- Ordnuug werden alle im Jahre 1876 geborenen Militär« pflichtigen, sowie die in früheren Jahren geborenen, welche sich noch nicht zur Musterung gestellt haben, oder welche hinsichtlich ihrer Verpflichtung zum Eintritt oder ihrer Befreiung vom Militärdienste noch keine definitive Entscheidung erhalten, und entweder im Kreise Gießen ihren dauernden Aufenthalt haben, oder in demselben als Studenten, Ghmnafiaften und Zöglinge anderer Lehranstalten, oder als Haus« und Wirth- schaftsbeamte, Handlungsdtener, Lehrlinge, Handwerksgesellen, Lehrburschen, Dienstboten, Fabrikarbeiter oder in ähnlicher Eigenschaft sich aufhalten, hiermit aufgefordert, sich behufs Eintragung ihrer Namen in die Stammrolle in der Zeit vom 10. bis zum 25. Januar l. I. bet der Bürger» meisteret ihres Wohnortes, beziehungsweise ihres Aufenthaltsortes, zu melden, und dabet, wenn sie an diesem Orte nicht geboren sind, ihren Geburtsschein, welcher nunmehr von dem betreffenden Standesamt zu erwirken ist, und wenn sie sich bereits bei einer früheren Musterung gestellt haben, ihren LoosungS-Schein vorzulegen.
Zugleich wird darauf aufmerksam gemacht, daß Diejenigen, welche die Anmeldung unterlassen, zu gewärtigen haben, daß sie mit einer Strafe bis zu 30 Mark oder mit Haft bis zu drei Tagen belegt, von .der Thetlnahme an der Soosung ausgeschlossen und ihrer Etwaigen Ansprüche auf Zurückstellung rc. verlustig erklärt werden.
Bezüglich derjenigen Militärpflichtigen, welche zur Zeit abwesend sind, sind deren Eltern, Vormünder, Lehr-, Brod- MRb Fabrikherrn zu diesen Anmeldungen verpflichtet.
Die Großherzoglichen Bürgermeistereien deS Kreises werden beauftragt, Vorstehendes in ihren Gemeinden noch besonders auf ortsübliche Weise bekannt machen zu lassen.
Gießen, den 3. Januar 1896.
Der Civilvorfitzende der Großherzogltchen Ersatz-Commission Gießen. Dr. Me lior.
Neueste Nachrichten«. |
WolffS telegraphisches Torrespondenz-Bureau.
Berlin, 7. Januar. Infolge einer Bestimmung deS Kaisers verlegte die AuSstellungS.Commission den Eröffnung-« termin der Internationalen Kunft-AuSftellung neuerdings auf den 3. Mat.
Berlin, 7. Januar. Die von den „Times" gebrachte Nachricht, daß StaatSsecretär LeydS die Ueberführung von militärisch ausgebildeten deutschen Ansiedlern nach der Südafrikanischen Republik betreibe, beruht ihrem ganzen Inhalte nach auf Erfindung.
München, 7. Januar. DaS CultuS-Ministerium hat angeordnet, am 18. Januar in allen Schulen die Erinnerung an die Proclamatiou des Deutschen Reiches entsprechend zu feiern.
London, 7. Januar. Präsident Krüger hat die Zufuhr von Lebensmitteln nach Johannesburg verboten. Sämmtliche Mitglieder des National-Reform-ComitsS find verhaftet worden. Niemand darf ohne einen vom Präsidenten Krüger visirten Paß daS TranSvaoz-Gebiet betreten.
Depesche« bei Bureau „HerolL*.
Berlin, 7. Januar. Das preußische Staatsmini st ertum trat heute Nachmittag unter dem Vorsitze deS Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe zu einer Sitzung zusammen.
Berlin, 7. Januar. Laut amtlicher Bekanntmachung vom 2. d. MtS. ist der Poftpacketverkehr mit der südafrikanischen Republik eröffnet worden.
Berlin, 7. Januar. Im Laufe deS heuMen Nachmittags l-gte im Auftrage des Kaiserpaares der Kammerherr von Knesebeck im Mausoleum zu Charlottenburg anläßlich des Sterbetages der Kaiserin Augusta einen Kranz am Sarge derselben nieder.
