Ausgabe 
8.4.1896 Zweites Blatt
 
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1890

Mittwoch den 8. April

Lierlkljähriger

Kenerat-Wnzeiger

Amts* unb Anzeigeblatt für den Ureis (»ticijcn.

Hratiskeikage: Gießener Jamitienbtätter.

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Feuilleton

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ßanahm« von Anzeigen zu der Nachmittag» für den pfgenben Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.

Alle »nnoncen-Bureaux de» In* und AuSlandc» nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

nicht genau Schildpatt- früher nie wie weine

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ingerem Lü­ster und Zar.

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i. Bremer.

deutschen Auswanderer sind von jeher die Vereinigten Staaten gewesen- in weitem Abstand kommen dann Britisch-Nord­amerika, Brasilien, Chile, Afrika und Australien.

Fragen wir nun nach den Ursachen deS großen Rück­ganges der Auswanderung aus Deutschland, so find die­selben dreifacher Natur. Die hauptsächlichste besteht darin, daß in Nordamerika daS wirthschastliche Leben seit drei Jahren darnieder liegt und sich tu Folge der bodenlos thörichten Finanz- und WirthschaftSpolitik der Nordamerikaner noch immer nicht recht Keffern will. Da find statt Lobpreisungen Klagen über Klagen von Setten der deutschen Amerikaner in die alte Heimath gelangt und haben die AuswanderungS- luft vielfach erstickt. Dabet kommt dann auch noch als wettere Ursache die Erkenntniß, daß, was die solide, stetige Entwickelung des wirthschastliche» Lebens in Deutschland an­betrifft, daS deutsche Reich jedenfalls weit über Amerika steht, und der dritte Grund ist der, daß die Amerikaner durch ihre Einwanderungsgesetze und ihre verschärften Bedingungen deS Bodenerwerbes die Einwanderung selbst erschwert haben. Die schlauen Amerikaner wollen als Einwanderer nur noch Leute haben, die ein kleines Capital mitbrtngen. Rechnet man zu diesem Capttale die Kosten der Reise nach Amerika, so kommt eine Summe heraus, mit welcher man wahr­scheinlich in Deutschland bei einiger Geschicklichkeit fich noch eher eine Existenz gründen kann alS in Amerika. Durch den Eintritt des Rückganges der Auswanderung Ware viel­leicht für Deutschland die Zeit gekommen, die innere Coloni­sation, d. h. die Gründung neuer Dörser durch Ankauf und Zertheiluug großer Rittergüter mit Erfolg aufzunehmen. ES wäre dies wohl eins der besten Mittel, um auSwande- rungSlustige Landwirthe und Handwerker dem Vaterlande zu erhalten.

iittmch, 8. &r.

15, aus statt. '

Ostergeficht.

Die Scheere haben wir ihr im vorigen Jahre mit in das Grab gegeben, damit nicht noch eine Geuerattou damit tyraunifirt werden konnte.

Die Scheere meiner Großmutter.

Eine Ostergefchichte von E. Fahrow.

(Schluß.)

Bringerlohn.

Durch die Post bezöge» 2 Mark 50 Pf«.

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Gießener AnzeigerÄ

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Der tzietzener Anzeiger W/rscheint täglich, jit Ausnahme be» Montags.

Die Gießener It«ikte«»lät1er rerden dem Anzeiger Vthentlich breimal brigelegt.

Großmama sah zornig zu mir hin.

^ch werde doch meine Braut küffen dürfen, Ohma?

England zu ergreifen, um ein Zusammengehen Englands mit Frankreich zu verhindern, was Rußlands Pläne im Orient vereiteln könnte. Die Entäuschung, welche in St. Petersburg über die Haltung Deutschlands in der egyptischen Frage etn- getreten sei, sei tief uud schmerzlich. Aber da man in St. Petersburg nicht mehr zurücktreten könne, so habe man Frankreich noch weiter vorwärts gedrängt. Im Augenblick sei eS noch unmöglich zu sagen, in welcher Weise die An- gelegeuheit ihre Lösung finden werde. Der Dreibund habe fich geeinigt, eine eventuell von Frankreich und Rußland ausgehende Einladung zur Thetlnahme an einer europäischen Confereuz entschieden abzulehnen.

