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24.12.1895 Erstes Blatt
 
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«r. 302 Erstes Blatt.

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Der

-le-ener A«»eig«r rrldKiiit täglich, anl Ausnahme deS MoulagS.

Die Gießener

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Amts- unb Anzeigeblatt für den "Kreis Gieren.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für brx ^okgenben Tag erscheinenben Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Gratisöeitage: Gießener Jamitienölätter.

ALr Annoncen-Bureaux beS In« unb Auslandes nehm« Anzeigen für benGießener Anzeiger" entgegen.

Amtliche» TheU.

Gießen, den 19. December 1895.

Betr.: Die kkranken-, Invalidität«- und Altersversicherung der Kreisstraßenwarte.

Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen a« die Grotzh. Bürgermeistereien der Land­gemeinden des Kreises.

Sie wollen den Gemeinde Einnehmer anwetsen, bezüglich der bis Ende December 1895 für die Kreisstratzeuwarte vorlagSwetse gezahlten Beiträge zu den Kosten der Gemetnde- kraukeuverficherung und zwar für 51 Wochen, sowie der­artigen für JnvaliditätS- und Alters »Versicherung mit der Kreiskaffe abzurechnen und die Vorlagen gegen Abgabe der Quittungen hierüber, zu welchen die den Gemeinde-Ein­nehmern demnächst zugehenden Formularien zu benützen sind, in Empfang zu nehmen.

Wir sehen Ihrem Bericht darüber, daß die gedachte Abrechnung erfolgt ist, bis spätestens 1. Februar 1896 entgegen.

v. Gagern.

Deutsches Reich.

Berlin, 21. December. Weih nacht ssttlle herrscht auf dem Gebiete der inneren Politik. Die Pforten deS Reichstages und der versammelten Etnzelparlamente find einstweilen geschloffen, verstummt sind vor dem siegreichen Strahlenglanze des herrlichsten Festes des Jahres all' die großen und kleinen Fragen des Tages. Erst wenn vor Alle« wieder die Reichstagsarbeiten begonnen haben werden, dann wird auch das Jntereffe an den politischen TageS» Vorgängen wieder aufleben, und dies umsomehr, als ja die Entwickelung der Dinge in der neuen ReichstagSsession nach viele» Richtungen hin noch durchaus abzuwarten bleibt. Vorerst aber macht das poesievollste, wonnigste Fest des ganzen Jahres seinen Zauber allenthalben kräftig geltend und unter seinem allbeherrschenden Etnfluffe müssen sich auch die politischen Sorgen und Verdrießlichkeiten, die Zänkereien und Reibungen zwischen den Parteien in die dunkelste Ecke zurückztehen. Mögen sie in diesem Winkel noch recht lange verbleiben, Niemand wird ihrer zur gnadenreichen WeihnachtS» zett begehren, und so erschalle denn der Ruf weithin durch die deutschen Lande:Fröhliche Weihnachten!"

Der Kaiser hat sein hinlänglich bekanntes Jnter­effe au den maritimen Dingen auch in jüngster Zeit wieder durch Gespräche mit seiner Umgebung bekundet, welche, wie Berliner Meldungen besagen, der Entwickelung der deutschen Flotte namentlich im Hinblick auf die KrtfiS im Orient gelten. Der Monarch soll hierbei sein Bedauern

darüber auSgedrückt haben, daß die deutsche Flagge in den orientalischen Gewässern ungenügend vertreten werden müßte. Im Anschlüsse hieran wird darauf hingewiesen, daß der Kaiser die im neuen Marineetat enthaltenen Mehrsorder- ungen, betreffend folgende Positionen: Ein Panzerschiff erster Klasse, ErsatzFriedrich der Große", zwei Kreuzer zweiter Klasse M. und N., sowie einen Kreuzer vierter Klasse G., als dringend nothwendig bezeichnet habe.

