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1.7.1896 Zweites Blatt
 
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Nr. 152 Zweites Blatt. Mittwoch dm I. Mi

Der chlehener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag».

Die Gießener MamitieuStätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeig er

Kenerat-Mnzeiger.

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Vierteljähriger ASonnementsprei» I 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

Redaktion, Expedition und Druckerei: Kchulstratze Ilr.7. Fernsprecher 51.

Anrts- und Anzeigeblutt füv den Hveis Gieren.

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Annahme von Anze,gen zu der Nachmittags für bce All- Annoncen-Bureaux deS In- und Auslände- nehm«

folgenden Tag erscheinenden Nummer- bis Dorm. 10 Uhr.^ICgCllCr LkaMrUeNvMNer. Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlichem Theil.

Bekanntwachnns.

W^Das Großherzogliche Ministerium des Innern und der Justiz^hat dem Comitö zur Abhaltung von Viehmärkten in Vilbel, mit dem am 25. August l. I. daselbst stattfindenden Viehmarkte eine Verloosung von Vieh und Gebrauchsgegen« stünden zu verbinden, um die Mittel zur Prämiirung von Vieh zu gewinnen, gestattet.

Die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Verloosung ist unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 5000 Loose zu 1 Mark das Stück ausgegeben werden dürfen und mindestens 60 pCt. des Bruttoerlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf »on Gewinngegeuständen zu verwenden find.

Der Vertrieb der Loose in der Provinz Oberheffen ist gestattet.

Gießen, den 27. Juni 1896.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. (Sagern.

Gießen, den 29. Juni 1896.

Betr.: Die Strafregister; hier: die Nachweisungen der im 1. Halbjahr 1896 verstorbenen bestraften Personen.

Der Großherzogl. Erste Staatsanwalt beim Landgericht der Provinz Oberheffen

an sämmtliche Ortspolizeibehörderr des Kreises Gietzeu.

Sie werden ersucht, die obenerwähnten Nachweisungen bezw. die Fehlanzeigen bis zum 1. August 1896 ohne noch­malige Erinnerung an mich einzusenden.

Dr. Güngerich.

Der Arbeiterschutz im Bäckergewerbe.

Am Mittwoch, den 1. Juli, treten die vom Bundes- rathe erlassenen Bestimmungen über die neue Arbeitsordnung im Bäckerei- und Conditorei.Gewerbe in Kraft, an welcher Maßregel nicht nur das letztere selbst, sondern auch das Publikum in seinen weitesten Kreisen interesfirt erscheint. Denn kaum giebt es noch ein zweites Gewerbe, in welchem ein so inniger Zusammenhang zwischen Producenten und Con- sumenten besteht, als eben dasjenige des Bäckers, und es ist darum zweifellos, daß die jetzt in die Praxis umzusetzeuden Neuerungen der bundesräthlichen Verordnung sich mehr oder weniger auch bei der Kundschaft der Bäckereien und Condito- reten bemerklich machen werden. Und diese Neuerungen find ziemlich einschneidender Natur. Die erwähnte Verordnung bestimmt, um ihre Hauptpunkte kurz wiederzugeben, daß die GehÜlfen in Bäckereien und Conditoreien nicht länger als zwölf Stunden hintereinander beschäftigt werden dürfen, daß zwischen je zwei Arbeitsschichten eine vollständige Ruhepause von mindestens acht Stunden zu gewähren ist, und daß die Maximalarbeitszeit der Lehrlinge im ersten Lernjahre zehn Stunden, vom zweiten Jahre ab elf Stunden betragen solle. Entsprechend der letzteren Bestimmung erhöht sich demnach die den Lehrlingen zu gewährende Ruhepause um zwei Stunden, resp. um eine Stunde. Vor den Festtagen und an zwanzig weiteren Tagen im Jahre, die der Arbeitgeber be­stimmen kann, find Ueberftunben gestattet, jedoch auch dann darf die ununterbrochene Ruhepause nicht unter acht Stunden herabgehen.

