Sonntag den 23 Juni
189»
Zweites Blatt
Nr. 145
Gießener Anzeiger
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Zimt lieber Tlreil.
Nr. 21 des Reichs- Gesetzblattes, ausgegeben den 19. d. M., enthält:
(Nr. 2242). Gesetz, betreffend die Fürsorge für die Wittwen und Waisen der Personen des Soldatenstandes des Reichsheeres und der Kaiserlichen Marine vom Feldwebel abwärts. Vom 13. Juni 1895.
Gießen, den 21. Juni 1895.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern. •,
Bekanntmachung.
BeLr.: Erlab einer Polizeiverordnung über das Auf- und Abladen, sowie den Transport von Metallgegenständen.
Auf Grund des § 366 poa. 10 des R.-Str.-G -B. und des Art. 56 der Städteordnung wird nach Anhörung der Stadtverordneten-Versammlung mit Genehmigung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz vom 12. Juni 1894 zu Nro. M. J. 16 745 für den Bezirk der Provinzial-Hauptstadt Gießen verordnet roie^ folgt: ?
§ 1.
Bei dem Auf- und Abladen und bei dem Transport von Mctallgegenständen, welche beim Herabwerfen oder bei dem Transport auf Wagen ein starkes Geräusch verursachen, wie eiserne Tragbalken, Schienen, Metallröhren und Stangen, Bleche, Ketten und dergleichen, sind solche Einrichtungen zu treffen, daß belästigendes Geräusch vermieden wird.
Namentlich müssen derartige Metallgegenstände, welche bet dem Transport durch Aneinanderschlagen ein starkes Ge- .■ Täusch verursachen, in zweckentsprechender Weise mit Stroh oder anderem geeigneten Material unterlegt, oder so fest mit einander verbunden werden, daß der Lärm thunlichst vermieden wird.
Solche Gegenstände dürfen beim Abladen nicht vom Wagen herabgeworfen, sondern müssen, gegebenen Falles unter Anwendung geeigneter Vorrichtungen, langsam herab- aelassen werden.
§ 2.
Zuwiderhandlungen gegen vorstehende Bestimmung werden in Gemäßheit des § 366 pos. 10 des Str.-G.-B. mit
Geldstrafe bis zu 60 Mk. oder mit Haft bis zu 14 Tagen bestraft.
§ 3.
Diese Polizeiverordnung tritt mit dem Tage ihrer Verkündigung in Kraft.
Gießen, den 18. Juni 1895.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
I. V.: Wolff, Regierungs-Assessor.
Abonnements - Einladung
Zum Bezug des „Giehener Anzeiger" für das 3. Vierteljahr 1895 laden wir hiermit ergebens! ein. Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntniß seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten der zuverlässigsten telegraphischen Nachrichten-Bureaus sowie zahlreiche Mittheilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorfälle in demselben auf dem Laufenden. Unterstützt durch an allen Orten der Provinz Oberhessen ansässige Berichterstatter, ist der „ Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die - interessanten Vorgänge in der Provinz so frühzeitig wie möglich zur Kenntniß seiner Leser zu bringen, desgleichen wird den Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im localen Theile des Anzeigers zu Theil werden. Der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirthschaft wird der Anzeiger durch Veröffentlichung von allem Wissens- werthen aus dem Gebiete derselben besondere Berücksichtigung zu Theil werden lassen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Haus- wirthschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsteren und heiteren Inhaltes den erwünschten
Unterhaltungsstoff bieten. Außerdem werden die „Gietzener Farnilienblätter", welche dem Anzeiger wöchentlich 3 mal beigelegt werden, und die stets ein gewähltes Feuilleton als Unterhaltungsstoff bringen, namentlich im Kreise der Familien eine beliäte Beigabe bieten.
Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, chre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhinzutretende erhalten vom Tage der Bestellung bis 1. Juli den Anzeiger kostenfrei zugestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe- Nummern nach auswärts postfrei zu versenden. Dm Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnementsbetrag durch Quittung erheben lassen, falls nicht ausdrückliche Abbestellung erfolgt.
Hochachtend
Verlag des „Gietzener Anzeiger"
Brühl'sche Univ.-Buch- u. Steindruckerei (Pietsch & Scheyda).
