Händler und auch Bauern werden durch solche Haft schwer geschädigt. Die Vorlage geht an eine 28er-Cimmisfion.
DimStag: Novelle jum Zolltarif.__________________________
Deutscher Reich.
Berlin, 19. Januar. Zu den Unterschlagungen im hiesigen königlichen Lethhause wird gemeldet, daß der Rendant der Kasse, dem Veruntreuungen in Höhe von 8000 Mark zur Last gelegt werden, verhaftet und ius Unter- suchungsgefängmß eingeliefert wurde. — Der zweite Vice- Präsident des preußischen Herrenhauses, der Oberbürgermeister Bö ttich er von Magdeburg, ist in letzter Nacht hier gestorben. — Die für Montag zur Fortsetzung der Berathung über die Verstärkung der Dtscip linarbe fugnisse des Präsidenten des Reichstages anberaumt gewesene Sitzung der GeschäftSordnungs-Commiifion ist auf Freitag vertagt worden. — Heute Mittag 123/4 Uhr empfing der Kaiser daS Präsidium des Herren« und Abgeordnetenhauses. In der Audienz deö letzteren berührte der Kaiser auch das Gebier der hohen Politik, wobei er die neuesten Ereignisse in Favkreich besprach. Auch die Kaiserin empfing beide Präsidien. — In einer in Charlottenburg abgehaltenen Schifferversammlung, welche von etwa 400 Schiffern besucht war, wurde das heute im Reichstage zur Berathung kommende Schiffergesetz als unannehmbar bezeichnet, weil es den Schiffern zu Gunsten der Kaufleute neue Lasten auferlege. — Die gestrige Sitzung des Staatsministeriums dauerte fünf Stunden. Schatzsecretär Posadowsky hat an derselben theilgenommen, woraus man schließt, daß Steuerfragen berathen wurden. — Die Reichstags-Baucommission beschloß, daß an der Westseite des Reichstagsgebäudes die Aufschrift: „Dem Deutschen Reiche" angebracht werden soll. — Der vom Reichstag angenommene Antrag aus Aufhebung des Jesuitertgesetzes dürfte, wie das Berliner Tageblatt zu wissen glaubt, diesmal bei der Reichs- regterung bezw. beim Bundesrathe eine freundlichere Aufnahme finden. Angeblich sei die Haltung deS Centrums gegenüber der Umsturzvorlage damit in Verbindung zu bringen.
Ausland.
Brüssel, 19. Januar. Wie bestimmt verlautet, wird die Regierung demnächst einen Gesetzentwurf in der Kammer ein- bringen, die Reform der Zolltarife betreffend. Darnach sollen mit Eingangszöllen belegt werden Getreide, Margarine, Butter, Schmalz, Hafer und Gerste. Bet der Rechten der Kammer soll für diese Schutzzölle eine Mehrheit bestehen.
Brüssel, 19. Januar. Im Ministerium des Innern wurde gestern Abend ein Ministerrath abgehalten, worin die definitive Erklärung über die'Annexion des Congo- staates festgestellt wurde. Die betreffende Erklärung wird der Kammer am nächsten Dienstag vorgelegt werden. Heute Nachmittag sollte abermals ein Ministerrath unter dem Vorsitz des Königs stattfinden.
Paris, 19. Januar. Die radicale Preffe ist über die Frage, ob Bourgeois die Bildung eines neuen Cabi- netS übernehmen soll, sehr getheilt. Floquet ist der An- ficht, daß die radicale Mehrheit dem neuen Präsidenten die Unterstützung verweigern soll. Der Präsiden^ der Republik muß sich ein Cabinet auS der Mehrheit bilden, welche ihn gewählt hat. — Bourgeois conferirte gestern länger als eine Stunde mit dem Präfidenten Faure und hat von ihm Bedenkzeit für die Bildung des Cabinets erhalten. Wenn Bourgeois die Bildung übernimmt, wird das Cabinet noch heute ernannt werden.