Berlin, 7. Januar. Der Reichstag wird seine erste Plenarsitzung nach den Weihnachtsferien am 9. d. M., Nachmittags 1 Uhr abhalten. Auf der Tagesordnung steht die erste Berathung des Entwurfs eines Börsengesetzes und betr. die Pflichten der Kaufleute bei Aufbewahrung fremder Werth- papiere. Die Budgetcommisfion wird sofort in Thätigkeit treten. Am 10. d. M. Vormittags erfolgt zunächst die Berathung des Etats des Auswärtigen Amtes. In früheren Fällen ist dieser Etat immer erst später berathen worden. Die politischen Verhältnisse treten diesmal an erste Stelle.
Berlin, 7. Januar. Für den 18., 19., 27. und 29. Januar wird die Hoftrauer abgelegt.
Berlin, 7. Januar. Die Ueberführung der sterblichen Hülle des Prinzen Alexander von Preußen wird in der Nacht vom 8. zum 9. d. MtS. unter Escorte einer Escadron des Garde-Kürassier-RegimentS vom Palais in der Wtlhelmftraße nach der Dom-JnterimSkirche stattfinden. Zum Tragen des Sarges und Begleiten des Leichenwagens stellt das Kaiser-Franz Grenadier-Regiment 16 Unteroffiziere. Die feierliche Beisetzung findet Donnerstag 12 Uhr in der Dom-Jncertmsktrche statt.
Berlin, 7. Januar. ES wird unS aus informirter Quelle versichert, daß zwischen dem Kaiser und dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe absolutes Einvernehmen herrscht. Entgegen anderen Meldungen wird uns mitgetheilt, daß eS Thatsache sei, daß der Kaiser mit dem Kanzler den Wortlaut der Depesche an den Präsidenten Krüger eingehend berathen hat, wobei alle möglichen Consrquenzen in Betracht gezogen worden find. ES sollen auch weitergehende Beschlüsse gefaßt worden sein, die aber, weil durch die Ereignisse überholt, nicht auSgeführt worden find. Kleine Mißverständnisse, welche möglicherweise noch auS der Köller-Affaire herrühren, sollen sogar gelegentlich der TranSvaal-Vorkommniffe beseitigt worden sein. In Anbetracht der Gerüchte über den bevorstehenden Rücktritt Hohenlohes, welche nur aus ein Börsenmanöver zurückzuführen find, besteht die Absicht, zu untersuchen, auf wen das Gerücht zurückzuführen ist.
Berlin, 7. Januar. Wie wir erfahren, wird die amerikanische Anleihe von 100 Millionen Dollars als Inlandsanleihe aufgefaßt und ist die Deutsche Bank infolge dessen vorläufig von ihrer Offerte, 50 Millionen zu übernehmen, zurückgetreteu. Der Cours, der von dem amerikanischen Syndikat in Newyork für die Anleihe geboten worden ist, soll 108 betragen.
Wien, 7. Januar. Der „Polit. Corresp." geht auS Petersburg die Nachricht zu, der Czar werde daS ihm durch Arif Pascha überreichte Handschreiben des Sultans demnächst durch ein eigenhändiges Handschreiben beantworten.
Lüttich, 7. Januar. Der Leichnam Fröre Orbans traf gestern Nachmittags 1 Uhr hier ein. Eine große Volksmenge gab demselben daS Geleit.
Madrid, 7. Januar. „Heraldo" schreibt, er^könne versichern, daß Marschall Martinez CampoS gestern seine Demission eingereicht habe.
Madrid, 7. Januar. Wie auS Havanna gemeldet wird, dauern die Brände der Zuckerplantagen fort. Freiwillige, welche die Stadt Guara vertheidigten, wurden zur Uebergabe gezwungen.
Loudon, 7. Januar. In den London-Docks und in der East City wurden heute die deutschen und holländischen Seemänner tnsultirt und einigen deutschen Kaufleuten die Scheiben eingeworfen. Infolge deffen entstanden tumul- tuarische Auftritte.
Loudon, 7. Januar. Die „Times" veröffentlichen einen Artikel ihres Pariser Correspondenten Blowitz, worin dieser erklärt, wenn die deutschen Zwischenfälle mit Transvaal sich vor zehn Jahren ereignet hätten, so würden wir keine Notiz davon genommen haben. Don Jn- tereffe an der ganzen Sache war nur das Telegramm des deutschen Kaisers, welches mit voller Begeisterung ausgenommen wurde.
