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6.6.1896 Erstes Blatt
 
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»ießener W^ul «»»vläller »nitti ö m Anzeiger dreimal i" gelegt.

Erstes Blatt.

Samstag den 6. Juni

1806

Gießener Anzeig er

General-Anzeiger.

vierleljähriger x Aleeeterebrrctol 2 Mark 20 Psg. mit vringerlohn.

Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

Rtbochon, kxprdiNo» und Druckerei:

Zch.kstrohe Kr.K.

Fernsprecher 61. f

Zlnrts- unb Anzeigeblatt für den Tireis Gietzen.

Gralisöeikage: Gießener Aamilienblätter

IteiiiiHt do« Anzeige« zu der Nachmittags für bat f»bfc|ri-r Dag erfcheinendm Nummer bis vorm. 10 Uhr.

Alle Rnnoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Bekanntmachung,

kheffenb die Maul- und Klauenseuche zu Röthges.

Lie Maul« und Klauenseuche zu Röthges ist erloschen untutie iZehöft- und Gemarkungssperre aufgehoben worden.

-i.:ßen, den 4. Juni 1896.

GroßherzogltcheS Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

lkntteausfichten und Getreidepreise.

$11 Ernteaussichten und die Getreidepreise find nicht ..... liueiLibenSfrage für die Landrvirthschaft, sondern greifen au,-.^ti:f ein in daS gan*c wirthschastliche Leben der Völker, 'iio ind auf die Lebensbedingungen aller Gewerbe. Am ' niaiitn neht daS daraus hervor, wenn man bedenkt, daß es tnrr lie zahlreichen Familienväter der unteren und mittleren BoliiHllafien ein gewaltiger Unterschied ist, ob daS Pfund r 2! li iPfennige oder 15 Pfennige kostet. Auch müßten olifll diele großen Fabriken, welche tausende von Arbeiter 'ei ist geringen Löhnen beschäftigen, ganz andere Berech- iuni|ii laufstellen und unter Umständen ihren Betrieb einfrtitfkii wenn fie in Folge einer Brodvertheuerung höhere rhünzasflen sollten. Billiges Brod ist somit eine Cultur- ot:Wn|. Indessen liegt die Wahrheit und der Segen nicht bei liicr extremen Billigkeit, sondern, da die Landwirthschaft ...idxi Wt^en will, bet einem Zustande wohlfeiler Brodpreise. L"a Äki kann auch behauptet werden, daß die jetzigen sehr biUlllitn Getreidepreise, bei welchen der Centner Roggen nur

66 Mark kostet, ganz gut 10 bis 15 pCt. steigen " :jntmiin, whne daß daö Brod, welches meistens nicht den Ge- tretitiipnrien entsprechend billig verkauft wird, eine wesentliche L-reiinlBti|ittung zu erfahren brauchte. Trotz mancher Wechsel- 'i.ll m sFrühjahrSwetter sind auch die Aussichten auf die ontnmbi Ernte, wenn der Sommer kein Unwetter bringt, gürrM uinb im Hinblick auf den Dorrath alten Getreides ist ick^alb eine Steigerung der Getreidepreise nicht zu er- -varm«, Im Westen Europas hat ja große Trockenheit ge- herri^l wild in Rußland scheint eS in mehreren Gouvernements zu ittitl geregnet zu haben, auch lauten die Berichte aus mimla »zuweilen ungünstig in Bezug auf den Saatenstand, cütfr! bleibt die allgemeine Anschauung der Sachkenner die, daß, tint gute Ernte zu erwarten ist, wenn der Sommer i?aItü!Mß3 günstiges Wetter bietet. Recht beträchtliche Zu- suh^'v ani Weizen aus Nord« und Südamerika und auch aus Indik, fjtib auch noch in ben letzten Wochen noch Europa qebi-ch worden, doch hat eigentlich nur England, dessen Lets-Monräthe bedeutend zusammengeschrumpst sind, größere SnkM an Weizen gemacht, während in den übrigen tumiMien Ländern daS Getreidegeschäft seit zwei Wochen rechiit^Il liegt. Für große Angebote an Weizen und Roggen sehlisti ul allgemein an Kauflust, weil die Händler und Müller bet :tikt j(aten ErnteauSfichten noch ein weiteres Sinken der schocket: billigen Getreidepreise fürchten. Von den meisten BerMrsuattern der Berliner Getreidebörse wird außerdem -rvrmch oben, daß daS neue Börscngesetz mit dem Verbote des -Ntiminhandels daS Getreidegeschäft in Deutschland ge- r iderix todt zu machen drohe. So schreibt das Handelsblatt Str :,Monalzeitung" sprciell über den sonst sehr bedeutenden bogG^vmdel an der Berliner Börse:Wir sehen hier etnfWen nur, wie arg daS Geschäft in Roggen während der :!lnsli,ffeuen Woche darnieder gelegen hat. Waare ist sparM llageboten und sie wird relativ hoch bezahlt, aber fcr L-iinhandel stockt und die Preise gehen zurück, weil venich^erbietungen auf großen Mangel an Kauflust stoßen. .Ls üs^cht eine Gleichgiltigkeit in ben beteiligten Kreisen, bie fettigen, bet die Verantwortlichkeit für diesen Zustand >u üÄmtihmen hätte, erschrecken müßte! ES ist uns auch ganzq L) srchsichttg, wohin wir in diesem Zustande eigentlich -reibt» ES ist doch wahrlich kein geringer Bedarf, den man üier tzxbafriedtgen hat- eS sieht aber so aus, als wenn sich Hieniifc! mehr um die Versorgung Berlins bekümmert. BieM,ü: vollziehen sich die Dinge, die bisher im offenen Termm^andel vor Aller Augen sich abspielten, schon jetzt im (intimen!?"

