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Der Ließe«» Anzeiger erscheint täglich, öit Ausnahme deS Montag-.
Die Gießener W««trten v kälter »erden dem Anzeiger »rchentlich dreimal brigelegt.
Zweites Blatt. Sonntag den 5. April
1896
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger.
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Ostern.
Auferstehung, neues Leben! — so predigt zur Ofterzeit -ie erwachende Natur, so kündet» daS frohe Ofterwort vom «srrstandenen Herrn. Dem tiefsten Sehnen der Menschen- sttle, die den Gedanken der Ewigkeit in sich trägt, kann nicht» Genüge thun als die Botschaft von einem Leben, darüber der Tod keine Macht hat, daS in unser« irdischen Dasein unter Gotte» Gnade als verborgener, köstlicher Keim ßrnährt, am Tage der Garben zu seeligen Herrlichkeit reifen toird. DaS letzte Wort der Schöpfung ist nicht der Tod, sondern daS Leben- die oberste Herrschaft in der Welt hat nicht daS Fletsch, sondern der Geist. Der steht die Erde mit blinden Augen an, der in ihr nur die Vergänglichkeit und ta» Verderben und nicht auch die ewigen Güter und den bleibenden Segen von oben wahrnimmt.
Wie sich die Natur alljährlich neu verjüngt, so ringt in jede« Menschenherzen sich ein neues Leben des Geistes dem Lichte entgegen, und der beraubt sich alles wahren Glückes nnb alles ewigen Friedens, der in dem weltlichen Verlaufe fein«» äußeren Leben» die» Sehnen seine» inneren Menschen »oterdrückt und ertödtet.
Neue» Leben — die» Trostwort zuerst all Denen, die ta Schmerz über liebe Verstorbene trauern. Wa» auf Erden Vahr und heilig gewesen ist, da» hat die Gewähr ewiger Dauer in sich. Und weil nicht» wahrer und heiliger ist al» die Liebe, die Gott selber ist, darum heißt eß: die Liebe höre» nimmer auf und wer in der Liebe bleibet, der bleibet ta Gott.
Neue» Leben — die» Verheißung-wort all Denen, die in der Trübsal dieser Zeit, in Kummer und Sorge, in Gram uob Anfechtung sich bedrückt fühlen. Au» der Enge der Gegenwart hebt die Hoffnung un» in den freien Raum, in die Nacht unserer Sorgen leuchtet ein Strahl de» ewigen Lichte»- e» soll auch unser Herz licht und weit werden, und -neue- Leben einziehen in unser beschwerte» Gemüth. Draußen »wacht Baum und Busch und der Vöglein Lied erklingt, — der ist daS Gletchniß für das Leben, oaS in der Seele erwacht, denn das Ofterwort sich neu belebt: ich bin die Auferstehung vnd das Leben.
Neues Leben — dies Mahnwort zuletzt unserer deutschen Wsstenheit insgemein. Wie schläfrig und matt zum heil- tarnen, guten Werk, wie eifrig und befliffen auf den selbstischen, Kitschen Vorthetl, wie verschloffen dem ewigen Licht, wie ^saugen im Dienste der Eitelkeit erscheint heute unser Volk. €in neue« Leben, das ist eS, wa» ihm wohl thut. Einen amen Geist in der Hütte wie im Palast, ein neues Wirken zaur gemeinen Besten, ein neues Bekennen der alten ewigen Sahrheit, da» wolle uns Gott zum Osterfeste schenken, damit vir mit Freuden rühmen können: der Herr ist auferstanden, ir lebt bei unS!
Fenilleton.
Die Scheere meiner Großmutter.
Eine Ostergeschtchte von E. Fahrow.
(Nachdruck verboten.)
Ja, daS war ein wunderliches und hochwichtiges Ding, Bit bcheere meiner Großmutter, und sie spielte eine große «olle in unserem Hause. Für mich war sie in meiner Svabenzeit schon so eine Art Skelett im Hause, vor dem man Mn ungeheuren Respekt hat und daS man dabei doch gar ii gern fassen möchte. Jene Scheere aber gehörte für mich |i den „unfaßbaren" Dingen. Sie hing an einem gestickten Vrideuband, welche- einst ktrschroth gewesen war, am Fenster« tritt meiner Großmama, und sie war einfach — heilig r (nicht Bit Großmutter, sondern die Scheere). Die Griffe bestanden am Perlmutter, die Klingen au- feinstem Stahl mit Gold- Magen.
