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Sonntag den 2. Februar
1S96
Nr. 28 Zweites Blatt.
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Die wirthschaftliche Bedeutung des Kartoffelbaues in Deutschland.
Obwohl Deutschland nicht den fruchtbaren Boden wie Frankreich und Nordamerika besitzt, so hat doch der deutsche Fleiß und die @ genartigfett des deutschen Ackerbodens daS deutsche Reich zum Lande des größten KartoffelbaueS gemacht. Und wenn man bedenkt, daß in Deutschland die besten und meisten Kartoffeln wachsen und dieser Kartoffelbau noch großer Ausdehnung in jeder Hinsicht fähig rst, so muß man auch zu der Folgerung kommen, daß der Kartoffelbau in Deutschland wirthschaftlich noch mehr auSgenutzt werden muß. In diesen Gedanken wird man vor allen Dingen durch die Tatsache bestärkt, daß der doch entwickelte deutsche Kartoffelbau nicht nur die sehr zahlreiche einheimische Bevölkerung reichlich mit Kartoffeln versorgt, sondern auch sehr große Mengen Kartoffeln aus Deutschland nach der Schweiz, Frankreich und England, ja zuweilen bei schlechter dortiger Ernte sogar nach Nordamerika geliefert werden. Ferner muß aber auch erwähnt werden, daß viele Millionen Centner Kartoffeln nicht zur Nahrung für Mensch und Bieh gebraucht, sondern zu Spiritus, Stärke, Stärkezucker und Syrup verarbeitet werden. Am großartigsten ist die deutsche Spiritus Industrie, welche zum größten Theile von Gutsbesitzern zur Berwerthung der eigenen Kartoffeln auf dem Lande selbst betrieben wird, entwickelt. Sie rentirt noch immer leidlich, wenn auch die besten Zeiten vorüber sind. Auch die Herstellung von Skärke aus Kartoffeln ist einfach und lohnend. Aus der Stärke wird wieder die Glucose hrrgestellt und diese findet in Europa und Amerika Abnehmer,- England importirte 1894 allein I 062 074 Gentner Glucose im Werthe von ca. 11 Mill. Mark und bezog außerdem 1 176 118 Gallonen Spiritus aus Kartoffeln. AIS größte Concurrenten von Kartoffel - Spiritus und Stärke treten Reis und Mais auf, und finden sich auch auf deutschem Gebiete einige wenige Reisstärkefabriken, von denen am bekanntesten die Actien-Gesellschaft vormals Hofmann z« Salzuflen ist. Sie vermögen indeffen der Kartoffelstärke keinen wesentlichen Abbruch zu thun, da der Verbrauch zu maffenhaft ist. Frankreich verarbeitet jährlich ca. 80 Millionen Gentner Kartoffeln zu Stärke und Spiritus, wogegen diese Industrie in Amerika und England ganz unbedeutend ist. Ju England nimmt sogar die der Kartoffel gewidmete Anbaufläche ab. 1865 wurden fast 1,6 Millionen Acres damit bebaut, 1895 nur noch 1232055 Acres, die 4 662147 Tonnen lieferten, während Deutschland durchschnittlich 30 Millionen Tonnen erntet.
Reichstag.
27. Sitzung. Donnerstag, den 30. Januar 1896.
Die Berathung des Etats des Reichsamts des Innern wird fortgesetzt beim Capitel: Behörden für Untersuchung von See- uniällen rc.
Abg. Metzger (S^c.) nagt an, rote es mit einer Abänderung der Seemannöordnung > ehe? Auch fei es nothwendtg, das Gesetz über Unter suchung der Seeunsälle zu reüibiren. Die Befugnisse der betr. Behörden bedürften einer Erweiterung, einer Ausdehnung auf Ausrüstung, Beladung und Befähigung des Personals. Sehr zweckmäßig sei die Schaffung einer Reichs Ober-Seebehörde. Seitens der Rheder geschieht keineswegs Alles zur Sicherung von Schiffen und Mannschaften. Wie ungenügend s i nicht vielfach die Bemannung; auf dem „Fürsten Bismarck" der Hamburg-Amerikanischen Packet- fahrtgesellschaft beispielsweise nut 16 Matrosen und 5 Schiffsjungen neben einem Eapitän und 5 Offizieren und bei so und soviel Booten Was solle da gefchehe.,, wenn ein Schiffsunfall paffire. Aehnliche Verhältnisse fänden sich bei der „Augusta Victoria." Beim Norddeutschen Lloyd sei unlängst ein Dampfer in See gegangen, dessen Boot- weder mit Wasser noch Brod versehen waren, obwohl der Reichscommissar dies noch kurz vor der Abfahrt gerügt habe. Und so etwas paffire noch dazu bald nach dem Untergang der „Elbe." Vielfach sehr mangelhaft seien die Wasch- und Reinigungsanstalten, was aussatzartige Krankheiten zur Folge habe, derenthalben die Leute über Bord gingen. Alles das nölhige, den Seeämtern nicht blos das Recht zu Patententziehungen, sondern auch noch andere Strafbefugnisse zu geben.
