Ausgabe 
18.8.1895 Drittes Blatt
 
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Nr. 193 Drittes Blatt

Sonntag den 18. August

189»

Der Kießever Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme dcS Montags.

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Die Ernte-Ausfichten und der Welt- Getreidemarkt.

Nach einer auf amtlichen Quellen beruhenden statistischen Aufstellung deS russischen Finanzministeriums über die voraus­sichtliche diesjährige Weizenernte in den für den Getreide- export vor Allem in Betracht kommenden Ländern sind in den betreffenden Staaten die Ernte-AuSfichten keine sonderlich günstigen. Die Vereinigten Staaten von Nordamerika werden diesmal im Vergleiche zum Vorjahre einen Ausfall von 6 bis 7 pCt. in der Weizenernte zu verzeichnen haben, Ost­indien einen solchen von 8 pCt., Ungarn ebenfalls ein Minderergebniß von 6 bis 7 pCt., Rußland und Rumänien dürften mit einem Ernteausfall von je 9 pCt. zu rechnen haben und Argentinien endlich wird vermuthlich sogar einen Ausfall von 25 bis 30 pCt. gegenüber seiner ausgezeichneten vorjährigen Ernte verzeichnen müssen. Demnach läßt sich die gesammte diesjährige Ernte der hauptsächlichsten Weizen- exportländer nur als eine mittelmäßige taxiren, welcher Um­stand natürlich die Getreideausfuhr jener Staaten erheb­lich beeinträchtigen wüßte. Anderseits aber sind auch die Ernte-AuSfichren in den meisten derjenigen Länder, welche sich mehr oder weniger auf die Ueberschüffe der Getreideexport- länder mit angewiesen sehen, keine allzu guten. Für Deutsch­land z. B. ist nach der Mitte Juli veröffentlichten amtlichen Ueberficht deS Saatenstandes seitens desReichsanzeigers" besten Falles nur auf eine Mittelernte zu rechnen und das Gleiche wird voraussichtlich auch für England, Frankreich, Holland u. s. w. zutreffen.

Alle diese Staaten werden also infolge des zu ge­wärtigenden unbefriedigenden Ausfalles der eigenen Ernre verstärkten Bedarf an fremdländischer Brodfrucht haben, welchem erhöhten Bedürfnisse indessen die Getreideexport- staaten schwerlich werden entsprechen können, da sie ja selbst einen Ernteausfall werden verzeichnen müssen. Auch die auf den meisten Punkten noch vorhandenen starken Borräthe der vorjährigen Ernte dürften nach der übereinstimmenden Ansicht Sachverständiger noch lange nicht zur Deckung des diesjährigen Weltbedarfs an Getreide ausreichen. Jedenfalls müßte die Heranziehung der Getreidevorräthe des JahreS 1894 diese Reserve stark lichten und letzterer Umstand wiederum müßte sich natürlich in einer Preissteigerung auf dem Welt-Getreide- markt äußern. Nun steht die gegenwärtige Preisbewegung nach rückwärts im internationalen Getreidegeschäft in einem seltsamen Widerspruche mit der Abnahme der vorhandenen alten Getreidevorräthe und den zu gewärtigenden mittel­mäßigen Ergebnissen der neuen Ernte, es müßte doch in Hinblick auf diese Lage der Dinge doch vielmehr eine ent­schiedene Preissteigerung stattfinden. Offenbar hat man es jedoch io der absteigenden Preisbewegung auf dem Getreide- markt, wie sie daselbst schon feit einiger Zeit herrscht, mit einer Speculation zu thuu, die erfahrungsmäßig zum Moment, wo der Bauer infolge der Einbringung der einheimischen Ernte meist seine Ernte zu verkaufen sucht, bemüht ist, durch

starkes Heranholen der überseeischen Borräthe den Getreide- preis zu drücken. Lange wird aber dieses Manöer wohl nicht mehr währen, voraussichtlich werden die diesjährigen Ernteergebnisse allmältch eine Wendung in der Lage auf dem Weld-Getreidemarkte in der Richtung einer Hausse zur Folge haben.

Der Krieg von 1870|71,

geschildert durch Ausschnitte aus ZeitungS-Nummern jener Zett.

(Nachdruck verboten.)

