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Nr. 248 Erstes Blatt.
Dienstag den 22. Oktober
Der
(früftrntr Aazeiger ,rscheint täglich, mit Ausnahme deS Montag».
Die Gießener Wamtktendrslter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeig er
Kenerat-Mnzeiger.
1898
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Aintr- Nttd Anzeigeblatt für den Kreis Gieren.
Hratisöeitage: Kießener Kamilienökätter
Alle Annoncen-Bureaux deS In« und Au»lande» nehme» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für de, folgenden Tag erscheinenden Nummer btl Lorm. 10 Uhr.
Deutsche- Reich.
Berlin, 19. October. Wie die „Post" vernimmt, ist nunmehr von der leitenden Marinebehörde der Plan endgiltig aufgegeben, daS am 28. August d. I. in einem Sturm in der Jammerbucht untergegangene Torpedoboot „3 41" ganz ober getheilt zu bergen, da trotz aller angestellten Versuche das Boot nicht hat aufgefunden werden können- es wird daher an einen Ersatzbau für „8 41" zu denken sein.
Bochum, 19. October. In der heutigen Sitzung des Schöffengerichts wurde der erste Staatsanwalt Buchner wegen schwerer Beleidigung des Fabrikanten Barlen zu 50 Mark Geldstrafe verurtheilt.
München, 20. October. Anläßlich der Enthüllung des Kaiser Friedrich-Denkmals in Wörth hat Prinz-Regent Luitpold folgendes Telegramm aus Berchtesgaden an den Kaiser erlassen: „An der Enthüllungsfeier zur ehrenden Erinnerung an den ruhmgekrönten Führer der dritten Armee nehme ich auch in der Ferne Antheil und es drängt mich, die Gefühle an dem heutigen Feste auszusprechen. Luitpold." Hierauf traf vom Kaiser in Berchtesgaden folgendes Ant« worttelegramm ein: „Der Ausdruck der warmen Theilnahme am heutigen Tage hat mich hochbeglückt. Ich handle im Sinne meines hochseligen Vaters, des Führers der dritten Armee, wenn ich angesichts des heute enthüllten Denkmals, welches ein Zeichen der festen Waffenbrüderschaft bilden wird, dem ruhmreichen Antheil der bayerischen Armee gedenke und ihnen daher auch meinerseits die innigsten Glückwünsche am heutige Tage darbringe. Wilhelm, I. R."
Straßburg, 19. October. Bei dem Diner am gestrigen Abend im Kaiserpalast waren außer den anwesenden Fürst« ltchkeiten eingeladen: der Reichskanzler, der Statthalter, die Räthe erster Klaffe, die Generalität, baß Gefolge ber fürstlichen Persönlichkeiten. Reben würben nicht gehalten. Orden haben erhalten: StaatSsecretär v. Puttkamer den Kronen- orbcn erster Klasse, UnterstaatSsecretär v. Schraut den Titel Excellenz, General v. Mischke den Rothen AdlerOrden erster Klaffe mit Brillanten, Bildhauer Baumbach wurde zum Professor ernannt.
Straßburg, 19. Dctober. Die Kaiserin besuchte heute Vormittag in Begleitung des Bürgermeisters Back, des Ober« Hofmarschalls v. Mirbach und der Gemahlin des Statthalters «och weiter die Magdalenen-Kirche, die Anstalt der K einen Schwestern der Armen und das Münster, wo sie vom Bischof
Dr. Fritzen empfangen wurde und eine Viertelstunde verweilte. Der Kaiser ist um 12 Uhr 52 Min. wieder hier eingetroffen. DaS Wetter ist sehr günstig.