Ein neuer Gesetzentwurf, welcher sich auf die Regelung des Verkehrs mit Handelsdünger, Kraftfuttermitteln und Saatgut bezieht, ist jetzt von derNordd. Allgem. Ztg." veröffentlicht worden. Ob der Entwurf noch in der gegenwärtigen Session an den Reichstag gelangt, muß dahingestellt bleiben, wahrscheinlicher ist es jedoch, daß er in Folge des scharfen Widerspruches, welchen er aus den Kreisen der Händler und Mühleninter- effenten erfährt, einer Umarbeitung unterzogen wird.

Berlin. 21. December. Der K atser sandte heute an daS 2. Garde»Feld-Artillerie'Regiment folgendes Telegramm: Bet der Wiederkehr des Gedenktages von Le Bourget er» innere Ich Mich dankbar der ruhmvollen und entscheidenden Theilnahme der Stammbatterien des Regiments an den Stegen bei St. Privat, Sedan und vor Paris. Ich bin überzeugt, daß der altpreußische Geist, welcher solche Erfolge erringen half, im Regiment stets fortleben wird.

Berlin, 21. December. Wie nachträglich aus Altona gemeldet wird, wurde daselbst am letzten Montag während der Anwesenheit des Kaisers ein achtzehnjähriger Cigarrea­arbeiter verhaftet, welcher beim Borübersahren des Kaisers In der Bahnhofstraße rief:Hoch die Anarchie!" Bei seiner Vernehmung gab er, nach einem demBerl. Tagebl." zugehenden Telegramm, an, Anarchist zu sein, und bedauere, nicht öfter Gelegenheit zu haben, sich in dieser Weise dem Kaiser gegenüber zu äußern.

Berlin, 21. December. Der General der Cavallerte z. D. Sallbach ist heute hier im 65. Lebensjahre gestorb en.

Frankfurt a. M., 21. December. DieFranks. Ztg." meldet aus London: Die Entwerthung der amerikanischen Sicherheiten in den letzten drei Tagen wird auf 400 Mill. Dollars geschätzt. Von den morgigen Predigten erwartet man ebenfalls eine große Einwirkung auf die Coursstimmung.

Köln, 21. December. Wie dieKöln. Ztg." meldet, hat der Commerzienrath Otto Andreae der Stadt Köln als Weihnachtsgeschenk 400,000 Mk. zur Verfügung gestellt. Diese Summe soll zum Bau eines Gebäudes für daS Kunst- Gewerbe»Museum verwendet werden.

Aurlänb.

Wie«, 22. December. Von hiesigen maßgebenden Persön­lichkeiten wird die in auswärtigen Blättern verbreitete Nachricht über eine beabsichtigte Zusammenkunft der

Kaiser von Oesterreich und Deutschland in Cors» als unzutreffend bezeichnet.

Wie», 21. December. Heute hat sich an der hiesigen Börse abermals ein gewaltiger CourSstürz ereignet. In unglaublich kurzer Zeit sanken die Course um 10 bis 20 Gulden. Es entstand eine furchtbare Panik. Die Ursache zu diesem Niedergang waren New-Harker Nachrichten und die schwache Lage am Wiener Platze.

Budapest, 21. December. Die Polizei verbot für die WeihnachtSfeiertage die geplante Abhaltung des Socialisten- CongresseS.

Rom, 21. December. Im Ministerium traf ein Tele- gramm des Generals Baratieri ein, worin dieser sofort um Absendung von HtlfStruppen bittet, da die Abessynier von allen Seiten auf ihn eindrängen.

Rom, 22. December. Zwischen dem 24. und 31. Decbr. werden 10 weitere Bataillone von Neapel nach Afrika abgehen.

Rom, 21. December. Der K riegsminifter hatte gestern eine lange Unterredung mit CriSpi. Es wurde be- schloffen, mehrere hundert Reiter und eine Abtheilung Luft­schiffer nach Afrika abzusenden. Die Blätter theilen mit, daß 12 Bataillone und drei Batterien unterwegs find und daß noch andere bereit sind, abzugehen.