Wien, 4. April. DerPolitischen Correspondenz" zu- folge tritt daS deutsche Kaiserpaar am 5. April eine Rundreise aufSizilteu an. Dann erfolgt die Abreise nach Venedig zur Zusammenkunft mit König Humbert, welcher auch Prinz Heinrich und Gemahlin beiwohnt.

Ptlfen, 4. April. In einer im Beisein von Vertretern aus allen Ländern der Monarchie hier stattgefundenen Der- sammlung der Verbände und Vereine der Berg- und Hütten- arbetter wurde der Beschluß gefaßt, in allen Bergbau-Gebieten für die Pfingstfetertage Bergarbeiters ersammlungen einzuberufen. In den Versammlungen soll die Forderung auf Abschaffung der Bruderlade gestellt werden.

Budapest, 4. April. Nach den neuesten DiSpofitionen wird der d eutscheKaiser im Herbst der Schifffahrt-- Eröffnung am Eisernen Thor beiwohnen und dann Budapest besuchen uud die MilleniumS-AuSstellung besichtigen.

Rom, 4. April.Offervatore Romano" meldet, die FrtedeuSverhandlungen mit König Meneltk würden in Afrika selbst durch den Herzog von Aosta abgeschloffen werden. Meneltk habe gefordert, daß der Friedensvertrag von König Humbert persönlich oder von dem Herzog von Aosta unterzeichnet werde. DaS erfordere feine Würde und seine Vorsicht. Der NeguS wünsche die Freundschaft Italiens, aber keineswegs das Protectorat deffelben.

Rom, 4. April. Der Papst empfing heute Ihre König- ltchen Hoheiten den Prinzen und die Prinzessin Heinrich von Preußen. Der Empfang trug einen feierlichen Character und dauerte eine halbe Stunde.

Bukarest, 4. April. Die im AuSlaude verbreiteten Ge­rüchte von einem versuchten Attentat auf den Hofzug desrumänischen KönigSpaar eS werden von competeuter Seite als Erfindung bezeichnet.

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Ne aber «ar (o böse, daß fie, ahne meinen Arm zu Uran za dem Wagen hinettte, der eine Strecke weit »on U8 Stell. Al« fie beinahe herangekammen war, fd)eu* kt' st,de vor einem Hund, der unversehens au« den Büschen I th, und drängten mit dem Wagen rückwart, - ein doppelter &rei erscholl in diesem Augenblick, denn Großmama fiel Mibe aus den Weg hin, und Lotti, die «Uwart, einen flkwfad verfolgte, sah es, während ich auf die Pferde mein Mzenmerk richtete. Mit einem elastischen Sprung wandte glitt fich zurück und erreichte im letzten Augenblicke der Posten Gefahr die alte Dame, welche sie aus dem Geleise Ham nächsten Moment rollte der rückwärt, geschobene Baogn über die Stelle hin, wo fie soeben noch,gelegen hatte

9 Lotti wandte mir ihr erblaßtes, süße- Antlitz zu, winkte gtiäinb mit der Hand uud eilte dann so schnell fie konrite, tfnr Taute nach, die von dem ganzen Vorgang nicht- wahr ^°°Jch" brachte meine Großmutter, die halb ohnmächtig vor -Schreck war, nach Hause zurück, sobald fich die Pferde ^^Aber «eine Hoffnung, daß '.Lotti- muthige That Ohma»

Guten Tag, gnädige Frau!" rief ihre Helle Stimme. Ich komme eben auS dem Walde uud was bringe ich?

Ohma erhob sich und streckte mit einer rührend er» wartung-vollen Geberde beide Hände aus.

