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06/09/1896 Zweites Blatt
 
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Der fiefenet Airzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag».

Dir Gießener Mamttieuvtälter mrrden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigrlegt.

Zweites Blatt. Sonntag den 6. September

1896

Gießener Anzeig er

Kenerat-Wnzeiger.

vierteljähriger ASonncmenlsprei«» 2 Mark 20 Pfg. mit Britrgerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 60 Pfg.

Redaktion, Expedition und Druckerei:

SchulKraße >t.V Ferniprecher 61.

Amts- und Anzeiseblutt für den Ureis Gieren.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Lag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Hratisöeitage: Hießener Kamitienötätter. jii r- -

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Frankfurt a M-, 3. September. Dec Director dcs hiesigen Volkstheaters, Leon Salttz, dessenMaria und Martha" von der hiesigen Polizeibehörde im Mat d. I. der« boten wurde, hat seine Muhestunden dozr benutzt, ein neues Stück zu schreiben. Salttz hat sich in Folge der gemachten Erfahrungen einem anderen Genre zugewandt und ist vom Teudeuzstück zur sathrtschen Posie übergegangen. Sein neues Opus betitelt sichDie Sonntagsruhe" und schildert in humoristischer Weise die taufend Verlegenheiten, in die ein Haushalt kommen kann, wenn man nicht vorsichtig ist. Wie wir hören, soll das Stück im Laufe des September an der Bühne des Königsstädter Theaters zuerst zur Aufführung kommen. Capellmeister Roscher, der schon zu mehreren Poffen die Partitur geschrieben, componirt die Musik zur Sonntagsruhe". '

Bonn, 2. September. Beim Suchen nach Spreng- stücken von Geschoffen auf der Wahner Haide fand ein Tag­löhner eine Granate, tn der noch der Zünder steckte. Die Granate explodirte und richtete den Finder schrecklich zu. Man ichaffte den Verwundeten nach der hiesigen Klinik. Wahrscheinlich werden ihm beide Arme abgenommen werden müffen.

Dorf und Stadt ist in Ruhla zu friedlichem Bunde vereint. Die größere Hälfte der Einwohner (3000) verehrt in dem Herzog von Sachsen. Coburg-Gotha, die kleinere Hälfte (2500) In dem Grobherzog von Sachsen-Weimar den Landesvater. Nun hat der Coburger seine Hälfte zur Stadt erhoben, und so lange der Weimaraner diesem Beispiele nicht folgt, sind nun dort Dörfler und Städter durcheinander. Hoffentlich bleibt den guten Rahlaern der bürgerliche Friede trotzdem auch ferner erhalten.

* Leipzig, 3. September. Zur Herbstmesse wird wiederum, wie bisher, die dauernde Gewerbe-Ausstellung von allen Denjenigen, die ihren Bedarf an gewerblichen und technischen Artikeln, Maschinen, Motoren, kunstgewerblichen Erzeugnissen und hauSwirthschastllchen Gegenständen decken wollen, besichtigt werden. Es dürfte deshalb allgemein inter- csstren, zu erfahren, daß jetzt zahlreiche Maschinen mit elecirtschem Antrieb versehen sind, so daß neben Damps-, GaS- und Petroleummotoren auch die elektrische Antriebs­kraft in verschiedener Ausführung zur Geltung gelangt. Außerdem finden Sonntags und Mittwochs im Lesesaal der Ausstellung Volführungen je einer größeren Zahl besonders

intereffauter Gegenstände statt. Ganz besonders sei noch daraus hingewtesen, daß während der Messe Schuhmacher- Maschinen (zur Lederbörse), Holz-, Metall- und Papier- bearbeitungsmaschinen, sowie täglich die verschiedenen Motoren in Betrieb find.

