Nr. 145 Drittes Blatt
Sonntag den 23. Juni
1S95
Der
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Die Eröffnung des Nord-Offsee-Canals.
Wolff» telegraphisches Corresvondmz-Bureau.
Holteuau, 21. Juni. Der Präsident des Reichstages Freiherr von Buol hielt vor der Ceremonie deS Hammer- schlageS bei der Schlußsteinlegung folgende Ansprache an Se. Majestät den Kaiser: „Eure Kaiserliche und Königliche Majestät wollen heute geruhen ein Unternehmen abzuschließen, wie es auf vaterländischem Boden an Großartigkeit der Leistungen, der Technik und der Industrie noch nicht hergestellt ist. Nach acht Jahren mit Gottes Hülfe, ohne Störung der aufgewendeten Arbeit sehen wir ein Bauwerk Vollender, welches deutsche Herzen und deutscher Geist seit lange sehnsüchtig erstrebt und geplant haben, welches zunächst bestimmt ist, die nationale Wehrkraft zu stärken und den deutschen Handel und Verkehr zu fördern. So dürfen wir uns der Hoffnung hingeben, daß das gelungene Werk dauernd auch seinen weiteren Zweck im reichsten Maße erfüllen werde, den Zweck, dem internationalen Verkehr einen nutzbringenden Weg zu erschließen. Geruhen Ew. Majestät den Hammer huldvollst entgegen zu nehmen, den ich Namens der deutschen Volksvertretung zu überreichen die Ehre habe, und damit zur Weihe deS Unternehmens den letzten Hammerschlag zu führen. Möge Gottes reichster Segen denselben begleiten."
Kiel, 21. Juni. Die vom Reichskanzler verlesene, in den Grundstein gelegte Urkunde lautet: „Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden, Deutscher Kaiser König von Preußen rc., thuen kund und fügen hiermit zu wissen: Das Werk, zu welchem Unseres in Gott ruhenden Herrn Großvaters, des Kaisers Wilhelm L, Majestät am 3. Juni deS Jahres 1887 im Namen des Reiches den Grundstein gelegt hat, — die unmittelbare Verbindung der deutschen Meere — steht vollendet vor Unseren Augen. Ein beredtes Zeugniß deutscher Thatkraft und vaterländischen Fleißes, ist es entstanden, begleitet von der hoff- uungsfreudigen Theilnahme aller Glieder deS Reiches unter dem sichtbaren Schutze des Himmels, desien Gunst während deS Baues vom Vaterlande jede Störung des Friedens fern- gehalten hat. Und wenn Wir heute mit hoher Befriedigung die Erwartungen der Erfüllung näher geführt sehen, welche daS Reich an die Herstellung einer für die Zwecke der Kriegsund Handelsflotte ausreichenden Wasserstraße zwischen Nord- und Ostsee geknüpft hat, so gereicht eS Uns zu besonderer Freude, daß Wir, umgeben von dem erlauchten Kreise Unserer hohen Verbündeten, in Gegenwart der Ver
treter deS Volkes und unter der dankenswerthen Betheiligung der Abgesandten befreundeter Mächte, deren Geschwader Wir in Unserem ersten, ihnen gastlich geöffneten Kriegshafen willkommen heißen, diese Straße dem Verkehr übergeben können. Wie Wir eS als die vornehmste, von den Vätern überkommene Pflicht Unseres kaiserlichen Amtes betrachten, durch Erhaltung des Frtedens^die Errungenschaften der deutschen Stämme auf dem Gebiete der nationalen Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung in ihrer weiteren Entwickelung sicher zu stellen, so halten Wir fest an dem Bestreben, der vaterländischen Arbeit im heißen Wettbewerb freie Bahn zu schaffen und sie zu schützen । vor den Gefahren ihres Berufes. Aber nicht nur dem
Baterlande und seinem Handel, seiner Schifffahrt und seiner Wehrkraft soll der Canal sörderlich sein. Indem Wir ihn in den Dienst des Weltverkehrs stellen, eröffnen wir neidlos allen seefahrttreibenden Völkern die Theilnahme an den Vortheilen, welche seine Benutzung gewährt. Möge er, ein Friedenswerk, allezeit nur dem Wettkampfe der Nationen um die Güter des Friedens dienstbar sein! Indem Wir besehlen, daß der Canal für die Schifffahrt aller Völker geöffnet werde, wollen Wir zugleich, daß an der Stelle, an welcher derselbe in Unseren Kriegshafen mündet, ein Denkmal errichtet werde, welches der Nachwelt Kunde gibt von der durch Uns in Gegenwart Unserer hohen Verbündeten vollzogenen denkwürdigen Eröffnung der neuen Verkehrsstraße. Mit diesem Denkmal wünschen Wir zugleich einen Theil des Dankes abzutragen, den das deutsche Volk dem großen Kaiser schuldet, welcher vor nunmehr fünfundzwanzig Jahren die deutschen Stämme zu einem ewigen Bunde geeint und in weiser Voraussicht das jetzt vollendete Werk begonnen hat. Der reiche Segen, welcher das Walten des unvergeßlichen Kaisers begleitet hat, möge auch auf diesem Werke ruhen! Gegenwärtige Urkunde haben Wir in zwei Ausfertigungen mit Unserer Allerhöchsteigenhändigen Namens- unterschrist vollzogen und mit Unserem größeren Kaiserlichen Jnfiege! versehen lassen. Wir befehlen, die eine Ausfertigung mit den dazu bestimmten Schriften und Münzen in den Grundstein des Denkmals niederzulegen, die andere in Unserem Archiv aufzubewahren.
