Unser Garten im November.
Der Trübsten und Grämlichsten einer, der durch den ©arten schleicht, das ist unser November.
Ein ernster Alter, mit stark gefurchter Stirne, so sagt ein längst Heimgegangener begnadeter Naturfreund von ihm, fchrrttet er mit seinen wenigen gebleichten Haaren, in gebückter Haltung auf dm feuchten Wegen daher. Er ist in einen grauen Wettermantel gehüllt, denn sein gebrochener Leib ist wie ein alter Nachm: morsch, nicht »ehr recht wasserfest. Ernst ist fein Blick, dmn er dmkt darüber nach, wie er fein HauS bestelle, dem nahenden Winter Trotz zu bieten, der einbrechen kann, wie der Dieb in der Nacht. Dem besorgten Landmann gleich, sucht er, wenn eS geht, noch eine Wintersaat für die Seinen zu bestellen, noch ein leeres Plätzlein zu finden, um noch einen Fruchtbaum zu pflanzen, damit auch feine Enkel von den Früchten feiner letzten Arbeit und Vorsorge essen mögen. Kurz, er eilt, auch das Wenige, was er in seiner äußeren Welt noch zu ordnen und zu bestellen hat, zu bereinigen, damit er, wenn die Wtnternacht kommt, sich ganz in das innerste Gemach seines HruseS -urückziehen kann, um ungestört mit den Aussichten auf dm ewigen Frühling sich zu beschäftigen, besten Anbruch er gewiß ist.
Er hat gut, wmn auch etwas grau gemalt; ganz so trübselig und philisterhaft ist unter alter November aber doch nicht!
Im Gegentheil, wenn er nach einem schneidigm Morgenrelf, der Taufende verspäteter Blüthen geknickt, daS Mäusepack in seine tiefsten Höhlen verjagt, die bletgrauen HimmelSwolken zerreißt, durch dm Riß im Firmament leuchtende Sonnenbltcke auf das Sterbefeld der Natur hernieder sendet, die versinkende Herbstpracht zwischen huschenden Wolkenschatten in ergreifenden, überirdischen Farben erglühen läßt, und dann im einsetzenden Sturm die mächtigsten halb- kahlm Kronen von Bäumen sich vor ihm neigen, so ist das ein Bild von Kraft und prunkender Majestät. Ein Mors Imperator 1 Aber kein grinsender Todtenschädel der Malerin, so wenig wie ein trippelnder Alter; ein willenskrafttger, zielbewußter, wenn auch von Launen geplagter Nachrichter, das Alte, Ueberlebte zu fällen, nach dem hehren Willen der ewigen Natur, Kraft und Raum für neues fieben zu schaffen! Im kalten Novembersturm, der alle Register zum großen Niedergangs-Halleluja gezogen, braust er einher; er rüttelt an Thür und Laden, rauft mit dem erschrockenen Rauch der Schornsteine, heult durch die zerfallene Burgruine, läßt die hohen Kirchenfenster erzittern und peitscht den letzten purpurnen und goldenen Raub der Gartmbäume über Hecke und Mauer in die Wogen des zu Thale schießenden Mühlenbachs. Aber er lacht auch in dem nebelbestegenden Sonnenstrahl, mit den sich schon bildenden Haselquasten, mit den dicken geleimten Knospen der Kastanien; guckt neugierig in die Rist- kästchen von Staar und Meise, in das halb geschlossene Flugloch des Bienenkorbs. DaS im Grund gut waltende ober Welt-Gesicht, das die gütige Natur auch im Rollm der zwölf Rüder des JahreS- wagenS sehen läßt, taucht dem, der eS sehen will, auch zur stillen Heimgangszeit mit treuem Grüßen auf. Wem ist es nicht schon erschienen im plätschernden Bach der Frühlinaswiesen, im Zauber der sommerlichen Abmdwolke, ja selbst tn der Thränenfluth des spät- herbstlichen RegenS?
Gottfried Keller hat eS gekannt:
„Da kommt eS gefahren Mit Küchelndem Munde Vorüber im klaren Kiystallmen Grunde, DaS a'tc, vertraute, DaS Wettangesicht!
