Ausgabe 
5.8.1896 Erstes Blatt
 
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Rr. 182 ErKes Blatt. Mittwoch den 5 August

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1806

Der

Irfeienec Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag».

Die Gießener

P«»itie»vtStter Verden dem Anzeiger »öchrntlich dreimal brigrlegt.

Siebener Anzeiger

vierteljähriger x Avonnementspreis * 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlobn.

Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Psg.

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Kenerat-Anzeiger.

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Amts- und Anzeigeblutt für den ALveis Gieren.

I«nahmr von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Hratisöeitage: Hießener Aamitienökätter.

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlicher Theil.

vekmmtmachung,

betreffend: Schießübungen.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß das Infanterie-Regiment Kaiser Wilhelm Nr. 11<>

Donnerstag den 6. August l. Js.,

Freitag den 7. August, Samstag den 8. August, Dienstag den 11. August, Mittwoch den 12. August und Donnerstag den 13. August

jedesmal von 6 Uhr Bormittags bis 3 Uhr Nach­mittags Schießübungen mit scharfen Patronen in dem Gelände zwischen Beuern, Großen Buseck, Danbringen, Mainzlar, Treis a. d. Lda. und Climbach abhalten wird. Das vorbemerkte Ge­lände ist zu diesem Zwecke an den genannten Tagen und Stunden für jeglichen Verkehr ab­gesperrt und das Betreten des abgesperrten Gel ändes verboten, während die Straßen Großen Bnfeck, Beuern, Climbach, Treis a. d. Lda., Mainzlar, Daubringen, Alten-Buseck, Großen- Bnfeck passirbar bleiben.

Die Schußrichtung läuft gegen Climbach und gegen die Höhe östlich Mainzlar.

Das Regiment wird an den hauptsächlichsten Communications-Punkten Posten aufstellen.

Gießen, am 3. August 1896.

Großherzogliches Kreisamt Gleßen.

v. Gagern.

Gießen, den 3. August 1896. Betr.: Wie oben.

Das Großherzogliche Kreisamt Gietzeu av die Großh. Bürgermeistereien Alten-Buseck, Aeaern, Climbach, Daubringen, Großeu-Buseck, Mainzlar und Treis a. d. Lda.

Die vorstehende Bekanntmachung wollen Sie alsbald «as ortsübliche Weise veröffentlichen lassen und vor dem Be° treten des durch das Schießen gefährdeten Geländes warnen.

Weiter wollen Sie die Nachweisungen über etwa ent» stehende Flurschäden sofort nach Beendigung deS Schießens dem Regiment zusenden, damit die Abschätzung rechtzeitig er­folgen kann.

v. Gagern.

Deutscher Reich.

Berlin, 2. August. Nach den nunmehr getroffenen Dis- pofitionen wird die erste Versammlung des allge­meinen preußischen StädtetageS am 29. und 30. September d. I. in Berlin abgehaltea werden. Zu« nächst wird sich der Städtetag mit seiner Constttuirung und der Feststellung von Satzungen, beschäftigen, doch sollen auch schon praktische Fragen auf die Tagesordnung gesetzt werden. Als solche find zunächst in Aussicht genommen: 1. Die lieber« nähme der Bau« und Wohlfahrtspolizei auf die Städte und die Ausführung des Polizeikoftengesetzes- 2. Die Heran« ziehung der Städte zur Uebernahme von Verwaltungs­geschäften für allgemeine staatliche Zwecke und zu besonderen Leistungen zu Gunsten der Allgemeinheit- 3. Die Anstellung der städtischen Beamten auf Lebenszeit oder auf Kündigung.

Berlin, 3. August. Die katholischen Arbeiter Berlins haben beschloßen, sich auf dem Katholikentag in Dortmund vertreten zu lassen. Der Delegirte soll haupt­sächlich dafür eintreten, daß die deutschen Katholiken ihren Berliner Glaubensbrüdern bei Schaffung billiger Wohnungen für katholische Arbeiter behilflich find.

Heuerte

Wolffs tll-gr«phycheS Sorrespondeaz-Bureim.

Berlin, 3. August. In der Aula der Berliner Universität fand heute ein Festact statt zur Feier des Geburtstags des königlichen Stifters. Der Rector Pro­fessor Adolf Wagner hielt die Festrede über die Entwicklung der Berliner Univerfität, die Weltuniverfität geworden sei.

Saalfeld, 3. August. Zwischen hier und Blankenburg ist die Eisenbahnbrücke in Folge deS Hochwassers eingestürzt.

Coburg, 3. August. Abgeordnetentag deS deutschen KriegerbundeS. In der heutigen Sitzung der Krieger-Fechtanstalt wurde mltgetheilt, daß die Waisen- hausftiftung ein Vermögen von Mk. 238,179 besitzt. Der

Bau eines dritten Waisenhauses soll in zwei Jahren in An« griff genommen werden. Für 1897 wird Cottbus, für 1898 Weißenfels als Versammlungsort bestimmt.