Diese Scheere war ein alte» Erbstück von vor hundert gelten. Wenn Großmama, bei der ich erzogen wurde — ttlne Eltern waren längst tobt — dort auf ihrem Tritt- Kilt saß, daß filberweiße Haar wellig um die strenge Stirn gtorlnet, die brillenlosen Augen auf eine nützliche Hand arbeit gerichtet, bei welcher sie die kostbare Scheere benützte, Lum stand ich still vor meinem Spieltisch und wagte nicht, lut zu sein- und ich hätte doch so gern gelärmt und ge- tibt, und vor allem hätte ich so sehr, sehr gern die schöne ent ere gehabt, um mit ihr zu schnipseln. Aber die bekam timie.
Vern-ischtes
* Breslau, 30. März. Vor der Strafkammer wurde gegen die hiesigen Graveure Fritz und Paul Sedlatzek wegen Wuchers und Betrugs verhandelt. Im vorigen Jahre erstattete der Leiter einer hiesigen VorbereitungSanstalt bei der Staatsanwaltschaft Anzeige, daß Fritz Sedlatzek, der hier am Ring ein offene» Geschäft betreibt, in der unverschämtesten Weise Gymnasiasten, Studenten, junge Kaufleute, Schüler der Fähnrichspreffen und Offiziersaspiranten durch wucherische Ausbeutung in die schlimmsten Lagen bringe. Die Untersuchung lieferte so schwere Verdachtsgründe, daß die Verhaftung des Fritz Sedlatzek angeordnet wurde. Sedlatzek flüchtete noch zeitig nach der Schweiz, wo er fich in einer Billa am Züricher See von der Last seiner hiesigen „Geschäfte" ungestört erholen wollte. Als die hiesigen Behörden von seinem Aufenthaltsort Kenntniß hatten, begannen die Unterhandlungen mit der Schweiz bezüglich der Auslieferung des Sedlatzek. Im deutsch-schweizerischen Auslieferungs- Verträge ist daS Vergehen des Wucher» nicht vorgesehen, sodaß die Auslieferung auch nur auf den Thatbestand des Betrugs hin erfolgen konnte. Die Verhandlung vor der Strafkammer entrollte folgendes Bild von der Geschäftsart des Angeklagten. Sedlatzek hatte ein besonderes Zimmer für den „Verkauf von Studenten- und Offiziers-Bedarfsartikeln" eingerichtet, da» die verschiedensten Sachen, tote Paukzeug, Humpen, Bierzipfel, Renommirknüppel, Gold- und Stlberschmuck, Uhren u. s. to. enthielt. Hier gaben fich die jugendlichen Kunden häufig Stelldichein. Einige hübsche Verkäuferinnen sorgten für die Unterhaltung, während Fritz Sedlatzek Erfrischungen wie Cognac, Bi«c, Wein herumreichen ließ. Die kaum dem Knabenalter entwachsenen Jünglinge wurden mit „Herr Docior" oder „Herr Lieutenant" angeredet und schließlich dazu aufgefordert, unter den vorhandenen Sachen etwa» recht hübsches für Mitschüler ober für Damen auS-uwähleu. Ohne große Schwierigkeiten wickelte fich baS Geschäft zwischen Käufer und Verkäufer ab. Nach bem Abschluß wurde den Herrchen zur Unterschrift ein Schein mit folgenbem Wortlaut vorgelegt: „Ich Unterzeichneter, MÜnbiger unb nicht unter väterlicher Gewalt Stehenber habe folgenbe Sachen bei Fr. S. bestellt . ... unb in Empfang genommen. Ich verzichte im Fall bet Klage auf jebe Einrebe, namentlich auf die bet Verjährung unb unter» werfe mich bem Urtheil beö hiesigen Gerichts." Die jungen Leute unterzeichneten ohne jebe Ueberlegung. Nach kurzer Zeit erhielten sie dann von Seblatzek Briefe, in denen sie zur sofortigen Bezahlung aufgefordert wurden, unter bem Bedeuten, daß sie falsche Angaben über ihre Mündigkeit gemacht hätten. Da S. mit Anzeige drohte, sahen fich die jungen Leute, die natürlich keinen Heller besaßen, genöthigt, auf ihre Schuld bei S. Wechsel zu accepttren, die nebst den Schuldscheinen in den Händen des S. verblieben. Die Preise für die veräußerten Gegenstände waten nach den Aussagen bet 42 gelaberten Zeugen, unter denen fich zwei
