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Nr. 13

Der fUftenet >»|el«tt «rfihkiot täglich, eit Ausnahme des Montags.

Die Gießener -amitteuStLiter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigrlrgt.

Mittwoch den 16. Januar

1895

Wchener Anzeiger

Henerat-Wnzeiger.

Vierteljähriger ^vonnemenlspreis: 2 Mark 20 Pjg. eit vringerlohn. Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

Redaktion, Expeditior «nd Druckerei:

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Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieße»»

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.

chralisöeitage: Gießener Iamitienötätter.

Alle Annoncen-Bureaux de» In« und Auslandes nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung, brirrffend Abhaltung landwirthschaftlicher Vorträge in den Gemeinden des Kreises Gießen.

Herr Landwirthschastslehrer Leithiger von Alsfeld wirb Sonntag den SO. Januar l. I., Nachmittags 3 Uhr, zu Grünberg im Gasthaus zum Englischen Hof einen Vortrag überFütterung de» Rindviehes und der Schweine" halten.

Zu diesem Vortrage werden alle Mitglieder des land- wirthschaftlichen Vereins und des landwirlhschafllichen Kränzchens und alle Freunde der Landwirthschaft hierdurch ergebenst eingeladen.

Die Herren Bürgermeister von Grünberg und der benachbarten Gemeinden werden hierdurch ersucht, auf mög­lichst zahlreichen Besuch der Versammlung hinzuwirken.

Gießen, den 12. Januar 1895.

Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen. ___________________Carl Jost.

Aus den Verhandlungen der Zweiten Kammer der hessischen Stände.

nn. Darmstadt, 12. Januar 1895.

Die heutigen Berathungen beginnen um 1/210 Uhr und wird mit dem Antrag des Abg. Pitthan und Genossen auf tzrbauung von Nebenbahnen im südwestlichen Theil von Rheinh.sstu die Debatte eröffnet. Die Regierung ver­kennt nicht die technischen Schwierigkeiten und will erst nach re sltcher Prüfung der geplanten Projekte auf die Sache ein- gehen. Abg. Hirsch tritt in warmer Weise für die Durch- sithrung der beantragten Strecken ein. Die Kammer beschließt, , die R gierung um Vorlage eines Projektes für obige Bahnen ju ersuchen. Dasselbe geschieht mit dem Antrag des Abg. Wolz auf Herstellung einer Bahnverbindung von Seligenstadt mit der Rodgau-Bahn.

Die Vorlage Graßh. Ministeriums der Finanzen, den Gesetz-Entwurf, die Anrechnung pensionsfähiger Dienstzeit für die von der früheren Ob er Hess. Eisenbahngesellschaft übernommenen Beamten und Bediensteten betr., wird ohne Debatte genehmigt.

Zwei Vorlagen der Großh. Regierung um Abtretung tiner den Staat entbehrlichen Straßenstrecke, sowie die Ver­äußerung von in Folge einer Dammverlegung entbehrlich ge­wordenen Geländes aus dem Landeseigenthum an die Hessische Ludwigs Bahn wird einstimmig genehmigt.