Coburg, 3. August. Der Abgeordnetentag des deutschen KriegerbundeS entschied sich heute dafür, die Beschlußfaflung über die Gründung eines preußischen KriegerbundeS und die Erhebung der Beiträge auf nächste- Jahr zu verschieben.

Sofia, 3. August. Die theilweise Zerstörung deS Grabes StambulowS wird auf eine Rach e der Freunde von vier im Proceffe Beltschew Hingerichteten zurückgeführt, deren Gräber seinerzeit angeblich von Anhängern Stambu­lowS entweiht worden waren.

Coustauiiuopel, 3. August. Infolge der letzten Angriffe der Türken auf christliche Cretenser im District Canea wurden von den Christen 15 Muhamedaner, Männer und Frauen, dort getödtet.

Depesch« M »«««

Berlin, 3. August. Der Kaiser nahm heute auf Schloß WilhelmShöhe den Vortrag des Chefs deS Civil- cabinets, v. Lukanus entgegen.

Berlin, 3. August. DerReichsanzeiger" veröffentlicht heute den Entwurf eines Gesetzes betreffend die Abänderung der Gewerbe-Ordnung (Organisation deS Handwerks). Derselbe betrifft: 1. die Organisation deS Handwerks und zwar in Zwangs-Innungen, Handwerks Ausschüssen und Hand­werkskammern, 2. die freien Innungen und 3. die Lehrlings« verhältniffe und den Meistertitel. In den UebergangS- brstimmungen heißt es, daß das Gesetz, soweit es sich um die zu seiner Durchführung erforderlichen Maßnahmen handle, sofort nach seiner Annahme in Kraft treten soll. Der Zeit­punkt, mit welchem daS Gesetz im Uebrigen ganz oder theil» weise in Kraft treten soll, wird durch kaiserliche Verordnung mit Zustimmung deS BuudeSraths bestimmt.

Berlin, 3. August. Laut telegraphischer Meldung an daS Obercommando der Marine ist der Ablösungs- tranSport für die Schiffe der Kreuzer-Division unter Führung des Corvetten-EapitänS Thiele an Bord deS Dampfer- Sachsen" gestern in Shanghai angekommen.

Berlin, 3. August. Der Proceß gegen Friedrich Schröder hat derPost" zufolge am 27. Juli stattgefundeu. Nach hier eingetroffenen Nachrichten hat Schröder gegen die hohe Strafe appellirt. Die Appellation wird, falls sie aufrecht

Fenilleton.

Allerlei über Sludentenauszüge.

Von Dr. O. Buchner.

(Nachdruck verboten.) (6. Fortsetzung.)

Der Bürger und Glockengießer Otto hörte am Abend dis Alarmschlagen und da er meinte, es sei Feuerlärm, so eilte er pflichtgemäß nach dem Spritzenhaus auf dem Brand, Birte aber da, es brenne nicht, die Herren Studiosi hätten W geschlagen. Auf dem Heimweg begegnete er einer Patrouille mit dem Oberstlieutenant v. Schmalkalbe r, der Otto heftige Wvrwürfe machte, daß er auf der Gasse sei- dann schlug er nut ihn los undBringt den Jakobiner in die Wacht!" liijj ihn nach der Hauptwache abführen. Nach einer halben Wunde wurde er wieder entlassen, aber seine Schläge hatte er.

Henrich Hoch, Bürger und Schuhmachermeistec, stand mich 9 Uhr zur Erholung vor seiner Hausthür in der Sonne. Dc hörte er Trommelschlag und von Vorübergehenden, er jd die Folge von Streithändeln zwischen Soldaten und Studenten. Bald darauf kam Feldwebel Weher mit etwa 8Munn und stellte den Hoch mit Ungestüm zur Rede, warum et nicht nach Haus gehe. Hoch antwortete:Kennt er mich dum nicht? Ich stehe ja vor meiner Hausthür". Da gab ihn Weyer einen sehr heftigen Schlag mit dem Stock über bin Arm- Hoch zog sich zurück in der Besorgniß, noch weiter mißhandelt zu werden.

Capitän v. Nagel begegnete mit seiner Patrouille von 5060 Mann in den Neuen Bäuen dem stuck. Gottlieb n. Nordeck zur Rabenau, der, von einem Besuch kommend, sich vllein an den Häusern hindrückte, um nach Haus zu gehn, v. Nagel machte ihm heftige Vorwürfe, daß er auf der Straße sei und schlug ihn mehrfach mit dem Stock. Durch Dcgllaufen entzog sich v. Rabenau weiterer Mißhandlung, lief er Fall wurde dem Landgrafen in einem besonderen Vrricht mitgetheilt.