* Auö Meißen wird berichtet: Die bekannte schwache Seite vieler Männer wird jetzt von einer auswärtigen Tuchhändlerfirma in erfolgreichster Weise auSgenutzt. Schon zwei Mal kurz hintereinander besuchten acht bis zehn junge Mädchen unsere Stadt und hauficten hier mit Stoff zu Männeranzügen. Diese Hausirerincolonne hat jedesmal voll­ständig abgesetzt. Die hübschen Mädchen find sehr liebens­würdig gegen ihre Kunden und befitzen große UederredungS- kunst, sodaß es gar nicht zu verwundern ist, daß sich die Vertreter deS starken Geschlechts erweichen lassen undden kleinen Rest, welcher gerade noch gut zu einem Anzug reicht," kaufen, weil eben die Verkäuferin gar zu schön bitten kann. Sobald die Mädchen den Rest verkauft haben, gehen sie nach der Restauration, wo sich ihre Hauptniederlage befindet, zurück, um wieder mit einem neuenkleinen Rest" ihr Glück zu versuchen, und so geht es den ganzen Tag fort, bis der mitgcbrachte Vorrath zu Ende ist. Wenn Männer mit diesen Stoffen hausiren gingen, so würden fie eine Woche zu thun haben, um nur annähernd daS umzusetzen, waS die Mädchen in einem Tag verkaufen.

* Lätzen, 1. September. Gestern verunglückten, demLeipz. Tagebl." zufolge, auf der zur königlichen Saline Dürrenberg gehörigen Braunkohlengrube bet Tollwitz zwei Bergleute, der 65jährige H. Harung und der einige 50 Jahre alte Bergmann Richter, beide aus Tollwitz. Sie wollten einen neuen Schacht einschlagen und waren erst 7 Meter tief in die Erde eingedrungen, so daß fie unten noch ohne Grubenlicht arbeiteten. Harung stieg zuerst in b?n Schacht. Nach wenigen Minuten hörte Richter ein hef- tlgeS (Siöhnen; sogleich eilte er dem Harung nach, um ihm zu helfen,'kam aber ebenfalls nicht wieder herauf. Beide find durch Gase, die sich im Schachte gebildet hatten, erstickt und konnten nur als Leichen herauSbesördert werden.

* Die zufammengebrochene Spar- und Creditbank in Glauchau, die über so viele Familien tn der Stadt und Umgebung Kummer und Sorge gebracht hat, ist mit der Regelung ihrer Verhältn sse nunmehr fertig. Bei der Zu­sammenstellung von Schulden und Vermögen der Bank stellte es fich heraus, daß von den 281 VercinSmitgltedern die Summe von 666,243.94 Mk. aufgebracht werden mußte.

Feuilleton.

Wochendriefr aus der Residenz

(Origtnalbericht beSGießener Anzeigers").

Z. Darmstadt, 4. September.

Ans den Kunstvereinen. Sedanfeier. Theater. Lntherfestspiele.

Die Kunsthalle in der Rheinstraße war während der Sommermonate geschlossen, doch seit ein paar Wochen ist dort wieder mit ganz kurzer Unterbrechung sür reichhaltiges und interessantes Ausstellungsmaterial gesorgt, das der rührige Vereinsvorstand aus allen deutschen Kunststädten, vor allem auS München, beschafft hat. Seitdem der Kunstverein brr bahtrischen Hauptstadt mit dem hiesigen in Austausch- verhaltniß getreten ist, beanspruchen die MonatSausstellungen In der Kunsthalle Überhaupt ein größeres Interesse, das ließ sich namentlich auch an der letzten Bildersendung erkennen. Dem Umfange nach ist das Werk eines Düsseldorfer Künst­lers, E. Dülen, das größte, nicht ganz dem Werthe nach. ES ist das durch Illustrationen bekannt gewordene SensationS- gemäldeGrößenwahn", das einen dem Wahnsinn versallenen Schauspieler einer sogen.Schmiere" darstellt, der inmitten feiner hungernden und frierenden Familie in einer Dach­kammer, mit armseligem Theaterflitter als König aufgrputzt, eine große Rede an sein vermeintlich versammeltes Volk hält. Ein Paar andere Bilder des MalerS sprechen durch besser gewählte, mehr heitere Motive an. Aus den zahlreich sonst ausgestellten Bildern heben wir auch die gute Arbeit deS gern im Kunstverein gesehenen Gießener MalerS Otto Fritz hervor, der ein schönes BildFrühling" aus­gestellt hat. Herr Professor Noack in Darmstadt hat ein ntu angefertigtes Herrenporträt ausgestellt, zwei in München lebende Darmstädter, Ph. Röth und H. Deuchert sind mit Thierstücken und Landschaften vertreten. Am nächsten Sonntag wird schon wieder eine neue Collection werthvoller Bilder erwartet, die größtentheilS von dem interessanten Berliner Meister Wilh. Hendrich geschaffen find.

