„A4, wo denkst Du hin," war die Antwort, ,fo eilig ist eS mir nicht. Die übliche Handarbeit für meinen Gatten, ja, die dabe ich bereits geliefert. Es ist zwar eigentl ch verlorene LtebeSwü), denn er hat absolut kein Perständniß für Snckereien. Meine Schwiegereltern bekommen irgend eine Koftbalk.it für die Einrichtung, die kann ich noch jeden Tag haben, und für die Dienstboten kauft die Wirthichastertn ein. Die weiß b fier als ich, waS sich die Leute wünschen. Damit bin ich fert q; bet uns spielt Weihnachten keine große Rolle — es ist ja ein Fest für Kinder und — wir haben ja kein Sind!"
Diese letzten Worte hatten wie Schluchzen geklungen und fast erschrocken hörte Melanie diesen Aulbruch ihrer sonst immer io ruhigen und scheinbar zufriedenen Freundin an. M,t herzlicher Theilnahme trat sie ihr näher und flüsterte, den Arm um sie legend, mit zärtlicher Stimme:
„Verzeih mir, meine liebe Hanna, daß ich durch mein unüberlegtes Handeln Dir einen bitteren Augenblick gemacht habe. Ich begreife mich auch gar nicht, aber mein Mann hat recht, ich bin immer noch ein großes Kind und —"
„Ach, liebe Melanie, laß doch, Du brauchst keine Entschuldigung- ich weiß selbst nicht, wie mir heute ist, ich bin nervös, erregt! Wie hätte mich sonst eine Puppe aufregen können? Komm, laß gut sein und erzähle mir noch recht viel von Deiner WethuachiSbescheerung — ich will auch ganz artig zubören."
Trotz dieser etnlevkenden Worte wollte aber die Plauderei zwischen den beiden Freundinnen nicht recht in Fluß kommen und Frau Melanie nahm schneller Abschied, als sie wohl be- abfichligt hatte. — Die zurückbleibende junge Frau begann im Zimmer auf- und abzuwandern und konnte ihre Gedanken nicht loSmachen von dem eben Erlebten. Was war ihr nur ? Mein Gott, sie wußte eS doch nicht erst seit heute, daß ihr daS Mutterglück versagt war, sie glaubte sich längst darein gefunden zu haben und eS fehlte ihr ja auch sonst nicht-, gar nichts zu ihrem Glück! Sie hatte einen Galten, der sie auf den Händen trug, sie hatte die entzückendste Häuslichkeit, sie gebot über reiche Mittel — die gemeine Noth kannte sie kaum dem Namen nach. Und doch — sie hatte in diesem Augenblick das Gefühl, als ob sie auf alles verachten könnte, wenn eS ihr vergönnt wäre, ein Kind ihr eigen zu nennen. Lag daS jetzt in der Weihnachtszeit? Hatte wirklich der Anblick der Puppe diesen Sturm in ihr erregt? Sie wurde das Bild gar nicht lvS—ein strahlen
der Ehriftbaum, darunter die Puppe und ein jauchzendes, kleines Mädchen. Welche Wonne müßte daS sein, verglichen mit der stillen W-ihnachtSseier in ihrem Hause. Immer rastloser wanderte die Em ame auf und ab, vergeblich bemüht, ihre Gedanken auf etwas anderes zu lenken. ES wollte ihr nicht gelingen. Ach, ein Kind, hätte sie ein Kind! Sie war so viel allein, ihren Gatten führte sein Beruf viel weg vom HauS und die Geselligkeit machte ihr nur mäßige Freude, wurde von ihr mehr als Pflicht betrachtet.
Mußte denn das aber immer so bleiben — mein Gott, eS gab ja Kinder genug in der Welt, Kinder, deren Daletn als Last empfunden wurde. Konnte sie denn nicht solch ein Kind zu sich nehmen und damit ihrem Leben einen neuen Inhalt geben? Hatte sie nicht früher schon einmal den Gedanken halb scherzhaft mit ihrem Manne besprochen und hatte er nicht in seiner rührenden Güte getagt: „Wenn Du Dir davon eine Freude versprichst, in GotteS Namen, ich werde Dir nicht hinderlich sein."
