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07/06/1896 Zweites Blatt
 
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1896

Sonntag den 7. Juni

Amts- unb Anzeigeblatt für den Areis Gietzen.

Hratisbeikage: Gießener Kamitienötätter.

Feuilleton

lliiit mt öo» Anzeigen zu der Nachmittag» für de» g |6|trban Tag erscheinenden Nummer bi« Bonn. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Bureaux de« In- und Uudlande» nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen

Werthe nach beteiligt gewesen fein; von Jahr zu Jahr | immer mehr nähern wir uns Großbritannien in dieser Hin­sicht, lassen wir Frankreich, daS nur mit 13,5 Procent an der industriellen Ausfuhr betheiligt ist, hinter uuS; um so wichtiger wird für unser WirthschaftSlebeu die Regelung und Sicherung unseres Handelsverkehrs m t anderen Nationen­heute schon übertrifft der Werth unserer Ausfuhr weitaus den des inländischen Körnerbaues."

berg und Dr. Dietrich - BraunSberg. Ueber den Fortgang bet Arbeiten für die Normal-Lehrgänge erstattete Dr. Götze Bericht. Zweck derselben ist, durch einheitlich geregelte Lehr­methode die neuentstehenden Schülerwerkstätten davor zu be­hüten, daß sie ihre Ziele zu hoch stecken, waS dann bei un- genügenden Mitteln leicht zur Verflachung führe. An Stelle des verhinderten Dr. Jeffen-Berlin leitete Director AhrenS- Kiel eine Besprechung der Handfertigkeit» - Ausstellung ein, die derselben im Ganzen ein günstiges Zeugniß auSftellt. In einem Bericht über die vom Deutschen Verein arge- nommene Lehrmethode für den HandsertigkeilSunterricht wurde betont, daß der Verein zu den an einigen Orten Deutsch­lands bestehenden abweichenden Richtungen in freuudschast- lichen Beziehungen stehe und die Vertreter dieser Richtungen in den Gesammtausschuß hineingezogen habe. Prosesior Dr. Matthäi-Kiel (früher in Gießen) führte in eimm längeren Vortrage über die Neubelebung des schleSwig- holsteinschen HauSfleißeS durch den HandfertigkeitSunterricht aus, daß die vielen aus vergangenen Zeiten uns ausbewahrt.n kunstvoll gearbeiteten Gegenstände davon zeugen, daß unsere Vorfahren mit Fleiß und Gefchick zu arbeiten verstanden. Diese Eigenschaften in häuslichen Handarbeiten für die heutige Generation allgemein zurückzugewinnen, soll die Handfertigkeit in die Schulen eingeführt werden.

gft Deutschland ein Industriestaat?

Zn wirthfchastlichen wie auch im politischen Leben DciMcmbfl besteht feit Jahren ein häßlicher und unsrucht- darum Äreit über zwei Fragen, welche wahrhaftig gar nicht aufhsfvoiffen zu werden brauchten, wenn man erstens im beuMu Reichstage mit bet natürlichen Entwickelung der Dii 7>>l tt Deutschland rechnen würde und wenn zweitens die ThüsMi dieser Entwickelung allgemeiner gekannt und zesiHst würden. Die erste dieser Fragen lautet: Ist Dv'iMg.nd Überhaupt schon ein Industriestaat geworden? unlttMt zweite Frage lautet: Soll die Entwickelung Deutsch- lan; iW yim Industriestaat, daS heißt zu der gewerblichen s ivimldejung, welche der Industrie die maßgebende Beden- ".ircq gleot, gefördert oder im Jntereffe der übrigen Gewerbe, ;ur«l her Landwirthschast, bekämpst werden? Diejenigen, weMi iiiese Fragen aufwersen, haben wohl nicht daran gebest, Laß eS nicht nur in früheren Zeiten, wo daS längst alSM Rauchbar bei Seite geschobene Merkantilsystem die Vij iÜIKk vnrthschaftlich durch geeignete Regierungsmaßnahmen begniMeo sollte, sondern auch erst recht in der Neuzeit ver- ?L'l) mitir, der natürlichen Entwickelung der Dinge die Wege gei «glich ivorschreiben zu wollen, denn wenn sich Deutschland meHi uiub mehr zum Industriestaat entwickelt, so ist dies docich ttriü Folge der naturgesetzlichen Zusammenwirkung von yimrßichcstlichen und socialen, technischen und dem Weltver- keh'NN ritjsprechenden Ursachen.