Eine lebhafte Debatte rufen die Anträge der Abg. Dr. Schmitt und Genoss.n, Steuerbefreiung von neu angelegtem Rebgelände, sowie der des Abg. Euler, die Ge­währung von 6 Jahren Steuerfreiheit nach stattgehabtem Aushauen und Roden von Weinbergen betr., hervor. Die Antragsteller wünschen die Vorlage eines Gesetzentwurfs, vonach Rebgelände, auf denen die Rebanlagen vollständig erneuert werden, von dem Jahr an, in dem die Neupflanzung soweit vorgeschritten ist, daß das Gelände wieder als Reb« mlage erscheint, 5 Jahre lang von der Grundsteuer frei sein oll. Abg.Euler wünscht eine Steuerfreiheit bis zu 6 Jahren lnd weiter, daß den betroffenen Winzern mit entsprechenden Mitteln, wenn auch nur vorlagsweise, an die Hand gegangen rerde. Der Ausschuß beantragt Ablehnung der Anträge. Ibg. Schmitt führt aus, daß in Baden und Württemberg idjon seit längeren Jahren ein derartiges Gesetz bestehe und n< dort mit gutem Erfolg durchgeführt sei, müsse doch auch in Hessen möglich sein. Abg. Wernher kann sich nicht für lcn Antrag Schmitt aussprechen. Erst wenn die Grundsteuer ^geschafft sei, lasse sich über diesen Gegenstand reden. Abg. Hirsch kann den Ausführungen deS Collegen Schmitt wohl ^stimmen, glaubt aber, daß die ganze Frage mit der Regelung des Gesammtsteuersystems zusammenhängt. Er Hürde dem Antrag gerne zustimmen, wenn er annehmen könnte, icc einem neuen Steuersystem zu stehen. Abg. Wasserburg »ire bereit, mit dem Abg. Hirsch Arm in Arm das Jahr- smdert in die Schranken zu fordern, wenn er nur wüßte, man in Hessen endlich vor einem neuen Steuersystem Ahe. Er glaubt aber noch nicht daran. Auch er hält den Antrag Schmitt für zeitgemäß durchführbar, und Finanz- mnister Weber erwidert, es sei nicht in Abrede zu stellen, log der Antrag Schmitt und Genossen etwas bestechende» |abe. Die Ausführung desselben ruhe aber auf dem Princip rnserer Grundsteuer. Bezüglich der Steuerreform war 8it Regierung der Meinung, daß mit der Reform der Hukommensteuer die Sache nicht zu Ende geführt sei. Sie war aber auch der Meinung, daß es richtig fei, hier

nur schrittweise vorzugehen und die einzelnen Steuer-Refor­men nach und nach zu bringen. Die Gründe, welche die Regierung dazu leiteten, waren lediglich diejenigen der Taktik, um den etwaigen Gegnern irgend einer Steuer-Reform die Gelegenheit zu nehmen, sich zu coaliren und so die ganze Reform zu Fall zu bringen. Wünsche jedoch die Kammer, daß die geplante Steuer-Reform im Ganzen dem Hause vorgelegt werde, so sei er auch hierzu bereit. Nack erfolgter Abstimmung wird der Antrag Schm'tt mit allen gegen 17 St. abgelehnt. Hierauf zieht auch der Abg. Euler seinen An- trag zurück.

Nunmehr tritt die Kammer in die Berathung des An­trages des Abg. Pennrich und Genossen auf Errichtung einer StaatSklass en-Lotterie. Abg. Pennrich führt auS, daß es erfreulich sei, daß man im Gegensatz vor fünf Jahren heute im Finanzausschuß in der Majorität fei, eine Staatslotterie einzurichten. Weder von moralischem noch ethischem Standpunkt aus könne man ihn überzeugen, daß Lotterien verwerflich seien. Wäre dies der Fall, so müßte es in Preußen doch sehr unmoralisch aussehen, da die An­zahl der Loose zu der Klassenlotterie von 400000 auf 600000 erhöht wurde. Die Spiellust sei vorhanden und dagegen könne auch die Polizei nicht helfen. Schon vor fünf Jahren sei beschlossen worden, zu beantragen, sämmtliche Lotterien im Deutschen Reich auszuheben Wo fei aber der Eifolg. Die Regierung werde sich gehütet haben, bei den anderen Regierungen einen derartigen Antrag einzubringen. Das Bankhaus Merzbach in Offenbach habe bei einem Um­satz von nur 25000 Loosen eine garantirte Einnahme von 500000 Mk. dem Staat in Aussicht gestellt. Das sei doch eine Summe, mit der sich etwas anfangen lasse. Abg. Wasserburg spricht sich ebenfalls entschieden für eine Lotterie au6. Abg. Kramer (Soz.) erklärt sich NamenS seiner politischen Freunde gegen den Antrag, weil man nicht auf Kosten vieler Unglücklicher nur Einen glücklich machen wolle. Auch die Abg. Pfannstiel und WolfSkehl sind auS Gründen der Moral gegen den Antrag. Finanzminister Weber erklärt, die Regierung fei, wie in früheren Jahren noch in derselben ablehnenden Haltung, weil sie alle derartige Lotterien für unmoralisch und zum wirthschaftlichen Ruin des Einzelnen führend betrachten müsse die Finanzlage sei in Hessen noch nicht so verzweifelt, als daß man zu solchen Ein­nahmequellen schreiten müsse. Der vorgerückten Zeit wegen wird die Berathung abgebrochen. Nächste Sitzung am Dienstag.