Staatssekretär v. Bötticher: Auch auf diesem Gebiete werden Verwaltung und Gesetzgebung nicht nachlaffen, bessere Zustände zu schaffen. Eine Novelle zur Seemannsordnung ist ausgearbeitet, sie liegt der technischen Commiistoa für die Seeschifffahrt vor, welche im Februar bereits bte dritte Lesung vornehmen wird. Eine Eorrectur des Seeunfallgesetzes ist bisher von keiner Seite angeregt gewesen. Die Verhängung von sonstigen Strafen — abgesehen von der Patent- entzieh'ing — ist doch wohl richtiger den ordentlichen Gerichten zu überlassen. Für eine Reichs-Seebehörde zur Eontrolle des gesummten Seewesens dürfte kein Bedürfnitz bestehen, Angesichts der vielen bestehenden Behörden: Oberseeamt, Prüsungsinspectoren, Schiffsvermessungsamt rc. Eine Erweiterung der Reichscompetenz halte ich nur auf dem Gebiete des Schiffsbaues für möglich. Eine dahingehende Anregung meinerseits bei der Reichsregierung ist bereits im Vorjahre erfolgt. Einstweilen haben auf meine Anregung Germanischer Lloyd und Seeberufsgenoffenschaften sich dahin verständigt, daß betreffs Verschärfung der Seeunfalloerhütungs-Vorschriften dem Bedürfntß Rechnung getragen wird. Wenn dieser W:g der Privathilfe nicht zum Ziele führt, erst dann wird man zu einer Erweiterung der Kompetenzen des Reiches sich entschließen müssen. Daß sich ein Eapitän der Anordnung des Reichscommissgrs nicht fügt, kann auch bei Bestehen einer Reichsseebehörde Vorkommen. Den Betrieb des Norddeutschen Lloyd und der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt- gesellschaft habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen und beobachtet, wie sauber, prompt und tüchtia der Dienst gehandhabt wird.
Abg. Jebsen (natl.): Die Rhedereien scheuen für Bau und Ausrüstung der Schiffe im Allgemeinen keine Kosten. Eine erweiterte Eontrolle beim Schiffsba. halte ich für überflüssig. Wie wäre eine solche auch bei Schiffen durchzuführen, welche im Auslande hergestellt werden? Die Bemannung läßt, das will ich zugeben, oftmals zu wünschen übrig, aber eine gesetzliche Regelung scheint mir kaum möglich. Selbst England hat bisher ein solches Gesetz nicht schaffen können. Die deutsche Rhederei befindet sich in gutem Zustande und kann jede Kritik mit Ruhe vertragen. (Beifall.)
Abz. Freese (frf. Vg): Lenzmann und ich haben ohne vorherige Anmeldung zwei Schiffe des Lloyd besucht und gefunden, daß sie auf der Höhe der Zeit steh<n, auch bezüglich peinlicher Sauberkeit, sowie betreffs der Instrumente. Gegenüber den Beschwerden über ungenügende Bemann tng conftatire ich, daß auf den Sch ffen des Lloyd ein großer Theil der Mannschaften, denen andere Functionen übertragen sind, sich dennoch aus der seemännischen Bevölkerung rctrutiren, sodaß die wirklich seetüchtige Bemannung größer ist, als
es den Anschein hat. Ein.- R.ichscontroUe über den Schiffsbau ist unnöthig. In der raschen Entwickelung der Schiffsbaun cknik sind ja auch die Rbeder selbst es gewesen, die in ihrem eigenen wohlverstandenen Interesse — Angesichts ihres großen Risikos bei jedem einzelnen Sch ffe — für Durchführung der denkbar besten Sicher- beitSDotfebrungen, Verstärkung und Vermehrung der Schotten :c. Sorge getragen haben.
Abg. v. Stumm (Rp) halt eS doch für eine Anomalie, daß Bau und Einrichtung von Seeschiffen einer geringeren Staatsaufsicht unterliegen, als z. B. eine Kreissäge.