Loudon, 19. Januar. Die „Times" melden aus Rio de Janeiro, Brasilien beabsichtige, alle Militärattaches bei den europäischen Gesandtschaften abzuschaffen. — Dasselbe Blatt veröffentlicht mehrere Documente, welche nachweisen, daß China den Krieg gegen Japan seit langer Zeit vorbereitet hat.
Loudon, 19. Januar. Die Rettungsarbeiten in den Audleygruben sind aufgegeben, da sie monatelange Arbeit erfordern. Die in der Grube befindlichen 92 Personen sind dem sicheren Tode preisgegeben.
Warschau, 19. Januar. Generalgouoerneur Graf Schuwalow ist heute Mittag kurz vor 1 Uhr mittels Sonderzuges hier eingetroffen. Am Bahnhofe waren zum Empfang die Spitzen der Militär- und Civilbehörden, sowie der gegenwärtige Generalgouverneur-Stellvertreter General v. Medem erschienen. Die Ehrenwache stellte daS lithauische Leibgarde-Regiment. Graf Schuwalow fuhr vom Bahnhofe, geleitet von einer Escorte der Don-Kosaken, in die russische Kathedrale, sodann in das Palais Belvedere.
Hiroshima, 19. Januar. Meldung des Reuter'schen Bureaus. Eine amtliche Depesche meldet: Ein chine- sischeS Heer von 15,000 Mann, das von Liau Jang auf- gebrochen war, stieß am Morgen deS 17. Januar im Nordwesten von Haitscheng auf die Japaner. Die Chinesen wurden zurückgeworsen. Die Japaner hatten einen Todten und 40 Verwundete.
Neueste Nachrichten.
Depeschen deS Bureau „Herold".
Berlin, 20. Januar. DaS KrönungS- und Ordens- f e st wurde heute in Anwesenheit des KaiserpaareS, der Kaiserin Friedrich, sowie der Prinzen und Prinzessinnen deS königlichen Hauses begangen. Zu dieser Feier hatten sich die hier anwesenden Personen, denen der Kaiser heute Orden und Ehrenzeichen verliehen hat, im königlichen Schlöffe der- sammelt. Dieselben empfingen von der General-Ordens- commission die für sie bestimmten Dekorationen. Der „Reichs- anzeiger" veröffentlicht die sämmtltchen Ordensverleihungen. Es erhielten u. a. da» Großkreuz deS Rothen AdlerordenS mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe: der deutsche Bot- schaster in Madrid v. Radowitz, den Rothen Adlerorden erster Klaffe mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe:
die Generäle v. Krosigk, v. Rosenberg und o. Seebeck; den Rothen Adlerorden erster Klaffe mit Eichenlaub: General o. Bergmann, der Gouverneur von Straßburg, Graf Doen- hoff, der Gesandte in Dresden, General v. Goetze, com mandirender General des 7. Armeecorps, General Golz, Chef des Ingenieur- und PioniercorpS; den königlichen Kronenorden erster Klaffe: UnterstaatSsecretär v. Aichenborn, Cardinal Fürstbischof Kopp und Cardinal Erzbischof Clemens.
Wien, 20. Januar. Im Saale eines Gasthauses zu Horitz in der Nähe von KönigSgrätz wurde eine mit Explosivstoffen gefüllte und mit Draht umflochtene Flasche gefunden. Dieselbe wurde behufs Untersuchung dem Artillerie-Polytechnikum der Josefstadt übergeben. Die Untersuchung ist eingeleitet.
Paris, 20. Januar. Bourgeois berichtete gestern Abend dem Präsidenten Faure über seine Schritte zur Neubildung deS CabinetS. Bourgeois erklärte, der erste Act seines Ministeriums werde die Beantragung einer allgemeinen Amnestie, mit Ausnahme für Anarchisten und LandeSverräther, sein, demnach würde Gerauld-Richard srei- gelaflen, ferner würden Rochefort und Dillon wieder nach Frankreich zurückkehren dürfen.
Lyon, 20. Januar. Casimir Perier hat die Erklärung abgegeben, daß er kein Kammermandat anzunehmen beabsichtige.
totale« und
Gießen, den 21. Januar 1895.
