Dienstag den 7. Januar
1896
Nr. 5 Erstes Blatt
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Deutsches Reich.
verliu/4. Januar. Der Kaiser empfing heute Vormittag den Hauptmann Hanneken, der früher in chinesischen Diensten stand, um sich von Neuem über daS Verhalten der chinesischen Flotte im chinesisch-japanischen Kriege berichten zu lassen.
y Berlin, 4. Januar. Der Kaiser kam gegen 2 Uhr nach Berlin und begab sich in das PalatS des Prinzen Alexander, verblieb dort einige Stunden am Krankenbette und wird im Schlösse übernachten. Die Aerzte befürchten Las Schlimmste für den Prinzen Alexander.
Berlin, 4. Januar. Prinz Alexander von Preußen ist heute Abend gegen 10s/4 Uhr gestorben. Der Kaiser und die Kaiserin weilten am Sterbelager. (Prinz Friedrich Wilhelm Ludwig Alexander, Sohn des am 27. Juli 1863 verstorbenen Prinzen Friedrich, ist geboren am 21. Juni 1820 in Berlin. Er bekleidete tu der Armee den Rang eine- Generals der Infanterie und war ebenso wie sein ihn überlebender Bruder Prinz Georg nicht verheiratet.)
Köln a. Rh., 4. Januar. Gegenüber der Mittheilung des englischen conservativen Abgeordneten Sir Bartlett bezüglich der Landung deutscher Marinetruppen tu der Dela- goabai erfährt die „Köln. Ztg.", daß es sich um einen unausgeführt gebliebenen, weil unnöthtg gewordenen Plan handle. Zwar hatte die deutsche Regierung die erforderlichen Anordnungen getroffen, um im Augenblick der Gefahr mit alle» Nachdruck den letzten Zufluchtsort der dortigen Deutschen, die kaiserlichen Consulate, zu schützen. Insbesondere war die Landung der Marinetruppen sowie deren Fahrt nach Pretoria z:wächst von dem in der Delagvadai liegenden Kreuzer „Seeadler" tu Aussicht genommen. Ebenso war dem in Dar es Salam liegenden Kreuzer „Condor" der Befehl zugegangen, sofort »ach der Delagoabat zu fahren. Nach den neuesten Nachrichten scheint eS dem Präsidenten Krüger gelungen zu sein, jede Gefahr für die Deutschen zu beseitigen, wodurch die Ausschiffung des Landungscorps des „Seeadler" überflüssig geworden ist.
8. Leipzig, 5. Januar. Die Ereignisse in Süd afrika haben die Mitglieder des bekanntlich die deutsch colonialen Interessen mannhaft vertretenden Alldeutschen Verbandes zu folgendem Telegramm an das Auswärtige Amt to Berlin veranlaßt: „Hocherfreut über das feste Eingreifen der kaiserlichen Regierung zum Schutze des vergewaltigten
Transvaal und über das hochherzige Glückwunschtelegramm Seiner Majestät deS Kaisers an Präsident Krüger, vertrauen wir auf endgiltige Sicherung der reichs- und niederdeutschen Interessen in Südafrika."
Offenburg, 4. Januar. Der BerwaltungSrath der hiesigen Sparkasse sieht sich genöthigt, gegenüber den umlaufenden Gerüchten über die Höhe der durch den nunmehr verhafteten Kassirer Bauer veruntreuten Summe, das Publikum zu ersuchen, sich aller Vermuthungen über den Umfang und die Tragweite der über die Sparkasse hereingebrochenen CrifiS zu enthalten. In der öffentlichen Bekanntmachung drückt der BerwaltungSrath die Hoffnung aus,, bereits in den nächsten Tagen Zuverlässiges mittheilen zu können. Jedoch sei sicher anzunehmen, daß der Verlust nicht mehr als 360,000 Mk. betragen dürfte. Dieselbe Bekanntmachung spricht auch von Ersatzansprüchen gegenüber dem Vermögen des Schuldigen. Die Einleger werden, trotzdem die Fehlsumme eine recht beträchtliche ist, nicht geschädigt, da die Stadt Offenburg für alle Verbindlichkeiten der Sparkasse die Bürgschaft übernommen hat.
Arrrla«-.
Wien, 4. Januar. Nach hier vorliegenden Nachrichten aus Konstantinopel vom gestrigen Tage dauerten die Gewaltthätigkeireu in Urfa am 1. d. M. fort. Nach Angabe der Localbehördcn beträgt die Zahl der bisherigen Opfer neunhundert. Die Kurden und Beduinen sollen sich großer Grausamkeiten schuldig gemacht haben. In Biredjik ist eine große Feuersbrunst au-gebrochen.
Madrid, 4. Januar. In ollen Kreisen der Bevölkerung nimmt die Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang des Krieges auf Cuba zu. Die Blätter veröffentlichen Nachri tten aus Washington, denen zufolge in den Bereinigten Staaten die öffentliche Meinung gegen die Insurgenten ist wegen der von diesen angerichteten Verwüstungen.
