Nr.GISS Drittes Blatt. Sonntag den 25. August
1895
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Deutsches Leich.
Berlin, 23. August. Die amtliche Veröffentlichung der Ergebnisse der kürzlich in Berlin abgehaltenen JnnungS- conferenz soll endlich unmittelbar bevorstehen. Hierzu wird es allerdings auch Zeit, denn bis jetzt sind die widerspruchsvollsten Mittheilungen über den Verlauf dieser Ve.- handlungen durch die TageSpreffe gegangen. Vielleicht erfährt man auch gelegentlich der fignalisirten Bekanntgabe des amtlichen Berichts über die Ergebnisse der genannten Conferenz, inwieweit auf deren Vorlegung im Reichstag in Gestalt eines besonderen Gesetzentwurfs zu rechnen ist. UebrigenS der- lautet, der Reichskanzler, Fürst Hohenlohe, habe sich während seiner Sommervilleggiatur in Oesterreich persönlich bei dem Präsidenten der Wiener Handelskammer, Mäuthner, über die Wirkungen deS in Oesterreich ^geführten Befähigungsnachweises informirt und eine ungünstige Auskunft erhalten. Sollte sich dieses Gerücht bestätigen, so müßten die deutschen Zünftler allerdings damit rechnen, daß die Reichsregierung auch noch fernerhin in ihrer ablehnenden Haltung in der Frage des Befähigungsnachweises verharren werde.
— Der diesjährige socialdemokratische Parteitag wird nach den endgiltigen Dispositionen hierüber am 6. October im Hotel „Deutscher Kronprinz" in Breslau zusammentreten. DaS Verhandlungsprogramm weist folgende Punkte auf: Maifeier 1896, internationaler Socialistencongreß in London, Agrarprogramm, Hausindustrie, Arbeiterschutz. Als Berichterstatter werden vorerst nur genannt Bebel, Quarck und Timm.
— Das Verhalten der socialdemokratischen Partei und ihrer Presse gegenüber den diesjährigen Kriegs- gedenkfetern gibt den „Hamburger Nachrichten" Anlaß, die Regierung zur Abkehr von der bisherigen VersöhnungSpolitik gegen die Socialdemokratie aufzufordern. Das Hamburger Blatt empfiehlt statt dessen eine energische und namentlich offene Bekämpfung der socialrevolutionären Propaganda mit polizeilichen Machtmitteln auf dem Wege der Specialgesetzgebung. Man kann über die Wirkung dieses vorgeschlagenen antisocialdemokratischen R ceptes allerdings getheilter Meinung sein, aber anderseits wird man den „H. N." nur beistimmen können, wenn sie meinen, es sei ein Fehler, amtliche, gegen die Socialdemokratie gerichtete Schriftstücke, wie sie der,.Vorwärts" immer wieder veröffentlicht, „geheim" zu halten. Treffend betont das Blatt, die Verheimlichung von solchen Erlaffen verrathe der Bevölkerung die Scheu der Staatsorgane, öffentlich gegen die Umsturzbestrebungen aufzutreren und vermindere das Vertrauen zur jetzigen Regierung.
Der Krieg von 1870J71,
geschildert durch Ausschnitte aus ZettungS-Nummern jener Zeit.
(Nachdruck verboten.)
