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Mittwoch den 5. Februar
1896
Nr» 30
1
Meß euer Anzeiger
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All: Nnnoncen-Bureaux deS In- und Auslände» nehme» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtliche»' Theil.
Bekanntmachung,
betreffend: die Maul- und Klauenseuche.
Die in Ober-Mörlen, Kreis Friedberg, s. Z. ausgebrochene Maul- und Klauenseuche ist erloschen. Die Sperrmaßregeln sind aufgehoben.
Gießen, den 3. Februar 1896.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
_______________ d. Gagern.__
Bekanntmachung,
betreffend: die Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des Großherzogthums.
Der Stadtvorstand zu Alsfeld beabsichtigt mit dem am 27. Juli l. I. daselbst stattfindenden Zuchtviehmarkt eine Berloosung von Vieh und landwirthschaftlichen Geräthen zu verbinden. Großh Ministerium des Innern und der Justiz lat die nachgrsuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Ver- hoosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 4000 Loose, zu 1 Mk. das Stück, ausgegeben werden dürfen und mindestens 60 pCt. des Bruttoerlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.
Zugleich wurde der Vertrieb der Loose in der Provinz Oberhessen gestattet.
Gießen, am 3. Februar 1896.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
________________v. Gaqern.__________________
Bekanntmachung,
betreffend die Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des Großherzogthums.
Der OrtSvorstand zu Schotten beabsichtigt mit dem am 1. Juni L I. zu Schotten stattfindenden Zuchtvieh- und Bulleumarkt eine Berloosung von Vieh, landwirthschaftlichen Maschinen und Gerätheu, sowie Haushaltungsgegenständen zu verbinden.
DaS Großh. Ministerium des Innern und der Justiz
Feuilleton.
Den Krieg hinter der Front 1870/71
hatte bei der Katser-GeburtStagSfeier in der Aula der technischen Hochschule zu Berlin der Rector Prof. vr. Müller zum Gegenstand der Festrede gemacht. Wir entnehmen der im „ReichSanzetger" veröffentlichten Rede Folgendes:
„Auch mir sei eß vergönnt, zu Ihnen in dieser Stunde von jenem denkwürdigen Kriege zu reden, — doch nicht von der tobenden Felbschlacht und dem Angriff auf die wehrhafte Festung, — nein, Bilder vom Kriege hinter der Front, vom Kriege am Schienenwege will ich Ihnen entrollen- erzählen will ich von der Thärigkeit jener Eisenbahn-Ingenieure und Pioniere, denen die schwierige Aufgabe zugetheilt war, die vom Feinde zerstörten rückwärtigen Verbindungen der weit vorgeschobenen deutschen Heere wiederherzustellen.
Zwar sind eß nur Streiflichter, welche der knappe Rahmen dieses Vortrages bieten kann- sie werden aber, so hoffe ich, genugsam beweisen, daß auch an der Etappenstraße sür Deutschlands Größe gewirkt und gekämpft wurde.
Die hervorragende Stellung, welche die Eisenbahnen im Kulturleben unserer Zett sich errungen haben, nehmen sie auch in der heutigen Kriegführung ein und insbesondere stützten sich im deutsch'französischen Kriege die rückwärtigen Verbindungen unserer Heere bei dem Fehlen einer im Bau von Feldbahnen durch lange Friedensarbeit geschulten und gut ausgerüsteten Eisenbahntruppe vorzugsweise auf die bestehenden Eisenbahnlinien. Ihr gesicherter Betrieb war von der höchsten Wichtigkeit für die Verpflegung des Heeres, sür die Nachsendung von Munition, Waffen und Bekleidung, für den schnellen Vorschub geschloffener Truppentheile, für die Zurückbeförderung von Verwundeten, Kranken und Gefangenen.
Die einfache Pflicht der Selbsterhaltung gebot daher den Kriegführenden, dem Feinde die Benutzung des Schienenweges zu erschweren. Und mit großem Erfolg geschah dies Seitens unseres zurückweichenden Gegners.
Auf wetten Bahnstrecken war Biücke auf Brücke zerstört, stolze Viaducte lagen in Trümmern, Tunnels und Einschnttte waren gesprengt und die nachgestürzten Bergmaffen verlegten dem Sieger den Weg. Noch während der späteren Betriebs-
hat die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Ber- loosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 4000 Loose zu 1 Mk. daß Stück außgegebeu werden dürfen und mindestenß 60pCt. deß Brnttoerlöseß aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind und zugleich den Vertrieb der Loose in der Provinz Oberheffen gestattet.
Gießen, den 3. Februar 1896.
GroßherzoglicheS Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Deutscher Reich.