Meine Scheere," stammelte fie.

3«!" jubelte Lotti und eilte auf fie zu.Hier ist fie! Ich fand fie im Moos, ohne daß ich fie suchte."

Ohma hielt die Scheere fest an fich gedrückt und strahlte in höchster Seligkeit. Und plötzlich trippelte fie zu ihrem Trittbrett, befestigte mit zitternder Hand die Scheere an dem kirschrotheu Bande und hängte fie an ihren alten Platz.

Dann schloß fie Lotti in die Arme.

Mein liebe- Kind," sagte sie' bewegt,daß Sie mir gestern daS Leben retteten, daran lag mir nichts- aber daß Sie mir heute die- theuere Stück wiederbrachten, da- verdient Belohnung. Hier, Erwin, nimm fie hin, Deine Lotti, ich habe nicht- mehr dagegen."

Als Lotti aus meiner stürmischen Umarmung wieder auf­tauchte, glich ihre Frisur einem zerzausten Seidenknäuel uud da- brachte mich auf einen guten Gedanken:

Sieh nur, Ohma," sagte ich,hat fie solche- Haar wie meine Mutter?"

Prüfend verglich Ohma die Locke au- dem kästchen mit Lotti- schimmerndem Hauptschmuck.

Wahrhaftig!" sagte sie.Daß ich daS gesehen habe. Ja, ja, Du hast solche- Haar

LieblingStochter, Lotti uud braune Augen hatte fie auch! Und Du siehst ihr überhaupt ein bircheu ähnlich.

Zufrieden, daß ich Ohma- Phautafie nach dieser Richtung hin in Bewegung gesetzt hatte, gab ich der alten Dame einen dankbaren Kuß, denn jetzt machte fie mir ein wahres

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Herz erweicht haben würde, täuschte mich. Im Gegentheil! Sie räsonnirte unaushörlich, daß die ganze Sache nur durch das Zusammentreffen mit Lotti (welches fie sür absichtlich hielt) hervorgerufen worden wäre uud wollte nicht- von dem armen, lieben Mädchen hören.

Aber ein andere-, viel schwereres Unglück stellte sich am Abend heraus : die Scheere, die geliebte Scheere

O*Brahma, was war das sür ein Abend! Großmama war so außer sich, daß ich drauf und dran war, nach dem Arzre zu schicken, um ihr ein BeruhtgungStränklein zu ver- schaffen. Kein Beruhigen, kein Zureden hals, sie klagte, alS sei ihres Leben- Inhalt mit der Scheere verloren gegangen.

Schließlich, da ich nicht mit der Laterne in den Wald lausen konnte, um da- Kleinod suchen zu gehen, schlief ich bis zum Morgengrauen wie ein Murmelthierchen- dann aber brach ich auf und suchte. Ich suchte, zwei Dienerinnen, die Großmama und der Kutscher suchten keine Spur von einer Scheere war zu finden.

Erschöpft und traurig saß Ohma vor ihrem Nähtisch, aus dem die Scheere nun sehlte. ES war hart sür fie, da fie so innig an dem kleinen Andenken gehangen hatte- so sehr ging ihr der Verlust zu Herzen, daß ich fie besorgt be­trachtete, - ich dachte ernstlich, fie würde krank werden.

Großmuittr," jagte ich,es ist ja Ostern Henle. Denke nun nicht «ehr an die Scheere, ich bitte D ch. Sieh mal, übermorgen reise ich ab mach mir noch ein fremd. licheS Gesicht so lange, ein Ostergeficht.

Trübe schüttelte sie den Kopf.

Alle Locken find damit abgeschnitten worden," sagte fie,meine weißen sollten nun die letzten sein! Du solltest mir die Scheere mit in den Sarg geben, Erwin- fie war solch treue Kameradin für meine Gedanken* all die langen, langen Jahre. Und nun ist fie hin."