ES ist ohne Weiteres klar, daß die genannten Bestimm­ungen im bisherigen Backereibetriebe durch die ausgesprochene weitgehende Beschränkung der Arbeitszeit der Angestellten eine förmliche Umwälzung herbeisühren müssen, deren Rück­wirkungen, wie schon angedeutet, auch das Publikum spüren wird. Im Reichstage wie im preußischen Abgeordnetenhause haben bekanntlich lebhafte und eingehende Debatten über die BundeSrathsverordnung betreffs deS künftigen Maximal­

arbeitstages in Bäckereien und Conditoreien stattgefunden, und dort wie hier zeigte sich eine erhebliche Mehrheit gegen den Erlaß, dessen Zweckmäßigkeit von seinen Gegnern ent­schieden bestritten wurde. Von den Freunden der neuen Bäckerei Verordnung ist zu deren Gunsten namentlich an­geführt worden, daß dieselbe nur eine Folge der bisherigen Arbeiterschutzgesetzgebung bedeute; gerade im Bäckerei-Gewerbe herrsche eine bedenkliche Ueberanstrengung der Arbeiter, aus welcher Erscheinung sich wiederum andere Uebelstande er­gäben, und eS sei darum nur eine Pflicht der Regierung, endlich gegen die Übermäßige Arbeitszeit in einem der wich­tigsten Gewerbe vorzugehen. An und für sich nun wird gewiß jeder aufrichtige Arbeiterfreund die Bemühungen, auch die Lage der im Bäckerei- und Conditorei'Gewerbe beschäf­tigten Personen nach Möglichkeit zu erleichtern, mit Sym­pathie begrüßen, aber gerade die neue Bäckerei-Verordnung muß trotz alledem Bedenken erregen. Sicherlich giebt im Bäckerei-Gewerbe Uebelstande, aber sie liegen hauptsächlich in den großstädtischen Backereibetrieben, weit weniger in den mittel- und kleinstädtischen. Einstweilen läßt sich allerdings gegen die neuen Bestimmungen selbst nichts mehr thun; dafür läßt sich jedoch in der Art ihrer Durchführung immer­hin manches thun, um den Unternehmern im Bäckereibetriebe die neue Ordnung der Dinge weniger empfindlich zu machen, anderseits würden viele Bäckermeister in ihrer Existenz- und Concurrenzfähigkeit geradezu bedroht sein.

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TraiSMuvzeuberg, 28.Juni. Das Gilbert Gorr'sche Ehepaar dahier feierte heute im Kreise der Angehörigen bei voller körperlicher und geistiger Rüstigkeit baß Fest der goldenen Hochzeit.

Bad-Rauheim, 27. Juni. Gestern Nachmittag gegen 2 Uhr brach in der Grabenstraße in den Scheuern der Herren Stamm und Becker Feuer aus, daß so schnell um sich griff, daß die Feuerwehr sich nur darauf beschränken konnte, die

Feuilleton.

Berliner AusstrUsngsbriefe.

(Bon unserem Correspondenten.)

(Nachdruck verboten.) XII.

Berlin, 26. Juni 1896.

Die BeUeidnngS.Znduftrie.

(Fortsetzung.)

Ich fahre heute in der Besprechung der Damen- Confection fort. Vor dem großen Bacher'schen Pavillon befinden sich die Ausstellungen der bedeutenden Modefirmen Hermann Gerson und S. Rosenthal. Bei der Firma Hermann Gerson bildet die größte Sehenswürdigkeit eine Courrobe, deren Rock auß weißer Seide mit gestickten Beilchengewinden der Länge nach verziert ist. Die Taille und die Schleppe bestehen auß grünem Sammt mit reicher Goldstickerei, welche wahrhaft prächtig wirkt. Der Rand der Schleppe, ebenso wie der Saum beß Kleideß find mit breitem weißem Straußfederbesatz garnirt. Neben dieser königlichen Robe erregen noch viele andere die Bewunderung und auch die Kauflust unserer Damen, auß letzterem Grunde aber zu­gleich auch den Schrecken der gesummten beteiligten Männer­welt. Bon allen diesen verführerischen Toiletten wollen wir noch die eine auß Chinv-Seide hervorheben, welche besonders reizvoll in ihrem Arrangement wirkt. Dasselbe ist auß rosenrothem Sammetband, welcheß zum Gürtel und zu den Schulterschleifen verwendet ist, hergestellt, während der Hals­ausschnitt mit alten, werthvollen Kirchenspitzen abschließt.