Deutsche» Udcb.

lttmstadt, 4. Juni. Wie ein Privattelegramm der .Da'iMi. Ztg." aus Moskau meldet, begeben sich Ihre Könß-igiiein Hoheiten der Großherzog und bie ©rofe- her Wzi lt am nächsten Montag nach JlinSkoje. Die Damric .')eS Gefolges, sowie Oberstallmeister Freiherr v. RbLiseil unb Flügeladjutant Freiherr v. Grancy begleiten die EMshiiwzoglichen Herrschaften borthin, währenb die übrigen

Herren deS Gefolges hierher zurückkehren. Ein weiteres Privattelegramm meldet aus Moskau vom 4. dss. MtS.: Die Grobherzoglichen Herrschaften waren gestern Abend zum Diner beim französischen Botschafter. Heute Vor- mittag empfingen Allerhöchstdieselben eine Deputation deS beutschen Vereins, bestehend aus ben Herren CamesaSca, Hilger unb Philipp. Um 2 Uhr Nachmittags wohnen bie Allerhöchsten Herrschaften bem RathhauSfeste, um 7 Uhr bem Galabiner deS englischen Botschafters unb um 10 Uhr bem Galaball im Kreml bei. ES ist schönes Wetter.

Norreste

Wolfs» telegraphische» Eorreivondrnz'Bureau.

Köln, 4. Juni. DerKöln. Ztg." wird aus Berlin geschrieben:Die Ausführungen derN. Freien P." über die Rede deS Kaisers Franz Josef bei bem Empfang bet Delegationen und über baS politische Programm beS DreibunbeS im Orient sind ein vollständiges Räthsel. Nicht das Geringste ist von deutscher Seite geschehen, waS auch nur die Möglichkeit eines System- oder Programm­wechsels andeuten könnte. Nach wie vor hat die deutsche Regierung bis in die jüngste Zeit daran festgehalten und betont, daß fie kein directe» Jntereffe, sondern nur daS'Ziel verfolgt, Ruhe und Ordnung aufrecht erhalten und damit die Bewahrung des europäischen Friedens geschützt zu sehen. Nicht zu leugnen ist, daß der Dreibund dazu betgetragen hat, daß nach den jüngsten armenischen Wirren der Friede im Orient nicht gestört wurde. Aber auch alle übrigen conti- nentalen Staaten verfolgen daS gleiche Ziel, namentlich Rußland hat vollen Anspruch auf Anerkennung dafür, daß eS in erster Linie jede Friedensstörung durch­kreuzt."

Basel, 4. Juni. Der Große Rath acceptirte die facultative Feuerbestattung mit 59 Stimmen gegen 34 Stimmen und bewilligte für den Bau eineß Krematorium« 82 300 FrS.

