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3.3.1896 Zweites Blatt
 
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M. 53

Zweites Blatt

Dienstag den 3. März

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Gießener Anzeiger

Kenerat-Ztnzeiger

Aints- und Anzcigeblutt für den Ureis Gieren.

Hratisöeitage: Hießen« Jamitienblätter

Feuilleton

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für de» fpfgenbcn Tag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Bureaux de- In- und Au-lande- nehme» Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

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Die Gießener

-inrtkienölLtter »erden dem Anzeiger »»chenttich dreimal beigelegt.

unbehaglichen Situation mit einem Male ein Ende, indem er mit dröhnender StimmeAmen!" in den Saal hineiurief. Da» zündete »wie ein Blitz, und unter schallenden Lachsalven verschwand der Redner in der Versenkung.

DaS war unsere Gießener Siegesfeier am 3. März 1871. Ich weiß es wohl, daß später die Feierlichkeiten beim Ein­züge unserer tapferen HundertseckSzehner viel großartiger gewesen find. Aber da war auch die halbe Provinz hier erschienen und feierte mit, und die Feier konnte unmöglich alS eine bloS unsere Stadt berührende bezeichnet werden.

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Wetter Anzeiger erscheint täglich, aut Ausnahme de- MontagS.

]![ Von der Lahn, 29.^Februar. Pfarrer Vogel von Beuern wird in einigen Monaten nach Seeheim in der Berg­straße überfiedeln, und man wird in hiesiger Gegend seinen Weggang in weiten Kreisen sehr bedauern. Seine Gemeinde wie seine Freunde wissen, mit welchem Ernste und mit welcher Hingebung er seine pastoralen-Pflichten erfüllt hat- er hat, ohne Familie, nur seinem Amte gelebt. Es ist tu weiten Kreisen bekannt, wie sehr Pfarrer Vogel auf dem musikalisch-liturgischen Gebiete zu Hause ist, und wie lieblich er die liturgischen Gottesdienste und die kirchlichen Feste In Beuern zu gestalten verstand. Es war ihm selber eine Freude, der Gemeinde ein Segen. So geleite ihn denn Gottes Huld zur neuen Gemeinde! Treue Anhänglichkeit wünscht dem theueren Mann von Herzen Gottes reichsten Segen!

E. Echzell, 1. März. Unser verehrter Herr Pfarrer Hildebrandt, welcher gestern fein 56. Lebensjahr vollendete, feierte seinen vierzehnten Geburtstag,

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Pariser konnten gar nicht begreifen, warum die Soldaten j» aus den Stockzähnen lachten.

>. 1 Die französische Nationalversammlung in Bordeaux hat die Ratification der Friedenspräliminarien mit 546 gegen 107 Stimmen angenommen. Im Verlauf der Sitzung am 1. März hielt Conti, früherer Chef des kaiserlicheu CabinetS, eine Rechtfertigungsrede für daS Kaiserreich. Die Versammlung beschloß durch Acclamation die Absetzung der napoleonischen Dynastie und erklärte den Kaiser als für baß gegenwärtige Unglück Frankreichs verantwortlich.

Versailles, 2. März. Der Kaiserin und Königin in Berlin. Soeben habe ich den Friedensschluß ratificirt, nachdem er schon gestern in Bordeaux von der National­versammlung angenommen worden-ist. Soweit ist also das große Werk vollendet, welches durch fiebenmonatliche siegreiche Kämpfe errungen wurde. Dank der Tapferkeit, Hingebung und Ausdauer des unvergleichlichen Heeres in allen seinen Theilen und der Opferfreudigkeit des Vaterlandes. Der Herr der Heerschaaren hat überall unsere Unternehmungen in seiner Gnade gelingen lassen. Ihm sei Ehre, der Armee und dem Vaterlande mit tiefbewegtem Herzen mein Dank. Wilhelm.