Darmstadt, 3. Februar. Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin nebst der Prinzessin Elisabeth reisten gestern Mittag 12 Uhr 12 Mtn. von hier, zunächst nach Frankfurt a. M., ab. Während Seine Königliche Hoheit der Großherzog von dort in Begleitung Sr. Exzellenz des Generals der Infanterie z. D. Obersthofmarschalls v. Westerweller via Köln, Calais nach London weitersuhren, reisten Ihre Königliche Hoheit die Großherzogin mit der Prinzessin-Tochter für einige Tage nach Gotha, begleitet von Fräulein v. Hanekcn, sowie dem Kammerherrn v. Frankenberg.
Steuerte Nachrichten.
Depefch« deß Bureau „j^eeß)*.
Berlin, 3. Februar. Im hiesigen Börsengebäude fand gestern Mittag eine von etwa 2000 Personen besuchte Protestversammlung gegen daß neue Börsengesetz statt, zu welcher Deputirte aus verschiedenen Städten, darunter Hamburg, Breslau, Leipzig, München, Frankfurt a. M. und Stuttgart erschienen waren. Geheimer Commerzienrath Herz begrüßte im Namen des Berliner Aeltesten-Collegiums die auswärtigen Delegirten. Vom Börsengesetze erwarte er, daß dasselbe den ganzen HavdelSstand beleidigen müßte. Mißstände, die sich Überall fänden, gebe es an der Börse nicht mehr wie bei jedem anderen Handelsstande. Der Di- rector der Bank sür Handel und Industrie, Stadtrath a. D. Kempf-Berlin, bespricht einzelne Theile des Gesetz Entwurfes eingehend, hauptsächlich daß Termin-Register. Durch das ganze Gesetz wehe ein Mißtrauen gegen den Handels-
sührung wurden sorgfältig versteckte geladene Erdminen entdeckt.
Auf der freien Strecke, namentlich an weit von Ortschaften entfernten Stellen und in Wäldern waren die Schienen auf Längen von mehreren Kilometern beseitigt. In den Bahnhöfen fand sich häufig keine Weiche mehr vor. Die Wafferstationen waren zerstört oder durch Entfernen der Schieber und Ventile und durch Verstopfung schwer zugänglicher Rohrleitungen unbrauchbar gemacht.
Sodann gehörte die Vernichtung und gründliche Beschädigung der Eisenbahnwagen und namentlich der Loco- motiven zu den empfindlichsten Störungen, welche dem vordringenden Sieger bei der Inbetriebsetzung einer in seine Gewalt gegebenen Eisenbahnstrecke bereitet worden sind; denn häufig war es ihm nicht möglich, die fehlenden Betriebsmittel aus eigenen Beständen zu beschaffen, weil eine Festung den Zugang zu jener Strecke sperrte oder die Wiederherstellung einer größeren Brücke in einer Zufahrtßlinie Wochen in Anspruch nahm.
Zu den technischen Schwierigkeiten aber, erhöht durch einen ausnahmsweise starken Winter, traten die großen Gefahren, die den Bahnlinien durch die zahlreichen mobilen Colonnen und Freischaaren der Franzosen erwuchsen.
Selbst Truppenzüge waren vor den Angriffen der Freischaaren nicht sicher. So wurde am 23. December ein Eisen- bahnzug mit dem 2. Bataillon deS 72. Jnfanterie-RegimentS, welches von Chaumont nach NuitS souS RaviöreS befördert werden sollte, zum Entgleisen gebracht — glücklicherweise ohne die Böschung htnabzustürzen — und auS 160 Meter Entfernung von einem Kugelregen empfangen. Das auß Marine-Kanonieren, Mobilgarden und Franktireurs bestehende StreifcorpS hatte sogar die Absicht gehabt, den Zug in die Luft zu sprengen,- fast alle Leute trugen comprimirte Schießbaumwolle im Tornister, ein Feuerwerker führte 30 Gramm Knallqueckfilber bei sich. Nur dem Umstand, daß während einer Rast, die daS Streiscorps in einer Ferme hielt, daß Knallqueckfilber infolge einer Unvorsichtigkeit explodirte, war es zu danken, daß sich die Franzosen mit der Entgleisung begnügten. Sie nahmen die Schienen auf und legten sie kunstgerecht wieder so hin, daß der Locomottvführer die gestörte Stelle nicht sehen konnte.