Paris, 4. Juni. Die socialistische Gruppe der Deputirtenkarnrner hat eine Tagesordnung angenommen, welche ausspricht, daß die Gruppe gewillt sei, den Kampf gegen alle reactiorären Regierungen fortzusetzen, jedoch die Unterstützung sofort durchführbarer Reformen vorschlägt, welche auch unter dem capitalistischen Regime die Lage der Arbeiter verbeffern können. Sodann wird offen als das Ziel der Gruppe erklärt: die Beseitigung des capitalistischen Regimes, um der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ein Ende zu machen, die Eroberung der politischen Gewalt durch daS Proletariat, die Ersetzung deS capitalisti­schen EigenthumS durch daS GesellschaftSeigenthum und daS internationale Zusammengehen der Arbeiter. Ferner nahm die Gruppe eine Tagesordnung an, in welcher erklärt wird, daß bttjenigen ihrer Mitglieber, bie sich ber Abstimmung über bie aufgeworfenen Principienfragen enthielten, darum der nothwendigen Einigung Aller in der parlamentarischen unb politischen Action keinerlei Abbruch thun wollen.

Moskau, 4. Juni. Das Kaiserpaar besuchte Nach­mittag» in Begleitung der fremden Fürstlichkeiten, der Mit­glieber deS kaiserlichen Hause« unb hoher SBürbenträger ba« RathhauS. Dor bem Gebäube waren gegen 14 000 festlich gekleibcte Schulkinber, auf ber Treppe weißgekleibete Mädchen aufgestellt. Sämmtliche Fenster ber umltegenben Häuser waren dicht besetzt. Als baS Kaiserpaar, von ben Jubelrufen ber Kinber unb de« Publikum« empfangen, bie Treppe hinauf- stieg, streuten bie Kinder Blumen auf bie Wege. Al« ba« Kaiserpaar seine Platze eingenommen, theilte das Stadthaupt ben Beschluß ber Stabtverwaltung mit, zum Anbeuten on bie Krönung ein Siechenhaus für 200 Personen zu begrünben. Nachdem die Chöre mehrere Cantaten aus- geführt hatten, hielt daS Stadthaupt eine Ansprache an das Kaiserpaar, worauf ber Kaiser in seinem unb ber Kaiserin Namen herzlich bankte unb ber Stabt Moskau volles Gelingen wünschte. Als das Kaiserpaar baS RathhauS verließ, über­reizten bie Schulmäbchen ber Kaiserin eine Stickarbeit, bie Knaben bem Kaiser geweihtes Brob. Heute Abenb 7 Uhr finbet beim englischen Botschafter ein Festmahl statt, hierauf großer Ball im Kreml-Schloffe.

ASmara, 4. Juni. Aus bem Schlachtfelbe von Abua würben weitere 116 Gefallene bestattet. Andere Leichen von Weißen unb 144 Leichen von Eingeborenen find nicht agnoScirbar, weil fie aller Kleidung beraubt find.

LeprsSi» D» fceretx

Berlin, 4. Juni. ES verlautet, morgen werde zuständiger- feit« im Reichstage über die Stellungnahme der deutschen Reichsregierung zu dem Verbot, betreffend den Getreide- Terminhandel, eine Erklärung abgegeben werden.

Berlin, 4. Juni. DaS Endergebniß der Stichwahl im Reichstagswahlkreise Neu-Ruppin-Templin ist folgendes: tieffing (frf. VolkSp.) 9636, v. Arnim (conf.) 8352 Stimmen. Der Erstere ist somit gewählt.

Berlin, 4. Juni. Im ReichSmarineamt war von der Meldung auö Shanghai, betreffend die Ermordung deS deutschen Offiziers Krause in Nanking, bis heute Morgen nichts bekannt. *

Berlin, 4. Juni. DerNationalzeitung" zufolge ist die Meldung unbegründet, daß gegen den Prediger Profeffor Dr. Soden wegen seiner Rede auf bem chrichstlich-socialen Kongreß ein DiSciplinarverfahren eingeleitet worden ist.