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weg und reitet kaltblütig nach Paris hinein. So wurde Paris durch eine Handvoll Deutscher genommen. Den paar Husaren (vom 13. Regiment) folgten bald Rittmeister v. Colomb, der die Schwadron commandtrte und endlich General Kameke, der Commandirende der OccupationSarmee. Um 11 Uhr waren die Quartiermacher beschäftigt, ihre Leute unterzu« bringen. Eine Stunde nachher saßen vor jedem Hause Husaren zu zweien und dreien, plauderten, schmauchten ihre Pfeifchen und waren bereit, mit jedem Franzosen und jeder Französin sich in ein Gespräch einzulassen. Gruppen von Franzosen sammelten sich um sie undHanS und Fritz" waren der Mittelpunkt aller Gespräche. Auf einzelne Schimpsreden achteten sie nicht, bewegten sich frei und unbekümmert und behandelten die Sache, als ob sie sich von selbst verstände.

Die Freude der deutschen Truppen in Parts war kurz, aber sie war eine interessante gegenseitige Vorstellung. Beide Theile zeigten sich von der besten Seite und eS lief Alles ziemlich glatt ab. Die Pariser waren neugierig genug, sich nicht zu verstecken, sie wunderten sich im Stillen, daß daß die verschrieenen nordischen Barbaren sein sollten. Die Deutschen hatten Ordre, nicht ohne ausdrücklichen Befehl zu schießen. Wenn die Franzosen aus den Häusern schießen würden, so sollten sie Alle in dem Hause gefangen nehmen - wenn aus dem Volkshaufen geschossen würde, so sollten sie die Feuernden ergreifen, aber niemals schießen ohne Commaudo. Es biieb aber Alles ruhig.

Parts ist eine Festung werth", mag Graf Bismarck gedacht haben, als er den französischen Unterhändlern^anheim- stellte, zwischen dem Verzicht auf den Einzug In Paris oder der Erhaltung von Belfort zu wählen. Das Wirbeln der deutschen Trommeln und der eherne Tritt der deutschen Regimenter, welche am 1. März d. I. zum dritten Male in diesem Jahrhundert als Sieger in Paris einzogen, wird noch zu lange Zett tn den empfindlichen Ohren der Pariser nach« klingen, als daß fie, von ihrer Niederlage durch Thatsachen überzeugt, so bald schon wieder an einen fiegretchen Rachekrteg denken könnten. Der deutsche Steg fand durch den Einzug tn Parts seinen sichtbaren und für die französischen Massen verständlichen Ausdruck.

Bet dem Abzüge der Deutschen aus Paris spielten die RegimentScapellen das Lied:Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus und du mein Schatz bleibst hier!" Die

Bit Fnedensftier in Gießen am 3. Mär; 1871.

Von Dr. Chr. Röse.

(Schluß?)

Und schließlich das Banket. Der Leib'sche Saal bet» iBidjte fast nicht die Menschen all zu fassen, die von allen 6 Etilen herbeiströmten, Bürger, Beamten, Professoren, Stu- > lettn. Da sah man den Bürgermeister Vogt mit den Stadt- nAhcll PH. Lüdeking, Schopbach u. f. w. Die Professoren ikAett, Lange, Heß, Naumann, Köllner, Baltzer, Schlag- t mmeit, Thaer,Wurm" Schneider,Blumen"-Hoffmann- iind) den Mathematiker Gordan, der unlängst erst die gold- ljMge Antoinette Teurer gehetrathet hatte- die Prtvatdo- r kailn Pasch und Clemm. Nachdem daS erste Lied gesungen itwr, trat erwartungsvolle Stille ein.Meine Herren, ich e»-heile Herrn Professor Oncken das Wort!" hatte der Uitftfcenbe gesagt. Und Oncken sprach. Knapp vor einem war der 32jährige Gelehrte von Heidelberg nach Gießen eidmmen. Kaum hatte er hier seine Lehrthätigkeit be­ginnen, so war der Krieg ausgebrochen. In rühmenS- »ruber Weise hatte er sofort sein glänzendes Darstelluvgs- n i»! Rednertalent in den Dienst der guten Sache gestellt, linier hat mit seinen öffentlichen Vorträgen im Clubsaal hii« als Einzelperson weitaus das meiste Geld für den KlfSveretn" zusammengebracht. Durch diese Borträge war e» ilsbald in weiteren Kreisen bekannt geworden, und, so viin! ich weiß, hat 1870/71 hier keine Siegesfeier statt- g lieben, bet der nicht eine Rede OnckenS den Glanzpunkt gMdrt hätte. Waö Aller Herzen mächtig bewegte, dem ucchie er, selbst sichtlich von ttefinnerster Begeisterung durch- fc innigen, meisterhaft Ausdruck zu verleihen- die Hörerschaft zjnistch um so williger dem Zauber seiner Rede hin, als dianalS das politische Parteileben hier noch gar mlht entwickelt war und somit auch der Gegen« s Zszwischen nationalliberal und deutschfreisinnig