Straßburg, 19. October. Im Statthalter-PalaiS fand um 2 Uhr die angekündigte Tafel statt, zu welcher alle nach hier anwesenden fürstlichen Persönlichkeiten erschienen waren. Nach Aushebung der Tafel begab sich der Kaiser in daS Kaiser-Palais, um Audienzen zu ertheilen und Regie- rungSgeschäfte zu erledigen. Um 5 Uhr trat der Kaiser mit seiner Gemahlin die Rückreise nach Potsdam an. Am Bahnhofe hatten sich zur Verabschiedung vom Kaiserpaare ein- gefunden: der Großherzog von Baden nebst Gemahlin, der commandireude General deS 15. Armeecorps, General v. Blume, der Statthalter, StaatSsecretär v. Puttkamer und UnterstaatSsecretär v. Schraut, Baron Zorn v. Bulach, der Präsident der Reichseisenbahnen, MebeS, der BezirkSpräsident, Freiherr v. Frehberg, Bürgermeister Back und andere hohe Persönlichkeiten. Vor der Abreise sprach der Kaiser wiederholt seine Befriedigung über den Empfang im Elsaß auS. Im Laufe des heutigen Abends werden die übrigen Fürstlichkeiten ebenfalls abreisen. Prinz Heinrich von Preußen begibt sich btrect nach Berlin, um am 22. d. M. dem Geburtstage der Kaiserin beizuwohnen.
Straßburg, 19. October. Punkt 8 Uhr fuhr der Kaiser in Begleitung deS Prinzen Heinrich, des Statthalters, deS Chefs des Ingenieur Corps, von der Goltz, mehreren anderen Generalen und hohen Beamten mittelst SonderzugeS nach Mutzig, wo er sich mit der Drahtseilbahn nach dem Fort Kaiser Wilhelm zur Besichtigung desselben begab. Hierauf fuhr der Kaiser per Wagen etwa zwei Stunden lang durch daS kaiserliche Revier von Struth. Mit einem früheren Zuge sind der Landforstmeister Mayer und mehrere hohe Forstbeamte abgereist, um den Kaiser im Revier zu empfangen und zu begleiten. In Urmatt bestieg er von Neuem den Zug, um nach Straßburg zurückzukehren, wo er kurz nach 12 Uhr ankam. Um 2 Uhr folgte der Kaiser einer Ein- ladung zum Statthalter zum Diner. Die Kaiserin Friedrich ist kurz vor zehn Uhr nach Berlin abgereist. Die Kaiserin Victoria gab ihr daS Geleite bis zum Bahnhof. Heute Vormittag besuchte die Kaiserin Victoria mehrere Wohl- thätigkeitSanstalten, darunter die Krippe und daS Lehrerinnen- Heim.
Mutzig, 19. October. Um B1^ Uhr traf der Kaiser ——
in Mutzig ein und begab sich sofort auf die Veste Kaiser Wilhelm, wo er V/t Stunde mit der Besichtigung zubrachte. Sodann bestieg er den Wagen, um in den kaiserlichen Forst Struth zu fahren.
An-land.
Wien, 19. October. In Kutth bei Kolomea (Galizien) erhielt der Propst durch die Post eine Schachtel, welche angeblich eine Lampe enthielt. Der Propst schöpfte Verdacht und verweigerte die Annahme. Bei Oeffnung der Schachtel fand man in derselben eine Höllenmaschine, sodaß offenbar ein Attentat gegen den Geistlichen geplant war.
Paris, 19. October. Nach eingezogenen Erkundigungen ist die gestern von verschiedenen Blättern gebrachte Nachricht über die Verhaftung des bayrischen Offiziers v. Stuben- rauch erfunden.
Paris, 19. October. AuS Lille wird mitgethellt, daß sich daselbst ein Ausschuß von Gelehrten und Industriellen gebildet habe, welcher eine Subscription eröffnete, um zu Ehren Pasteurs ein Denkmal zu errichten.
Sofia, 19. October. DaS maccdonische Organ erklärt, die macedonische Revolution sei nicht erloschen, sondern der Kamps gegen die türkische Tyrannei werde bald wieder anfangen.
Neueste Nuchviehten»
WolffS telegraphisches Correspondmz-Bureau.
Berlin, 20. Dctober. Wie die Morgenblätter mitthellen, ist dem Oberhofmeister der Kaiserin, v. Mirbach, zu Schloß Urville eine Adresse der vereinigten Vorstände deS Pfingsi- hauseS und der Pfingstcapelle zu Potsdam überreicht worden, in welcher demselben der Dank für seine Förderung von Kirchenbauteu ausgesprochen wird, zugleich mit der Bitte, zu gestatten, daß ein Blldniß von Mirbach im neuen Sitzung«- saale der FriedenSkirchenparochie aufgehängt werde.
