Ausgabe 
22.10.1895 Erstes Blatt
 
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Hilfe Schreienden ihrem Schicksale überlassen. Nur einer von den Sieben wurde noch lebend von den Wogen an den Strand geworfen.

Shanghai, 20. October. Nur der dritte Ingenieur und elf Chlnesea von der Besatzung des TransportschiffesKung- pat" wurden gerettet. Die Zahl der an Bord befindlichen Mannschaft betrug 400.

Depeschen bei Bureau .Herold*.

Berlin, 20. October. Bor der zweiten Strafkammer (Brausewetter-Kammer) stand gestern gegen den Redacteur desVorwärts", Dterl, wegen Beleidigung der Kieler Polizeibehörde Termin an. Bon Seiten des Angeklagten wurden Präsident Brausewetter und der LandgerichtSrath Granoke wegen Befangenheit abgelehnt. Da ein Ersatz- richter nicht zur Stelle war, mußte die Verhandlung vertagt werden.

WB. Berlin, 21. October. DieDirschauer Zeitung" meldet: In Sajonschek bei Skurz, Kreis Pr.-Stargard, brannte am Samstag Abend ein KathenhauS ab. Zehn Kinder verbrannten, fünf wurden gerettet. Die Eltern ar­beiteten auswärts. Man vermuthet ein Bubenstück.

Der Krieg von 1870|71,

geschildert durch Ausschnitte aus ZeitungS-Nummern jener Zett.

(Nachdruck verboten.) 22. Oktober.

Zu den eigenthümlicheu Schöpfungen, welche der Krieg in Berlin hervorgebracht hat, gehört die große Wurst- fabrtk. Ein Berliner Koch, Grünberg, hat ein sogenannte Erbswurst erfunden und sein Geheimniß dem KriegSministe- rium für den Preis von 37,000 Thalern verkauft. DaS Fabrikat ist nicht nur eine Erbswurst, sondern ein voll­ständiges Erbsengericht, in einen Darm gefüllt, getrocknet und dauerhaft gemacht. DaS Geheimniß besteht in einem Zusatz von Salzen u. s. w., welche verhindern, daß die Wurst" säuert. Die Vtehheerden brauchen dem Heere nicht mehr nachgetrieben zu werden, man ist also nicht in Gefahr gesetzt, daß Seuchen unter dem Vieh auSbrechen und die vielen tausend Centner Knochen und Häute bleiben zu Hause und am großen Markt. Die Wurftfabrik beschäftigt ein Arbeiterpersonal von 1200 Personen, von denen 20 Köche an je zwei Wurstbreikeffeln die Maffe bereiten, die von 150 Wurstsprttzen in die Därme getrieben wird.

Frankreich würde sich vielleicht fügen, Friedens­präliminarien aozunehmen unter der Bedingung: Schleifung von Straßburg und Metz, sowie Zahlung von zwei Milliarden Kriegsentschädigung. Preußen besteht aber auf Abtretung des Elsaß und eines ThetlS von Lothringen.

Paris wird nun auch zwei AmazoneacorpS haben. Das eine soll von einem Herrn Bellh organifirr werden. An der Spitze des andern steht ein Frauencomitv- beide verlangen Zuavenhofen und Waffen, um auf die Wälle zu gehen.

Versailles, 21. October. Heute Mittag französischer Ausfall mit bedeutenden Kräften vom Mont Valerien auS unter den Augen Seiner Majestät des Königs siegreich zurück­geschlagen. BiS jetzt constattrt: Ueber 100 Gefangene und zwei Feldgeschütze in unseren Händen. Dteffeittger Verlust verhältnißmäßig gering. Wenn über dieses Gefecht, wie nicht zu bezweifeln, ein neuer französischer SiegeSbericht erscheint, so wird dies der beste BewelS für die außerordentliche Genügsamkeit unserer Gegner sein.

von PodbielSki.