•* Ordensverleihungen. Aus Anlaß des gestrigen Ordensfestes wurden von Sr. Majestät dem Kaiser u. A. nachstehend verzeichnete Personen mit den dabei benannten Orden ausgezeichnet: von Oppen, General-Major und Commandeur der 49. Infanterie-Brigade (1. Großherzogltch Hessische) — Perthes, General-Major und Commandeur der 44. Infanterie-Brigade — mit dem Rothen Adlerorden 2. Kl. mit Eichenlaub. — von Kröcher, Oberst und Commandeur deS 1. Großh. Hessischen Dragoner-Regiments (Garde- Dragoner-Regiment) Nr. 23, — Freiherr von Puttkamer, Oberst und Commandeur des 4. Großh. Hessischen Infanterie- Regiments (Prinz Karl) Nr. 118 — Rasmus, Oberst- Lieutenant und Abtheilungs Chef im Großen Generalstab, mit dem Rothen Adler Orden 3. Kl. mit der Schleife. — von Both, Major im 3. Großh. Hessischen Infanterie- Regiment (Leib-Regiment) Nr. 117 — von Erharde, Hauptmann im Infanterie-Regiment Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hessisches) Nr. 116 — Freiherr von Maltz ahn, Major im |1. Großh. Hessischen Infanterie (Leib Garde )Regiment Nr. 115 — Röchling, Major im. 4. Großh. Hessischen Infanterie-Regiment (Prinz Karl) Nr. 118 — Schott, Hauptmann im 3. Großh. Hessischen Infanterie Regiment (Leib-Regiment) Nr. 117 mit dem Rothen Adlerorden 4. Kl. — Freiherr von Manteuffel, Major im Generalftab der Großh. Hessischen (25.) Division — von Oppen, Oberst-Lieutenant und etatsmäßiger Stabsoffizier des Großh. Hessischen Feld-Artillerie-RegimentS Nr. 25 (Grobherzogliches Artillerie-Corps) mit dem Königl. Kroneqorden 3. Kl. — Fischer, Stabshoboist und Großh. Hessischer Mufik-Director im 3. Großh. Hessischen Infanterie Regiment (Leib-Regiment) Nr. 117 mit dem Allgemeinen Ehrenzeichen in Gold. — Bach, Vice-Wachtmeister im Großh. Hessischen Feld-Artillerie- Regiment Nr. 25 (Großherzogliches Artillerie-CorpS) — van Basthuifen, Vice Wachtmeister und Ober-Fahnen- schmied im 1. Großh. Hessischen Dragoner-Regiment (Garde- Dragoner-Regiment) Nr. 23 — Hoß, Büchsenmacher beim 1. Großh. Hessischen Dragoner-Regiment (Garde-Dragoner- Regiment) Nr. 23 — Heinz, Kasernenwärter in Mainz — St ephany, Sergeant und Hoboist im 1. Großh. Hessischen Infanterie (Leib-Garde)Regiment Nr. 115 mit dem Allgemeinen Ehrenzeichen.
