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1S96

Nr 3

Gießener Anzeig er

Aenerat-Ftnzeiger

Samstag den 4. Zanuar

Redaction, Expedtti« und Druckerei:

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Die Gießener

Aa«itte«Vtä11er werd« dem Anzeiger wöchentlich dreimal brigelegt.

Der

Girhever Anzeiger erscheint täglich, Orit Ausnahme de4 Montags.

Zlints- und ZInzeigeblatt für den Ureis Gieren.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de, folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.

Hratisöeilage: chießener Kamitienbkätter.

Alle Annoncen-Bureaux des In« und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen. Bauern; '111,1

Amtlicher Lheil.

Bekanntmachung,

betreffend die Maul- und Klauenseuche.

Die Maul- und Klauenseuche in der Gemarkung Gießen ist erloschen und sind die angeordneten Sperrmaßregeln auf­gehoben.

Gießen, den 2. Januar 1896.

Großherzogltches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung,

betreffend die Mathildenstiftung für Oberheffen.

Nach dem Voranschlag der Mathildenstiftung für Ober­heffen sind für das Jahr 1896 etwa 1150 Mk. vorhanden, welche zu wohltbätigen Zwecken verwendet und womit in erster Linie die in der Provinz bestehenden Kleinkinderschulen bedacht werden sollen.

Es werden hiernach die Vorstände solcher Schulen, für welche eine Subvention gewünscht wird, aufgefordert, ihre desfallsigen Gesuche, mit welchen eine möglichst ausführliche Miltheilung über Ausdehnung, Mittel und Bedürfnisse der betreffenden Anstalt zu verbinden ist, bis zum 10. Fe­bruar I. I. an den unterzeichneten Vorstand der Stiftung gelangen zu lassen.

Gießen, den 2. Januar 1896.

Der Vorstand der Mathildenstiftung für Oberheffen. v. Gagern, Gr. Provinzial-Director.

Nerrefte NttctzeLrhten.

Wolffs telegraphisches Corrrfpondenz-Aurcmr.

Berlin, 2. Januar. DerReichsanzeiger" schreibt: Au der am 18. d. M statlfindenden Feier des 25jährig en Gedenktages der Kaiser.Proclamation in Ver­sailles werden aus Allerhöchsten Befehl Abordnungen der­jenigen Regimenter theilnehmen, deren Chef des Hochseligen Kaisers Wilhelm I. Majestät gewesen, sowie deren Chef Seine Majestät der Kaiser und König Allerhöchstselbst sind, und zwar des 1. Garde Regiments zu Fuß, des Grenadier- Regiments König Friedrich Wilhelm IV. (1. PommerscheS) Nr. 2, des Grenadier-Regiments König Wilhelm I. (2. West- preußtscheS) Nr. 7, des Leib - Grenadier - Regiments König Friedrich Wilhelm III. (1. Brandenburgisches) Nr. 8, des 2. Badischen Grenadier-Regiments Kaiser Wilhelm I. Nr. 110, des Infanterie-Regiments Kaiser Wilhelm

(2. Groß herzoglich Heffiscyes) Nr. 116, deS Königs- Infanterie -Regiments Nr. 145, des Regiments der GardeS du CorPS, des Leib - Garde - Husaren - Regiments, des Leib - Kürassier Regiments Großer Kurfürst (Schlesisches) Nr. 1, des 1. Leib-Husaren Regiments Nr. 1, des 2. Leib Husaren- R-gimentS Kaiserin Nr. 2, deS Husaren-Regiments König Wilhelm I. (1. Rheinisches) Nr. 7, deS Königs - Ulanen-Regi- ments (1. Hannoversches) Nr. 13, des 1. Garde Feld-Artillerie - Regiments, des Königlich Bayerischen 6. Jnsanrerie - Regiments Kaffer Wilhelm, König von Preußeu, des Königlich Bayerischen 1. Ulanen Regiments Kaiser Wilhelm II., König von Preußen, des Königlich Sächsischen 2. Grenadier-Regiments Nr. 101 Kaiser Wilhelm, König von Preußen und deS Königlich Württembergischen Infanterie-Regiments Kaiser Wilhelm, König von Preußen (2. Württembergffches) Nr. 120, bestehend auS dem Re­giments Commandeur, 1 Lieutenant, 1 Fahne des Regiments bezw. der Standarte nebst Fahnen- bezw. Standartenträger und außerdem 1 Unteroffizier. Die von auswärts hier eiutreffenoen Fahnen und Standarten sollen am 17. d. MtS. auf dem Potsdamer Bahiihof gesammelt und demnächst von einer Com­pagnie des 2. Garde - Regiments zu Fuß nach dem König« lichen Schlosse abgebracht werden. Nach der Feier im König­lichen Schlosse, am 18. d. Mts., wird bei einigermaßen günstigem Wetter vor Seiner Majestät eine Parade der hiesigen Garde-Truppen (ohne Rekruten), wobei alles zu Fuß erscheint, stattfinden.