General v. Werder hatte sich nach dem Äbrücken von Straßburg zunächst westwärts gewendet und ließ durch ein fliegendes CorpS unter dem General v. Degenfeld die Vogesen durchstreifen und zerstreute in den Tagen vom 5. bis 11. October in der Gegend von Etival und Eptnal Thetle der neu gebildeten Armee von Lyon. Am letztgenannten Tage wurde Eptnal, die Hauptstadt des Departements der Vogesen, besetzt und dann wendete sich der General v. Werder südlich, den Feind ununterbrochen vor sich hertreibend, bis dieser, zersprengt, theilS sich nach dem befestigten Lager von Belfort, im südlichsten Thetle deS Elsaß, thetlS ostwärts auf der Eisenbahn nach Dijon flüchtete. In weiterem Vordringen nahm das 14. CorpS Vesoul, die Hauptstadt deS Departe­ments Haute Saone.

und jprorHnywrttR».

leite, drn 21. October 1895.

* Empfang. Seine Königliche Hoheit der Groß- h erzog empfingen am 19. Oclober u. A. den Professor Dr. Hansen von der LandeSuniversilät Gießen.

** Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneteu- Äersammlung Donnerstag, den 2 4. October 1895, Nachmittags 4 Uhr pünktlich: 1. Gesuch des Schrift­setzers Wtlh. Röderer um Erlaubntß zur Errichtung eines Gartengeräthe-Häuschens. 2. DeSgl. deS E. H. Müller um Erlaubntß zur Erbauung einer Holzremtfe. 3. DeSgl. des W. Zurbuch um Erlaubniß zur Belassung einer Senk­grube. 4. Gesuch deS G. Bichl er um Erlaubniß zur Auf­stellung einer Halle von Rundholz. 5. DeSgl. desG. Ockel um Erlaubntß zum Bauen eines Stalles in der Sandgasse. 6. Baugesuch der Firma L. H eyl igenstaedt u. Co. für die Ltebtgstraße. 7. Die Verpachtung emeS Kellers unter dem Schulhause auf der Westanlage. 8. Gesuch deS H. T h t e l e um Verpachtung von Gelände am Lutherberg als Lagerplatz. 9. Die Anbringung von Läden an die Fenster des städtischen ForsthauseS. 10. DaS Geländer über den Klingelbach in der Ludwtgstraße. 11. Den Fortbildungsunterricht, hier: Vergütung für Reinigung der Schulsäle. 12. Herstellung einer Verbtndungöstraße zwischen SelterSweg und Südanlage- hier: Slraßenkoftendeitrag der evangelischen Ktrchengemeinde. 13. Straßenaulage auf der Nordanlage- hier: Verwerthung von Bauplätzen. 14. Gesuch deS Jos. Stein um Er- laubniß zum WirthschaftSbetrieb im Hause Neustadt 11.

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kirchliche Anzeigen -er evairg.Gemeinde.

Montag, den 21. Oktober, Abends 8 Uhr, BtbelflnnH tm Confirmandensaal der Hohanncskirche: 1. Briet Pauli an die Co- rtnther, Capttel 1. DerS 1 und die folgende. Pfarrer Dingelbeo.

Beweiskräftiger als alle Phrasen sind die Urtbeile von 2000 veuischrn Professoren und Aerzlen, wklch« bk Patent-Myrrholtn-Seife geprüft und sie wegen ihrer, feiner au deren Toilettefeife innewohnenden cosmetischen und hygtenischcn Eigenschaften. alS die beste Toilette - SesundbeitSsetfe »um täglichen Gebrauch für eine naturgemäße Pflege der Haut, warm empfohlen. Man lese die B'oschüre mit den Gutachten und fiter» zeuge sich durch einen Versuch von dem hohen san'tären Werth der Patent-Mrrrholtn-Seife, welche in allen guten Parfümerie- und Droguen-Gefchätten. sowie in den Apotheken x. i 50 Pfg. erhältlich ist und muh jede! Stuck die Patent'Nummrr 63192 tragen. 6228

15. DeSgl. deS Joh. Adolf Lenhardt zum Ausschank von Branntwein, Fronkturterstraße 64.

* * Denkmal für Großherzog Ludwig IV. Die Jury hat einstimmig daS von Herrn Professor Schaper gelieferte Modell als das zur Ausführung geeignetste bezeichnet.