Wildparkstatiou, 20. Dctober. Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin trafen heute früh 8 Uhr hier wieder ein.
Rom, 20. Dctober. Aus Ancona wird gemeldet, daß ein auf hoher See vom Unwetter überraschtes Torpedoboot bei Falconava drei gekenterte Barken antraf, an die sich sieben Fischer anklammerten. Der eigenen Sicherheit wegen mußte daS Torpedoboot jedoch die verzweifelnd um
Feuilleton.
Wochendriese aus der Residenz.
(Originalbericht deS „Gießener Anzeigers").
Z. Darmstadt, 17. ütober.
Vegiuu der Concert Saison. Vom Journalisten- und Schriftsteller- Verein. Premiere im Großh. Hoftheater.
Berhältnißmäßlg spät öffnen in diesem Jahre die Concert« säle ihre Pforten zu Darbietungen, die wirklich die Signatur der beginnenden „Saison" an sich tragen. Die außerordentlich günstige Witterung ließ die reine Luft und die Ruhe auf den sonnigen Bergen des nahen DdenwaldeS und der benachbarten Bergstraße noch verlockender erscheinen als die Schwüle des ToncertsaaleS mit seinen mannigfachen nervenerregenden Ge- nüffen. Indessen einmal muß auch da der Anfang gemacht werden und so ist es denn in der zweiten Hälfte der ver- gangenen Woche geschehen. Den Beginn bezeichnete eine Soiröe, deren Hauptanziehungspunkt die indianlsche'„Prinzessin" Margurita PreahuntaS bot. Eine geschäftige Reclame hatte über die Lebensschicksale der jungen Dame einen leibhaftigen Raman veröffentlicht und so die Erwartung auf die von ihr in Aussicht gestellten musikalischen Darbietungen nicht minder hoch gespannt, als die Neugierde, ihre Persönlichkeit kennen zu lernen. Man muß gestehen, daß nach beiden Seiten hin man nicht enttäuscht wurde. Die „Prinzessin" ist eine junge Indianerin von sympathischer Gestalt mit einnehmenden Zügen und graziösem Auftreten, die von ihr gewählte phantastische Toilette erhöhte den vortheilhaften Eindruck ihrer Persönlichkeit um Vieles. Auch ihre Stimme, die in Frank, reich ausgebildet worden sein soll, ist von nicht gewöhnlichem Umfang und entbehrt nicht des metallischen Klanges, wenn- gleich noch etwas Schulung ihr kaum nachtheilig gewesen wäre, durch die jedenfalls gewisse Excentritäten, die dem Vortrage noch anhaften, auch ausgemerzt worden wären. Unter den übrigen in dem Concerte Mitwirkenden dürfte vielleicht noch der bekannte Liedercomponist Ludolph Waldmann interessiren, der durch eine Reihe hübscher
Recltationen dem Programm eine angenehme Abwechslung verlieh.
Das erste wirklich große Concert der Saison war die Aufführung von Händels „Messias" durch den hiesigen Musikverein. Gerade dieses gewaltige Werk des alten Meisters bildet einen vorzüglichen Prüfstein für die Leistungen und das Können eines Chores, eine Thatsache, die ja überall, wo große Mufikfeste gefeiert werden, stets von Neuem bewiesen wird. Trotzdem nun dem hiesigen Vereine die dort ja stets verfügbaren riesigen Kräfte lange nicht zu Gebote standen, sondern die Zahl der Mitwirkenden eine relativ geringe war, gelangten dennoch die prächtigen Chöre unter der künstlerischen Leitung des HoscapellmetsterS W. de Haan zu wahrhaft glänzender Wiedergabe, besonders das wunderbare „Halleluja" entfeffelte nicht endenwollende Beifallsstürme Seitens des außerordentlich zahlreich erschienenen Publikums. Der concertgebenbe Verein wurde in der vorzüglichen Bewältigung seiner nicht zu unterschätzenden Aufgabe durch die Mitwirkung namhafter auswärtiger Solisten, wie des Tenoristen Robert Kaufmann (Basel), deS Bassisten W. Feuten (Düsseldorf), der Altistin Frau Walter ChoinanuS rc. und der Großh. Hofcapelle, die den orchestralen Theil mit gewohnter Virtuosnät durchführte, wesentlich unterstützt.