Abg. Bebel (Soc.) beharrt dabei, daß die Sicherheiisvorkeh- rungen beim „Lloyd" zumal vor dem Untergang der „Elbe" unzulänglich gewesen seien. Seinen Gewährsmann vom vorigen Jahre über erst neuerdings erfolgte Vornahme von Bootsübungen beim Lloyd habe er inzwischen dem Staatssekretär genannt und jetzt fei dieser Gewährsmann ausgewiesen, wofür Redner die Verquickung der Interessenten von Bremer Lloyd und Bremer Senat verantwortlich macht Auch anderwärts sei die Besatzung nicht genug see- fähig. Und da weigere sich die Regierung, sofort eine Reichscontr olle einzuführen! Würden die Herren von der Regierung ebenso häufig auf See fahren, wie per Bahn, würden sie anders denken. Redner rügt bann die besondere Rücksichtslosigkeit, mit der die Lloydcapitäne auf See fahren und schildert die Lage der Kohlenzieher und Heizer, die häufiger abgelöst weiden müßten.
StaatSstcretär v. Bötticher: Was Bebel als Ursachen des Unterganges der „Elbe" behauptet, Verschuldung des Schiffsführers und mangelhafte Handhabung der Boote, wird durch das Urtheil des Seouls in Bremerhafen nickt bestätigt. Der Vorwurf ungenügender Bemannung der Lloyddampfer trifft nach einer mir darüber vorliegenden Uedersicht in solcher Allgemeinheit nicht zu. Auf der „Elbe" waren 38 du'chgebildete Seeleute, also 4 für jedes Boot, das hätte heruntergelassen werden können, gar z abgesehen von der übrigen Mannschaft. Die vom Vorredner erwähnte Ausweisung ist mir völlig fremd geblieben, bis sie vollzogen war. Auch der „Lloyd" ftebt zu derselben in gar keinem Zusammenhang. Ursache dec Ausweisung ist der Eintritt schärferer Handhabung der Polizei feit einem dort stattgehabten Personalwechsel. Die Polizei hat die Schürer der Agitation gegen diese schärfere Polizeihandhabung ausgewiesen, soweit sie das konnte, soweit dieselben also Ausländer waren (Lachen links.) Ja, wir sind ja so gestellt, daß wir unseren Bedarf an Socialdemokcatcn im Jnlande decken können. (Heiterkeit.) Internationale Verhandlungen haben ergeben, daß etz seine Bedenken hat, Vorschriften über die Fahrgeschwindigkeit zu erlassen. Man kann doch nicht jedem Schiffe einen Controlwagen mitgeben. Die Selbstmorde der Kohlenzieher haben sich verringert, aber wir werden bestrebt bleiben, den bezüglichen Mißständen abzuhelfen. In Deutschland wäre der Steuermann der „Erathie" zweifellos vor den Strafrichter gekommen. Wir sind jedenfalls Willens, nach Möglichkeit die Sicherheit zur See zu erhöhen. , _
Abg. Len,mann (frs Vp.) bestätigt die Angaben Freeses. Der Gewährsmann der Socialdemokraten über den „Elbe"-Unsall sei kein wirklich seebefahrener Mann, sondern einer, der einmal als Kohlenzieher beim „Lloyd" gefahren und dann wegen Trunksucht entlassen sei. (Lebhafter Widerspruch links.) Die Lloydcspitaine seien in jedem Betracht pflichtbewußte Männer.
Abg. Metzger (Soz.) widerspricht entschieden den Angaben des Vorredners über den Gewährsmann feiner Partei.
Abg. Freefe (frf. Vp.) verwahr: den Bremer Senat dagegen, daß berfelbe sich vom „Lloyd" betr fluffen lasse, ebenso den „Lloyd" dagegen, daß er solche Beeinflussung versuchte. Wie wolle Bebel es mit den angeblichen Mißhandlungen der Kohlenzieher vereinbaren, daß eine ganze Anzahl derselben schon 25 Jahre beim „Lloyd" in Dienst sind.
Abg Bebel hält alle seine Angaben aufrecht. Auch da« Urthei^
Feuilleton.
Ein harmloser Scher?.
Von Hedwig Erlin.
(Schluß.)
„Ich dachte mtrS, daß ich Sie hier finden würde, Fräu- lein Marianne! Sie find ja wohl gewöhnlich Nachmittags um diese Zeit hier. Ich habe Ihnen etwas zu sagen — ich könnte ja aus der Haut fahren vor Aerger."
„Zwar ein etwas merkwürdiger Wunsch, Herr Doctor, aber —"
„Aber nach dieser Geschichte begreiflich. Diese Berliner! Wo fie keines Menschen Ahnung vermuthet, da find fie. Himmelkreuz . . . Pardon, Fräulein!"
Mariannens zarte Nerven krümmten sich bedenklich bei diesem Erguffe, aber fie zeigte fich gefaßt.