Cocotes und ptwittjUUw#
0 Groh-Eichen, 18. Juni. Der heutige zweite Festtag (der gestrige war ein Ruhetag, da nach dem Herkommen der heutige Tag der Kirchwethe gilt) war von ungleich besserem Wetter begünstigt, als der erste, eigentliche Bundesfesttag und nahm einen recht schönen Verlauf. Am Nachmittag durchzog wiederum ein Feftzug, eröffnet von Spitzenreitern mit der neuen Fahne, die, nebenbei bemerkt, recht geschmackvoll gearbeitet ist, die OrtSstraßen und begab sich nach dem Festplatze, wo sich bald bei Musik, Tanz und Gesang ein fröhliches Treiben entwickelte. Gegen Abend zog ein schweres Gewitter herauf, die Festgäste zur Heimkehr treibend.
-38- Ossenheim, 19. Juni. Bei uns ist das HeugraS in einigen Lagen so billig geworden, daß der Centner Futter auf der Wiese nicht höher als 60 bis 70 Pfge. zu stehen kommen wird. So billige Preise bei so guter Qualität haben wir lange nicht erlebt. Das Gras ist auf vielen
Fenilleton.
Wochcndrirfe aus der Residenz.
(Origtnalbericht deS „Gießener Anzeiger".)
Z. Darmstadt, 21. Juni.
Bo» Sommertheater. Waldfest der Humanitas. Verschiedene Feste.
Ans eine sehr erfolgreiche Woche kann diesmal die Di- rectiou des Sommertheaters zurückblicken, denn seitdem vergangenen Freitag hat das Unternehmen recht beachtens- werthe künstlerische und materielle Erfolge erzielt. Vor Allem war die Aufführung des unverwüstlichen „Boccaccio" von Supp« sür Darmstadt immerhin ein musikalisches Ereigniß, da das melodiöse Werk dabet seine Premiöre tu unserer Stadt erlebte. Der Name des jüngst verstorbenen Componisten hat seine Zugkraft am Freitag denn auch wirksam auögeübt, denn der Saalbausaal war fast ausverkauft. DaS Publikum erfreute sich an den von munterer Laune getragenen Leistungen der recht tüchtigen Kräfte des Operettenpersonals und spendete reichen Beifall. Eine eigenartige Novität kam am Samstag zur Aufführung, Max Halbes sogen. LiebeSdrama „Jugend", daS in Berlin weit über 300 AuMhrungen erlebt hat, hier jedoch nicht sonderlich gefiel. Mag sein, daß die Darstellung des ungemein schwierigen Werkes über die Leistungsfähigkeit -es Sommertheaters hinauSging oder daß dem Publikum der ganze Borwurf der Dichtung nicht zusagte, jedenfalls dürfte daS Stück sich nicht für lange Zeit auf dem Spielplan erhalten. Sudermanns „Ehre" erntete dagegen auch am Sonntag einen großen Erfolg und ebenso fanden die Wiederholungen, die uns diese Woche brachte, Beifall. Die Direction, deren Unternehmen die im letzten Sommer vergrößerte Saalbaubühne recht gut zu statten kommt, bietet offenbar Alles auf, um das Interesse des Publikums für die Dauer des Sommers zu fesseln.
Einen guten Tag hatte am letzten Sonntag auch das Skating-Ring-Orpheum, zu dessen Vorstellungen nicht weniger wie 2000 Personen erschienen waren. Als
Hauptanziehungsnummer des Programms gilt sür die nächste Zeit die Vorführung dresfirter Bären und ein Rtngkampf mit denselben.