Leipzig, 2. Januar. Der Seuatspräsident beim Reichs­gericht Dr. Erdmann Loewe ist gestorben.

Sternen, 2. Januar. Rettungsstation Langeoog telegraphirt: Am 31. December von dem auf der Otzumer Balje gestrandeten englischen Dympfer ,,Sallborn", Capstän Leindsaw, 10 Personen gerettet durch das Rettungs­bootPapenburg" der Station Langeoog.

Lübeck, 2. Januar. Gestern feierte der Bürgermeister Dr. Behn sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum als präfidirender Bürgermeister Lübecks. Se. Majestät der Kaiser richtete aus diesem Anlässe an denselben ein Tele­gramm.

Rom, 2. Januar. Der Justizminister begann die Prüfung der norhwendizen Formalitäten in Sachen von der deutschen Regierung nachgesuchten Auslieferung des Fretherrn v. Hammerstein.

Depesche« bei BuceL» .HrrvLb".

Berlin, 2. Januar. Bei dem geftrigeu Neujahrs­empfang Hot der Kaiser, soviel bis jetzt bekannt ist,

Aeußerungen von allgemeiner politischer Tragw ire i irtjr qe- than. In der Ansprache an die commandirenden Generale verharrte der Kaiser, w'e dieRat Ztg." hört, längere Zeit bei der Frage der vierten Bataillone, deren Umgestaltung ihm besonders am Herzen liegt. Dann kam er auf die Kaiser. Manöver zu iprechen und theilte mit, daß auch in diesem Jahre wieder Manöver in großem Stile abgehalttn werden sollen. Der Kaiser berührte sodann noch verschiedene militärische Angelegenheiten von geringer Bedeutung.

Berlin, 2. Januar. Nach dem gestern ausgegebenen Bulletin über das Befinden des Prinzen Alexander von Preußen hat eine langsame Rückbildung der Lungen- Entzündung begonnen. Der Kräftezustand ist ein günstiger.

Berlin, 2. Januar. DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: Sicherem Vernehmen nach ergebe sich auS den beim Aus­wärtigen Amt eingegangenen ausführlichen Berichten der deutschen Gesandtschaft in Athen, daß eine Bezeichnung deS Frhrn. v. Hammer st ein als Anarchist von keiner Seite ftattgesunden hat. Die Beamten des deutschen Consulats hotten bereit- auf Grund von Photographien die Identität des angeblichen Dr. Herbart mit dem Beschuldigten für höchst wahrscheinlich erachtet. Nachdem Polizetcowmiffar Wolff am 25. December in Athen eingetroffen und die Identität festgestellt hatte, beantragte der Gesandte, Frhr. v. Pleffen, im Auftrage des Auswärtigen Amtes die Der- Haftung und Auslieferung des Frhrn. v. Hammerstein auf Grund der im Haftbefehl bezeichneten Strafthaten, die griechische Regierung lehnte beide Verlangen mit dem Hin­weise auf die bestehende Gesetzgebung ab, verfügte jedoch die polizeiliche Ausweisung Hammersteins mit Rückficht auf die Schwere der ihm zur Last gelegten Verbrechen, Vollzug dieser Ausweisung wurde Hammerstein am27.Decbr. Nachmittags auf den nach Brindisi abgehenden Postdampfer Peloro" gebracht, auf dem sich auch Polizei-Commissar Wolff zur Ueberwachung des Angeschuldigten einschiffte. Von anderer Sette wird gemeldet, die Familie v. Hammerstein- befinde sich augenblicklich in größter Noth in Athen, wohin sie vor einiger Zeit von Slcilien übergefiedelt war.

Berlin, 2. Januar. Bei Gelegenheit der Berathung der zum Neujahrs-Empfang in Berlin versammelten com- mandtrenden Generale ging, wie diePoft" hört, die Meinung über die eventuelle Veränderung innerhalb der Organi­sation der Halb-Bataillone noch vor Ablauf deS Qutnquenars soweit auseinander, daß man darauf verzichtete, schon jetzt endgültige Beschlüsse zu fassen.

Berlin, 2. Januar. Die Nachricht verschiedener Blatter von dem bevorstehenden Rücktritt des Gouverneurs von Ostafrtka ist nach derNordd. Allgem. Ztg." ebenso

FtteiHeton.

In Paris.

Erzählung aus dem Kriegsjahre 1870/71 von C. v. Falkenberg.

(3. Fortsetzung.)

Ah so! Da könnte ich mich verbergen!" flüsterte Ernest Robin.

Seien Sie also unbesorgt!" bemerkte Morin und der junge Herr entfernte sich mit einem Händedrucke von ihm.

Cöcile war außer sich, als sie von der Gefahr für Ernest hörte.

