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Der -ieheser -«zeiger erscheint täglich, mit Ausnahme bei Montag!.
Die Gießener As»«itie«5tä11er werben dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
189S
Erstes Blatt. Freitag den 16. August
Siebener Anzeig er
Kenerat-Anzeiger.
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Amts- und Anzeigeblutt für den Krek Gieren.
Hratisöeitage: Hießener Kamitienölätter
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtlicher TheU.
Bekanntmachung.
GroßherzogltchrS Ministerium des Innern und der Justiz hat mit Rücksicht auf den Stand der Ernte und der Weinberge bestimmt, daß mit dem 19. l. M. die Jagd auf Feldhühner und Wachteln im ganzen Großherzogthum mit Ausnahme der Kreise Alsfeld, Lauterbach und Schotten, in welchen die Heegzeit mit dem 31. d. M. endigt, eröffnet sei.
Gießen, den 15. August 1895.
Großherzogliches Kreisamt Gießen:
I. V.: Dr. Melior.
Ausland.
Belgrad, 14. August. Die heutige Geburtstagsfeier des Königs Alexander wurde beim Beginn durch einen aufsehenerregenden Vorfall gestört, der aber glücklicher Weise ohne nachtheilige Folgen verlief. AIS der König und die Königin Natalie die Kathedrale verließen, stürzte sich auf letztere, die mit ihrer Hofdame Fräulein Machin in offenem Wagen Platz nahm, im Momente, als sie die aufgestellte Ehreucompagnie vor der Kathedrale abfuhr, ein den unteren Ständen angehöriges Weib und versetzte der Königin zwei wuchtige Schläge gegen die Brust. Die Königin verlor keinen Moment ihre Geistesgegenwart- sie wechselte wohl die Farbe im ersten Augenblick, dann packte sie aber mir heroischer Kraft, sich blitzschnell aus dem Fond deS Wagens erhebend, die Attentäterin und übergab sie der sofort an der Stelle erscheinenden Polizei. Die Aufregung, welche sich der Tausenden von Spalier bildenden Menschen bemächtigte, war ungeheuer, um so mehr, als bis zur Minute alle Anhaltspunkte über den Namen der Attentäterin und die Ursachen des Anschlages fehlen. Der König, welcher mit seinem Wagen etwa hundert Schritte voraus war, erfuhr erst im Palais von dem Attentate gegen seine Mutter. — Die Frau, die den Angriff auf die Königin Natalie versuchte, heißt Julie Jltc. Sie ist erst seit Jahresfrist mit dem Feldwebel eines hier garnisonirenden Regiments verheirathet. Bevor die Jlic ihre That beging, versuchte sie sich an den König Alexander, der zuerst die Kathedrale verließ, heranzudrängen, wurde aber von der Polizei abgehalten. Bet ihrer Verhaftung geberdete sich die Jlic wie eine Wahnsinnige, sodaß sie nicht ohne Schwierigkeit festge- nommen werden konnte. Der König und die Königin waren bet der nachher im Konak erfolgten Gratulationscour bei bester Stimmung. Frkf. Ztg.
Häufte Nachrichten.
WolffS telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 14. August. Die „Nationalzeitung" meldet: Gestern fand eine Sitzung des ständigen AuSschuffes des
Comttvs iüc die Erbauung der ostafrikanischen Centralbahn stait. DaS Comitemitglted Eisenbahn- director Geh. OberregierungSrath Bormann wird baldigst mit mehreren technischen Gehilfen nach Ostafrika gehen.
Berlin, 14. August. Der „Nordd. Allg. Ztg." zufolge erwartet man das Eintreffen deS Reichskanzlers in Berlin für Freitag. Er nimmt den Rückweg über Salzburg und München.
Berlin, 14. August. Die „Post" meldet: Geheime- rath Krupp schenkte anläßlich der Feier der nationalen Gedenktage der Arbeiter - Penfionskaffe der Gußstahlsabrik 1 Million Mark.
Potsdam, 14. August. Der 17. Centralverbandstag der deutschen Haus- und städtischen Grund- besttzervereine beauftragte eine Commission, unabhängig von dem Centralverbande eine Gesellschaft in einer ihr paffend erscheinenden RechtSform zu dem Zwecke ivs Leben zu rufen, die Realcreditverhältnisse der städtischen Grundbesitzer zu ver- beffern und die mit der Beschaffung von Hypotheken verbundenen Unkosten zu ermäßigen. DaS Directorium wurde beauftragt, zu dem gleichen Zwecke mit den bestehenden Hypothekenbanken in Verbindung zu treten und bei den Orts- veretnen die Bildung provinzialer Hypothekenbanken nach landwtrthschaftlichen Grundsätzen anzuregen.
Hannover, 14. August. Der Kaiser hat an den Generallieutenant z. D. von Lö bell nachfolgendes Telegramm gerichtet: „Lowther Castle, 14. August. An dem heutigen Ehrentage der hannoverschen Füsiliere verleihe ich Ihnen, dem tapferen Commandeur in der Schlacht bei Colombey und Nouilly, in dankbarer Erinnerung hierdurch den Rothen Adlerorden 2. Klaffe mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe. Wilhelm."