') Durch ein Versehen in der Druckerei war der Artikel in Nummer falsch abgetheilt und die BemerkungSchluß folgt" «ilai sen worden. Wir bringen deshalb die das Banket betreffende -MMumg hier nochmals zum Abdruck. Red.

noch nicht die später zeitweise leidenschaftliche Verbitterung der Gemüther herbeigeführt hatte.*) So auch an diesem Abend. Der Redner ging aus von den herrlichen Errungenschaften, die der Friede gebracht hatte. Mit bewegter Stimme pries er unter Anlehnung an eine mittelhochdeutsche Dichterstelle die Tugenden unseres Volkes, wie fie zu allen Zeiten fich bewährt und erhalten, wie sie in der verflossenen drangvollen Zeit die Feuerprobe aufs Glänzendste bestanden und den deutschen Namen zu nie geahntem Ruhm und Ehre gebracht hätten. So kam er auf unser Heer. Seiner Organisation und den großen Schöpfern und Begründern derselben galt seine beredte Dar­stellung. Und als er geendet und daS Hoch auf unsere Tapferen verklungen war, da erhob sich die Versammlung wie ein Mann und zollte dem Redner durch langandauerndes Händeklatschen den verdienten Beifall für seine ergreifende Rede.

Andere Ansprachen folgten- eine derselben erzielte einen ungeheuren, wenn auch nicht beabsichtigten Heiterkeitserfolg. Ein ländlicher Seelenhirte aus der näheren Umgebung Gießens war nämlich mit einer offenbar wohlpräparirten Rede er­schienen und kam auch damit richtig zu Worte. Auf einmal blieb der Mann Gottes, der, nebenbei bemerkt, auch Tassos Befreites Jerusalem" verdolmetscht hatte, stecken. Er drehte, er wand sich, der Schweiß trat ihm auf die Stirn eS half alles nichts, er saß einmal fest und blieb un­rettbar stecken. DaS Auditorium wurde, wie man sich denken kann, ungeduldig. Da machte ein Student in höheren Semestern, der jetzige Professor Dr. Stoh in Jena, der

*) Bei dieser Gelegenheit möge an die großen Verdienste erinnert sein, die Herr Professor Oncken im Jahre 1873 sich um unsere Hochschule besonders durch sein mannhaftes und erfolg­reiches Auftreten in der zweiten hessischen Ständekammer erworben hat. Er hat damals die Hochschule für Gießen gerettet, denn man schien in Darmstadt allen Ernstes damit zu drohen, wenn nicht die Forderungen für das Polytechnikum bewilligt würden, die Universität nach Darmstadt zu verlegen. Oncken hat da­mals zunächst den Protest de« Senats gegen die unerhörten Zeitungsangriffe auf die hiesige Universität veranlaßt. Sodann zum Abgeordneten von Gießen an Stelle des Herrn A. Heß gewählt, der zu seinen Gunsten zurücktrat, hat er in der ersten Juliwoche 1871 so nachdrücklich und wirkungsvoll für unsere Hochschule geredet, daß Niemand seitdem mit einem Worte auf jenes Project zurück­gekommen ist.

Der Krieg von 1870|71,

tzischlldert durch Ausschnitte euß ZeitungS - Nummern jener Zeil.

(Nachdruck verboten.)