Rewyork, 4. Januar. Nach einem Johannesburger Telegramm an ein hiesiges Bankhaus soll Dr. Jameson und zwei seiner Offiziere standrechtlich erschaffen worden sein.
Rewyork, 4. Januar. Der Präsident von Venezuela, Crespo, erließ eine Bekanntmachung, in welcher dem Präsidenten Cleveland für fein Vorgehen in der Grenzfrage gedankt wird. Der Aufruf fordert die Benezuelaner auf, den englischen Eindringlingen einmüthtg Widerstand zu leisten,
empfiehlt aber Ruhe an, so lange da- Vorgehen der Bereinigten Staaten noch nicht beendet sei.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Sorrespondmz-Bureau.
Berlin, 5. Januar. Der Präsident der Südafrikanischen Republik hat an Seine Majestät den Kaiser folgendes Telegramm gerichtet:
„Ich bezeuge Euerer Majestät meinen sehr innigen und tiefgefühltesten Dank wegen Euerer Majestät aufrichtigen Glückwunsch. Mit Gottes Hilfe hoffen wir weiter alles Mögliche zu thun für die Handhabung der theuer bezahlten Unabhängigkeit und die Beständigkeit unserer geliebten Republik. Präsident Krüger."
Bonn, 5. Januar. Der altkatholische Bischof R e i n k e n S ist gestern Abend gegen 11 Uhr hier gestorben.
Devrich« de- Brrremi ^Herold".
Berlin, 5. Januar. Prinz Alexander von Preußen ist in der Nacht zum Sonntag gegen 10 Uhr den Folgen der Lungenentzündung erlegen, nachdem eine plötzlich auftretende bedenkliche Herzschwäche den Verfall seiner Körperkräfte herbeigeführt hatte. DaS Kaiserpaar verfolgte den Verlauf der Krankheit mit großer Theilnahme und befand sich noch in letzter Stunde an dem Krankenlager des mit dem Tode ringenden Patienten. Auch die übrigen Mitglieder unseres Königshauses, besonders der Bruder deS Dahingeschiedenen, Prinz Georg von Preußen, bewleseu dem Kranken ihr innigstes Beileid.
Berlin, 5. Januar. Die „Boff. Ztg." schreibt heute: DaS Zerwürfniß des Prinzen Friedrich Leopold mit dem Kaiser wird in Potsdam seit einigen Tag' in allen Gesellschaftsklaffen erörtert. Der Grund zu dem Zerwürfniß ist der Unfall der Prinzessin Friedrich Leopold auf dem Eise. "Zwischen dem Kaiser, als dem Chef deS Hohen- zollern - Hauses und dem Prinzen Leopold ist eS dieserhalb am vorigen Sonntag zu Auseinandersetzungen gekommen, die schließlich einen sehr heftigen Charakter annahmen, sodaß der Prinz vom Kaiser mit Stuben - Arrest bestraft wurde und seinen Säbel abgeben mußte. Er erhielt den Befehl, das Schloß Glienicke nicht zu verlassen und der Kaiser gab diesem Befehle dadurch Nachdruck, daß er den Prinzen dem Stadtcommandanten von Potsdam unterstellte und sofort,
Feuilleton.
In Pari».
Erzählung aus dem Kriegsjahre 1870/71 von C. v. Falkenberg. (Schluß.)
Hn dieser kritischen Zeit faßten Ernest und seine Freunde einen tollkühnen Entschluß zu seiner Rettung.
Da eS mit der Stimmung der Bevölkerung jeden Tag schlechter wurde, so beschloß General Trochu am 30. November einen großen Ausfall gegen die deutschen Belagerungstruppen zu machen, von welcher man sich solche Wunderdinge versprach, daß schon drei Tage vorher die Soldaten und Bürger von Paris in einem sinnlosen Hoffnungstaumel schwelgten. Natürlich gab es aber unter den verheirateten Rationalgardisten solche, welche lieber zu Hause geblieben wären, statt den gefährlichen Ausfall mitzumachen. Zu solchen Elementen gehörte der Schuhflicker und National- gardist Barbieux, der als Familienvater gar keine Freude daran hatte, sich bei dem Ausfälle den Kugeln der Deutschen auszusetzen.
Diesen Barbieux beredete man nun, Ernest seine Uniform zu leihen- in dieser sollte der also Verkleidete zu den Deutschen während des Ausfalles zu gelangen suchen.
Barbieux willigte nach einigem Zögern in den verwegenen Streich ein und Ernest wurde von Barbieux in dessen Uniform Gesteckt und ein wenig mit den Handgriffen der französischen Ratioualgardiften vertraut gewacht. Da diese fast alle sehr schlecht ausgebildet waren und bei jedem Commando ein Dutzend Fehler machten, so konnte dieser gefährliche Umtausch eines Nationalgardisten versucht werden. Außerdem sorgte Matthieu, der wie Barbieux von Cscile eine reichliche Belohnung erhalten, mit seinen Friseurkünsten dafür, daß Ernest dem Barbieux ein Bischen ähnlich sah. Zudem dachte doch in Paris Niemand daran, in einem tapferen Nationalgardisten einen „Prusfien" zu wittern.