Schnelle Schritte, die durch den Gartensaal kamen, ließen un- aufblicken. Da stand mein Lieb auf der Schwelle, in der einen Hand einen Strauß Himmel-schlüffel und die andere auf dem Rücken versteckt.

föitjti .Vereins.

Eine- Tage- begegnete un- Lotti im Walde, die mit »nr Tante ebenfalls Tannenzapfen und dergleichen suchte. Les arme Herz wurde blutroth, als fie uns erblickte, und einte heimlich flüchten. Aber ich sprang ihr nach und indem ti sie vor Aller Augen umfing, gab ich ihr einige schnelle

Ätzt, -au-, q

Arrrtaird.

Wien, 4. April. DerW. Allg. Ztg." wird aus Berlin gemeldet, daß ein dortiger höherer Diplomat die politische Lagr wenn auch nicht gerade alS bedrohlich, so doch alS complicirter denn seit langer Zeit, complictrter al- damal-, wo die armenische Frage die Welt in Äthern gehalten habe, bezeichnete. Trotzdem sei eS nicht wahr- scheinlich, daß Frankreich, welche- hauptsächlich in Betracht komme, an- der eayptischen Frage einen casus belli machen werde. Man wisse in Berlin ganz genau, daß eigentlich Rußland Frankreich veranlaßt habe, die Initiative gegen

Amtliche* Theil.

Gießen, den 2. April 1896. Vetreffend: Den Wtesengang.

M Grotzhrrzogliche KreiSamt Gießen

M tU Gesetz. BfcgttmeHUfNm M ÄidW.

Diejenigen von Ihnen', welche unserer Auflage vom S.Viarzl.J. Anzeiger Nr. 55 noch nicht nachgekommen fhb, werden an deren Erledigung erinnert.

v. Gagern.

Der Rückgang

der Auswanderung aus Deutschland.

Da die Gründe zur Auswanderung keineswegs nur in einer Uebervölkerung zu erblicken sind, sondern auch in dem Anreiz, welchen gewisse fremde Staaten auf unternehmungS« [ufHge Leute auSüben, und weil ferner die ArHahl der AuS- timnDerer auch noch einen wichtigen Beitrag für die Ent- ceiielung der socialen und wirthschaftlichen Verhältnisse iw Äatterlanbe enthält, so wollen wir uns einmal mit dem auffälligen Rückgänge der Auswanderung in Deutschland und btfftn Ursachen beschäftigen. Bon deutschen Seehäfen kamen tu verflossenen Jahre für die Auswanderung drei in Betracht, ®ie im Vorjahre Bremen und Hamburg und außerdem Stettin, »o die Hamburg - Amerikanische Packetsahrt- Gesellschaft die int 1893 in Folge der Cholera-Eptdemle eingestellte Beför- HtmnR von Zwischendeckspassagieren wieder ausnahm. Im Z-mzen wurden befördert über Bremen rund 69,000, Über Hamburg 55,000 und Stettin 211 Personen. Bon diesen 124,000 Auswanderern waren 95,074 Ausländer, zum rrofeeii Theil au« Rußland und Oesterreich-Ungarn- aus im deutschen Reich find nur 29,226 Personen über deutsche Rahn ausgewandert. Während also die Gesammtzahl der Auswanderer Über deutsche Häfen im verflossenen Jahr nach ttotm unau-gesetzten, fünfjährigen Rückgang wieder einen starken Aufschwung erhielt, ist die deutsche Auswanderung tut im Jahre 1895 weiter zurückgegangen. Wurden über Datsche Häfen im Jahre 1891 noch 93,145 deutsche AuS- «wderer besördert, so war bis 1894 in fortgesetztem Rück- mi ihre Zahl auf 33,566 gefallen, im Jahre 1895 waren i» noch 4500 weniger. DaS ist in fünf Jahren eine Ver- vtoderung um mehr al« zwei Drittel. DaS Hauptziel der