git dem Lande, wo vor fünfzig Jahren 35 Millionen MÜvjt, von der Landwirthschast in der Mehrzahl und vom HaMlil und Gewerbe in der Minderzahl leben konnten, können rbclni52 Millionen Menschen in der alten Weise gar nicht meichl tMiren. Die Entwickelung der Industrie in Deutsch lamtt is! chomit zunächst eine Folge bei Kampfes umS Dasein 'ütt'9io$ unb Klein in sehr vielen Städten und LandeS- tbciiilm. Auch greift ja bie Industrie, daS heißt die gewerb- lichi'ii Sm Wickelung im großen Stile und unter Anwendung grepwr ::apitalistifcher und technischer Hilssmittel aus alle (SeMtot hinüber, zum Beispiel auch in die Landwirthschast buictfiu Zuckerindustrie, Spiritusindustrie und die Molkereien. Hirtoi iit die Frage nun entschieden, daß Deutschland neben fcreijji'.iriö überhaupt der größte Industriestaat der Welt schon gechMlieu ist. In kurzen treffenden Zügen schildert die HaMSüammer zu BreSlau in ihrem Jahresbericht diese SnWtiung mit den Worten:An der Gesammtsabrikaten- Aw'Mr aller Länder der Erde dürste im abgelaufenen Ja'Mcigland mit 30 Procent, Deutschland mit 20 Procent dem

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tanzen-können. Tanzen Sie mal auf da- Scherzo! Sie bringen eS nicht fertig. Aber auf meine Hackbrett-Polka, da können die kleinsten Mädchen tanzen, das dürfen Sie mir glauben."

Ich sollte sogar den Beweis durchs Auge haben. Denn indem sie mir noch mit freudestrahlenden Blicken von dem Dohne berichteteunb," fügte sie leise ein,jetzt barf ich'S ja sagen, von dem na, Sie wissen ja, mit ber Vererbung, da ist er ganz frei von" siehe da, ein Getrippel und Getrappel vor der Thür und herein huschte ein halbes Dutzend Handwerkerkinder aus der Nachbarschaft. Zuerst schauten sie mich etwa» verdutzt an, dann machten sie sich über einen Teller mit Obst her, der auf dem Tiscke bereitstand, und bann starrten sie mich toieber zweifelnb an. Nur keine Angst, Kinder," sagte Frau Metzle,vor dem Herrn braucht Ihr Euch nicht zu scheuen, schnell den Tisch unb bie Stühle in« anbere Zimmer, dann kann« losgehen !"

Unb «ährend jene flink wie die Heinzelmännchen den Raum frei machten, sagte sie mir:Wissen Sie, der Max will» ja nicht ander-, aber tch könnt- doch nicht mehr an-- halten, so gar nicht mehr aufspielen - stak mir doch nach all den Jahren zu arg in den Fingern. Da laß ich mir daS kleine Volk allemal kommen, das hopst immer gern ein Stückchen herum, unb da kann der Max doch nichts gegen haben, denn ich werb ja nicht bafür bezahlt, vielmehr ich muß selber noch baS Obst dazu geben. Und nun allehopp, Kinder, zuerst natürlich den Donauwalzer, denn," fügte sie hinzu, indem sie mich mit einem köstlich schalkhaften Lächeln ansah,den werden Sie doch zuerst erwarten, ich habe ja doch immer gemerkt, daß mich die Herren unb Damen nur baSDonanweibchen" nannten, unb ich weiß auch, warum."

Das Donauweibchen.

Von Ernst Lenbach.

(Schluß.)

jil habe ihr ober doch geschrieben, gleich nachdem ich mi'-st-°'° ihrem Max verabschiedet hatte- lauter Gutes und >rMi:heS, und ganz der Wahrheit gemäß. Denn ich lernte tn ilto idnen jungen Mann kennen, derals Künstler unb iteiMtrnfd)" gleich lobenSwerth erschien unb an dem selbst eiihia^trer, einer unserer vorzüglichsten Tonmeister, in einem otWioBidlcn Gespräche mit mir nur einen Fehler anSzusetzen wach:, eine bisweilen übertriebene Bescheidenheit.