Avg. JuokermanuSFritz Reuter Abend". Bei dem morgen DienStag statrfindendenReuterabend" kommt folgen­des neue, sorgsam auSgewählte Programm zum Vortrag: l. Abth.: 1. Schurr-Murr:Onkel Bräfig". (Abenteuer des Entipecter Drüsig, von ihm selbst erzählt.) (Pause.) II. Abth.: 2. AuS Ut mine Stromtid: Verschiedenes. 3. Einiges auSLäuschen un RimelS". Ausführliche Pro­gramme an der Saalkasse.

DaS Gießener UaiverfitatStafchenbuch für das Winter­semester 1895/96, herauSgegeden von FreeS u. Ta sch 6, Universitäts-Buchhandlung hier, ist erschienen. Das Buck, welches in feinen vorhergehenden Auflagen eine günstige Auf­nahme fand, ist tm Vergleich zur vorigen Auflage bedeutend erweitert und sonach in hohem Maße geeignet, über die ein­schlägigen Verhältnisse der Universität, wie der Stadt präciS Auskunft zu geben. Ein Jnseraten-Anhang, sowie ein großes Verzeichniß empfehlenSwerther Bücher vervollständigen das mit dem Bilde Sr. Magntficenz deS derzeitigen RectorS Professor Dr. Behaghel geschmückte Merkchen, welches, neben­bei bemerkt, an daS akademische Publikum gratis von der obengenannten Firma verabreicht wird.

* Wilhelm Keller. Der am 18. d. M. im hohen Alter von 82 Jahren verstorbene Buchdruckereibesitzer Wilhelm Keller wurde gestern Nachmittag unter großer Betheiligung Leidtragender zur letzten Ruhe bestattet. Herr Keller fand während seines arbeitsreichen Lebens, daS ihn besonders in den Kreisen seiner Berufsgenossen sowie des Buchhandels wegen seiner Leistungen auf dem Gebiete deS fremdsprach lichen Werkdrucks zu hohem Ansehen brachte, noch Muse, sich in den ihm durch das Vertrauen seiner Mitbürger Über­tragenen Ehrenämtern hervorragend thätig zu zeigen. So bekleidete er lange Jahre daS Amt eines Bürgermeisterei- Beigeordneten, war Mitglied deS Kirchenvorstandes und sonstiger gemeinnütziger Vereinigungen. Sein einfaches, fast i bescheidenes Wesen, sein streng rechtliches, ehrenwertheS Ver­halten besonders seinen Berussgenossen und Mitbürgern, sein Wohlwollen seinen Arbeitern gegenüber sicherten ihm auf seinem langen Lebenswege die verdiente Achtung. Unter den seinem Sarge Folgenden befanden sich fast vollzählig die hiesigen Buchdrucker- viele unter ihnen waren entweder seine Schüler oder Hanen früher als Gehülsen Gelegenheit, ihn als Meister seines Faches und treuen Berather schätzen zu lernen. Die 50jährige Feier seines Buchdrucker Jubiläums am 24. Juni 1880 gab ihnen das letzte Mal Gelegenheit, dieser Verehrung Ausdruck zu geben, obwohl er schon damals in Folge der Gebrechlichkeit des Alters an der Feier nicht theilnehmen konnte. WaS er als Mensch, Bürger und Christ gewesen, I schilderte in beredten Worten am Grabe Herr Pfarrer I Schlosser, sein Wicken im Dienste der Stadt stellte Herr Oberbürgermeister Gnauth ins trefflichste Licht und seine Thätigkeit als Angehöriger der Loge Ludwig zur Treue und der Schwesternlogen, rühmten die Herren Fabrikant F.C B.Koch undOberlehrerF u h r, ihre von Herzen kommenden Ansprachen mit herrlichen Kranzspenden begleitend. Möge Herrn Keller die Erde leicht sein!

* * Diebstahl. In der vorigen Woche wurde bei einem Umzug ein Kiste Wein gestohlen. Der Thäter, ein junger Mann von hier, welcher bei dem Umzug beschäftigt war, ist heute Morgen am Bahnhof, gerade als er im Begriff war abzureisen, verhaftet worden.

