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Nr. 264 Zweites Blatt. Sonntag den 8. November
1896
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Naturgenuß und Sport.
Bon Wilhelm Rullmann (Graz).
(Nachdruck verboten.)
Bon der Zett an, in welcher ein Rousseau die Liebe zur Natur erweckte und ein Saussure zum ersten Male den Gipfel des Montblanc erstieg, ist der Besuch des Hochgebirges für Tausende und Millionen die Quelle des edelsten Genusses geworden. Sich aus dem Dunstkreis der Niede- ruugen zu erheben, die Brust in reineren Lüften zu baden, die Natur da aufzusuchen, wo fie uns tu ihrer wilden Ein» samkeit am erhabensten und großartigsten entgegentritt, von dem glücklich erstiegenen Gipfel die Blicke über Berge und Thäler, Seen und Flüsse, Städte und Dörfer schweifen zu lassen, da« alles gewährt Entzückungen, die reiner und edler find, als fast alles, was uns das Leben sonst an Freuden und Entzückungen zu bieten vermag. Auch in der Ueber- windung der Schwierigkeiten, die fich dem Wanderer in der Hochgebirgswelt entgegenstellen, liegt ein ganz eigenartiger Retz, und Derjenige, der diesen Retz nicht nachzufühlen vermag, hat noch kein Recht, das Aufsuchen deS Naturgenusses auf den Gipfeln deö Hochgebirges einen eitlen Sport, oder, wie man in Oesterreich sagt, als „Fexerei" zu bezeichnen. Diejenigen, die über den „Alpensport" geringschätzig ur- theileo, find gewöhnlich Leute, denen das Maß der Kräfte versagt ist, um fich so einziger Genüsse theilhastig zu machen.
Wie aber jede an und für sich gesunde Erscheinung Auswüchse im Gefolge hat, durch die fie bet Bielen in Miß- credtt gebracht wird, so hat auch die Pflege deS Natur- genuffeS im Hochgebirge Entstellungen hervorgerufeu, die man nur als krankhafte Verirrungen bezeichnen kann. In der That ist die „Bergfexeret", wie fie von unbesonnenen Jünglingen heutzutage gleichsam gewerbsmäßig betrieben wird, nur das Zerrbild jenes edlen, die Kräste des Körpers stählenden und die Seele erhebenden NaturgenuffeS. Diesen ehrgeizigen Strebern, die sich mit ihren Beinen hervorzuthun suchen, weil eS ihnen versagt ist, fich auf andere Weise aus- zuzeichnen, genügt es nicht, die Höhe eines Berggipfels zu erklimmen, nein, sie suchen ihm von einer Seite betzukommen, die dem Aufstieg die größten Schwierigkeiten bietet. Wenn man einen HschgebtrgSgtpfel, dessen Besteigung nicht ohne Gefahr ist, ohne einen zuverläsfigen Führer erklimmt, so ist dies eine große Unbesonnenheit- daS Aufsuchen neuer schwieriger „Varianten" aber — wenn bereits ein gangbarer Weg vorhanden — ist eine Thorheit, die nicht scharf genug zu verurthetlen ist. Gegen derartige Entartungen der modernen Hochgebirgstouristik haben die Alpenvereine auch mehrfach Stellung genommen- die Unglücks fälle der letzten Jahre,
besonders des Spätsommers und Herbstes 1896, sollten für fie Veranlassung sein, in dieser Hinsicht noch mehr zu thun, als bisher geschehen ist. Ein Wiener Blatt hat constatirt, daß allein auf der Rox-Alpe, die von der österreichischen Hauptstadt aus häufig besucht wird, seit dem Jahre 1889 nicht weniger als 48 Personen abstürzten, von denen 37 tobt blieben und 11 schwer verletzt wurden, und daß im Jahre 1896 in den Alpen 27 Personen ihren Tod fanden. Auf die Häufigkeit dieser Unglücksfälle hat fich denn auch der durch sein humanes Wirken und seinen unermüdlichen Kampf gegen das K. K. Lotto bekannte Abgeordnete Roser bezogen, indem er in der Sitzung deS österreichischen Abgeordnetenhauses vom 6. October d. I. in einem von zahlreichen Mitgliedern des HauseS unterzeichneten Anträge die Regierung aufgefordert, die Frage in Erwägung zu ziehen, „ob und auf welche Art die Verhütung solcher, daS Leben der Menschen in so schrecklicher Weise bedrohender Gefahren möglich wäre." Roser meint mit Recht in der Begründung seine- Antrags, daß sich in dieser Hinficht durch Belehrung der Bevölkerung, Anbringung von Warnungstafeln, Anlegung guter Wege, strenge Verbote, ohne Führer schwierige und gefährliche Partien zu unternehmen usw., manches thun ließe.