Eine» Tage», al» ich schon Quartaner roor, erzählte mit „Ohma" bie Geschichte jene» zierlichen Instrument». Zuerst war e» ein Geschenk be» Urgroßvater» an bie bräut- Uche Urgroßmutter gewesen unb zwar auch damals schon bas Geschenk eines Erbstücks. Dann wor Unglück übet bie Familie gekommen, sechs blühenbe R nber starben dahin unb allen schnitt bie Urgroßmutter eine Locke mit bieset Scheere ab. Seit die sechs Tobremöckcheu bamit geschnitten waren, würbe sie schon al» etwas Besondere» betrachtet. Meine gute, strenge Ohma blieb al» Einzige leben, unb auch sie verlor mehrere Rinbet, boruntet auch schließlich ba» letzte — meine Mutter.
Nun wat ich ihr einziger Enkel unb auf mich verwanbte sie alle Liebe nnb Weisheit ihrer edlen Natur. Weit entfernt davon, mich zu verwöhnen, hielt sie wich in strenger Zucht und Widerspruch gegen ihren Willen duldete sie nicht.
An jenem Tage — e» wat ein Ostettag — al» sie mit die Geschichte bet Scheere erzählte, holte sie auch ein Schilbpattkästchen herbei, in welchem die sechs blonden Löckchen ihrer Geschwister und die drei anderen ihrer eigenen, vet- ftorbenen Kinder lagen. Eine davon war broncefatben, nicht blond, nicht braun, nicht roth, aber etwas von jedem.
„Dies hier ist die Locke Deiner Mutter," erzählte Ohma, indem sie die schillernden Broncesträhnchen hochhielt. „Sie wat mein Lieblingskind, und Du gleichst ihr im Wesen, aber gar nicht im Aeußeten. Ach, sie war sehr schön und ich habe nicht einmal ein Blld von ihr!"
Großmutter meinte! Da» wat etwa» so Unerhörtes, daß ich zunächst nur ein maßloses Staunen empfand, bann
Prinzen von S. befanben, ungeheuer hoch. Der eine Prinz' hatte für eine Uhr 380, für einen Brillantring 650 Mk. laut Schulbschein gegeben, erhielt aber im Versatz, amt kaum 10 Prozent beS Kaufpreises. Der Werth ber goldenen Uhr wurde von Sachverständigen auf 60 Mk. ge* schätzt. Ein adeliger Schüler hatte bei S. eine Schuld von 3148 Mk. für Gegenstände wie goldene Brosche 500 Mk., Nadel 950 Mk., Parabe-Ulanensäbel 84 Mk. u. s. w. auf- summen laffen. Die Schmucksachen würben versetzt ober verschenkt. Ein Ring, den ein Pharmaceut für 402 Mk. entnahm, wurde von einem Goldarbeiter auf 5 Mk. geschätzt- dieser Pharmaceut hatte bet S. eine Schuld von 9714 Mk. Ein Schüler Zarncke erhielt für eine um 460 Mk. bei S. gekaufte Uhr auf bem Leihamt nur 15 Mk. Ein Stubent hatte für 1740 Mk. Werth gekauft unb später einen Wechsel über 2000 Mk. unterschrieben- er bekam auf bem Leihhaufe für seine Kleinobieu an 60 Mk. Von einem anbern Runben würbe ein Hanbschuhkasten für 100 Mk. erworben, der nach sachverstünbigem Urtheil 8 Mk. werth war. Für einen Stock, den jeber Hausitet für 75 Pf. verkauft, verlangte unb erhielt S. 25 Mk. Bei all bieten Geschäften leistete ihm sein