Aber auch am folgenden Morgen hatten sich die Gemüther nach nicht beruhigt und kam es wieder zu unangenehmen

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Ausschreitungen. Ein besonders heftiger Streit entwickelte sich vor des Bäcker Kochen Haus am Eck der Kaplanei- gasse der Apotheke gegenüber. Der stuck. Schuler, der schon am Abend, ohne Veranlassung dazu gegeben zu haben, Schläge empfangen hatte, blieb aus Furcht, noch zur Wache abgeführt zu werden, die Nacht bei einem Bekannten. Am anderen Morgen lieh er sich einen Stockdegen, um nicht ganz wehrlos zu sein. Als er an des Bäcker Koch Haus kam, waren schon Studenten und Soldaten an einander, stuck. Frosch, der sich ein Frühstück gekauft hatte, und es nun auf der Gasse verzehrte, wurde vom Soldaten Becker und dann noch von mehreren anderen angefallen und mit einem Unteroffizierstock viermal über Kopf und Arm geschlagen- Fr osch flüchtete sich in das Haus, wurde aber auch noch im Hausähren geschlagen. Da kam Schuler dazu- andere Studenten riefen ihn näher herbei, aber nun trat ihm Haupt­mann v. Nagel's Bursch entgegen und schlug ihn mit dem Stock. Schuler ging etwas zurück und zog den Stoßdegen, bekam aber von einem anderen Soldaten derart mit dem Gewehr auf die Hand geschlagen, daß der Degen fiel. Nun wurden die Studenten ordentlich abgeprügelt, sie flohen in Koch's Haus und retteten sich durch eine Hinterthür. Haupt­mann v. Stosch machte dem Stteit ein Ende und sagte dem sich entschuldigenden Frosch, es müsse nicht selten der Un­schuldige mit dem Schuldigen leiden. Die streitenden Sol­daten wurden dann fortgeschickt. Bei den immer noch erhitzten Gemüthern waren derartige Scenen vorauszusehen, doch waren dabei die Offiziere als Streitende nicht mehr betheiligt, son­dern nur als Friedensstifter.

Wie lang die Studenten in Krofdorf und Gleiberg aus­hielten, ist aus den Acten nicht genau zu erkennen. Es wird bei den mangelhaften Quartieren und der noch schlechteren Verpflegung mit Speise und Trank nicht allzulang gewesen fein. Die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Gießens trieb sie wieder nach der alten Hochschule. Davon verbreitete sich vorher die Kunde in der Stadt und planten nun die Bürger­söhne, die Studenten mit Musik festlich zu empfangen. Doch wurde dies mit Recht nicht gestattet und geltend gemacht, daß es nicht ohne Tumult und Auflauf abgehen werde, auch

leicht neue Auftritte dadurch veranlaßt würden, denn das Militär müsse aufs höchste aufgebracht werden, wenn die Bürger auf solche Weise erklärten, daß sie mit den Studenten causam communem machten. Es wurde deshalb der Einzug mit Musik abgeschlagen und weiter beschlossen, die Studenten sollten von drei Professoren empfangen werden, ganz still, ruhig und ordentlich einziehen, sich zum Universitätsgebäude begeben und da vom Senat mit einerschicklichen Ermahnung" entlassen werden.

Die milde Behandlung der Gießener Studenten bei ihrem Auszug nach Gleiberg 1792 war, wie schon erwähnt, durch den gleicbzeittgen Auszug der Jenenser Studenten nach Erfurt veranlaßt worden. Man fürchtete, es könnten die Gießener Studenten nach Marburg ziehen und dadurch die heimische Hochschule aufs schwerste gefährdet werden.

Da der Jenaische Studentenauszug von 1792 in den weitesten Kreisen großes Aufsehen erregte, so sei auch dieses hier kurz gedacht.*)

Unter dem Vorsitz des höchst unbeliebten Prorektors Ulrich waren 1792 achtzehn Studenten relegirt worden. Dadurch entstand eine dumpfe Gährung, die bei dem kleinsten Anlaß Schlimmes fürchten ließ. Da sich das öffentliche Studentenleben in Jena vorwiegend auf dem Markt ab­spielte, so versammelten sich auch am 10. Juni 1792 die ftubirenben Ungarn nnb Siebenbürgen baselbst zur Krönungs­feier ihres neuen Königs Franz I. von Oesterreich. Ein Vivat würbe auf benfelben ausgebracht, bannEin freies Leben führen wir" gesungen, bem bann einPereat" folgte, bas zugleich bas Zeichen zu einem Sturm auf bas Haus bes verhaßten Prorektors Ulrich, bei bem nicht bie Fenster allein zertrümmert, sonbern auch bie Möbel unb ber Garten zerstört würben. Ein anberer Mißliebiger wäre beinahe getötet worben. Daraufhin kam von Weimar eine Unter­suchungscommission- dieser aber wurde in aller Feierlichkeit eine von etwa 800 Burschen unterzeichnete Schrift eingereicht, in welcher sie die Ausschreitungen mißbilligten, aber Beschwerde

*) S. R. Keil unb Ph. Keil, Gesch. des Jenaischen Studenten- lebens 15481858. Leipzig 1858. S. 263283.