Die Leistungen der Firma S. Rosenthal liegen diesmal hauptsächlich auf sportlichem Gebiete. Sie hat sich zur Hauptaufgabe gestellt, Neues und Originelles sowohl für den Reit- und Wasser-, als auch für den so vielfach angefeindeten Radfahr-Sport der Damen zu bringen. Selbst die ent­schiedensten Gegner dieser Radelei, welche aus ästhetischen Gründen derselben feindlich gegenüberstehen, würden milder darüber denken, wenn sie dies ebenso practische, wie streng becente Costüm sehen würden. Es ist aus weißem Cheviot gearbeitet unb besteht aus einem kurzen Rock, bet in ber Mitte geteilt ift und trotzdem den Character eines voll­ständig geschloffenen Rockes wahrt. Die dazu gehörige Blouse schließt am Halse mit einem Klappkragen ab, auf welchem äußerst chic zwei Fahrräder in blauer Seide gestickt find. Eine flotte lange Cravatte, ein englischer Hut und dänische

Handschuhe vervollständigen diesen kleidsamen und zweck­entsprechenden Anzug.

Weiterhin führt nun unser Weg an der Ausstellung ber bekannten Firma Flatow u. WachSner vorüber, welche wiederum in ihrem Specialfache, ber Bloufen-Con- fcction, Hervorragendes geleistet hat.

Wir gelangen nunmehr auf unserer Wanderung zu ber in ber Seidenwaarenbranche immer tonangebenben Firma I. A. Heese. Die Leistungen biefer Firma auf bem Ge­biete ber Seibenfabrikation sind ja so bekannt, baß sie nicht erst meiner Erwähnung bebürfen; was bie Ausstellung ber confectionirten Seidenwaaren anbelangt, so ist nach meiner Meinung baS HauS entschieden nicht auf der Höhe geblieben. Seine Erzeugnisse find vielfach zu protzig unb klobig. Wir möchten bieseS harte Unheil nur zu Gunsten eines Morgen- rockeS einschränken, welcher in seiner buftigen Schönheit ein­fach unb dennoch vornehm wirkt.

Weiterhin erregt unser Interesse die Ausstellung einer jüngeren, aber rührigen Firma R. M. Maassen, welche ebenfalls sehr viele Sportcostüme bringt, deren Entwurf und Arrangement immerhin Chic und eigenartigen Geschmack ver- rathen. Unte< Anderem finden wir auch wieder ein Fahrrad- Costüm, welches uns aber nicht so praktisch, wie das bereits oben erwähnte erscheint. Einen einfachen, aber gediegenen Geschmack entwickelt die Firma Moritz Skretsch, welche ihren Ruf ja wohl der Mäntelconfection eigentlich zu ver­danken hat, die jetzt aber ihre Thätigkeit auf bie Anfertigung einer SPecialität von Reisekleidern ausgedehnt zu haben scheint. ES gelangt durchweg eine billige Qualität zur Aus­stellung, Loden-Costüme im Preise von 15 Mk. für deutsche, von 38 Mk. für echte Loden.