18. August.

Selbst in unserer an Dampfes« und Telegraphen- geschwindigkeit gewöhnten Zeit müssen die Unaufhaltsamkeit des Vordringens der deutschen Truppen in Frankreich und die schnell nacheinander dem Gegner beigebrachken Nieder­lagen Staunen und Bewunderung erregen. Schon wieder liegt uns heute die Pflicht ob, über einen neuen Sieg zu berichten, über einen Steg, der allerdings, wie es scheint, das Ergebniß eines höchst blutigen Kampfes ist, dessen Wich­tigkeit aber jedenfalls den großen Opfern, die er ver­schlungen, entsprechen wird. Wie schon früher gemeldet, wurde das sich zurückziehende französische Heer überall von der deutschen Reiterei auf dem Fuße verfolgt und unsere Heere selbst rückten trotz ,Regen und großer Bodenhindernisse in Eilmärschen nach. Diese rasche Verfolgung ließ die Franzosen nirgends zur rechten Sammlung kommen; sie gaben zunächst die Linie an der Nied, dann, als unsere Vorposten bis vor Metz, bis Pont L Mousson und Nancy reichten, die ganze Mosellinie auf. Schon war Nancy ge- räumt, schon war die Vorhut des Prinzen Friedrich Carl von Pont a Mousson in der Richtung auf Verdun weiter vorgerückt, schon waren die Vogesen-Festungen geräumt oder hatten, wie Marsal, capitulirt, da schickte sich die französische Armee, soweit sie noch bet Metz stand, zum weiteren Rückzüge von der Mosel nach der Maas an. Im letzten Augenblick noch stieß die Vorhut des Generals Steinmetz auf die Nach­hut des Feindes. Unter den Mauern der Festung entwickelte sich ein blutiges Gefecht bei Metz, durch welches die Franzosen genöthtgt wurden, ihre Rettung in der Festung zu suchen.

Auch die 2. deutsche Armee unter der Führung des Prinzen Friedrich Carl war, nachdem sie bei Pont ä Mousson die Mosel überschritten, sofort nordwärts geeilt. Auch die auf der Linie Metz-Verdun sich zurückztehenden Franzosen wurden eingeholt, energisch angegriffen und nach Metz zurück­geworfen.

Unsere Truppen entwickelten in diesem Kampfe, in dem sie vier französische ArmeecorpS, darunter Garden, sich gegen­über hatten, die sich tapfer schlugen und auch gut geführt waren, heldenmüthige Bravour- sie erhielten erst nach sechs­stündigem Gefecht Unterstützung. Die Verluste beiderseits find beträchtlich, unsere Erfolge vollständig. Die Franzosen

sind an ihrer Rückzugsbewegung verhindert und nach Metz zurückgeworfen.

Aus französischen Zeitungen:

Sieg oder Tod! Erhebe dich, Frankreich, schwinge alle deine Standarten, die Oriflamme von St. Deuis, die rothe Fahne, die Trikolore. Laß den gallischen Hahn los und den kaiserlichen Adler, Pflanze das Ltlienbanner auf oder auch die phrygtsche Mütze, nur vorwärts! Sie sind nach Frankreich gekommen, sie werden da bleiben. Nicht einer soll zurückkehren, um in den Dörfern Deutschlands zu er­zählen, daß sein Fuß den Boden der französischen Nation besudelt hat. Und die, welche nicht in den Ebenen der Champagne den ewigen Schlaf schlafen werden, sollen in den Rhein hinabkollern, um den Völkern des Nordens die große nationale Rache zu verkünden!" PayS.

Jetzt weniger als je darf Frankreich auf das ganze linke Rhetnrufer verzichten, will eS nicht in die Gefangen­schaft deS Königs von Preußen gerathen. Wir haben eine gewaltige Rache zu nehmen, und wir werden sie nehmen, so­wie wir einen anderen KriegSminister und unsere Soldaten würdige Führer haben werden. Fünsmalhunderttausend Mann Freiwillige, Mobil- und Narionalgardisten werden, von dem tapferen General Paltkao geführt, über den Rhein gegen Berlin rücken. Wie soll Palikao mit 500,000, von dem feurigsten Patriotismus beseelten Streitern nicht mit 37 Millionen Deutschen fertig werden- wie soll er nicht, wie in Peking, so auch in Berlin triumphiren, wenn die 500,000 Vertheidiger unseres angefallenen Landes begeistert rufen:DaS linke Rhetnufer an Frankreich, dem eS durch das Recht der Natur und der Eroberung gehört; aber Bayern an die Bayern, Baden an die Badener, Hannover an die Hannoveraner rc. Nieder mit der Oberlehensherrlich' keit Preußens, nieder mit dem Vasallenthum Deutsch­lands !" LibertL.

19. August.

Telegramm König Wilhelms:

Biwak Rezonville, 18. August, Abends. Die französische Armee in sehr starker Stellung wurde heute westlich von Metz unter meiner Führung angegriffen und in neunstündiger Schlacht vollständig geschlagen. Sie ist damit von ihren Verbindungen mit Parts abgeschnitten und gegen Metz zurück­geworfen."

Pont-L-Mousson, 19. August. Gestern glänzender Steg bet Gravelotte. Die Franzosen, aus den stärksten hinteretnanderliegenden Positionen vertrieben und auf Metz zurückgeworfen, find jetzt auf einen engen Bezirk um Metz her eingeschränkt und von Paris gänzlich abgeschlossen. Die Verluste unserer Truppen stehen leider mit der Größe ihrer heldenmüthigen Leistungen gegen die von ihnen gestürmten starken Stellungen der Franzosen im Verhältniß.

Die Entscheidung des fürchterlichen Krieges tritt immer näher. Schlag auf Schlag trifft die gehetzte und zersplitterte französische Armee. Die Bazatne'sche Armee, die in den blutigen Kämpfen am 14., 16. und 18. August besiegt wurde,

Feuilleton.

Schloß Favorite, ein Roroccogrheimniß.

Reisebriefe für denGießener Anzeiger".