WaS aber früher nur eine flüchtige Idee gewesen, begann jetzt mit einem Male Gestalt anzunehmen. Daran war nur die Puppe schuld, ja, nur die Puppe und der Gedanke an Weihnachten, an daS herrliche Fest, zu dem aber Kinderjubel gehörte. Und nun ging plötzlich ein neuer Ausdruck Über daS Antlitz der jungen Frau, ein Ausdruck von Entschiedenheit. Mit schnellem Schritt näherte sie sich ihrem Schreibtisch, ließ sich an demselben nieder, ergriff die Feder und begann auf eines der seinen Brtefblätter mit dem Monogramm und der Krone darüber hastig, ohne sich lange zu besinnen, zu schreiben. Nur ein paar Zeilen, die rasch gefallet und in den Briefumschlag geschoben wurden. Nun noch die Adreffe: An die Expedition des „Anzeiger" hier. Dann ein Druck auf die Schelle.
Sofort erschien der Diener und, ihm den Brief Übergebend, sagte sie mit etwas bebender Stimme: „Dieser Brief ist sofort zu besorgen, ohne Zögern."
Der Diener verschwand und tief und wie befreit auf- athmend trat Frau Hanna an das Fenster und schaute sinnend in die winterliche Landschaft hinaus.
In einem Dachstübchen der Neustadt, in einem vier Stockwerk hohen Hause, saß eine krank und schwach aussehende, noch jugendliche Frau an der Nähmaschine, eifrig mit der Anfertigung von buntgestreiften Arbeiterhemden beschäftigt.
Die Stube, klein wie sie war, biente doch zugleich als Kammer und Küche. Durch äußerste Benutzung dcS Raumes war e« ermöglicht, daß ein großes und ein kleines Bett, sowie ein Anrichtetisch mit Kochzeräihen neben den paar andern Möbelstücken Platz gefunden hatte. Trotzdem wirkte das SiubLen wohllhuend durch die musterhafte Sauberkeit und Ordnung, die darin herrschte, durch eine gewisse Nettigkeit in der Anordnung, die bewies, daß die Bewohnerin Sinn für da« Schöne hatte. Auch zeigten einige wenige Stücke der Einrichtung, z. B. eine hübsche Wanduhr, ein Bücherbrettchen mit Bibel und Gesangbuch, sowie einigen andern wodl- erhaltenen Büchern, Reste eine« früheren Wohlstände«. Zu den Füßen der Fran spielte ein Kind, ein kleines Mönchen von ungefähr zwei Jahren. Während ihrer Arbeit lirß die Frau ab und zu ihren Blick auf dem fröhlich vor sich hin- plaudernden kleinen Wesen ruhen mit unendlich zärtlichem Ausdruck. Sobald sie die Maschine einen Augenblick in Ruhe setzte, um an der Arbeit etwa« zu ordnen, richtete sich da« Kind an der Mutter auf und fragte:
„N's wahr, Muttel, nun kommt bald da« Distdindel, bringt Mariele ein Püpprl und Siebtel, o so viel!"
„Gewiß, mein Herzchen, sei nur schön brav, dann bringt Dir daS Chrlftkmd ein Püppchen und viele Lichter."
Lange Zeit halte das so gedauert. Dann hielt die Mutter mit einem Male inne, preßte die Hände aufs Herz und ließ sie dann matt in den Schoost finken, während da« blasie Gesicht einen ganz verzweifelten Aurdruck anrahm. Ach, da« entsetzliche Herzklopfen — e« war wieder eit mal so schlimm — eS wollte nicht mehr gehen mit dem Nähen. — Nach kurzer Ruhepause erhob sie sich, setzte da« Ktnd auf ein Stühlchen an ba« Fenster unb sagte:
„Nun paß auf, Maiiechen- jetzt fliegt halb ba« Christ- kind dort draußen vorbei, paß nur auf; Mutter hat zu thua unb Du mußt schön brav sein."
Sie ging hinan« und kam bald mit eiwaS Holz wieder in die Stube, begann im Ösen Feuer anzustecken und setzte ein Töpfchen mit Kartoffeln und etwa- Milch an« Feuer. Immer aber hielt sie wieder in ihrer Beschäftigung inne, um einen Blick nach dem Kinde zu werfen und dabei plut jedesmal ein trauriges Lächeln über ba« feine, leidend aussehende Antlitz.
(Fortsetzung folgt.)
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