Die Reihe der hervorragenden musikalischen Darbietungen ward in dieser Woche fortgesetzt durch ein großes Concert, daS der Männerchor „HumanitaS" arrangirte. AuS dem geschmackvoll zusammengesetzten Programm interesstrte neben den „Erinnerungen an JlinSkoe", einer reizvollen Composition Sr. König!. Hoheit des GroßherzogS, ein größeres Werk für Männerchor, Soli und Orchester, „Aegirs Dank", baß hier seine Erstaufführung erlebte. Der Text desselben, den G r e g o r Samarow verfaßte, behandelt ungefähr folgende Scene: Durch den „Sang an Aegir" ist der feit Jahrtausenden schlafende Beherrscher der Wogen erwacht. Er schickt Boten aus, um zu erforschen, wer ihn aus der Ruhe erweckte. Darauf wird ihm die Kunde, daß der Germanen Herrscher zu Schiff baß Meer durchfährt und als Hort des Friedens gen Norden zieht. Doch der Alte schüttelt ungläubig daß Haupt, läßt fein Drachenschiff lösen und eilt selbst empor,
um die Wahrheit zu ergründen. Da begegnet ihm des deutschen Kaisers stolzes, mit dem Adler beflaggtes Schiff, er ist überzeugt und stimmt frohlockend den Lobgesang an: Alfadur sei gepriesen rc. Daß Ganze klingt auß in einem Hymnus auf den höchsten Hort deß Friedens. Hierzu hat Musik- btrector Keifer eine außerordentlich wirkungsvolle Musik geschrieben, die in volkßthümlichen, leichtsaßlichen Melodien gehalten, ihrem talentvollen Autor alle Ehre macht. Wie in den hiesigen TageSblättern geschrieben wird, haben sowohl Se. Majestät der Kaiser als auch Se. Königl. Hoheit der Großherzog das neue Werk huldvollst entgegengenommen und Ihr Allerhöchstes Interesse für dasselbe auszusprechen geruht.
Auch der Darmstädter Journalisten- und S ch r i f t st e l l e r - D e r e i n hat seine dieSwinterlichen geselligen Veranstaltungen eröffnet. Recitirt wurden diesmal Gedichte von Th. Storm, G. Keller und K. F. Meyer, über deren Leben und Wirken der Präsident des Vereins sich bei Beginn des „Abends" eingehender verbreitete. Neben den genannten Darbietungen sorgten verschiedene hiesige erste Künstler und geschätzte Mitglieder der Hofoper durch vocale und instrumen- täte Vorträge für Abwechslung in dem mit künstlerischer Feinheit verfaßten Programm.
Im Großh. Hoftheater bildete den Mittelpunkt der Aufführungen seit der vergangenen Woche die Premivre einer Lustsplel-Novität von G. Davis: „Die Katakomben". DaS Stück behandelt baß Leben der an die düsteren Schreib« stuben und dumpfen BureauS der großen Gerichtshöfe und Behörden gefeffelten Glieder der menschlichen Gesellschaft, denen Aussichten auf irgend ein annehmbareres Dasein nur dann winkt, wenn sie entweder zufällig „entdeckt" werden ober ihnen Protection und vor Allem „weibliche" zu Theil wird, nicht ohne Witz geißelt der Verfaffer dabei die in seinem Lande, in Oesterreich, noch herrschende GünstlingSwirthschaft. Leider verführt ihn jedoch sein Streben nach allzuviel Satire häufig zu Plattheiten, unter denen der Eindruck und Ton des Ganzen empfindlich leidet. Trotzdem war der Erfolg der Novität ein sehr starker.