Unter diesen Umständen erscheint es unS ganz besonders tadelnSwerth, wenn der „Varianten - Sport" selbst von Männern der Wissenschaft in Schutz genommen wird. Man erinnere fich nur an den Fall Drasch, der in den österreichischen Blättern im September d. I. viel besprochen wurde. Einer der gewandtesten Alpentouristen, Herr Diasch auS Graz, hatte bet dem Aufsuchen einer Variante der Besteigung des großen Mörchner in Tyrol seinen Tod gefunden. Und waS war die eigentliche Ursache seines Todes? Wie sein Bruder, Prof. Drasch, zugesteht, „sportlicher Ehrgeiz und der Aerger darüber, daß ihm ein von ihm recognoScirter, von ihm durchdachter Weg von einem anderen Touristen, der ihm am frühen Morgen zuvorkam, weggeschnappt wurde." Er wählte dann einen anderen Aufstieg, für den er fich nicht genügend vorbereitet hatte, und' kam dabet umS Leben. Dieser Fall, der soviel Aussehen erregte, weil dieses Unglück einem der erfahrensten und gewandtesten Hochgebirgstouristen zuftteh, wird übrigens auch noch ein gericktlicheS Nachspiel haben. Herr Prof. Drasch hat in seinem Bemühen, die Unbesonnenheit seines verunglückten Bruders in ein milderes Licht zu stellen, daS Verfahren jenes Touristen, der „ihm die Variante vor der Nase wegschnappte", in einer Weise gekennzeichnet, die den letzteren, einen Herrn Dr. Callmaun auS Darmstadt veranlaßte, eine EhrenbeletdigungSklage an- zuftrengen.
Die moderne Hochgebirgstouristik zu verurtheilen, weil
fie von Zeit zu Zeit Unglücksfälle im Gefolge hat, daS wäre ebenso lächerlich, als wenn man von den Eisenbahnen nichts wissen wollte, weil der Betrieb derselben zuweilen seine Opfer forderte. Unser Mitgefühl wird rege, wenn wir von Unfällen im Hochgebirge hören, die elementare Ursachen haben, aber es wird bedeutevd abgeschwächt, wenn die „Bergfexerei" dabet im Spiele ist, wenn eS uns klar ist, daß wir eS nicht mit Unglücklichen zu thun haben, welche die Märtyrer einer guten Sache geworden find, sondern — man ist versucht, ein hartes Wort zu gebrauchen — mit Narren, die ihr Schicksal erreicht hat.
Citeratu* rrnd Attnst.