Sein Äug' auf mich schaute Mit tiefblauem Licht.
Wohin istS geschwommen Im Wellengewtmmet- Wo er istS gekommen?
Vom tiefblauen Himmel! Tenn als ich inS W»bm Der Wolkm gefehm: Da sah ich noch eben ES dorten vergehn. —
Ich seh eS fast immer Wenn« windstill und heiter, Und stets macht fein Schimmer Die Biust mir dann weiter. Doch wenn sein Begegnen Der Seele Bedarf, Wird selbst eS im Segnen Mir deutlich und scharf!" —
Heute scheint das schreckliche Geriesel, daS schon mit Schneeflocken durchsetzt, einhalten zu wollen. Langsam steigt der Tag durch dünnen Nebelschleier h raus. Im Osten nur ein lichteS Mal. Dächer, Bäume, Sträucher in ganz zarten Schattenriffen lieber ben feuchten Gartenrasen unb seine eingestickten silbernen Spinngewebe huschen ganz lautlos einige Schwarzbrosseln, wie wenn sie den Friedm des Tages nicht stören wolltm. ___
Jetzt ragt unfern aus den Nebelschleiern ein dünnes Thurmchen und die Helle Stimme seines Glöckchens wird laut, leise einsetzend, leise verhallend. Aus spätem Blumengarten schallt es, zu stillem Gedenken mahnend, über die dunkeln, hohen, herbstbraunm Säulen des Lebmöbaumes, der den Frieden deS Todes bewacht: Kirchhof- frieden — Allerheiligentag! _
Und der alte Nußbaum sieht über die Mauer träumend hinein. Er sieht den köstlichen Blumenschmuck, den überlebende Liebe den Verklärten geweiht; er sieht datz letzte im grünen Steinbrech-Polster deS HügelS wurzelnde Röslein blühen, die letzte Ringelblume in der verlorenen Mauerecke. Und sein gutes Herz zieht ihn auch hin zu den trostlos derlaßenen und vergessenen Stätten. Hier hat im mächtig wuchernden dürren Riedgras ein dornenschweres Geranke der Wild- rose das schwarze moderne Holzkreuz umstrickt, btffen Querholz mit längst erloschener Schrift halb zu Fall gebracht. Eine mitleidige Kreuzspinne hat mit ihrem kunstvollen Netz e8 versucht, den Fall aufzuhalten. Aber bald wird eS fallen, dahinstnken, wie die im feurigsten Roth prunkenden Hagebutten der Dornenarme, wie die ihm vorangegangene arbeitsmüde Spinne; vergehen, im Meere des 93er; geffenseinS, unter sinken, wie das tief unter dem RiedgraS schlafende, nicht athmende, lachende, hoffende Menschenkind.
Im HauSgarten erlöschen jetzt die letzten erbverbessernden Arbeiten und die Gartengerüthe, sauber gereinigt, wandern in ihr stilles Winterquartier. Der grüne Wald der Fichtenzweige marschirt an, um den jungen Pfleglingen des Gemüsegartens, den umgelegten eingegrabenen Rosenkronen, den verschiedenartigsten, etwas empfindlichen Zierpflanzen die schützende Winterbecke zu geben.
Der umsichtige Obstzüchter beginnt mit der Reinigung seiner
Bäume und, falls er das nicht schon auSgesührt, legt er an alle Hochstämme die bekannten Älebcgürhl an. ES ist die höchste Zeit. Die Sache erscheint noch Dielen eine lächerliche Spielerei, sie ist aber eine s-hr ernste und die einzige wi-[ferne Maßregel, um dem geradezu verheerenden Fratz der allerschüdlichsten Baumraupen tat Frühjahr und Frühsommer — der sogenannten Fr. stspannerraupen — »orzudeugen.
Jährlich wird über ben furchtbar« Schaben gejammert und jährlich wirb daS Anlegen ber Klebrtnge vergessen! Durch diese Unterlaffungssünbe gehen ganze Eisenbahnlabungen werthvoller Sepfel unb Birnen verloren!