Gegeben Holtenau, 21. Juni 1895.
(gez.) Wilhelm.
(ggez.) Fürst zu Hohenlohe.
Berlin, 20. Juni. Wie nachträglich dem „Hann. Cour." gemeldet wird, äußerte sich der Kaiser bei feinerJnspection
der Kanalarbeiten bei Holtenau sehr abfällig darüber, daß dort auf fiscalischem Boden von Privatunternehmern vier bis fünf Tribünen errichtet wurden, weil es dadurch den weniger bemittelten Klassen der Bevölkerung sehr erschwert werde, an der Eröffnungsfeier theilzunehmen. Es war die Absicht des Kaisers, diesen Raum für Jedermann frei zu halten. Er wollte schon den Abbruch der Tribünen befehlen, da sie aber bereits fast sertiggestellt waren, so willigte er schließlich darein, sie stehen zu lassen.
Kiel, 21. Juni. Dem Vernehmen nach sind aus Anlaß der Hamburger und Kieler Festlichkeiten vom Kaiser insge- sammt 160 Ausz e ichnun gen verliehen worden. Der Wirkl. Geheime Oberbaurath Baensch wurde zum Wirk!. Geheimrath mit dem Prädicate Excellenz ernannt.
Depeschen de» Buremr »Herold".
Kiel, 21. Juni. Programm für die Feierlichkeiten zur Eröffnung des Nord-Ostsee-Canals: Sonnabend, 22. Juni. 6*/4 Uhr Morgens: Der Kaiser schifft sich mit seinem Gefolge auf dem „Kurfürst Friedrich Wilhelm", die deutschen Fürsten mit Gefolge und Ordonnanzoffizieren und die regierenden Bürgermeister der Hansestädte, sowie die fremden Fürsten mit Gefolge und Ehrendienst auf der „Hohenzoüern" »ein. 7 Uhr Flottenmanöver für daS Manövergeschwader. Die „Hohenzollern" folgt der Manöverflotte, die sonst zugelaffenen Schiffe schließen sich der Kaiserlichen Aacht an. Diejenigen Reichsgäste, welche das Flottenmanöver beobachten wollen, begeben sich sämmtlich auf die Dampfer „Kaiser Wilhelm II." und „Augusta Victoria." Gegen 12 Uhr : Rückkehr in den Kieler Hafen. Nachmittags: Rückreise gemäß den Beförderungsbestimmungen.
Kiel, 21. Juni. Heute Nachmittag um 3 Uhr begann im Kieler Hafen die Flottenrevue. Sämmtliche deutschen Fürsten mit Gefolge, die regierenden Bürgermeister der freien und Hansestädte, sowie die fremden Fürstlichkeiten wohnten auf der „Hohenzollern" der Flottenrevue bei. Die fremden Botschafter und fremden Gesandten, der Reichskanzler Fürst Hohenlohe, die Minister, die Präsidien des Reichstags und des preußischen Landtags hatten sich auf dem Aviso „Grille" eingeschifft. Die Floltenparade nahm einen glänzenden Verlauf. Die Mannschaften sämmtlicher Schiffe hatten auf Deck Aufstellung genommen und erwarteten das Herannahen der „Hohenzollern", aus welcher der Kaiser sich befand. Der Kaiser stand auf der obersten Commandobrück
Feuilleton.
„F a r b t n b l i n b“.
Don Marie Treuter.
(Nachdruck derboten.)
Er hieß ArminiuS Werter.
Ad 1 war er primus omnium, ad 2 der hübscheste Bnrfch deS ganzen Gymnasiums zu B. und ad 3 bis über beide Ohren verliebt.
Ja, verliebt war er, rasend, bis zum Tollwerden verliebt in zwei braune Augen.
Armin Werter! Er schrieb sich zwar ohne h, indessen sein Namensvetter konnte mit seinem h kaum unglücklicher gewesen sein, als er.
„Jeden Tag vor ihr sich zeigen, schweigend lieben, liebend schweigen, scheiden —"
Nein, scheiden wollte er nicht. Im Gegentheil, er behauptete seinen Platz im Hinterstübchen der Madame Koch mit einer Vehemenz, die einer größeren Sache würdig gewesen wäre. Madame Koch hielt eine bescheidene Privat- pension für junge Männer, größtenrheils Schüler der höheren Lehranstalten zu B. Armintus Werter entstammte einer, wie eS schon sein Name andeutete, kraftvollen Bauernfamtlie in Pommern.