*• Nationalliberaler Verein. In Verhinderung der beiden Vorsitzenden des Vereins leitete Herr Rechtsanwalt Dr. Fuhr den Commers zur Feier der Wiedererrichtung des Deutschen Reiches, der am SamStag im Einhorn stattfand. Er begrüßte die zahlreich erschienenen Festgäste herzlich und wies in seiner einleitenden Ansprache auf die Nothwendigkeit solcher Festfeiern hin, bei denen die Nation Gelegenheit haben solle, sich auf sich selbst und ihre große Vergangenheit zu besinnen. Ankoüpfend an eine Rede Bennigsens wies er auf die Schwierigkeit unserer jetzigen Lage hin, angesichts deren eine solche Stärkung des Selbstvertrauens besonders nothwendtg sei- wie unerhörte soziale Bewegungen die volle Arbeit des gegenwärtigen Geschlechtes erforderten, um in ein richtiges Bett geleitet zu werden, wie neue Mafien mit neuen politischen und wirthschaftlichen Forderungen hervorgetreten seien, und wie vielfach diese Kämpfe der Gegenwart ungerecht machten gegen die politische Arbeit und die großen Errungenschaften, die mit dem 18. Januar unauflöslich verknüpft seien. In diesen Kämpfen, die beinahe gleichmäßig in allen CulturnationenEuropaS entbrannt seien, hätten wir einen großen Vorsprung vor anderen voraus in unserer Monarchie, in dem festen und erprobten Willen unserer Herrscher. — Das darauf ausgebrachte Hoch auf Kaiser und Großherzog wurde jubelnd ausgenommen. — Nachdem man stehend die Hymne gesungen hatte, ergriff Herr Profefior Dr. Schwartz das Wort, um unter athemloser Stille der Versammlung in folgender Rede Bismarck als Erzieher seines Volkes zu preisen:
24 Jahre find verflossen, seitdem im Schlosse zu Versailles an «oen der Stelle, wo daS alle römische Reich deutscher Station von tuDmig XIV. die schwersten Kränkungen erfahren hatte, Wilhelm I., König von Preußen, zum Deutschen Kaiser von den BundeSsürsten des neuen Deutschen Reichs auSgerufm wurde. Viele unter uuS werden sich noch des Jauchzens und des JubelS erinnern, der da- mals Deuischland erfüllte, werden sich noch erinnern, wie sie sagten, ü!?° iS8'• ®c*ncnt der Traum unserer Jugend erfüllt, oder £ i <4 ile.Kn s? lagen hörten. „Ich will ein Mehrer d-S JRficbS fein nicht an dm kriegerischen Eroberungen, sondern an dm ' @uterB des Friedens, gelobte der alte Kaller damals im vollen । ?Äe .^^!"/^er"cher Erfolge, und das Dmtsche Reich bat das Gelödmß seines ersten Herrscher, gegolten. Nie tft eine solche
i Macht so maßvoll gebraucht worden, kein Nachbar ist durch sie bedroht und die deutschm Bajonette und Kanonen haben 24 Jahre mchts gethan, als die Greuel des Kriegs von Europa ferngehaUen, die ohne dies heilsame Schreckmittel längst und mehr als einmal entfesselt wären. So gewöhnt find wir in diesen 24 Jahren an die Arbeit und dm Wohlstand des Friedms, so völlig entbehrt das jüngere Geschlecht der Anschauung des Äriegee, so gänzlich find nun gar die Zeiten oergeffen, in denen auf deutschem Bodm unsere und fremde Schlachten geschlagen wurden, daß nur zu leicht das Bewußtsein dafür schwindet, wie wir nur dem mächtigen Reich die. Alles Derber,ten, wie dessen Bau nur in's Wanken zu geratben braucht, damit eine unsägliche, alles Frühere übctlnffmbe Fluih des Unheils über uns hereinbricht. Und doch ist diese Friedentzficherheit noch der geringste Segen, den unS daS Reich gebracht hat. Die werihvollften Güter, die ein mächtiger Staat leinen Bürgern sichert, sind Pst djtcn und der Lohn, dm erfüllte Pflichtm in sich tragen. Unsere Väter und Vorväter haben wirkm und schafim müssen unter dem bitteren Gcsühl, baß sie es für sich allein thalen ober für Staaten, die ihrem Herzm nichts waren; wohl haben die Brsserm und Besten unter tanen sich aufrecht erhalten mit dem Bewußtsein, daß Das, was ein Deutscher Gutes und Tüchtiges leiste, dem deutschen Ramm Ehre mache^ und ihn fördere, aber eben deS deutschen RammS Herrlichkeit war überall zu findm, in Vergangmheit und Zukunft, im Reich der Poesie und des Gedankens, ober nur nicht auf dieser Erde. DaS isi ganz anders geworben; jetzt darf Keiner mehr fragen, für wen unb für waS bin ich da, er hat den Kaiser und hat das Reich, und was der Deutsche thut unb treibt, das thue und treibe er zur Ehre und zum Segen seines neu errungenen Vaterlandes. Dazu ist Keiner zu gut und Keiner zu gering, vom StandeSherrn bis zum Arbeiter, vom Minister bis zum Bauer, hier sind Alle gleich. Wer im Fried« seine Pflicht thut schlecht und recht, er thut'S für'S Reich, und in dm Zeiten der Gefahr hat Jeder ohne Unterschied Alle« in die ^anze zu schlagen. Sorgm wir, daß uns daS Reich, der Tummelplatz unserer Pflichten unb unserer Arbeit, bleibe, auf daß nicht die Zeiten wiederkommen, wo Keiner etwas BeffereS zu thun hat, als sich um fein eigenes kümmerliches Ich zu kümmern.