B"* Die Vereinigung der Gießener in Darmstadt feierte kürzlich ihr 2. Stiftungsfest. Die Festrede hielt Herr Polizei- commissär Kraemer. In kurzen, schwungvollen Worten legte derselbe den überaus zahlreich erschienenen Anwesenden die Zwecke und Ziele der Vereinigung dar. Concert und Theater, im Verein mit Gesangs- und humoristischen Vor- trägen wechselten nun in angenehmer Reihenfolge und ver- liehen der in jeder Beziehung wohlgelungenen Feier die rich­tige Würze. Erst ist später Stunde trennte man sich, nach­dem ein kleines Tänzchen die schöne Feier beschloß.

* Vorboten des Winters. Gestern Nachmittag gegen 5 Uhr zogen in langgestrecktem Dreieck kurz nacheinander zwei Schwärme Schneegänse südwärts.

** Der Gießener Cigarrendieb uud Einbrecher Pütz vor Gericht. In der Strafsache gegen die große Diebes- und Hehler-Gesellschaft Pütz und Gcnoffen wurde am Freitag wieder eine große Anzahl Zeugen vernommen. Durch die- elben wird bestätigt, daß bei der Familie Ztmmerman ein ebhaftcr nächtlicher Verkehr bestand. Die Nachbarschaft onnte vor dem AuS- und Eingang nicht schlafen, auch daS Bellen eines Hundes verrieth eS. Die Brandscheid fragte unter allgemeiner Heiterkeit, ob das Hündchen nicht kurz- ichtig sei, und deshalb wegen Jedermann belle. Die be- ragte Zeugin antwortete, daß daS Hündchen sehr gut sehe. I Der Vorsitzende bemerkte treffend dazu, daß daS Thterchen, wenn es schlecht sehe, wahrscheinlich desto besser höre. Ein Nachbar hörte in einer Nacht, daß eitel Freude im Hofe Zimmermanns wegen eines guten FangS herrschte, besonders I eiter klang dabei die Stimme des alten Zimmermann. Die beliebte deS Pütz, Katharina Frohnhöfer, kam einigemal zu Zimmermanns. Um den Pütz war besonders die Brandscheid resorgt, dieselbe wurde gesehen, als sie auSspähte, ob alles auber sei, damit Pütz sich entfernen könne. Jos. Zimmer­mann wurde cinigemale NachtS gesehen, daß er mit einem anderen Säckchen mit Inhalt nach Hause kam. Von einem Polizeidiener von Kostheim wird bestimmt erklärt, daß Pütz >ei der Verhaftung sich lebhaft widersetzte und den Revolver , og. Der Beamte will bei der Amtshandlung nicht weniger als 15 Verletzungen davon getragen haben. Eine in dem- elben Haufe mit Zimmermanns wohnende Frau hatte von )er Hock und Brandscheid Handtücher zum Säumen erhalten, I dieselben aber alsbald hinunter getragen und auf das Bett der Brandscheid gelegt. Die Zeugin wurde wegen Verdacht! I

anö» ttnö Volksrvirthschafi

rünberg, 19. Oclober. Fruchtpreise Welzen 15.02, Korn X 13,36. Gerste X 13,20, Hafer X 11,22, Erbsen X 15,00, Linsen X 00,00, Wicken X 00,00, tidn X 00,00, Kartoffeln X 0 00. Samen X 00,00.

der Hehlerei nicht vereidigt. Die Frau dcS Angeklagte« Hock, welche lebensgefährlich krank ist und commissarisch ver­nommen wurde, bestätigte, daß ihr Mann und Pütz in Bie­brich Wäsche stahlen, die nachher in vier Theile gettclr wurde. Einen bekam Hock, einen die Katharina Hock, emen die Brandscheid und einen die Frohnhöfer. Pütz gab der Brandscheid von ihm gestohlenes Geld, welches diese in Mainz in Gold umwecheln liefe. Die Katharina Hock scheint ein gutes Leben nicht gewöhnt gewesen zu fein. AlS sie mit Kreuz" und Hock einmal Käse und Champagner trank, genoß sie so viel, daß eS ihr schlecht wurde.