Rom, 22. December. CriSpi ist heute nach Neapel abgereist und wird Anfangs nächster Woche zurückkehren, um zum Neujahr wieder hier zu sein. Nach Weihnachten werden sich wieder 10 Bataillone nach Afrika begeben.

Pari», 22. December. Wie die Blätter melden, wird Präsident Faure demnächst dem russischen Thron­folger in Nizza einen Besuch abftatten.

Madrid, 21. December. Aus Havanna wird ge­meldet, daß der Rebellensührer Gomez bis an die Grenze von Mantanzas vorgedrungen sei. Er verfügt über 6000 Manu und zwei Kanonen, sowie zahlreiche Munition und eine große Menge Dynamit. Weiteren Nachrichten zufolge ist Gomez bereits in die Provinz eingedrungen, wo das Erscheinen der Insurgenten eine große Panik heroorrtef, da die Bevölkerung keine Unterstützung von den spanischen Truppen erhofft.

Constautiuopel, 21. December. Aus Kreta gehen bet der Pforte Nachrichten ein, die die dortige Lage als sehr ernst schildern. Die in ungenügender Stärke vertretenen Truppen der Türken erlitten wiederholt empfindliche Nieder­lagen. Vom Generalgouverneur auf Kreta werden wenigstens 16 Bataillone zur Verstärkung requirtrt.

Constauttnopel, 21. December. Die Armenier schlugen die türkischen Truppen im Zeitungebiet mehrmals in den letzten Tagen zurück. Das Gerücht, daß Musiapha Remfi Pascha Zettun gestürmt habe, ist unbegründet.

Konstantinopel, 22. December. Wie verlautet, steht ein Wechsel im Großvezierrat bevor. Der gegenwärtige türkische Commtssar in Egypten, Mukhtar Pascha, soll ent-

Feuilleton.

Der Hllttrnberg.

(AuS demDarmst. Tägl. Anzeiger"). (Fortsetzung.)

Ate jungen Mädchen und Burschen bilden je nach Alters­klasse«Rotten" und jede Mädchenrotte hat ihre, unter den Rottenwüglieder» wochenweise abwechselnde, Spinnstube. Kam» ist eS Nacht geworden, so fieht man die theilweise kaum der Schule entwachsenen Mädchen, mit dem Spinnrad auf dem Arm, über die Straße huschen, ihre Burschen folgen zwei bis drei Stunden später. DaS junge Volk ist ohne Beauffichtigung beisammen und kein Wunder, wenn diese Sptnnstuben dann auch zuweilen öfters ausarten! DaS ist freilich sehr zu beklagen, aber menschelt eS nicht auch bet der Jugend der sogenannten gebildeten Stände? In den Spinustuben pflegt man zwar keinen Kunstgesang, fie bilden jedoch die Stätten, auf denen sich die alten volksthümlichen »eisen erhalten, die immer noch umer der Landbevölkerung ihren ölten Zauber auSüben. Kommen Bursche auS einem anderen Orte in eine einheimische Sptnustube, so setzt dies meistens böses Blut unter der männlichen Dorfjugend und früher spielte bet derartigen Visiten daS Meffer fürwahr Seine geringe Rolle. DaS ist unbestreitbar besser geworden, mrc selten hört man noch von solchen blutigen Dorskämpfen.

Der Hüttenberger heirathet möglichst frühe, ein Be­strebe«, daS er von seinen Urahnen ererbt hat. Schon auf der ersten, a« 5. October 1547 nach Großen- Linden ««-geschriebenen Hüttenberger Synode wurde über Maßregeln derarhe«,damit nicht nach sodomittscher Weise wider alle geistliche, kaiserliche und natürliche Rechte Unordentlich mit