Das preußische Bataillon ging sofort in langer Schützen
stand, wogegen sich dieser aufbäumen muffe. Nirgends werde Treue und Glaube höher gehalten als an der Börse. Kühnemann-Stetttn legte die Verschiedenheiten zwischen der Berliner Börse und den Börsen in den Hafenstädten dar. Die Agrarier versprächen sich irrthümlicher Weise von dem Börsengesetz eine Steigerung der Getreidepreise. Indem man die Börse opfere, schädige man die Landwirthschaft. Hein- richsen-Hamburg nannte dasBörsengesctz eine Zwangsjacke, die man sich nicht anlegen lassen dürfe. Pfister-München hielt die Vorlage für ein beschämendes Zeichen des Geistes, welcher jetzt durch unsere Nation wehe. Dirrctor Thorwart- Frankfurt sprach für die Frankfurter Handelskammer. Nach einem Schlußwort des Herrn Herz nahm die Versammlung, welche sämmtliche Reden mit großem Beifall begleitete, eine Resolution einstimmig an, in welcher Verwahrung eingelegt wird gegen die Angriffe auf -den deutschen Kaufmannsstand, welche demselben im Reichstage bei der ersten Lesung der Börsen Vorlage zugefügt worden find. Gegenüber den Bestrebungen, den Handelsstand herabzusetzen in seinem Ansehen und ihm Fesseln anzulegen, wisse sich derselbe eins und lege Verwahrung ein gegen dieses Gesetz, welches die schwersten moralischen und materiellen Schädigungen für den gesammien Handel befürchten lasse.
Berlin, 3. Februar. Prinz Albrecht von Preußen, Regent von Braunschweig, wird im Auftrage des Kaisers der Beisetzung des Prinzen Heinrich von Battenberg beiwohnen.
Berlin, 3. Februar. Die „Kreuzztg." widmet dem aus der conservativen Partei ausgeschiedenen Hosprediger a. D. St öcker in einem Leitartikel freundliche Worte und räumt dar Verdienst desselben um die conservative Partei ein. Sie bemerkt, daß der Austritt Stöckers au8 rein äußerlichen Gründen erfolgt sei. Die „Kreuzztg." meint, daß die Trennung nicht den Krieg nach sich zu ziehen brauche, vielmehr das beste Einvernehmen sehr wohl möglich sei. Wenn es denn sein müsse, bann marschire man getrennt, aber schlage vereint nach wie vor. Nachträgliche Auseinandersetzungen und Vorwürfe wolle man vermeiden, denn man würde damit nur die Geschäfte der Gegner besorgen.
Berlin, 3. Februar. Der ehemalige Reichstagsabgeordnete Krug von Nidda erklärt im „Volk", daß die Procedur deS Elfer Ausschusses den Conservativen gegen den Hofprediger
linie zum Angriff vor, doch gelang eS den Franzosen — wie fast immer —, im dichten Walde zu entkommen, unter Zurücklassung von 7 Todten und zwölf Gefangenen. Die benachbarte Gemeinde OrgeS wurde in eine Geldstrafe genommen, sie mußte den Wald in einem Abstand von 300 Metern von der Bahn niederlegen und hatte fortan vier angesehene Männer zu stellen, welche die auf der Strecke Chateau-Vilain verkehrenden Züge auf deren Locomotiven als Bürgen begleiten mußten.
Dies eine Beispiel möge genügen, die Unsicherheit am Schienenwege zu kennzeichnen.
Mit ber Riesenarbeit nun, ein weit verzweigtes Eisenbahnnetz inmitten einer durch ihre Regierung zu Thätlichkeiten aufgestachelten Bevölkerung betriebsfähig zu machen, wurden sechs Feldeisenbahn Abiheilungen (fünf preußische und eine bayerische) betraut, über deren geringe Stärke die folgenden Ziffern deS KriegSverpflegungS-EtatS Auskunft geben mögen.
An der Spitze jeder Abtheilung stand ein höherer Eisenbahntechniker, unter ihm 4 höhere und 15 niedere Eisenbahn- Bau- und Betriebsbeamte. Zu jeder Abtheilung gehörte eine Eisenbahn-Compagnie, bestehend auS 4 Offizieren (baruuitr nur ein Jngenieur-Offizier), 75 Pionieren, 100 zur Herstellung des Oberbaues bestimmten Hilfsmannschaften, zu den berufsmäßige Eisenbahnarbeiter gewählt wurden, und lOTrain- solbaten. Die bayerische Abtheilung war etwas stärker und hatte burchweg Ingenieur-Offiziere bei ber Truppe. Die Compagnien waren in ihrem technischen Dienste den Abtheilungs- ChefS unterstellt.
Die Stärke der Eisenbahn-Compagnien erwies sich sehr bald als so wenig ausreichend, daß noch mehrere Festungs- Pionier Compagnien, zuletzt 9, und 2 selbstständige Pionier- Detachemenls zu Wiederherstellungsarbeiten und zum Bau von Feldbahnen herangezogeu werden mußten. Sie wurden in technischer Beziehung ebenfalls den Chefs der Feldeifen- bahn-Abtheilungen unterstellt. Diese Compagnien konnten den Besatzungen der deutschen Festungen entnommen werden, da keine derselben zur Belagerung gelangte. Bei größeren Arbeiten wurden französische Werkleute mit herangrzogen. Ihre Löhnung erhielten fie meistens von den zu Kontributionen verpflichteten Gemeinden.
(Fortsetzung folgt.)