25. August.
Die deutschen Heere find in vollem Marsche auf Paris. Der Kronprinz ist voran. Die 1. und 2. Armee ist ihm gefolgt, die Vortruppen standen schon vor einigen Tagen nur 10 Meilen von Parts. Mac Mahon hat mit seinen Truppen ohne Schwertstreich ChalonS geräumt und das berühmte Lager, den Stolz Frankreichs, verbrannt- er zieht sich nach Paris und nicht, wie man anfangs glaubte, nach Metz, um Bazaine zu befreien. Die deutschen Reiter reiten mit Lust darauf los, sie sind weithin der Schrecken der Franzosen geworden, denn sie scheinen allgegenwärtig. Paris ist eine gewaltige, vielleicht nur allzu große Festung, von den Kanonen aber, mit denen die Werke besetzt find, sagen die Pariser: schlechtes Zeug. Es sind meist alte Kanonen von 1840. Wenn nicht das Boulogoer Hölzchen niedergeschlagen würde, so glaubten die Pariser kaum an den vollen Ernst. DaS aber erschreckt sie, denn ohne Boulogner Hölzchen kein Parts, wie kein Rom ohne Papst und kein München ohne Bier. Der alte Thiers behauptet, 6 Wochen lang könne sich Paris halten. Das Geheimniß ist, er hofft in dieser Zett auf Vermittelung der Neutralen.
Vor Metz stehen mehrere Corps der Hauptarmee, verstärkt durch Corps der Landwehr. ES wird eine furchtbare Belagerung, 430 schwere Geschütze auS Köln, Coblenz, Mainz und Wesel find eingetroffen und die Artillerie hat bet Düppel und Alsen daS Belagern gelernt. Drinnen in der Festung haben die Deutschen einen Alltirten, daS ist die Noth und der Hunger, denn auf Bazaines Heer war nicht von den Proviant- und Fouragemeiftern gerechnet.
26. August.
Die Londoner „Times" räth uns in ihrer neuesten Nummer, unseren Sieg nicht zu mißbrauchen und nicht nach Paris zu marschiren, da wir nur gegen Napoleon und nicht gegen daS französische Volk Krieg führten. Als Entschädigung sollen wir franzöfische Colonien nehmen. Aber wir muffen nach Paris und dürfen uns davon durch die Rücksicht auf Frankreichs Gefühle nicht abhalten lassen. Paris ist daS Herz Frankreichs, Parts ist vor allem an diesem Kriege schuld, Parts muß dafür seine Züchtigung erhalten. Eine solche zarte Rücksicht auf die Gefühle Frankreichs wäre sehr am unrechten Orte. Die Franzosen würden ihr eine ganz andere Auslegung geben und sie für Furcht halten. Nachdem sie erklärt, uns einen Besuch in Berlin abstatten zu wollen, ist es nur billig, daß wir diese Artigkeit erwidern. Paris muß die deutsche Kriegsmacht in seinen Mauern sehen,
eS muß sich mit eigenen Augen überzeugen, wie die deutschen Soldaten auSsehen, die man mit Peitschenhieben und Kolbenstößen über den Rhein treiben wollte, es muß sich die deutschen Landwehrmänner ganz in der Nähe betrachten. PartS muß sich überzeugen, ob Herr Edmund About Recht hatte, daß die deutschen Landwehrmänner blonde, sanfte, wohlbeleibte Leute mit kleinen Beinen wären, die friedlich ihre Tabakspfeife rauchen und vor Schrecken in die Knie fallen würden, wenn Zuaven und Turkos auf sie zumarschirten. Was aber sodann Elsaß und Lothringen anlangt, so sind dies zwar keine deutschen Ideen, aber ehemalige deutsche Reichslande, und da bekanntlich daS Hemd dem Menschen näher ist als der Rock, so wollen wir vor der Hand auf die Colonien verzichten und uns den Elsaß und Lothringen wieder nehmen. Eine solche Wiedernahme würde Frankreich am meisten die Lust nehmen zu einem neuen Krieg. Sollte es trotzdem einen solchen wagen, wohlan, so würden wir dann auch noch die Colonien nehmen. Chemn. Nachr.