Brnber Pani hilfreiche Hanb. Fr. S. bestreitet, baß er bie Runben betrügen wollte - er habe auf seinen vielfachen Reisen jene Maare selbst zu hohen Preisen angekauft. P. S. will nur bie Aufträge seine» BruberS auSgeführt haben. Von ber Staatsanwaltschaft wurde betont, daß baS Verabreichen geistiger Getränke nur bazu gebient habe, bie jungen Leute in eine animirte Stimmung zu versetzen unb zu unsinnigen Käufen unb Debtcativnen willfährig zu machen. Der Staatsanwalt beantragte gegen Fr. Seblatzek wegen Betrug» bas höchste Strafmaß von fünf Jahren Gefängniß unb Ehrverlust auf gleiche Dauer, gegen P. S. wegen Bei- Hilfe zum Betrug unb verschleierten Wuchers drei Jahre Gefängniß unb fünf Jahre Ehrverlust. Das Urtheil lautete gegen Fritz Seblatzek wegen Betrugs in 11 Fällen auf brei Jahre Gefängniß, 1000 Mk. Gelbbuhe unb fünf Jahre Ehr Verlust; gegen Paul Seblatzek wegen Beihilfe zum Betrug, verbunben mit Betrug zu einem Jahre Gefängniß, 300 Mk. Gelbstrafe unb einem Jahre Ehrverlust.
♦ Rothenburg » Tauber, 1. April. Das historische Festspiel „Der M ei ft er tr unk" wirb, tote im vorige» Jahre, mit barauf folgendem Festzug unb gelblager nur einmal unb zwar am Pfingstmontag, ben 25. Mai, zur Aufführung kommen. ES bürste gerathen sein, rechtzeitig bei bem Hauptausschuß fich Karten zu bestellen.
♦ Wien, 1. April. Der hiesige Kaufmann Richard Wagner ließ für seine Pfaiblerwaaren eine Schutzmarke registriren, bie auS bem Bildnisse deS verstorbenen Corn- ponisten Richarb Wagner bestaub. Cosima unb Sieg- frieb Wagner in Bayreuth klagten auf Löschung ber Marke. Der HanbelSminister gab jeboch dem Klagebegehren keine Folge, weil sie im Gesetze keine Begrünbung finde.
aber etwas Dickes in meinem Halse aufsteigen fühlte und in meiner unbeholfenen Verlegenheit unb um eine Beschäftigung zu haben, «ach ber Scheere griff, bie aus bem Nähtisch lag. Großmutter achtete nicht auf mich unb ich war gottlos genug, ihre Rührung zu benützen und mich ganz still mit ber Scheere auS dem Zimmer zu schleichen. Raum war ich im Garten, als ich mich in ber Erwartung, ganz besondere Schneidewunber zu erleben, auf einen Baum schwang unb bort allerhanb ZerstörungSwerk begann. Ich schnitt grüne Blättchen entzwei, bie eben herauSgekommen waren, Rirschdlüthen schnitt ich ab, schließlich versuchte ich meinen ledernen Schnürsenkel zu durchschneiben, aber bamit erreichte ich nichts als — einen kleinen Knacks. O Gott, bie Scheere war zerbrochen! Was nun? WaS ttzun? Ich fürchtete fe sehr den Zorn meiner Großmutter, daß ich zunächst nur andern Garten flüchtete.
Draußen vor bem Thore rief mich meine kleine Spielkameradin Lotti an.
„WaS gibt« denn, Erwin? Ist Dir übel?"'
Ich schüttelte stumm mein jedenfalls tief erblaßte» Hanpt. Dann nahm ich Lotti bei der Hand, wir rannten querfeldein und draußen am Stadtgraben erst erzählte ich ihr von meinem „Pech".
„Pech!" sagte sie verächtlich. „DaS ist Deine eigene Schuld gewesen und Pech hetßts nur, wenn man nicht selber schuld ist. Zeig die Scheere mal her."
Kleinlaut holte ich sie heran»- ber Griff war abgebrochen, aber ba» Metall unverletzt.
„Vater wirb fie Dir wieber ganz machen, sei nur ruhig,"