,x aS ist eigentlich das Einzige," meinte er,was ich -ilimin:cd) abgewöhnen möchte, dann bürge ich Ihnen für feine gläpwlte und verdiente Laufbahn." Beiläufig bemerkt: bieWiciifee Bescheidenheit des jungen Metzle oder, wie er ifti euf Verlangen seines practischen Lehrers als Künstler reeme:: |iottte Meffelyi, erstreckte sich auch auf fein 83er* jalto; zu den geistigen Getränken, mit denen ich ihn beim Gehpiii'uch in meinem Hotel bewirthete. Nur in einem urschten er mir beinahe unmäßig: in den GewiffenS- n3* denen er sich Wngab, weil er seiner alten Mutter no fl'mner nichts vergelten könne.Aber ich muß erst die 4uÄr waSlernen," rief er,ich muß!" ES wurde mir leicht, !hw«lroift zuzusprechen, schwer, ihn zu trösten.

Jahr darauf ich hatte mich unterdeffen an eimuE amberen Orte niebergelaffen, war aber mit dem jungen «fiofftr; in einem freilich sehr weitläufigen Briefverkehr ge- erhielt ich von ihm einen Pack Zeitungsausschnitte znpU::ttt, Recenfionen über ein Concert, mit dem er M,2l°!r der Aegide seweS Meisters vor einem auserlesenen PstMmm der Großstadt eingeführt. Zweifellos war eS ein mit dem der hochfliegendfte Künstlerehrgeiz zufrieden

* IS. Songreß be8 Deutschen Vereins für erziehliche Knabenhanbarbeit. Nach einer unter Ausschluß ber Oeffent- lichkeit in Kiel am 2. Juni abgehaltenen Vorstandsfitzung eröffnete der Vorsitzende des Verein» Abgeordneter v. Schencken- dorff die Hauptversammlung und gab seiner Freude Ausdruck, daß der soeben beendete Deutsche Lehrertag in Hamburg in seinen Beschlüssen zu erkennen gegeben habe, baß er die Bestrebungen de» Verein» als richtig unb die bisher befolgte Methode im Unterricht al» practifch anerkenne. ES fei die» für die Sache von höchster Wichtigkeit, da die Schulmänner in erster Linie berufen feien, die Bestrebungen bc» Verein» in bie That umzufetzen. Der Rebner wie» da­rauf hin, daß außer den aus allen, auch den entferntesten Gauen Deutschland» herbeigeeilten Vereinsmitgliedern auch aus Rußland unb Dänemark Vertreter am Congreß theil* nehmen, und sieht darin ein erfreuliche» Zeichen, daß wir in bicser Sache mit dem AuSlande Hand in Hand gehen. Der stellvertretende Vorsitzende Director Dr. Götze-Leipzig machte eingehende Mittheilungen Über Die Einrichtung eines Central- curfe» für Handarbeit an der Lehrerbildungsanstalt in Leipzig und über den Stand de» Neubaues für dieselbe. Au» den zur Ansicht ausgestellten Plänen der Arbeitsräume sowie au» den Erläuterungen geht hervor, daß ein stattliche», geräumige» und in gesundheitlicher Hinsicht günstig gelegene» Gebäude vorgesehen wird. Für jede» einzelne Fach ber Handfertigkeit ist eine hervorragende Lehrkraft gewonnen, sodaß die Anstalt ihrer Aufgabe, die sie besuchenden Lehrer zum Unterrichten anderer Lehrer zu befähigen, gerecht werden wird. In Ver­tretung de» Anfang» am Erscheinen verhinderten Schatz­meister» LandeS^aih» Schmedding, Münster t. W., erstattete ber Vorsitzende Bericht über die wirthschaftliche Sage de» Vereins. Es wurden im letz' n Rechnungsjahre eingenommen 22,336 Mk., auSgegeben 21472 Mk. - die Rücklage beträgt gegenwärtig 28 881 Mk. Ja den Gesammtausschuß wurden neugewählt Stadtschulrath Kuhlgatz - Kiel, Rector Brückmann-Königs­

ee Är Ahr mfüifl.