Glücklicherweise tagt eS jetzt durch größere Zugänglichkeit er» probten RalheS in vielen Gauen unseres Vaterlandes und die Ge- meindendehöldm nehmen sich, zum Wohle ihrer Ortseingesiffenen, bet Sache schon theilweise an. So berichtete vor kurzem ein Herr Butschkowski im weitbekannten „Pract. Rathgeber im Obst, und Gartenbau" (Nr. 42) über ganz unerwartet günstige Eriolge, bie eine Verorbnung bes Amtsvorstehe'S Herrn Ohl bezüglich Anbringung des KlebgüitelS im Bereich ber Landgemeinden Weichselburg, Kan tzken, Groß- und Klein-G abau u. s. w. zum Tank der sich vorher dagegen wehrenden Odstbaumbesitzer hervorgebracht.
„Unter Herr Landrath und ber Herr KreisobergSrlner Inten efftrten sich für bie Sache sehr, unb wieberholte Voist-llungen führte» zum Erlaß einer Verorbnung für unseren Amtsbezirk.
ES würben in Folge besten 158 Gentner Raupenleim bezogen, bie Gürten alle mit Leimringen rechtzeitig versehen unb in diesem Jahre waren bie Bäume brechenb voll Obst."
So lautet eS im Bericht, bem die bünbige, klare Polizei- Verordnung wörtlich beigefügt ist.
So wenig „anheimelnd" im allgemeinen „Polizeiverordnungen" auf die Gesammtheit wirken, so sehr können sie im vorliegendm Falle für die Wohlfahrt ganzer Gemünden nutzbar werden.
AlS bescheidener Kenner der veifchiebenen Waffengattungen des SchüdlingSheeres unseres Obstbaues, sowie auch der freundlichen, unglaublichen Gleichgiltigkeit unserer Herren Obstbaumbefitzer gegen Maßregeln, selbst solche, die ihnen die blanken Thaler tn den Schooß werfen, möchte ich ben Herren Lanbrüthen u. s. w ber Obstgegenden bie Nachahmung einer Verorbnung in obigem Sinne warm empfehlen.
Es liegen sehr viele große unb kleine Steine herum, leidet unbeachtet unb unbenutzt, zum Bau einet Mauer gegen bie so ungeheure Obsteinfuhr über bie Grenze unseres für den Obstbau so geeigneten VaterlanbeS, bie unS jährlich ungezählte Millionen kostet!
Mit bem Pflanzen bet Obstbüurne allein ist es nicht gelhan: wir müssen sorgen, daß sie Früchte tragen, unb reich tragen können! Pflege, Schutz thut noth!
Der Novembrrwinb saust mahnend durch die kahlen Zweige von Millionen fast unfruchtbarer Büume: Hören wir auf feinen Sang und folgen wir seiner Mahnung!
Heinrich Freiherr Schilling
Bekanntmachung,
betreffend: die Einrichtung eines Arbeitsnachweises für die Provinzial-
Hauptstadt Gießen.
Der auf Grund der Bestimmungen des Ortsstatuts d. d. 5. September a. c. eingerichtete Arbeitsnachweis tritt mit dem 1. November a. c. in Wirksamkeit. Der Arbeitsnachweis hat die Aufgabe, zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern (Ar- beiteru jeglicher Art, Dienstboten und Lehrlingen und zwar überall beiderlei Geschlechts) Arbeit unentgeltlich zu vermitteln.
Der Arbeitsnachweis befindet sich im Bürgermeistereigebäude, Zimmer Nr. 14, und ist an den Werktagen von 8 bis 1 Uhr und von 3 bis 6 Uhr geöffnet.
Die Führung der Geschäfte des Arbeitsnachweises ist dem Bürger- meistereigehülfen Nau übertragen.