Von der Ausstellung mit Verloosung, die der Verein Kunstfreund" im September veranstalten wollte, ist es nun wieder stiller geworden, da das Unternehmen in den November verschoben wurde, der freilich zu einer Ausstellung wenig« geeignet erscheint, als der zuerst bestimmte Monat. Wie man hört, ist der Verein eifrig bemüht, gute Werke von hessischen Künstlern zusammenzubringen, auch soll ihm ein ganz stattliches AukaufScapital, daS bei gutem Verkauf der Loose noch anwachsen dürfte, zur Verfügung stehen. Als Ausstellungsraum wird die Freimaurerloge genannt, ein bei dem gänzlichen Mangel an geeigneten Localen allerdings ganz gut gewählter Raum. Auf daS Ergebniß der Aus­stellung, 5urch die der Verein die traurigen Verhältnisse, in denen sich die bildende Kunst in Hessen befindet, heben zu wollen verspricht, ist man allgemein gespannt, zumal die er­lassenen Ankündigungen ziemlich viel versprechen. Einen Bericht über die seiner Zeit ausgestellten Gemälde behalten wir uns vor.

Die Feier deS deutschen Festes, deS Sedan tag es, ist diesmal stiller als in früheren Jahren verlaufen. Ein allgemein gefaßter Beschluß hat dies so bestimmt. Die öffent­lichen Gebäude und zahlreiche Privathäuser prangten im Fahnenschmuck, große Pflanzendecorationen umgaben das Kriegerdenkmal und in den Schulen sanden entsprechende Feiern statt. Auch die Vereine, vor allem der Kriegerverein, hatten zum Theil besondere Veranstaltungen zur würdigen Feier des TageS getroffen, sonst blieb aber die öffentliche Feier auf ein Concert beschränkt.

Die Witterung der letzten Woche gab auch in der Re- sidertz der von der vorigen nichts nach. Auf wenig schöne Tage ist wieder Regen und Kälte gefolgt, so daß ein Garten- concert nach dem anderen verregnete. Ueber daS für gestern angesagte Benefizconcert, mit dem die Capelle der 115er ihren wackeren Dirigenten, Mufikdirector Hilge, zu seinem sünszigsten Geburtstag erfreuen will, berichte ich Ihren Lesern das nächste Mal. Kein Wunder, daß bei der herbstlichen Witterung man schon Vorbereitungen sür den Beginn der Wintersaison trifft. In sämmtlichen Gesang-

Da jedoch 102 Mitglieder zahlungsunfähig waren, so mußten die Übrigen 179 je nach ihren VermögenSverhältnissen für den Fehlbetrag aufkommen. Der höchste von den Mitglie­dern zu leistende Beitrag war 11,733 34 Mk. Später stellte eS fich heraus, daß die von den Mitgliedern erhobene Summe zu groß war; verblieb noch ein Rest von 71,250 Mk., der an 28 Mitglieder, die den höchsten Beitrag zu zahlen hatten, zurück erstattet wurde. Die Rechnung ist nunmehr richtig gesprochen und die Liquidation damit beendet. Manches Mitglied hat sein ganzes Vermögen verloren.

* Ein Gesuch an die Geschäftsinhaber in München, den Ladnerinnen, so lange fie keine Kunden zu bedienen haben, daS Sitzen zu gestatten, hat mehr als tausend Unterschriften, hauptsächlich aus den bessergestellten Kreisen erhalten. An erster Stelle steht der Name des Prinzen Dr. Ludwig Ferdinand.

Literatur und Kauft

- Wohltmann, Prof. Dr. F., Bonn-Poppelsdorf.