Der Tag des Ausfalls und der Trennung von Cvcile «rd den Freunden kam für Ernest heran. Der Abschied der Verlobten war sehr schwer, denn Ernest ging einen Gang tnf Leben oder Tod, auf Freiheit oder schmachvollen Unter
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gang. Aber fein jugendlicher Muth und die zwingende Noth- wendigkeit halfen ihm, den einmal gefaßten Entschluß aus- zusühren. Das Brautpaar schwur sich unter heißen Thräaen ewige Treue.
Bei dem Abschiede nöthigte dann Cöcile dem Geliebten noch eine Brieftaube auf.
„Sie ist so zahm, daß Du sie in der Tasche tragen kannst!" sagte sie weinend. „Schicke durch dieses Thierchen ein Brieftäfelchen, daß Du glücklich entkommen bist! Auf frohes Wiedersehen in Paris oder in Berlin!"
Dann begab sich Ernest Robin in Begleitung von Matthieu auf den Sammelplatz der Nationalgardtsten seines Viertels und Matthieu wußte Ernests Eintritt in das Bataillon so lange zu verzögern, bis der Abmarsch erfolgte und dann marschirte Ernest mit. Fortwährend wurden die .Truppen von Volkshaufen in großen Massen begleitet, dabei wurde gesungen, geschrieen und die Deutschen verwünscht, sodaß Niemandem der falsche Nattonalgardist, der mit sang und schrie wie die anderen, verdächtig vorkam.
DaS Ziel der AuSfalltrupppen war Champigny im Südosten von Parts. Hier standen die Württemberger. Der von General Trochu geleitete Ausfall wurde anfangs tapfer auSgefüyrt, aber daun vollständig abgeschlagen, zumal auch preußische Truppen den Württembergern zu Hilfe eilten.
Ernest lief, so rasch er konnte, weit vor in die deutschen Linien, erhielt einen Streifschuß, erhob sich aber hinkend und wurde gefangen genommen. Bald gab er sich zu erkennen, konnte sich legitimiren und nach einem weiteren verhör nach Berlin geschickt werden.
Die Brieftaube, welche Ernest los ließ, brachte aber nach Stunden bangen Wartens an Cscile einen Zettel mit den Worten: „Gerettet! Ernest."
Cvcile aber dankte Gott, daß der Geliebte von der schweren Gefahr erlöst war.
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Am 27. Januar 1871 war die Belagerung der französischen Hauptstadt zu Ende- Paris schien endlich besseren Zeiten entgegenzugehe», denn der Friede stand in Sicht- man brauchte nicht mehr zu hungern »nd Hunde, Katzen »nd
Ratten zu speisen, wie es zuletzt während der Belagerung der Fall gewesen, mau konnte wieder ein menschenwürdige- Leben führen.
Bezüglich des endgiltigen Friedens war dies allerdings für Paris eine böse Täuschung, denn wenige Wochen später brach der blutige Aufstand der Commune aus und die Pariser hatten noch furchtbar zu leiden.
Endlich war aber der Friede da und die Familie Eclair reiste bald darauf nach London, wo auch Ernest Robin nebst seinem Vater mit ihr zusammentraf, und die osficielle Ver- lobung C^cileS und Ernests konnte nun stattfinden.
„Deutschland hat Frankreich schwere Wunden geschlagen," sagte Herr Eclair dabei, „aber dem Kriege ist der Friede gefolgt und da sollen auch diese beiden Herzen ihren Frieden haben. Nun, Cocile sagt mir alle Tage, daß die Liebe international ist und Herr Ernest ist ein braver Mann, also da habt Ihr Euch! Werdet glücklich!"
Er legte die Hände beider ineinander, und vier Wochen später wurde daS glückliche Paar auf englischem Boden getraut.
Praille, Herr Eclairs Compagnon, war ein Opfer des Kampfe- der gemäßigten Republik mit den Communisten geworden. Er war in einem Straßenkampfe schwer verwundet worden und hatte sterbend sein Vermögen Cäcile vermacht. Ernest trat nun al- Associv in das neubclebte Geschäft des Schwiegervaters ein, nachdem nach sechs Wochen alle nach Paris zurückgekehrt waren.
Der schurkische Rougimont war bei Gelegenheit einer communistischen Kundgebung in ben letzten Zuckungen der Commune gefallen. Longirard wurde flüchtig, da ihn da- Kriegsgericht wegen eine- Verbrechens zum Tode verurtheilt hatte.
Unangefochten lebte Ernest Robin seitdem als Theilhaber der Fabrik in Paris. Da aber beide Eltern bereits nach fünf Jahren starben, verkaufte er fein Geschäft und zog mit seiner Gattin nach Berlin. Dort gründete er fich ein neue- Geschäft und lebt mit seiner Gattin und drei Kindern glücklich im trauten Familienkreise.