Die Arbeitsvermittelung geschieht mittels Listen, welche nach Bedarf hinsichtlich der Berufsarten gesondert und für Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Dienstboten und Lehrlinge je getrennt geführt werden. Die Eintragung der Gesuche erfolgt auf Grund von schristlicheu und mündliche», auch telephonischen Anzeigen; erstere sind auf entsprechenden Formularen, welche auf Grotzh. Bürgermeisterei — Zimmer Nr. 14 — und an anderen demnächst noch bekannt zu gebenden Stellen in der Stadt unentgeltlich verabfolgt werden, einzureicheu.
Besonders zu beachten ist, datz Arbeitgeber und Arbeitnehmer, welche den Arbeitsnachweis in Anspruch nehmen, verpflichtet sind, sofort demselben unter Bezugnahme auf deu Tag der Anfrage Kenntnitz zu geben, sobald sie, fei es durch deu Arbeitsnachweis, sei es ohne denselben, die erforderten Arbeitskräfte oder die gesuchte Arbeit erlangen. Auf den Karten, mittels derer vom Nachweis den Arbeitgebern Arbeiter zugewiesen werden, ist ein Vordruck enthalten, welcher entsprechend aus- zufüllen und dem Arbeitsnachweis alsbald zuzustellen ist.
Gesuche, welche nicht binnen 14 Tagen erledigt, zurückgezogen oder erneuert sind, gelten als erloschen.
Der Beamte des Arbeitsnachweises ist verpflichtet, über Fragen der Gewerbeordnung, der Kranken-, Unfall-, JnoaliditätS- und Altersversicherung, sowie anderer socmlpolitischen Gesetze auf Anfrage unentgeltlich Auskunft zu ertheilen, oder nöthigenfalls die Nachfragenden an die zuständigen Beamten Großh. Bürgermeisterei Gießen zu verweisen.
Beschwerden über die Geschäftsführung oder über den Beamten können in das in der Geschäftsftube aufliegende Beschwerdebuch eingetragen oder bei dem unterzeichneten Vorsitzenden der Deputation für den Arbeits Nachweis vorgebracht werden.
Die neugeschaffene Einrichtung kann nur dann den erwünschten Erfolg haben, wenn möglichst alle Arbeitsgesuche und alle freien Arbeitsstellen dem Nachweis angemeldet werden, welcher nach der Rechenfolge der Anmeldungen die letzteren zu erledigen suchen wird.
Das Publikum wird demgemäß ersucht, bet Bedarf von Arbeitskräften aller Art die Dienste des Arbeitsnachweises in Anspruch zu nehmen.
Gießen, den 31. October 1896.
Die Deputation für den städtischen Arbeitsnachweis: 6716 Wolff, Beigeordneter.
Glanzbügeln sowie Wäsche zum Waschen wird bestens besorgt und schnell sowie tadellos ausgeführt.
Bügkt-Anflatt von Iran Hofmann,
9881 Kaplausgafse 14, 3. Stock.
^Verstejgerungertjl Montag- den 9 November,
Naidmlttags 2V, Uhr, werben auf hiesigem Ortsgertcht die ben «. Lndwtg KLmmerer's Erbe« gehörigen Grundstücke:
Flur 32 Nr. 92 — 1725 qm Wiese am Hegstrauch, bei ber Roden hansischen Wiese,
Flur 39 Nr. 63 — 2431 qm Acker hinter bem Waldbrunnen,
„ 39 „ 64 — 2425 qm Acker daselbst, „ 39 „ 65 — 2125 „ „
zum größeren Tb«-il W'ese „ 41 „ 1R9 — 4205 qm Acker am
Rain, hinter der Warte freiwillig meistbietend versteigert.
Gießen, ben 26. October 1896.
9539 In Auftrag:
Hoffmann, OitsoerichtSmann.
Dienstag den 10. November,
Nachmittags 2 Uhr, läßt Herr Franz Stroh in seinem Hause, Bahnhofstraße Nr. 13, Schreiuerwerkzeuge, als:
Hobel, Sägen, Leim- Schraubzwingen, Schraub- kuechte usw., sowie 2 und 3" eichene Bohlen, Nutzbaum- bohleu, Fourniere usw.,
ferner um 3 Uhr:
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