'n Krog*

Mchemr Anzeiger

Kemrat-Mnzeiger.

Der irt/Ttrit täglich, , « i .«nähme bei -l.entagi.

Itr Gießener y^illc»! fältet « wtr. -xm Anzeiger 4P,tch dreimal i« gelegt.

Citeratur unb ICunft.

- «atechilmvl der Bottlwitthschaftllehre von Hugo Schober. Fünfte, durchgesehene unb vermehrte Auflage von Dr. Ed. O. Schulze. In Original - Leinenband 4 Mk. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. Die vorliegende fünfte Auflage de« Katechismus der Volkswirthschattslehre hält ftch im Wesentlichen im Rahmen der früheren, im Einzelnen ist aber Manches formell wie materiell verändert und Vieles hinzugefügt worden, sodaß eine Ver­mehrung des Buche« um fast hundert Seiten stattgefunden hat. Von retn theoretischen Erörterungen ist, der Anlage und Bestimmung des Buches gemäß, abgesehen, soweit es irgend thunlich schien. Dagegen stnd social-politische Probleme und Aufgaben und Fragen der practischen Wirthschaftspolttik mehr betont, als dies früher der Fall war Es schien dies schon deshalb angezeigt, da ja das Buch In erster Linie für Leser bestimmt ist, die im practischen Leben stehen, und da eS demgemäß die Dinge in ihrem Zusammenhänge mit diesem zeigen soll. Gegenüber der etwa« optimistischen Anschauung über die Segnungen der unbeschränkten freien Eoncurren;, die in den früheren Auflagen öfter» zu Tage tritt, find die mannigfachen Hebel, zu denen jene geführt, die Gefahren für den Einzelnen wie für die G sammthe t, die dem ungehinderten und ungezügelten Spiel der wirthschaftlichen Kräfte entsprungen sind und entspringen muffen, mehr heroorgehoben worden.

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fein konnte. Die Begeisterung ber Recenfemen war ersicht­lich zugleich der Widerhall der Begeisterung des Publikum». Sie galt ebenso sehr dem Cowponisten wie dem Virtuosen. Eine Sonategewidmet", wie ein Recensent bemerkte ber Mutter be» jungen Meister», welche gutem Ver- nehmen nach gleichfalls auf eine erfolgreiche künstlerische Laufbahn zurückblickt" würbe besonder» ausführlich ge- priesen und analyfirt.

Don höchster Originalität," so hieß eS in einem der Berichte,ist daS Scherzo, in welchem ein ebenso rhytmisch scharf markirteS, wie scheinbar inhaltloses polkaartigeS Thema wenn wir nicht irren, ein hochschottisches Bauerntanz- motiö in der Humor- und geistvollsten Weise dazu ver­wandt ift, in immer neuen Variationen daS ganze behagliche Sichselbstgenügen innigen Lebenslustbewußtseins mit nieder­ländisch breiter Pinselführung wiederzugeben."

WaS auS einer Hackbrett-Polka nicht alles werben kann, bachte ich. Darüber wirb sich Mutter Metzle wohl ganz be- fonberS freuen.

Darin hatte ich mich nun boch vergriffen. Als ich ihr später gelegentlich eines Besuches bei meinen Verwandten meine Aufwartung machte, fand ich die wackere Frau aller­dings unbeschreiblich stolz und selig über die wachsenden Erfolge ihres Max, unb ich freute mich gaoz besonberS, ba ich fad, daß sein Gewiffen so ächt war wie sein Talent- denn Frau Metzle hatte eS nun nicht mehr nöthig, anderen Leuten um eine Mark für die Stunde aufzuspielen, sie lebte behaglich von dem, waS der Sohn ihr sandte.

Miffen Sie," meinte sie ganz ehrlich,es ging auch bald nicht mehr, denn jetzt wollen sie überall bie neuen Sachen haben, Menuett und Gavotte, und so 'n Zeug, da» ist mir zu hoch', daS geht mir nicht auS den Fingern heraus." Aber für das Scherzo in der Sonate ihres Max hatte sie doch nur eine rein akademische Anerkennung.Das muß wohl schon so fein," meinte sie,wenn eine Musik recht kunstreich heißen soll, dann darf man nicht mehr drauf

hochachlur.

C. st!

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