Zum Beweise,

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T Ellingshausen, 20. October. Heute am Tage des Kirchweihfestes wurde auch die Weihe unseres stattlichen, neuerbauten Schulhauses vollzogen. Da« ganze Dorf prangte im Festschmuck, Fichtevbäumchen schmückten die Straßen, Kränze und Tannenzweige die Häuser. Um drei Uhr stellte sich der Festzug auf, der sich zunächst an das Rathhaus, in dem sich die bisherigen UnterrichtSiocale befanden, bewegte. Nach dem GesängeUnfern AuSgang segne Gott", nahm man nach einer Ansprache deS Herrn Lehrer Rnöll Abschied von der seitherigen Wirkungsstätte, um diese in eia besseres Heim zu verlegen. So bewegte sich nun der Fest- zug auf den neuen Schulhof, wo die Schüler das Lied Alles, was Odem hat" fangen. Hierauf ergriff Herr Pfarrer Ritter das Wort, um an dem neuen Schulhause, dessen Zweck zum Lobe uud zur Ehre Gottes, zur Zier des Dorfes und zum Nutzen und Segen der Gemeinde gereichen möge, die Weihe zu vollziehen. Nach dem Schülergesang Lobe den Herren" überreichte Herr Kreiü-Ji-genieur Stah l unter Aussprache des Dankes, sür Alle, die zum Baue bei HauseS geholfen, die Schlüssel an den Vorsitzenden der Großh. Kreis Schulcommission, Herrn Provinzialdirector Frhr. v. Gag er n, welcher unter einer Ansprache die Schlüssel dem Herrn Bürgermeister übergab. Nun sang der Gesang­verein daS LiedMachet die Thore weit", worauf Herr Schulrath Büchner das Wort ergriff und hervorhob, daß tüchtige Lehrer mit Treue und Liebe ihren Beruf erfüllten, daß aber auch die Eltern dieses Wirken der Lehrer unter- | stützen und daß die Schüler ihren Lehrern mit Liebe und ! Gehorsam entgegenkommen wüßten. Die Gemeinde sang: Nun danket alle Gott*, worauf der Bürgermeister ein dreifaches Hoch auf Herrn Ingenieur Stahl und die Kre«- Schulcommission ausbrachte und alsdann die Pforten de« neuen HaufeS öffnete. An die EinweihungSfeierlichkeit schloß sich daS Kirchweihfest, während die mit Bretzeln beschenkte ^Schuljugend sich am Carousselfahren ergötzte.

B. Büdingen, 20. October. Bekanntlich ist unser Höhenzug, derPfaffenwald", welcher gegen rauhe Nord- und Ostwinde geschützt, aber gegen Süden und Westen frei gelagert ist, mit den Bergwänden auf der südwestlichen Seite der Ronneburg, die einzige Lage in unserer Provinz, wo ein trinkbarer Wein gezogen werden kann. Der für die Winzer in unvergleichlicher Weise sorgende 1895r Sommer und Herbst haben nun auch auf unseren Rebbergen einen Weintropfen gezeitigt, wie er nur einige wenige Male in jedem Jahrhundert vorkommt. Die Trauben wurden nach und nach goldgelb, wie Bernstein. Wenn man eine Beere, die ganz dünnhäutig geworden, zerdrückte, kam ein Saft wie Syrup zum Vorschein, der rote feiner Leim an den Fingern klebte. Das deutete auf hohen Zuckergehalt. Die Wägungen mit der Oechsle'schen Mostwage ergaben 100 bis 104 Grad bei 6 bi« 7 pro Mille Säure. Daß dies einen ausgezeichneten Wein geben muß, ist selbstverständlich. Nur eins ist schade, die gewachsene Menge ist recht bescheiden; sie müßte das Dreifache sein, damit sich die Fässer füllten. Die Trauben wurden von den einheimischen Wirthen rasch weggekauft und der Most ist bald nach dem EtnfÜllen in energische Gährung übergegangen, waS bei dem starken Zuckergehalt nicht anders zu erwarten war. ES sind noch ältere Leute am Leben, welche sich deS ausgezeichneten Sommers und WeinjahreS 1834 erinnern. Mit diesem Jahrgange hat der 1895c die meiste Sehnlichkeit.

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