dem heiligen Ehestande umgegangen werde und fast gemein ist, daß die Kinder ohne Fürwiflen und Verwilligung ihrer Eltern heimlich in den Ehestand zu begeben sich unter­stehen!" Seit Einführung der allgemeinen Wehrpflicht haben sich diese Verhältnisse naturgemäß zum Besseren ge­wendet. Der angehende HeirathScandidat läßt sich bet seinem so wichtigen Schritte in vielen Fällen jedoch weniger von der Liebe, als von der erwaigeu Ebenbürtigkeit seiner Zukünftigen leiten. Er nimmt nur seine-Gleichens", wie er sich aur- zudrücken beliebt. In dieser Hinsicht hat der an und für fich ja conservativ veranlagte Bauer einen stärker entwickelten Kastengeist, als ein Junker von uraltem Geschlecht. Der- jenige, der 100 und mehr Morgen Lande- besitzt, erachtet fich keineswegs dem gleich, der deren nur 60 bis 70 sein eigen nennt, der Mehrpferdebauer blickt herab auf den (Sin- pferdigen, dieser auf den Ochsenfahrenden und letzterer fieht den Kuhbauer über die Achseln an. Selbstverständlich gibt es auch hier, wie überall, rühmliche Ausnahmen. Kommt der allerdings recht seltene Fall einmal vor, daß fich eine Reichere mit einem Aermeren vergangen, so darf fie ihn in der Regel doch nicht heirathen. Derartige Rückfichten be­dingen eS, daß die wohlhabenderen Familien seit Ge- ration unter einander heirathen und schwer entwirr- bare, manchmal geradezu verblüjffendeVerwandt- schaftSbilder entstehen. Ueber Heirathen unter zu nahen Verwandten wurde schon vor Jahrhunderten im Hüttenberg geklagt. Auf der oben erwähnten Synode von Dutenhofen im Jahre 1555 wurden die Ehen in zu naher Blutverwandtschast bis zum dritten Grade verboten.

Höchst ungern heirathet der Hüttenberger außerhalb seines Ortes, nur in seltenen Fällen verehelicht fich eine Hüttenbergerin außerhalb des Geltungsbereiches ihrer Tracht!

Will der junge Manu zur Ehe schreiten und hat die Auserkorene die Zustimmung seiner Familie gesunden, so geht er zu jener",gieht zau ihr", daS heißt, von einigen Kameraden begleitet, zieht er gegen Mitternacht vor da- HauS seiner Erkorenen und meldet fich durch Klopfen am Fenster. DaS Mädchen kleidet fich falls eS schon zur Ruhe gegangen war rasch schlecht und gerecht an und läßt die freiende Gesellschaft ein. ES wäre unschicklich von ihr, den späten Gästen nicht zu öffnen, selbst wenn fie den EheftaudScandidaten nicht mag. Ihre Zuneigung gibt fie iudeß dadurch zu erkennen, daß fie den jungen Männern einen kleinen Imbiß vorsetzt. Einer derselben trommelt hierauf schnell den nächsten Wirth heraus, bestellt auf Kosten deS Freier- Bier, Aepfelwein oder Schnaps, und so wird dann der noch übrige Thetl der Nacht verfreit und ver­trunken. Ist der Bursche so einige Wochen hindurch tu jeder mehrmals gekommen, bann ist die Freite zur actuelleu Ver­lobung reif. Der eigentliche Berspruch, der Handschlag, findet statt, wenn ein naher Verwandter deS Bräutigam- diesem al- sichtbare- Zeichen deS Einverständnisses der Braut deren Schnupftuch gebracht hat. Bei den reichen Familien ist der Handschlag eine stattliche Feier, zu der die eingehendsten Zu­rüstungen geschehen.

Zwischen Handschlag und Hochzeit verstreicht in°der Regel nur eine kurze Frist. Die Hochzeit erfordert gewaltige Vor­bereitungen. Je ein Verwandter der Bram und de- Bräutigams sprechen gemeinsam einige Tage vorher bet allen Einzuladenden vor, dieselben mit einem passenden, alther­gebrachten Spruche zur Feier, die oft den ganzen Ort vereint, bittend. Hochiutereffant ist der Anblick einer Hütten­bergerin iw Brautschmuck- der Brautputz besteht im Wesentlichen in einer kegelförmigen Perl en kröne,