Bisher hatte er seinen Kameraden gegenüber immer den Protzen gespielt, aber seitdem er urplötzlich sein comfortables PrivatlogiS mit der wenig renommirten, aber billigen Pension der Madame Koch vertauscht hatte, war er in der Achtung seiner im wahren Sinne des Wortes oft sehr theuren Freunde um ein Erhebliches gesunken.
Arminius Werter kümmerte indeffen die momentane Minderwerthigkeit seiner Person nicht, im Gegentheil ließ er alle etwaigen Sticheleien mit stereotypem Gleichmuthe über sich ergehen und lebte nur noch seiner Liebe.
„Und er baut sich seine Hütte (wie weiland Ritter Toggenburg) jener Gegend nah, wo das Kloster aus der Mitte düstrer Linden sah."
Linden waren eS freilich nicht, sondern ein alter Birn
baum, der mitten in dem etwas primitiven Hofe seine Aeste zum Himmel emporstreckte- auch war das Gebäude, welches Arminius WerterS im dritten Stock belegenen Hütte gegen« überstand, kein Kloster, sondern eine Art vornehmer Mieths- kaserne.
Aber das Fenster seiner Liebe war da und — „Bis zum Abendschein, stille Hoffnung im Gesichte, saß er da allein."
Wo hatte Arminius Werter die braunen Augen zum ersten Male gesehen?
Ein Wonneschauer durchrieselte ihn, wenn er jenes Augenblickes gedachte. Ein erhebender Augenblick war eS gewesen, erhebend für ihn im wahren Sinne des Wortes.
Er hatte zu ihren Füßen gelegen als Held, als Retter — auf dem Eise. Ja, auf dem Eise war es gewesen, am 23. December.
In langen Bogen hatte er schon zu wiederholten Malen allein die Bahn durchkreuzt, seltsam, obgleich Luctlie, der blonde Backfisch mit den blauen Augen, zweimal absichtlich seine Linie pasfirt hatte.
Pah — Lucilie hatte blaue Augen — und er liebte doch braune. Zwar damals kannte er die braunen noch nicht. Gleichviel--
Aber zur Sache.
Plötzlich tauchte vor ihm eine Gestalt auf, schlank, graziös, in pelzverbrämter Jacke und Mützchen.
Bewundernd folgten seine Blicke ihren eleganten Bewegungen.
Da — was war daS? Eine Horde halbwüchsiger Buben stürzte auf sie zu, sie wird umzingelt. Wüstes Geschrei ertönt. Hilflos suchen ihre Blicke nach einem Beschützer. Er schießt auf sie los, sein kräftiger Arm durchbricht den Kreis, links und rechts theilt er Püffe auS. Die Burschen stoben auseinander. Sie war gerettet.
Er liegt zu ihren Füßen, — unfreiwillig allerdings.
Im letzten Augenblick hatte ihm ein unverschämter Bursche mit der wenig schmeichelhaften Bemerkung: „Grünnäfiger Zterbengel" ein Bein gestellt.
Er erhebt sich schnell und ihre Augen begegnen sich.
Ach, diese braunen Augen, wie sie ihn anblickten, so dankbar, so liebevoll. In seinem Leben würde er diese Augen nicht vergeffen.
WaS sie miteinander gesprochen hatten, er wußte eS nicht mehr. Seine einzige Erinnerung waren die braunen Augen. Sie verfolgten ihn bei Tag und in der Nacht, wie zwei glänzende Kometen thronten sie an dem Himmel seiner Phantasie.
Arminius Werter war ein ganz anderer Mensch ge- geworden. Aus dem schneidigen, vielumschwärmten Burschen wurde plötzlich ein träumender, schmachtender Jüngling. Wer schildert die qualvollen Stunden, die er durchlebte, ehe er sein Ideal wiederfaud.
Einem Schemen gleich, war sie seinen bewundernden Blicken entschwunden. Sie hatte ihm gedankt, allerdings, aber so schnell, daß er nicht einmal Zeit gefunden, sich ihr vorzustellen. Auch ihren Namen hatte sie ihm nicht genannt.
Das war bitter - und er war doch ihr Beschützer gewesen. „Warum werden die Verdienste großer Männer oft erst nach ihrem Tode anerkannt?"
Immer mußte er bei der Erinnerung an den schönsten Traum seines Lebens an dies Thema eines kürzlich verfaßten Aufsatzes denken! Dies Thema erinnerte ihn nicht nur an die süßesten, sondern auch an die schrecklichsten Minuten seines Lebens.
Arminius Werter liebte nicht nur, er haßte auch. Merkwürdig, der Gegenstand seiner Liebe hatte braune Augen und der seines Hasses ebenfalls.
Ja, Profesfor Alfred Gottfried Müller hatte braune Augen, welche aber gewöhnlich mit einer schwarz gläsernen Brille bewaffnet waren.
Einmal hatten ihn jene süßen braunen Augen angeblickt, und einmal, ja einmal nur, diese brtllenbewaffneten ohne Brille, aber eS hatte genügt, auch jene letzteren für die Dauer seines Lebens seiner Erinnerung einzuprägen.
(Fortsetzung folgt).