Dortmund, 14. August. Heute Morgen erfolgte die feierliche Ueberreichung des Ehrenbürgerbriefes der Stadt Dortmund an den StaatSsecretär des Reichspostamts v. Stephan. Um 11 Uhr folgte die Eröffnung des neuen Gebäudes der Oberpostdirection in der großen Schalterhalle. StaatSsecretär v. Stephan begrüßte die zahlreich erschienenen Gäste, darunter den Regierungspräsidenten Winzer-ArnSberg, dankte den Gästen für ihre Theilnahme und der Stadt Arnsberg für das ein halbes Jahrhundert hindurch den Behörden gewährte Wohlwollen. Der gegenwärtige Aufschwung Dortmunds und sein wachsender Verkehr hätten die Verlegung der Oberpostdirection nothwendig gemacht. Hohes Lob spendete der StaatSsecretär auch der Unterstützung der Dortmunder Behörden, dankte den Architekten, den Künstlern und Unternehmern, den Meistern und Arbeitern und schloß mir einem Hoch auf den Kaiser. Nach einem Rundgang durch das neue Gebäude folgte ein Frühstück in der Oberpostdirection.
Essen a. d. R, 14. August. Unter großem Andrang des Publikums begannen heute vor dem Schwurgericht die Verhandlungen gegen den Bergmann Schröder und Genossen wegen wiffentlichen Meineids.
Leipzig, 14. August. Heute Nacht verstarb Freiherr Bernhard von Tauchnitz, Herausgeber der „Tauchnitz- Edition".
Weimar, 14. August. Heute fand hier die Enthüllung des Denkmals für den Componisten Hummel statt unter zahlreicher Bethetligung der Behörden, geladener Gäste und der Nachkommen Hummels. Im Auftrage des Großherzogs vollzog den feierlichen Act der Theaterintendant v. Bignau.
Coburg, 14. August. In der Schluß-Sitzung des Geologen-Congresses prästdirte Profeffor Kayser-Marburg- Vorträge hielten Profeffor FraaS-Stuttgart über einen bei Weimar im Diluvium gefundenen Menschenschädel, Dr. Zimmermann-Berlin über Gebtrgsstörungen nördlich vom Thüringer Wald, Dr. Jäckel-Berlin über die Entwickelungsgeschichte von Wirbelthieren, Profeffor Scheibe-Berlin über die Eruptionsgesteine des Thüringer Waldes, besonders die Porphyrite. Die heute geplante Excurfion konnte wegen Regenwetters nicht stattfinden. Die Thetlnehmer am Con- gresse sind heute Abend zu einem fünftägigen Ausfluge in den Thüringer Wald nach Eisfeld abgereist.
Metz, 14. August. Heute fand auf den Schlachtfeldern von Colombey und Noissevile unter Betheiligung der Veteranen eine Erinnerungsfeier statt. Zahlreiche Kränze wurden niedergelegt. Militärmusik spielte Choräle. Die Artillerie gab Ehrensalven ab. Mittags wurde im Park von Colombey das neue Denkmal des 13. Infanterieregiments feierlichst eingeweiht. Die Metzer Generalität und Militärgeistlichkeit, eine Deputation des Regimentes und die Veteranenvereine wohnten der erhebenden Feierlichkeit bei.
Paris, 14. August. Großfürst Alexis von Rußland ist hier eingetroffen.
Depeschen deS Bureau ,Heroll>".
Berlin, 14. August. Zur Feier der Grundstein- legung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals haben sich vom Reichstage 176 Mitglieder gemeldet.
Berlin, 14. August. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Verleihung des Rothen Adlerordens dritter Klaffe an den Schriftsteller Dr. phil. Ritter von Hopfen und diejenige des Rothen Adlerordens vierter Klasse an den Ches- redacteur der „Nationalzeitung" Köbner. — Außerdem publicirt der „Reichsanzeiger" die Ernennung des Privat- docenten, Unterstaatssecretär z. D. Dr. v. Mayr zu Straßburg i. E. zum Honorarprofeffor in der rechts- und staats-- wiffenschastlichen Facultät der Kaiser-WilhelmS-Uuiversität.
Berlin, 14. August. Wie der „Vorwärts" mittheilt, hat der in London verstorbene Socialistensührer Friedrich Engels der deutschen socialdemokratischen Partei testamentarisch seine Bibliothek, seine Manuscripte und einen namhaften Geldbetrag vermacht.
Berlin, 14. August. Der württembergische ReichStagS- abgeordnete Freiherr v. Gültlingen (Retchspartei) hat in
Feuilleton.
Mein Mann.
Studie von Scholastika Schnurcks.