Bei der Besichtigung der eigentlichen Damenmäntel- Confection ist mir unliebsam aufgefallen, daß fich die ersten Berliner Häuser von ber Ausstellung zurückgehalten haben, obschon auch ohne diese ersten Namen bie vorhanbene Abtheilung ben höchsten Ansprüchen Genüge bieten wirb. Ich will unter ben vielen nur bieFirma Unger u. Grüntkel erwähnen, bereu geschmackvolle Mobelle mir besonberS aus­gefallen find. So z. B. ein Jaquet, dessen Sattel reich mit Perlenstickerei bedeckt ist- baß Bordertheil lose hängenb, der Rücken in drei tiefen Quetschfalten verarbeitet. Große Keulenärmel, die wenig dafür zu sprechen scheinen, daß bie Zeit ber weiten Kleiberärmel ein überwunbener Stanbpunkt sein soll. Diese Art von JaquetS habe ich biß jetzt allerdings erst in einigen wenigen Exemplaren tragen sehen und zwar von Damen ber feineren demi-monde, welche hierdurch wahr-

I scheinlich noch extravaganter zu erscheinen hofften, doch glaube ich, daß fich diese Mode zum Winter einbürgem wird, ba sie schlanke Figuren außerorbentlich Vortheilhaft erscheinen läßt. Uebrigenß beherrschen CLpeS in allen Farben und Arten nach wie vor baß Feld.

Auch bie Hoskürschnerfirma Carl Salbach hat ihr guteß Dheil dazu beigetragen, um bie Berliner Pelz-Industrie zu Ehren zu bringen. Diese Ausstellung bilbet ihrer Kost­barkeit wegen eine ber größten Sehenswürbigkeiten ber ge­summten GewerbeauSstelluug. So ein kleines Seeotterfellchen (Kamschatkabiber) für 4800 Mk. ist so zu sagen ein gering­fügiger Gegenstand gegen einen wundervollen russischen Kronenzobelpelz im Werthe von 24,000 Mk. Ich theile, offen gestanden, beim Beschauen all dieser Herrlichkeiten die­selbe Befürchtung;, wie meine ältliche Nachbarin an­scheinend eine ächte Berlinerin welche, als sie dieser hohen Summe unsichtig wurde, bestürzt beide Hände über ben Kopf zusummenschlug unb uuSrief:Ach Jotte doch, wenn du man bloß nich die Motten rine kommen." Sehr hübsch unb ori­ginell in ber Jbee ist übrigenß jeneß Suul-CLpe mit Hermelin­futter unb einem Achselbesutz von gunzen Zobelbous, ber Köpfe unb Schweife un Schultern- und RÜckemnitte fich so begegnen, duß sie bie Form eineß Cupuchour bedeuten. Ich gelunge nun zu bem seiner strengen Solibität wegen Welt- belunnten Huuse Rudolf Hertzog. Seine Ausstellung ist eine hervorrugend schöne und füllen unter der Fülle und Reichhaltigkeit ganz besonders feineBlurnen-Corso-Schirrne" auf. Der eine davon aus weißem Crepechiffon, der gepufft unb gezogen ist, mit Beilchensträußen gerecht und einzelnen zahlreichen Veilchen, welche über den ganzen Schirm verstreut find, wird auf dem nächsten Blumencorso feiner schönen Trägerin gewiß viel Bewunderung einbringen. Erwähnens- werth bleiben auch die von dieser Firma zur Ansicht gestellten Juponß in großer Eleganz. Zum Schluß meiner Wanderung besichtigte ich noch die WäscheauSftellung ber alten gebiegenen Firma Heinrich Jorban, welche in biefer Branche mit derselben entschieden den Vogel abschießt. ES fallen mir auß dem Dargebotenen alß besonders chic die seidene Babewäsche auf, bie fich als ebenso practisch, wie schön erweisen soll, ba biefelbe aus waschbarem Seidenstoff hergestellt ist. Weiße Unterwäsche mit schwarzen Spitzen und schwarze Untenöcke mit weißen Spitzen wurden mir alß besondere Neuheit er­wähnt, doch erinnere ich mich auß meiner Junggesellenzeit, daß diese Mode, wenn mich mein Gedächtniß nicht trügt, schon vor Jahren in Pariß bestanden hat.