Plantagenbarr in Kamerun und seine Ankunft"- Drei Rcisedertchte. Mit 12 Volllllustralionen, 2 geograph. Karten unv 2 Plänen. Berlin. F. Teige, Verlagsbuchhandlung für Land- wirthschaft. 1896. Preis eleg. broschirt 2 Mk. Mit der zunehmen­den Bedeutung Kameruns, wohl des werthvollsten unserer Schutz- gediete, wächst die Zahl Derjenigen, welche, fei es in der Absicht der Ansiedelung, sei es zum Zwecke der (Kapitalanlage, über die dortigen Anbau- und Handelsverhältnisse unterrichtet fein möchten. Der w kannte Verfasser vorliegender Schrift gibt darin als Ergebniß eines zweiten Aufenthaltes daselbst (erster 1888/89) die vollständige Aus­kunft über: Die Art der dortigen Landwirthschaft, Klima und Boden, vorhandenen Plantagen, Anlage und Betrieb solcher, wichtigste Er­zeugnisse bedingende Verhältnisse, Arbeitskräfte u. s. w. und über die Zukunft Kameruns. Die mit 12 Abbildungen versehene Schrift kommt zu dem Schlußergebniß mit folgenden Worten:In Kamerun ist es an der Zett, die Eulturarbeit mit allen Kräften durchzuführen, um das Vaterland mit tropischen Nahrungs- und Genußmitteln zu versorgen, die auf der Scholle gewachsen sind. Jede am Kameruns gebirge richtig angelegte Mark wird privat- wie volkswirthschaftlich reichen Segen bringen. Die Zukunft wird es lehren!"

Die soeben zur Ausgabe gelangte Nummer 35 deSReporte«, illustrirteS Weltblatt, Berlin (Preis 10 Pfg., Postzeitungsliste Nr.5899) hat folgenden Inhalt: Das Denkmal der Garde-Füsiliere in Marte- aur^Ebönes (mit Illustration). Warum. Novelle von Oscar Geller (mit 2 Illustrationen). Onkel Beckwirths Meisterstück (Schluß). Die Matabele (mit 3 Illustrationen). Der Wechsel im Kriegs- ministerium (mit 2 Portraits). Ein gefährliches Reiterstückchen (mit Illustration). Die Bukowina (mit 5 Illustrationen). Die Sonnenfiusterniß am 9. August (mit Illustration). Drillinge (mit Illustration). Humorbild. Bücherfchau. Rebus. Briefkasten. Anzeigen.

vereinen nehmen die regelmäßigen Proben ihren Anfang und Im Hoftheater soll nach bestimmten Zeitungsnachrichten das Abonnement unter Einwirkung der schlechten Witterung diesmal weit besser als in früheren Jahren ausgefallen fein. Möge sich nun auch die kommende Saison der verflossenen würdig anrethen. Eine theatralische Neuerung, die öffentlich bekannt gemacht wurde, hat übrigens auch für die auswär­tigen Leser Interesse. In Zukunst kann gegen Bezahlung von 20 Pfg. Vorverkaufsgebühr für jede Vorstellung im Voraus, auch von auswärts, ein bestimmter Platz bestellt werden, der dem Besteller reservirt bleibt. Diese Einrichtung wird nicht nur in Darmstadt selbst, sondern auch namentlich in den umliegenden Städten, die zahlreiche Theaterbesucher befitzen, mit Wohlwollen begrüßt. Im Sommertheater war Saisonschluß und zwar, Dank dem Gastspiel des Frank­furter Komikers, Herrn Str oh eck er, bei vollem Hause. Die Direction kehrt im nächsten Sommer wieder.

Was dagegen mit dem Orpheum los ist, weiß zur Zeit Niemand bestimmt anzugeben. DaS Gebäude soll für 200 000 (!) Mk. verkauft worden fein, und deshalb mußte die für 1. September augesetzte Saisoneröffnung wieder ab­gesagt werden. Der jetzige Besitzer ist Herr Ces ar o, der seither die Direction geführt, die in diesem Winter der seit­herige Capellmeister übernehmen sollte.

Recht erfreuliche Fortschritte machen die Vorbereitungen zum Lutherseftspiel unter Herrn Edwards rastloser Leitung. DaS ganze Material an Costümen und Requisiten wird von Jena von der Vereinigung zur Veranstaltung von Lutherfestspielen leihweise bezogen, es soll mehrere Eisenbahn­wagen süllen. Zur würdigen Darstellung der Massenscenen plant man eine allerdings dringend nothwendige Ver­größerung der Saalbaubühne. Die Aufführung selbst steht bekanntlich unter der hohen Protection des Prinzen Wilhelm und dieser hat dem Comits erst vor wenig Tagen von Neuem sein lebhaftes Interesse an dem Gedeihen des schönen Unter­nehmens ausgesprochen.