2. März.

Bon dem denkwürdigen Einzüge der deutschen Truppen la Paris am 1. März müssen die Geschichtsbücher reden, wie viel mehr die Zeitungen. Die einzelnen Truppen Mitschirten auf die große Rennbahn LongchampS vor Paris, Huf welcher 1867 Kaiser Napoleon seinen Gästen, dem König Wilhelm und dem Kaiser Alexander, seine Garden vorführte. Auf demselben Platze ließ Kaiser Wilhelm am 1. März die Truppen an fich vorbeimarschtren. ES waren 10000 Mann »om 6. Corps, 10 000 Mann vorn 11. CorpS und 8000 Mann oo® 2. bayerischen CorpS. Nach 10 Uhr kam Kaiser Wilhelm in Generalsuniform im Vierspänner angefahren und bestieg vie Tribüne, um 11 Uhr setzte er fich zu Pferde und galoppirte, ton 500 Offizieren deö Generalstabes gefolgt, zur Wind- alihlt, wo ihn der Kronprinz empfing. Sämmtliche Mufik- 4ire stimmten dasHeil dir im Stegerkranz" an und der fihiler, seinen Sohn an der Sette, galoppirte die Front erilaig. Tkr Enthusiasmus war ungeheuer und steckte sogar Äi fischblütigen Engländer an. Das Hurrah der Deutschen tief und dem Donner ähnlich, aber nicht ein Bajonnett kitten e tu den «Rethen. Die Augen blitzten auf und füllten Hfl mit ThrLnen, so berichten die Engländer die Lippen bitten en, als sie von demhistorischen Tage" sprachen, aber ti war keine ausgelassene Freude, kein äußerliches Frohlocken. Ttr Kronprinz führte die Truppen und zuletzt seine Dragoner- chvadronen dem Kaiser vor. Um 12 Uhr war die Heerschau iui unb alle Truppen auf dem Wege nach Parts - der Kaiser mb brr Kronprinz nebst Gefolge waren nach Versailles zurück« itkthtt. Die deutsche Avantgarde, etwa 2000 Manu (Inf.- Regiment Nr. 88), war schon Morgens 8 Uhr in Paris fingenückt. Der erste Deutsche, den die Pariser zu Gesicht ktfamtn, war der Husarenlieutenant Bernhardy. Dem hübschen Mge« Mann folgten ein halbes Dutzend Husaren, kräftige, gebräunte Veteranen, sie sahen so ruhig darein, als wären le au f der Parade tn Potsdam. Und doch standen zu beiden eilten dichte Gruppen von Franzosen und sahen aus, als mlltm sie ihnen den Eingang zum Triumphbogen versperren, gmchardy reitet gerade auf sie loS, sprengt fie auseinander, egt mit seinen Husaren über die Trümmer vor dem Thore

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Nachschrift der Redactton. Von dem damals 16jährigen Verfasser des vorstehenden Artikels, dem Unter­primaner Christian Röse, brachten wir in Nr. 29 der Gießener Familienblätter" von 1871 daS folgende Gedicht:

Zum Friedeusschluß.

Der Friede ist geschlossen, geendet ist das Leid!

So jauchzen alle Herzen, so jubelis weit und breit;

Denn Deutschland, sonst zersplittert, ist worden über Nacht Ein Reich voll Kraft und Stärke, voll Einigkeit und Macht.

Die Franken, voll von Neide auf Preußens Ruhmesglanz, Sie zogen aus der Scheide das Schwert zum Waffentanz; Mit übermüth'gen Sinnen und frecher Räude, Hand Gedachten sie zu ziehen gen Hermanns hcil'ges Land.

Da fühlte edles Zürnen ein jedes deutsche Herz

Und auf des Königs Winken starrt Deutschland ganz in Erz, Und alle Stämme zogen in ernstem Kampfesmuth Hinaus zum blut'gen Streite, zu schützen deutsches Gut.

Und in dem Kriegsgetöse, im fernen Feindesland,

Da schlang sich um die Deutschen der Eintracht golden Band; Der Süden mit dem Norden tn enger Brüderschaft, So haben sie gebrochen der Franken letzte Kraft.

Und in dem Kugelregen und Pulverdampf der Schlacht

Da bildete sich wieder die alte deutsche Macht,

Da wurde neu begründet der alte deutsche Thron, Auf Wilhelms greife Locken gesetzt die Kaiserkron'.

Und Deutschlands Name glänzet, so weit der Himmel geht,

Und glänzen wird er ewig, so lang die Erde sieht,

Wenn nur die deutschen Männer es halten treu in Acht, Daß Deutschland nur die Eintracht so stark und mächtig macht!

C. R.

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