„Was ist Ihnen denn eigentlich passtrt, Herr Doctor? So reden Sie doch!M
»Was geschehen ist?" — Nach Worten ringend, fuhr er einige Male verzweifelt durch das volle Haar. — „So ein Mißgeschick! Die Gicht müßt er bekommen, der Lampe, fünfundzwanzig Jahre lang! Lampe ... Sie kennen ihn ja auch von damals, von Interlaken her! Nun hören Sie nur gefälligst zu."
Er pustete noch einmal vor innerer Wuth, ehe er fort« fuhr: „Sitze da heute mit meinen College» ganz ehrbar beim Frühschoppen und denke an nichts Arges. Thut fich plötzlich die Thüre auf. Wer tritt ein? — — Lampe aus Berlin! . . . Ehe ich noch die Götter bitten kann, feine klugen mit Blindheit zu schlagen, erkennt mich dieser Un° LlückSbazilluS, stürzt auf mich zu, schüttelt mir freundschaft
lichst die Hano — das alles könnte ich ihm möglicherweise verzeihen — aber nun kommtS! Allen ihm zu Gebote stehenden Schmelz in seine Stimme legend, flötete er mich an: „Und wie gehts Ihrer Frau Gemahlin, Herr Doctor? Wir bedauerten damals unendlich, daß Sie so bald Interlaken verließen."
„Das Gaudium meiner Stammbrüdrr war nicht zu beschreiben. Sie sagten zwar nichts, so lange Lampe noch da war, aber nachher brachs lot! All mein Lebtag will ich daran denken? Was sagen Sie nun zu meiner trostlosen Situation, Fräulein Marianne?"
Völlig hilflos sah fie ihn an.
„Das ist eine schlimme Sache. Was macht man da? Wie kommt der Mensch nur nach dem weltverlorenen D. ? Und wie wird eS erst, wenn er mich erblickt . . ."
„Wie er hierher kommt? Neffen hat er hier. Und Ostern will er mit feiner Frau auf vier Wochen kommen. Nun, ich muß nach dem Ecledn ß jedenfalls fort von hier, — ich bin ja bodenlos blamtrt!"
„Sprechen Sie dock nicht fo laut, Herr Doctor, und beruhigen Sie sich erst etwas, ehe wir weiter berathen. Nehmen Sie eine Taffe Kaffee ... Ja, wenn ich Ihnen doch nur helfen könnte!"
Die Taffe Kaffee schien den Doctor auf einen rettenden Gedanken gebracht zu haben, denn plötzlich richtete er sich straffer auf und Marianne unsicher, fragend ansehend, sagte er bedeutungsvoll: ,
„Einen Ausweg wüßte ich wohl Fräulein Marianne, aber Sie werden ihn nicht wähle:: wollen."
„Nun? — ES ist doch nichts sehr Schlimmes?"
„Wir müßten unsere damalige Comödle wahr machen . . . wir müßten uns heirathen, Fräulein Marianne !"
„In der That, Sie hainu eine merkwürdige Com- binationSgabe, Herr Doctor. Ich nehme an, Sie sprachen nicht im Ernst."
„Ihre Ueberraschung ist ebenso begreiflich, wie Ihre Antwort, Fraulein Marianne. Aber scherzhaft ist mirS wahrlich nicht zu Muthe." — Ein melancholischer Blick zu den Höhen der Zimmerdecke illnstrirte seine Gefühle. — „Meine Ehre steht auf dem Spiele, das wiffen Sie. Gut denn, wenn Sie mich nicht wollen ... ich kann Sie nicht bitten . . . ich weiß ja jetzt, wie gleichgiltig ich Ihnen bin. Da hilft denn eben nichts weiter, als ich muß D. verlaffen — vielleicht schon morgen."
„Wahrhaftig? Um die dummen LampeS?" fragte fie, ihn ängstlich musternd.
„Weil ich hier unmöglich geworden bin."
„Und . . . eigentlich wohl durch mich?"
Er schwieg.
Da reichte sie ihm anmuthig lächelnd die Hand.
„Bleiben Sie. Sie find einmal ein Glückspilz, Doctor! Weil es so zu sagen meine Ehrenpflicht ist, will ich Sie nehmen. Ob ich- wohl sonst jemals gethan hätte? — Ach, waS hatte mein harmloser Scherz für Folgen!"
„ffifr wollen feheu, wer von uns beiden am schwersten daran zu tragen hat, mein Lieb!"
Aber fie haben ihren harmlosen Scherz niemals bereut. Und als zu Ostern die guten LampeS besuchsweise bei dem jungen Ehepaare weilten, konnten fie mit Recht behaupten:
„Unfett Interlakener DoctorS find die glücklichsten Menschen unter der Sonne."