Du darfst gar nicht in das Comptoir zurück," sagte sie,ich will Dein Fehlen bei Papa in Ordnung bringen! In Deine Wohnung gehst Du auch nicht. Morin kann Deine Sachen von Wichtigkeit holen! Wir bringen Dich zu Papas Onkel, Francois Lacroix, in Versailles. Niemand sucht Dich dort! Richt wahr, Mama?"

CvctleS Mutter nickte zustimmend und sagte:

Francois stellt und gewiß kein Hinderniß entgegen!" Und sehe ich Dich dort öfter, Cöcile?" frug Ernest. Jede Woche einige Male!"

O, Du Engel!" rief Ernest entzückt.

Um dieselbe Zeit fuhr aber schon ein Wagen in der Rue Rivoli bei Eclair & Praille vor und demselben entstieg der Polizeiagent Herr Record.

Ich suche Herrn Ernest Robin!" erklärte er bei seinem Eintritt.

WcShalb?"

Herr Robin ist deutscher Bürger und wird per Schub etn die Grenze gebracht!"

Herr Eclair entgegnete:

Bedaure, Herr Robin ist nicht anwesend!"

Wo befindet sich der Herr?"

Entweder in seiner Wohnung oder in der meinigen!

ü___

Rougimont gab innerlich frohlockend dem Polizisten beide Adressen aiAtnb Record empfahl sich.

AlS Records Wagen eine halbe Stunde später in der Rue Dupretl vor Eclair- Thür hielt, stürzte Morin hinauf in die Wohnung und rief:

Er ist da, Monsieur Robin, der Polizei-Wagen- rasch in mein Zimmer! Vor der Hausthür steht sogar National­garde unter Lieutenant Longirard, dem Freunde des Herrn Rougimont!"

Ah," erwiderte Ernest,nun geht mir ein Licht aus: das Alles danke ich unserem Buchhalter! Cvcile, Herr Rougimont ist mein Feind, der auf Deine Hand speculirt!"

Der elende Feigling und Verräther!" rief da- junge Mädchen.Wie ich ihn verabscheue!"

Sie küßte Ernest znm Abschiede und Morm zog ihn durch die Zimmer mit sich fort.

Als Monsieur Record eintrat, erklärte Cecile, daß Herr Ernest Robin vor Kurzem abgereist sei.

Wohin?" frug der Agent.

Sie zuckte die Achseln und Record empsahl sich.

Während die Nationalgardisten da- Eclair'sche Haus noch beobachteten, bestieg Ernest Robin, welcher seinen Weg mit Morin durch die Katakomben genommen hatte, schon vor der Matthieu'schen Wohnung eine Droschke und fuhr eiligst mit Morm nach Versailles zu, wo Monsieur Francois Lacro'x eine Sommerwohnung besaß.

Ernest dachte während der Fahrt mit Grauen an die Katakomben zurück, an die engen Gänge voll Todtengebein aus alter Zeit! Stundenlang liefen sie unter der Altstadt von Paris hinweg. Man konnte sich darin verirren.

Monsieur Lacroix hatte durch Morin schon Aufklärung au- Cöctles Munde erhalten- er nahm Ernest daher sehr , freundlich auf und sagte:

Wissen Sie, ich bin Republikaner wie Monsieur Praille.

ES ist ein Unrecht, daß man die ausgewiesenen Deutschen derartig behandelt! Nicht einmal ihr Geld haben die Spar­kassen auSgezahlt!"

Ernest schwieg und dankte Herrn Lacroix nur suc die freundliche Aufnahme.

In den nächsten Wochen sah sich das Brautpaar öfter. Eclair & Praille entließen bald darauf Rougimont und schloffen ihr Geschäft bi- auf bessere Zeiten.

Der ränkevolle Buchhalter Rougimont hatte also durch seine Angebereien gegen Ernest Robin nicht- erreicht, ja er war sogar noch um seine Stelle gekommen. Wüthend ging er und schwur Rache.

*

Wenige Tage später gelangten die HiobSpoften von BazaineS Niederlage vor Metz, von der Schlacht bei Sedan und Napoleons Gefangennahme nach Parts.

Eme napoleonische Regierung war so gut wie nicht mehr vorhanden, die Republikaner zogen demonstrirend durch die Straßen von Pari-, die Kaiserin mußte flüchten, die Republik wurde erklärt und da- napoleonische Kaiserreich war tote weggewischt.

Leider rührten sich aber auch in Pari- alle unlauteren Elemente, die, bisher unterdrückt, später unter der Herrschet der Commune eine so traurige Rolle spielen sollten.

Da die republikanische Regierung die deutschen Friedens« bedingungen nicht annahm und Elsaß nicht abtreten wollte, erschollen bald die Rufe:

Die Preußen marschiren auf Pari-!"

Pari- wird belagert?"

Da- ist unmöglich!" m n e

Wir find gut verproviantirt! An unseren Bollwerken werden sich die Preußen die Köpse einrennen!"

(Fortsetzung folgt.)