Früher liebten es die Dichter und Schriftsteller, uns ihre holden Schöpfungen plötzlich fix und fertig vor Augen zu führen, gleichsam als ob sie wie schöne Wunder frisch vom Himmel gefallen wären. Sie gönnten dem großen Publikum keinen Blick in ihre poetische Werkstätte, im Gegentheil: es galt als einen Beweis besonderen Vertrauens, wenn dem Einen oder Anderen etwas eher ein Einblick in den Plan und die Entstehungsweise eines Kunstwerkes gestattet wurde. Heute ist das Alles anders geworden, die Künstler kommen sich eben intereffanter vor und meinen, die Menschen vergingen vor Neugierde, wenn sie sich den hochverehrten Meister nicht zu jeder Zeit und in jeder Situation seines künstlerischen Erdenwandels vorstellen können. So erscheint denn ein schriftliches Selbstportrait nach dem andern, das eine mehr, das andere weniger geschmeichelt, je nach dem mehr oder minder großen Mangel an Bescheidenheit des Betreffenden oder nach dem Maße von Geschicklichkeit, diesen Mangel zu verbergen. Dabei haben diese geschriebenen Bilder den großen Vorzug, daß sie sich dramatisch gestalten lassen- der dargestellte Gegenstand kann sich vor unseren Augen bewegen, umhergehen, lächeln, gelehrte Gesichter machen und in tausend Zügen holder Anmuth vor uns erstrahlen. Daß dieser Vorzug aber große Gefahren für die Treue eines Selbstportraits mit sich bringt, das kann sich Jeder an den Fingern abzählen; man kommt sich selbst ja immer netter vor
als anderen Menschen, das habe ich wenigstens bei mir stets gefunden, und es sei weit davon entfernt, daß tch dem Leser mich selbst schildern wolle! Das würden ja auch wohl nur sehr wenige zu würdigen wissen, den meisten wäre ich jedenfalls zu hoch. Ich möchte vielmehr etwas allgemeiner Verständliches zeichnen, nämlich meinen Mann. Erstens interessirt man sich doch mehr für Männer, weil sie nicht ganz so häufig sind als wir Frauen; zweitens ist er auch Dichter und Schriftsteller, und zwar meiner Ansicht nach der allerbeste und allerklügste, wenigstens unter den lebenden, und drittens muß ich ihn doch am besten kennen und am besten wissen, daß die Dichter ganz anders sind, als man sie sich gewöhnlich vorstellt, und ich finde es doch besser, wenn jeder Mensch weiß, wie sie wirklich sind.
Das erfahre ich nun jeden Tag mehr, und es ist wirklich nicht ganz leicht, sich daran zu gewöhnen. Früher war es ganz einfach, nämlich als wir uns kennen lernten. Ich fand ihn gleich furchtbar interessant; denn er sah nicht nur sehr klug und gelehrt aus, sondern er galt auch allgemein,dafür, und als er mir die Gedichte zeigte, die er damals als ganz junger Mann schon gemacht hatte, und an denen man ganz gut merken konnte, wie gut und edel er war, und wie er das auch in den schönsten Reimen allen Leuten klar zu machen wußte, da verliebte ich mich umgehend in ihn.
Anfangs schien er dies nicht zu bemerken, aber nach und nach lernte r auch meine Vorzüge schätzen. Und das kam ihm sehr zu statten, denn nun hatte er erst einen würdigen Gegenstand für seine Poesie, wozu ich mich prächtig eignete. Früher hatte mich zwar nie Jemand hübsch oder anmuthig gefunden,
und ich wßr mir auch selber nie so vorgekommen. Aber das lag jedenfals nur daran, daß die Menschen meine Art nicht verstanden und mich also auch nicht darauf aufmerksam machen konnten. Mein Liebster mußte das natürlich besser wissen, und er hat mich völlig davon überzeugt.
Es regnete nun die schönsten Gedichte auf mich und über mich, und ich fühlte mich recht behaglich dabei und dachte mir nichts in der Welt lieblicher, als einen Dichter zum Bräutigam zu haben. Wie himmlisch lag die Zukunft vor mir! Natürlich würde er mich immer mehr verehren, je mehr er mich kennen lernte. Und wie leicht erschien nur das Leben an seiner Seite! Wie würden wir die kleinen Sorgen des Lebens verachten und links liegen lassen, um uns ganz in höheren Sphären ergehen zu können! Die Alltäglichkeit ließ sich freilich nicht ganz umgehen, denn man mußte ja nun doch einmal essen und trinken, und daher leider auch kochen, was ich freilich noch nicht verstand. Aber dieser letztere Umstand bekümmerte mich wenig, er als Dichter machte sich gewiß nicht viel aus dem Essen, und der Wein, den er etwa nöthig hatte, um in Stimmung zu kommen, wurde ja zum Glück fertig gekauft.
So hätte wenigstens Jeder denken sollen, nicht wahr? Aber man höre und staune!
An einem wunderschönen Frühlingstag vorigen Jahres stieg am Himmel meiner ungetrübten Glückseligkeit das erste Wölkchen auf, und zwar in Gestalt eines Briefes von meinem Geliebten, der von unserer künftigen Wohnung handelte. Er malte mir in den rosigsten Farben aus, wie er sich das Paradies der Ehe vorstelle. Meine Gedanken begleiteten ihn mit Entzücken durch alle Räume, und ich war tief gerührt, daß