Dann wäre heute noch über das große Sommerfeft zu berichten, das der Männerchor „Humanttas" am vergangenen Sonntag seinen Mitgliedern und Gästen in Auerbach bot. Der Himmel zeigte sich der Veranstaltung günstig und so konnte der Verlauf nur der beste sein. Die Ruine und der innere Burghof waren prächtig geschmückt und hier entwickelte sich nach der Ankunft der Feftgäfte, die der Extrazug brachte, bald ein fröhliches, buntes Getriebe. Die größte Aufmerksamkeit fesselte ein recht hübsches Festspiel „Im Wildbann alter Zeit", das von dem Vereinöpräfidenten, Herrn E. Harr es, gedichtet war. Der Inhalt brachte die Wildmeister der Herren von Frankenstein, Lorsch, Dreietchenhain u. s. w. mit den Vertretern der Jetztzeit, dem Sprecher der „Humanitas" und den Damen des Vereins zusammen und bot zu manch poetischem Vergleich alter und neuer Zeitver- hältnisse Gelegenheit. Das Stückchen, das von Mitgliedern des Vereins auf der prachtvollen „Naturbühne" des Burghofes dargestellt wurde, fand fröhlichen Anklang und Beifall bet dem nach vielen Hunderten zählenden Publikum. Dann gab man fich den Freuden des Juxplatzeß hin, wo CarouffelS und Schießstände, eine Tombola rc. Gelegenheit zu den aus- erlesensten Genüssen bot. Daß die Stimmung bis zur späten Abfahrt des ^Extrazuges die lustigste blieb, bedarf keiner Versicherung und alle Preßbertchte sind denn auch wieder über den sehr gelungenen Verlauf des Festes der HumanitaS einig.
Zu einem 1 ^tägigen Ausflug in den Schwarz- wald benutzte die Section Darmstadt des Alpender eins den verflossenen Samstag und Sonntag. Es ging in den Schwarzwald, dessen schönste nördliche Punkte — Baden-Baden, Mummelsee rc. — besucht wurden. Ueberhaupt find die touristischen Vereine der Stadt zur Zeit sehr thätig und vor Allem verspricht die Enthüllung des Ohly- denkmalS in Neunkirchen am nächsten Sonntag ein außergewöhnliches Fest zu werden. In dem nächsten Briefe berichten wir darüber ausführlicher.
Die Mittheilungen über daS große Rennen, daS am 7. Juli in Kranich stein stattfinden soll, können wir heute dahin vervollständigen, daß das Zustandekommen der Veranstaltung nun völlig gesichert ist. Das Rennprogramm ist bereits aufgestellt und enthält unter Anderen als besonders interessante Nummer ein Trabrennen für Landwirthe, das Gelegenheit geben soll, die Leistungsfähigkeit der im land- wirthschastlichen Betriebe in Hessen gebrauchten Reitpferde auf der Rennbahn zu erproben.
Auch die Vorbereitungen zu den großen patriotischen Jubiläums feierlich kett en'im August und September schreiten vor. Auf dem Exercterplatze wird schon der Festplatze bet der großen Halle eingezäunt. Ob thatsächlich auch die Feier der Grundsteinlegung zum Monumen Ludwigs IV. im August stattfinden kann, ist immer noch zweifelhaft, zumal neuerdings wieder mitgetheilt wird, daß die vteldtscutirte Platzfrage noch einmal erörtert werden soll, um daun hoffentlich endgültig entschieden zu werden. Hoffentlich ist auch bis zum August die nun schon Wochen lang dauernde Reparatur des RefidenzschlosseS beendet. Der Gerüstbau, der den mächtigen Bau nun schon lange umgtbr, um die Herstellung eines neuen Verputzes zu ermöglichen, dient nicht gerade zur Zierde.
Unsere technische Hochschule, wenigstens die bis jetzt fertig gestellten Institute für Electrotechnik und Electro- chemie, erhielten in der letzten Woche großen Besuch. Die in Frankfurt tagenden Mitglieder der deutschen Gesellschaft sür angewandte Chemie waren zu einer Besichtigung der genannten Institute herübergekommen und unternahmen unter Führung der AbtheilungSvorstände einen Rundgang durch die prachtvollen neuen Gebäude. Im Herbst wird nun der ganze Gebäudecomplex seiner Bestimmung übergeben und bei der raschen Förderung der Arbeit durch die den; auausschuß bildenden Herren Docenten ist die Vollendung bis zu Semester- anfang nicht zu bezweifeln. Darmstadt besitzt dann eine technische Hochschule allerersten Range» und die Studentenzahl, die dem ersten Tausend schon jetzt sehr nahe ist, dürfte fich dann noch bedeutend vergrößern.