V.

(Nachdruck verboten.)

Dr. M. An der Bahnlinie Rastatt-Gernsbach liegt die Station Kuppenheim an der Murg, von der aus eine gerade Landstraße nach dem Schloß Favorite führt, das sich die Gemahlin des Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden, Sybilla Augusta, im Jahre 1725 im italienischen Barockstil hat aufführen lassen.

Bon der sonnigen Landstraße treten wir aufathmeud in die kühlen Parkanlagen, die das Schlößchen von allen Seiten umgeben. WohlthuendeS Helldunkel, tiefe, weltabgeschiedene Stille umfängt uns. In den Morgenstunden sind die Gäste, die von Baden oder Gernsbach herüberkommen, noch selten, und fast fürchte ich, daß sie mit den Jahren immer mehr abnehmen werden, denn Favorite hat für den wißbegierigen Fremden eine Hauptanziehungskraft verloren: den alten Castellon, der so anschaulich und spannend aus der Vergangen­heit des Schlosses zu plaudern verstand, der gleich einer lebenden Chronik unter den verschossenen Gobelins, den alten Bildern und werthvollen Nippes herumgtng und die Geschichte jedes Gegenstandes auSkramte. Man hat ihn penfionirt. Weshalb?Der hat so viel gesprochen, daß er daS Schloß halt nicht mehr zeigen durfte", meinte sein Nachfolger kurz auf meine diesbezügliche Frage. Dem neuen Lustoden passirt

dieser Fehler nun nicht - er übt stch im Schweigen, und dies scheint ihm auch keine Selbstüberwindung zu kosten, denn seine Kenntnisse find sehr lückenhafte und reichen nicht einmal für das aus, was der officielle Catalog ihm zu melden gestattet.

So wie Schloß Favorite nunmehr vor den Fremden erscheint und erklärt wird, ist eS ein Rococcoschloß wie viele andere und zeigt im Ganzen und Einzelnen die hervor­stechenden Züge der Gattung, wie wir sie u. A. auch an Nymphenburg und Rheinsberg wahrnehmen können, vielleicht daß hier und da eine Absonderlichkeit, eine Curiositär stark inS Auge fällt, die sich auf eine aparte Laune der Erbauerin zurückführen läßt.

Höchst originell ist z. B. schon die Ausstattung der Küche, in die wir zuerst geführt werden. Abgesehen von der kostbaren Sammlung chinesischen, holländischen und sächsischen Porzellans, das wir hier antreffeu, überrascht der Anblick der Geschirre, weil diese die einzelnen Speisen, welche sich darin befinden, naturgetreu darstellen. Da sehen wir Enten, Melonen, Krautköpfe, Spargel, Schildkröten rc. Alle diese Gegenstände stehen auf großen, gemalten Auftragplatten. Den Gewürzkasten repräientirt die Figur eines Chinesen, der Speisezettel ist von Holz, auf dem alle damals üblichen Speisen in Oel gemalt find, das große und reiche Kupfer- geschtrr von getriebener Arbeit schmücken Darstellungen aus der biblischen Geschichte und was dergleichen Raritäten mehr find!

AuS der Küche gelangen wir in das Vorzimmer, wo ein Porträt deS Markgrafen August, des Sohnes der Mark­

gräfin Sybille und eine alte Ansicht des Schlosses hängen. Auf dem Bilde sieht man noch die beiden Fontaiuen, die auf dem grünen Plan vor dem Schlosse in bald klarem, bald farbigem Glanz erstrahlend so gut zu der sprudelnden, zügellosen Lebens- und VergnügungSluft stimmten, die sich in den Jnnenräumen entfaltete.

Im Wohnzimmer sieht man die Brustbilder der Tochter der Markgräfin und ihres Gemahls, der ein Herzog von Orleans war.

Im Schreibzimmer der Markgräfiu befindet sich ein lebensgroßes Porträt von ihr und ihrem Gemahl. Der Markgraf, der von seinen Kriegen mit den Türken im VolkS- munde kurzweg der Türkenludwig hieß, trägt auf diesem Repräsentationsbilde die Marschallsuniform.

Zu längerem Verweilen gibt der Spiegelsaal Anlaß, ein Vexirzimmer eigenartigster Construction, welches sein Dasein einem bizarren Einfall der Schloßherrin verdankt, die den Baumeister beauftragte, eine Stelle ausfindig zu machen, wo man sich trotz der vielen Spiegel nicht sehen kann. Der Baumeister hat denn auch dieses mathematische Kunststück gelöst, und der Punkt findet sich wirklich rechts neben der Thür, die in das Schlafgemach führt. Dte Freude, welche dte Rococcozeit an bunten Trachten und abenteuer­lichen Verkleidungen hatte, ist auch im Spiegelsaal verewigt. Die auf Pergament gemalten Miniaturbildchen zwischen den Spiegeln stellen die markgräfliche Familie in 70 (5 oft ihnen dar.

Eigenartigen Character haben noch daS in länglichem Viereck mit zwei Balkonen angelegte Florentiner Zimmer, daS mit seinen herrlichen Mosaiken und Scalignolen, sowie