— JubtläumSwerk. Zur hundertjährigen GebmtstagSseim Kaiser Wilhelm I. erscheint von dem bekannten Schriftsteller Dr Adolf Zehlicke ein große« nationales Prachtwerk über Kaiser Wilhelm, betitelt: Kaiser Wilhelm der «rotze, Deutschland» Retter ««d Rächer. Das Werk wird außerordentlich reich illuftrtrt, namentlich mit großen Voll- und Doppelbildern auS de« Leben des großen Kaisers, sowie mit zahlreichen historischen Karim und Plänen, wie eS bisher noch nicht vorhanden war. ES stellt denselben dar als den Vollender des Werkes seiner Ahnen, nämlich des großen Kursürsten und Friedrich des Großen und schildert ihn als Menschen, Regenten, Staatsmann uud Feldherrn nach allm Seiten, namentlich ausführlich werden die von ihm geführten Kriege und dte Gründung des Deutschen Reiches behandelt. In diesem Werke wird dte welthistorische Bedeutung der Persönlichkeit Kaiser Wilhelms nach zuverlässigen Quellen eingehend geschildert. DaS Werk erscheint in 30 Lieferungen und ist sehr reich und geschmackvoll ausgeftattet, jede Lieferung zu dem äußerst billigen Preise von 50 Pfg. Der Gesammtdruck soll bis zum 100jährigen Geburtstage Kaiser Wilhelms vollendet fein. Dte beigegebenen Bilder find so zahlreich, daß fie eine vollständige Gallerie auS dem Leben Kaiser Wilhelms, seiner Zeit und der von ihm geführten Kriege bUden, so daß sie als separater Band gebunden werden können. Das Werk erscheint im Verlage von LouiS Abel in Berlin 8., Sebasttanstr.29 und kann von diesem direct, aber auch von allen Buchhandlungen und Colportagebuchhandlungen bezogen werden. Wir machen unsere Leser auf dieses große Werk besonders aufmerksam. Jeder, der fich über die letzten 60 Jahre unserer Geschichte und über die P rsön- lichkett des großen Kaisers eingehend unterrichten will, findet hier ein ausführliches und durchaus verständliches und populäres Werk, auch stnd die großen Kriege anschaulich und in hohem Grade lebendig geschildert, da der Verfasser an dem letzten großen Kriege selbst theil- genommen hat, so daß das Werk ein Gedenkbuch für Jedermann ist und fich ganz besonders auch zum Weihnachtsgeschenk für die Heranwachsende Jugend eignet, da es in durchaus patriotischem und nationalem Geiste verfaßt und in hohem Grade fesselnd geschrieben ist.
Kunst-Ausstellung,
nähme des SamstagS, von 11 ms 1 Uhr, am Mittwoch auch noch von 3 bis 5 Uhr. Sonntag» ununterbrochen von 11 M» 8 Uhr. — Eintrittspreis für Ntchtmttglteder an Werktagen 60 Pfg., an Sonntagen 20 Pfg.
Feuilleton.
Ihr erstes Debüt.
Novellette von S. E. Robert.
(Schluß.)
III.
Am Abend des Tages, da Lucte die Guitarre der Signora Rosina an fich genommen hatte, begab fich Rouftan, seiner Gewohnheit gemäß, nach dem Hafen, um hier seine Pfeife zu rauchen. Sobald er sich entfernt hatte, warf Lucie eine Manttlle um, nahm dte Guitarre, drückte einen Kuß auf da» Holz und sprach zu ihr, gleichsam als wenn fie es hätte hören können: „Nun, theuere kleine Seele, jetzt dürfen wir nicht zittern- wir beide werden fie retten."
Nach diesen Worten begab fie fich auf den Weg und machte erst vor einem Cas6 Halt. Entschlossen trat fie ein and erhielt die Erlaubniß, ein Lied zu fingen, mit dem fie sogleich begann.
„Woher kommt denn die Kleine? Wie hübsch sie ist!" riefen die Gäste. „Sie fingt ja wie eine Lerche, eine Nachtigall! O, daS anmuthtge junge Mädchen!"
Doch weder diese schmeichelhaften Worte, noch die entzückten Blicke kümmerten fie, denn wie in einem Traume sah fie das traurige Geficht der Signora Rosina, und dle Worte ihres alten Lehrer- hallten noch immer tu ihren Ohren wider.
Kaum hatte fie da- erste Lied beendet, al- lebhafter Beifall ertönte. Dann sammelte fie, wie die Zig'uoer und Iferumzieheaden Mufiker, um von Neuem zn beginnen und nach und nach ihr ganzes Repertoir zum Besten zu geben, «auch das „Matrosenlied", das einen bedeutende» Erfolg 'erzielte.