Ich habe von den Pflichten gesprochen, die daS Reich dem Deutschm schafft. Eine soll am heutigen Tag nicht versäumt roerben, die der Dankbarkeit gegen Die, welche uns daS Reich erkämpft haben. Es ist eine lange, lange Reihe, und gar Mancher hat sein Blut zahlen müssen; möchtm die Söhne unb die Enkel ihr Thun so einrichten, daß die Väter nicht umsonst gestorben sind. Aber was richtet ein noch so tapferes unb kräftige« Volk aus ohne Führer, und wie wäre aus all' dm Opfern unb Kämpfen unser Reich erstanden ohne dm guten alten Kaiser Wilhelm und — nun weiß ich, wessen Name sich in Ihre Herzen unb auf Ihre Lippen drängt, Sie mürben ihn von mit forbern, wenn ich ihn nicht nennte, — ohne seinen treueren Dttner, ohne des Reiches ersten Kanzler, den Fürsten BiSn arck. Ihm ist, trotz allen Neides und Hasses, die Nation dankbar gewesen und ist es noch. Wohl Mancher ist vor 1890, wenn er in Berlin war, in die Wilhelmstraße gepilgert und hat mit dem Gefühl stolzer Freude zu den Fmstern aufgeschaut, wo der Mann arbeitete, der die Geschicke des Reiches, wie dürfen wohl sagen Europas, leitete. Die Zetten sind nicht mehr. Aber ein Gutes hat bas Schicksal gebracht, das den größten Staatsmann der Deutschen in die Einsamkeit de« Sachsmwaldes trieb: Wer'S nicht schon wußte, der bat jetzt erkannt, was wir an Bismarck haben, und die Liebe deS Volkes zu seinem Hüter, zu seinem Eckart, ist größer denn je. Jahr aus, Jahr ein wallfahrten viele Tausende, um ihn noch einmal zu sehm, thm noch einmal zu huldigen, so lange er noch unter uns weilt, unb ber Ge» burtstag deS Achtzigjährigen soll unb wirb ein Fest werden ähnlich wie ber 90. Geburtstag seine« alten Herrn, ein Fest, an dem die Nation wieber einmal zum vollen Bewußtsein ihrer selbst kommt.
Wir haben aber unserem großen Manne, den unS Gott geschenkt, noch anders zu danken als mit Lob und Festesjubel. Nur ber Staatsmann verdient den Namm des Großen, ber sein Volk erzogen unb gehoben hat, unb das Volk wird in ber Geschichte eine« großen Mannes werth heißen, das daS Geifteserbe, welches er ihm vermacht, mit Treue hütet unb bewahrt. Bismarck ist viel gepriesen von Berufenen unb Unberufenen, aber eins wird leicht vergessen unb darf am wenigsten vergessen werden, wenn wir bei solchen Festen nicht nur die Vergangenheit bejubeln, sondern uns auch Kraft und Stärke holen wollm für Gegenwart und Zukunft: er ist ein Erzieher ber Deutschen gewesen. Das Erziehen ist ein hattes Geschäft, und et bat eine harte Faust brauchen müssen, um den Deutschen ihren Jahrtausmd alten Fehler auszuklopfen, die Uneinigkeit, den Parti- cularismus, das Zanken der Stämme unter einander, die kleinliche Selbstsucht, die sich mit bequemer Selbstgerechtigkeit so gern hinter blau-weiße, grün-weiße, gelb-weiße, roth-weiße u s. w. Grmzpsähle verkroch ober gar ben Fremden ins Land rief. Vergeffen wir die Lehre des großen Zuchtmeisters aus ber Mark Brandenburg nicht, wir finb nicht mehr Darmhessen und Kurhessen, nicht Baiern, Sachsen u. s. w., nicht Preußm, sondern Deutsche.