Aus französischen Zeitungen:
„Am 21. begab sich eine beträchtliche Menge Abends vor daS Hotel des Herrn v. Bismarck in Berlin. Länger als eine Stunde wurde dort von diesen durch daS Unglück verzweifelten Leuten der Schrei: „Brod! Brod!" ausgestoßen. Die das Hotel bewohnenden Leute zeigten sich am Fenster und antworteten: „Brod? Brod wollt Ihr haben? Sucht eS in Paris." Auf diese unmenschlichen Worte stürzte sich die Menge auf das Haus und zertrümmerte mit Steinwürfen alle Fensterscheiben. Es bedurste zahlreicher Polizeibeamte, um das HauS und die Straße zu befreien. DaS ist ein Beweis von den Leiden, die der Krieg in Berlin er- zeugt hat." Patrie.
totales mtö
-el. Gröningen, 22. August. Heute fand hier unter recht reger Betheiligung die Gemeinderathswahl statt. Es wurden wiedergewählt: Chr. Ernst Engel mit 42, Wilhelm Fay mit 39 und Adam Marsteller mit 36 Slimmen. Der letztere ist neugewählt. — Nächsten Mittwoch findet hier ein Missionsfest statt. Festredner werden sein: Herr Pfarrer Dr. Grein von Gießen und Herr Missionar Thumm von Frankfurt a. M. Verschiedene benachbarte Geistliche werden Ansprachen halten.
-n. Von der Nidda, 22. August. Unsere Jäger machen eben vergnügte Gesichter, denn die Hühnerjagd ist doch ergiebiger, als man früher annahm. Die Jagdranzen sind bei der Heimkehr immer reichlich mit Beute behängt. Heute Morgen hatte ein noch ganz junger Jäger das gewiß seltene Jagdglück, sieben Rebhühner auf einen Schuß zu erlegen.
Feuilleton.
△ EmnerllllM eines freiwilligen Srniitätsmmes aus den August- und Keptembertageu des Jahres 1870.
(3. Fortsetzung.)
Als wir uns in Marsch nach dem südwestlich von Remilly liegenden kleinen Dorfe Bechy setzen wollten, redete uns ein Brandenburger Trainsoldat an.
„Die Herren beabsichtigen wahrscheinlich nach Corny an der Mosel zu marschiren?" sprach der Brave. — „Getroffen!" versetzte ich. „Können Sie uns etwas über den Weg mittheilen?" — „Nein, aber längstens in einer halben Stunde fährt unser Train, zweihundertdreißig mit Hafer beladene Wagen, dahin ab- schließen Sie sich uns an. Ihre Rucksäcke können Sie auf unseren Wagen unterbringen, wenn Sie den Herrn Premierlieutenant darum bitten."
„Trefflicher Manu," antwortete ich, indem ich dem Soldaten die Hand reichte und dabei ein preitßischeS Drittel hineingleiten ließ, „Ihr Anerbieten wird mit Dank angenommen. Wo kann man den Herrn Premierlieutenant sprechen?"
„Kommt soeben daher."
Ich trug dem Herrn unsere Bitte vor- er war in bitterböser Laune und murmelte etwas wie „Schlachtenbummler" grimmig zwischen den Zähnen. Nachdem er aber die Legi- rimationSpapiere und den Auftrag an die 25. Division gesehen, wurde er gemüthlicher.
„Bitte, schließen Sie sich dem Train an," bemerkte er, „und wo es nicht bergan geht, können Sie fich auf die Wagen setzen, in einer halben Stunde fahren wir ab."
Der Trainsoldat, August Schulze hieß der Brave, ein äußerst gewandter Berliner Junge, der die Feldzüge anno
1864 und 1866 als Ulane mitgemacht und zum Train als Landwehrmann versetzt worden, kam mit einem Blechetmer und flüsterte mir zu: „Ich werde dort drüben melken."
Als der Premierlieutenant weg war, eilte Schulze nach dem in der Nähe befindlichen etngezäunten Platze, auf welchem eine große Anzahl Schlachtthiere, worunter etliche Kühe, weideten. Schulze ersah sich eine der letzteren und fing mit der Gewandtheit eines Schweizers an zu melken. Daffelbe Experiment machte er mit einer zweiten Kuh. Freudestrahlend kam er mit dem über die Hälfte gefüllten Eimer zurück, warf eine Handvoll sauberen Heues auf die Milch und hing den Eimer an die Langwied seines Wagens.