Loudo«, 7. Januar. Ein Telegramm aus Pretoria theilt mit, daß der Oberst Corentrh, der im Gefecht bei Krügersdorf verwundet wurde, seinen Wunden erlegen ist. Unter den Gefangenen befinden sich außer Dr. Jameson noch ein Hauptmann, ein Oberst, fünf Majore, sieben Lieutenants, drei Unterlieutenants, zwei Aerzte, vier Jnspectoren, acht Unter-Jnspectoren. In dieser Zahl sind die bei KrügerSdorf verwundeten Offiziere nicht mit inbegriffen.
WB. London, 8. Januar. Der „Times" zufolge erging der Befehl zur unverzüglichen Formirung eines fliegenden Geschwaders von zwei erstklassigen Schlachtschiffen, zwei erstklassigen, zwei zweitklassigen Kreuzern. DaS neue Geschwader soll bereitstehen, überall hinzugehen, entweder um die bereits im Dienst befindliche Flotte zu verstärken oder eine besondere Streitmacht zu bilden. Ferner, sagt „Times", wurde beschlossen, ein Geschwader nach der Delagoa Bai zu senden.
„Daily Telegraph" meldet: Die Regierung beschloß, eiligst Cavallerie und Infanterie zu Verstärkungen nach Capstadt zu senden. Ein Regiment, 1000 Mann stark, von Indien nach England unterwegs, bleibt vorläufig in Capstadt. Ein erstklassiger Kreuzer ist nach der Delagoa-Bai beordert.
Der Krieg von 187O[71, zeschtldert durch Ausschnitte »uS ZeitungS-Nummern jener Zett (Nachdruck verboten.)
9. Januar.
Privatbriefe französischer Offiziere in der Loire- Armee des Generals Chanzy, die Prinz Friedrich Carl vor fich hertreibt, vergleichen die letzten Kämpfe mit dem Feldzug von 1812 in Rußland, die Kälte und die Noth sei kaum geringer. Die Leiden der jungen Truppen seien unerhört, viele marschiren tagelang barfuß auf Schnee und EiS und leiden Mangel an allem. „Ich selbst," schreibt ein Offizier, „habe nach langem Fasten ein halb verschimmeltes Schwarzbrod für 7 Francs von einem Bauer gekauft,- wie steht es da um den armen Soldaten, der keinen Sou in der Tasche hat. Ueber das Schicksal der Verwundeten schweigt man am besten, eS ist himmelschreiend. Das schrecklichste Elend herrscht in dem Lande, daS wir durchziehen." — Deutsche Soldaten ergänzen in Feldpostbriefen diese Schilderungen. Sie treffen ganze Haufen erfrorener Franzosen, sie waren leicht verwundet, blieben liegen und erfroren. Ein Soldat schreibt: „Wir lagerten auf freiem Felde, unfern von Franzosenleichen- da sahen wir einen Arm auS einem Leichenhaufen sich erheben, wir eilen hinzu und finden einen Franzosen, der nur den Arm regen kann. Wir thauen ihn auf und bringen ihn zum Leben zurück, und nun erzählt er, wie er leicht verwundet seit 24 Stunden in der Kälte lag und scheinbar erfroren war; die Mittagssonne aber bringt etwas Leben in ihn zurück, er hört etwas Leben um fich herum und hebt mit furchtbarer Anstrengung den Arm, um ein Zeichen zu geben." — Englische Berichte schildern Aehn- licheS und klagen, Gambetta mit seinen erzwungenen Maffen- AuShebungen ruinire die Nation.
Hat der Grieche Xenophon einst den Rückzug der Zehn- tauseude unsterblich gemacht. so hat der Oberstlieutenant v. Bolten st een von den 70ern sich durch einen Rückzug wenigstens daS eiserne Kreuz verdient, er und jeder Mann seiner kleinen Schaar. Mit zwei Compagnien Infanterie, zwei Schwadronen 12er Ulanen und zwei Geschützen auf dem RecognoSciruvgSmarsche von Vendome längs der Loire nach Moutoire wurde er am zweiten Tage Morgens von dem