In einer Zeit, in ber die Ideen des französischen Literalismu» weite Kreise ergriffet hatte, hat er das echt deutsche Gefühl ber Treue gegen ben Herrn und König wieder lebenbig gemacht. Die ehrwürbige Greisengestalt des alten Kaisers, bte nach Oben unb nach Unten furchtlose Treue seines ersten Dieners haben uns von Neuem zur Monarchie erzogen und uns gelehrt, daß sie unter allen Umständen und zu allen Zetten der feste Pfeiler unserer Größe ist: der Kaiser für alle unb alle für btn Kaiser, so ist unser Wahlspruch, und den wollen wir hoch halten auch in schweren Zeiten. Der Deutsche hatte seine kriegerischen Tugenden fast vergessen und die Nachkommen der Kämpfer von 1813 sprachen schon davon, d.ß sie für die Tapferkeit ihrer Väter Forderungen an den xönig stellen könnten, da warf ihnen der damalige Herr v. Bismarck das stolze Wort entgegen, daß dem Ruf des Königs jeder zu folgen habe, daß der nur seine Pflicht thue, ber sürs Vaterland kämpfe, und daß von Lohn unb Rechten nicht bie Rede sei. Sein König und et Haden in bitterem Streit uns unser nationales Heer, das wahre Paladium unserer Freiheit errungen; sie haben unö gelehrt, ben Soldaten wieder achten, unb wo es früher ein Schimpf war, in die Armee gesteckt zu werden, da sieht jetzt der Vater mit stolz feinen Sohn des Königs Rock tragen. König Wilhelm und Bismarck haben uns wieder zu freien wehrhaften Männern gemacht, ohne sie hätten wir die allgemeine Wehrpflicht nicht, die alle gleich stellt'im Dienst deS Vaterlandes und Niemand erlaubt sich zu schonen. Und nun noch eins, das beste von allem.
Wohl mögen uns gerade jetzt Sorgen um die Zukunft beschleichen; es ist auch gut so, daß wir große Aufgaben vor unS sehen unb eines freien Volkes unwürdig im Schlendrian des täglichen Einerlei dahin zu faulenzen. Ader ein Gefühl soll uns fremd bleiben, die blasse Furcht. Bismarck hat unS ein gut Sprüchlein mitgegeben: „Wir Deutsche fürchten Gott und sonst Niemand." Darum hoch den Kopf und hoch die Herzm, wenn wir jetzt seiner gedenken und so stimmen sie mit ein in den Ruf: Unser Altreichskanzler Fürst BiSmarck lebe hoch, hoch und abermals hoch!'
Der Höhepunkt der Stimmung war erreicht, als nun die Klänge des BtSmarck-Ltedes den Raum burchbrausten;
. . . in alle Ewigkeiten (Gott ist meine Zuversicht) Wirb geeint ber Deutsche streiten, Wirb vom Reiche lafien nicht, Das ich einst in Sturm unb Stille Dorgebacht unb oorgefühlt — Wenn auch mich des Schicksals Wille Von dem Steuer weggespült."
Daran schloß sich die „Wacht am Rhein". Darauf weihte Herr Dr. Neß ling in packender Rede sein GlaS dem deutschen Volk, besten Adel darin bestehe, solche Männer wie den Baumeister deS Reiches hervorgebracht zu haben, uni besten Trost eS sei, sich in Zeiten politischer Ermattung wie der unsrigen an solchen Männern aufzurichten. Da» Der-