„Wenn einer den dritten Feldzug mitmacht, weiß er sich in allen Lagen zu helfen," sprach der Gewandte, machte seine Pferde und einen bequemen Sitz auf dem Wagen zurecht und rief: „Nanu kann die Jeschichte losjehn, steigen Sie man immer ruff!"
Bald darauf setzte fich der endlose Zug langsam in Bewegung über Bechy nach Lüppy. In letzterem Dorfe warf mir Schulze plötzlich die Zügel zu, sprang während des Fahrens vom Wagen und rannte in ein Gehöfte hinein. Alsbald ließ fich ein mörderisches Geschrei vernehmen. Schulze kam mit hochrothem Geficht zurück.
„Was hals da drinnen gegeben?" fragte ich. — „Ich sah eene Jans, die wollte ich, mit der Peitsche als Laffo, recurrtren, wir hätten heute Abend Jänsebraten effen können. Aber ein altes französisches Weib merkre den Schnuppen und schrie wie 'n Satan. Da machte ich mir wieder uff de Socken un' jetzt haben wir nischt. Eene JanS in diese Jegend ist wie ein halbes Wunder."
Die Fahrt ging weiter nach Goin- hier kreuzten sich mehrere Wege. Der Zug hielt, Niemand wußte, welche Richtung einzuschlagen war. Ich zog meinen Reymann her- vor- fluchend sprengte der Premierlieutenant herbei, parirte
aber sofort daS Pferd, als er meine Karte sah. — „Können Sie uns auS der Verlegenheit helfen?" rief er erfreut. — „Mit Vergnügen," war die Antwort. — Schnell war der Zug wieder im Gange. Ein Bursche brachte ein gesatteltes Pferd. „Herr Premierlieutenant läßt Sie bitten, aufzusitzen und die Führung des TratnS mit zu übernehmen." DaS ließ ich mir nicht zweimal sagen. Bald hatte ich mich mit dem anfangs so grimmigen Herrn Commandanten angefreundet und machte auch unserem verehrten UniverfitätSstallmeister Gremp von Freudenstein keine Unehre als Reiter.
Als eS dunkelte, traf unser Train vor Verny, genau südlich von dem Fort Queuleu, ein. Das Hinterrad eines FouragewagenS brach plötzlich, daS Fuhrwerk legte fich quer über die Straße, der unmittelbar nachfolgende Wagen schoß dem vorliegenden mit der Deichsel in die Flanke und trieb sein Handpferd in daS Hinterrad, welches dem armen Thtere daS rechte Vorderbein brach. In diesem Augenblick galoppirten zwei FeldgenSdarmen heran und befahlen, daß der Train unverzüglich auf die äußerste rechte Straßenkante auSzuweichen habe. Der niedergebrochene Wagen wurde in den Chauffee- graben gestürzt, dem verunglückten Roffe jagte man eine Kugel durch den Kopf. Von Westen her vernahm man ein Rollen und Donnern, die Erde zitterte. Ein Zug dunkel angestrichener Wagen, alle vierspännig, raste in gestrecktem Galopp an uns vorüber. „Sächsische Munitionswagen, welche Patronen von der Bahn holen," erklärte der Führer.
„Biwakiren! Abkochen!" hieß es jetzt, aber letztere- war ein Kunststück, denn keiner von unS besaß etwas Eßbare-. August Schulze wußte Rath. Wir lernten Kartoffeln mit den Händen ausbuddeln, ein Feuer loderte schnell empor, worin August die Kartoffeln briet- dann holte er seine» Melkeimer hervor, fischte daS Heu, welches daS Heraus- schleudern der Milch ziemlich verhindert hatte, oben weg und goß den geretteten Rest in einen Feldkeffel — unser Souper