Berlin, 4. Juni. DieNordd. Allg. Ztg." veröffent- licht daS Programm der anläßlich der Ankunft der eng­lischen Schiffsbauer geplanten Festlichkeiten. Die DereinSmitglieder langen am 10. d. M., Nachmittags 2 Uhr, von Hamburg kommend, hier on. Am selben Abend findet im Kroll scheu Opernhause ein von ber Reichsregierung ge­gebenes Fest statt, wozu ber Reichskanzler, die Spitzen der Reichs- unb StaatSbehörben, der BundeSroth, ber Reichstags- vorftcmb, Vertreter beS Handel-, der Industrie und Preffe, im Ganzen etwa 800 Personen, geladen find. Auf Befehl des Kaisers ist daS ganze Etablissement für daS Fest zur Verfügung gestellt. Am 11. findet in ber technischen Hoch- schule bie erste Sitzung ber Gesellschaft statt. Am Abenb ist da« jährliche Diner im Hotel Kaiserhof. Für ben 12. ist ein Specialfest in Aussicht genommen, für ben 13. die zweite Sitzung im Chemiegebäube ber GewerbeauSstellung, für ben 14. ein Ausflug nach Stettin -um Besuch der Wersten.

Berlin, 4. Juni. Der Kaiser wirb der diesjährigen Schülerregatta, die am 13. Juni in Grünau stattfindet, persönlich beiwohnen. Er gedenkt am genannten Tage gegen 5 Uhr auf derAlexandria" von der GewerbeauSstellung an« in Grünau einzutreffen.

Berlin, 4. Juni. Die Wiederaufnahme deS StrikeS ist gestern in einer von etwa 1 500 Maurern besuchten Versammlung beschlossen worben.

Berlin, 4. Juni. Heute Nachmittag fand in der Ge« Werbeausstellung baS Fest ber Gewerke statt. Der Fest­zug, an bem circa 12,000 Manu, zum großen Theil in historischer Tracht, theilnahmen, bot ein Prächtiges, färben» buntes Bild. Der 25 Pfennig-Sonntag in der Gewerbe­auSstellung scheint gefichert.

Berlin, 4. Juni. Wie aus W i l h e l m S h a v e u gemeldet wird, sind die Versuche zur Hebung des am 11. April ge­sunkenen Torpedoboote» 8 48 endgiltig abgebrochen worden.

Berlin, 4. Juni, Da« Staatsministerium trat heute Nachmittag 2 Uhr unter dem Vorfitz des Fürsten Hohen­lohe in seinem Dienstgebäude zu einer Sitzung zusammen.

Berlin, 4. Juni. An Stelle des Abgeordneten Vielhaben ist der Abgeorbnete IS kraut in bie Commisfion für baß Bürgerliche Gesetzbuch eingetreten. Die deutsch-sociale Reform­partei hat derStaatSbürgerzeitung" zufolge die Gründe de« Austritts des Abg. Vielhaben au» dieser Commission ein­stimmig gutgeheißen.

Wien, 4. Juni. In ben Ortschaften in der Nähe von Brünn find zahlreiche russische KrönungSbecher be­schlagnahmt worden, weil dieselben von Diebstählen her­zurühren scheinen.

Brüssel, 4.Juni.Etoile beige" meldet, die Lütticher Polizei habe gestern einen in Breßlau stehenden, beur­laubten preußischen Offizier verhaftet, der ver­dächtig auftrat unb über bebeutenbe Summen verfügte.

Paris, 4. Juni. WieEvennement" erfährt, beschSstigt sich ba» KriegSmittisterium gegenwärtig mit bem Plane ber Umgestaltung ben, Bewaffnung ber Infanterie. DaS Lebelgewehr soll vollstänbig verschwinben. Die in Aus­sicht genommene Neubewaffnung soll 120 Millionen Francs kosten. ______________

Berlin, 5. Juni. Bezüglich deS G e n e r a l st r i k e S bet ber Privat poft verlautet, baß sich im Laufe beß gestrigen Tages an Stelle der Ausständigen fo zahlreiche Ersatzmänner zum Eintritt gemeldet haben, daß eine Wiederaufnahme des vollen Betriebes gesichert erscheint.

Wegen der Metalldiebstähle in der Spandauer Artillerie-Werkstatt find bereits zwei Personen bestraft worden.

Altona, 5. Juni. Der berüchtigte Aus- und Einbrecher Kowalizek wurde gestern vom hiesigen Landgerichte ins- gesammt zu 7«/4 Jahren Zuchthaus verurtheilt.

Wien, 5. Juni. Die FrohnleichnamSprocesfion ist vollständig verregnet. In der StefanSktrche wohnten der Bürgermeister Strobach, sowie die Vicebürgermeister Lueger und Neumayr der Kirchenfeier bei. Dr. Lueger wurde auf der Straße lebhaft vom Publikum begrüßt.