„Wie heißen Sie?" fragte fie ein junger Mann in elegantem Anzug und warf ein Goldstück auf den Teller.
Ohne zu antworten, neigte fie, anmuthig dankend, daS Haupt und begann wieder zu fingen.
„Wo wohnst Du?" fragte ein Araber in langem Burnus, während er an ihr vorüberschritt. Sie hörte nur den Silberklang der Münze, die er langsam auf da- Goldstück de- jungen Mannes fallen ließ.
Dte kletne Sängerin wärf ihm einen kurzen Blick zu sprach nur: „Ich danke."
„So, mein schönes Kind, hier ist ein kleiner Papier- fetzen," sagte ein bitter Spezereihändler und legte eine Banknote zu dem (Selbe, „erinnere Dich, daß Maurice Barbassou noch mehr davon zu Deiner Verfügung hat."
Ohne fich zu unterbrechen, dankte Lucie mit einem freundliche» Lächeln.
„Sied, fieh, j'tzt erkenne ich fie," rief ein ganz junger Mensch, „fie ist eine Schülerin von Claudius."
Sie war mitten in ihrem Siegesräusche, die Bravoerdröhnten durch den Saal und ihre volle Tasche verursachte ihr eine ungeheure Freude, al- fich plötzlich eine Etsenfaust auf ihre Schulter legte.
„Elende! Entartetes Kind! Was thust Du hier? Warum bist Du hierher gekommen?" heulte der alte Rouftan blaß und wüthend.
Lue'e schwieg.
„So antworte doch, Unglückliche, sage mir, daß tch «ich täusche, daß e- nicht mein Kind ist, das da vor mir steht."
Sie senkte da» Haupt, ließ den Sturm vorübergehen uud erwartete einen günstigen Augenblick, um den Zorn de- Alten mit einem Worte zu beschwichtigen.
„Du schweigst, herzlose- Kind?" rief der Capitän, „wenn Du kein Mitleid mit einem Greise haft, so sprich wenigsten- aus Rücksicht sür seine weißen Haare.
„Vater?" sagte fie und schlang ihre Arme um de» HalS deS Seemannes, „höre mich an!" And schnell raunte
| fie ihm die Geschichte von dem Unglück Claudiu»' ins Ohr, doch er blieb mürrisch uud erklärte:
„Nein, Du durftest nicht hierher kommen! Du hättest wich um Rath fragen sollen, daS ist nicht recht, waS Du da gethan hast."
„So! Wirklich?" rief Lucie mit kecker Stimme, „wen» ein Schiff auf allen Seiten leck, begeht der Matrose da einen Fehler, der au die Pumpe läuft, ohne da- Commando abzuwarten?"
Der Capitäu antwortete nicht, aber er öffnete die Arme und drückte seine Tochter ans Herz.
„Nun, fichst Du wohl, Väterchen," sagte sie mit schmeichelnder Stimme, „daß ich mit meinen Liedern bezahlen konnte, waS Du mit Deinem Blute bezahlen wolltest."
„O, mein theureS Kind," sagte der Capitäu tief erschüttert, „Du hast Recht, "Dein alter Vater kann wahrlich stolz auf Dich fein."
„Vater, gehen wir zu Meister Claudiu-," sagte Lucie und »ahm ihn beim Arm.
Nach diesen Worten warf daS junge Mädchen de» Zuschauern dieser seltsamen Scene eine Kußhand zu und ent- ftrnte sich eilend-.
IV.
Mit der kleinen Sängerin kehrte die Freude in da- HauS des alten Musikir» zurück. Claudius kam wieder ta Ausnahme und die Schüler strömten ihm mehr denn zuvor zu.---—
Später, als Blumen und Beifall der berühmt gewordenen Sängerin Lucie Roustuu in reicher Fülle z» Thetl wurden, bemerkte sie oft uud gern zu ihren Bewunderern: „Kein Tr umph wird mich je so glücklich machen, al- mein erstes Debüt!"