Deutscher Reichstag.

14. Sitzung. Montag, bett 14. Januar 1895.

Am BundesrathStische: der Reichskanzler, v. Böttiche'r, Graf PosadowSky, v. Marschall u. A.

Das Haus erledigt zunächst einige Rechnungssachen, wobei der Abg. Richter (f. Vp) die Höhe der Etat-U-berwetsungen rügt.

ES folgt die Interpellation Paasche u. Gen., betr.ffend den mangelnden Schutz der Deutschen im Auslande, insbesondere in Centralamerika. _

Abg. Haise (natl.) erinnert an die Zeiten Bismarcks, wo die Deutschen im Auslande geichützt waren. Bismarck schritt selten ein, wenn aber, dann in energischster Weise, sodaß die Wirkung nicht ausblieb. Seit 1890 scheint das von Bismarck geschaffene Ansehen geschwunden zu sein, worunter unsere Stellung im Auslande sehr gelitten bat. Seit Jahresfrist haben sich die Fälle gemehrt, wo es unteren Landsleuten an Schutz fehlte. Redner zählt mehrere Falle auf, in denen Deutsche im Auslande in grober und gewaltthät'ger Weise bebandelt wurden und kommt dann auf die bekannten Vor­gänge in Centralamerika zu sprechen, deren Resultat eine Schwächung des deutschen Ansehens gewesen fei. W iter belvricht Redner den Fall Mathis in Guatemala. Im weiteren Verlauf seiner Aus­führungen macht Redner dem Grafen Caprivi den Vorwurf, sich mit dem nationalen Empfinden in Widerspruch gefitzt zu haben. Röthig ist zunächst die Aenderung des Gesetzes von 1870 (Erwerb und Verlust der Reichsangehörigkeii) und vor allen Dingen eine sorg­fältigere Auswahl unserer Vertreter. Ich hoffe daher, daß besonders Herr Peyer abberufen wird.

Frhr. v. Marschall sucht im ersten Theil seiner Rede die Vorwürfe gegen den Grafen Caprivi zmückzuweisen und betont, daß fett dem Jahre 1870 die Instructionen der auswärtigen Vertreter keinerlei Aenderung erfahren hätten. Auf die vom Interpellanten näher angeführten einzelnen Fälle eingehend, muß der Regierungs­vertreter zugeben, daß der deutsche Gesandte Peyer seine Schuldigkeit nicht gelhan habe; jedenfalls habe sich derselbe allzu passiv verhalten. Der Deutsche im Auslande kann allerdings nur dann auf deutschen Schutz rechnen, wenn er sich danach benimmt. Für die Bequemlich­keit der Deutschen im Au»lande können wir allerdings nicht sorgen. Die würdige Vertretung Deutschlands dürfte aber allein nicht immer in der Lage sein, allen Nebeln abzuhelfen, man müßte aber ab und zu die deutsche Flagge zu sehen bekommen, was leider in den letzten 10 Jabren nicht geschehen ist.

ES folgt die Interpellation Heyl, welche der Interpellant sehr ausführlich begründet.

Nach längeren Ausführungen deS Ministers v. Bötticher schlägt dieser die Gründung von Handwerke, kammern vor analog den in Preußen bestehenden Landwirthschaftskammern.

Auf Antrag des Abg. Hitze (6tr.) beschließt das Ha»S die

V rtagung über die Berathung dieser Interpellation auf morgen 2 U-ir, . .

Deutscher Reich.

Berlin, 14. Januar. Der schon feit einiger Zeit in Aussicht gestellt gewesene Besuch deS Reichskanzlers Fürsten Hohenloh e beim Fürsten Bismarck in Frtedrichsruh hat am Sonntag stattgefunden. Der Reichskanzler traf, begleitet von seinem Sohne, dem Reichstags­abgeordneten Prinzen Alexander Hohenlohe, 1 Uhr Mittags in FriedrichSruh ein, wo er auf dem Bahnhofe vom Grafen Herbert Bismarck und vom Grafen Rantzau empfangen und später nach dem Schlöffe geleitet wurde. Hier empfing Fürst Bismarck feine Gäste und begrüßte fie, namentlich den Re-chskanzler, in sehr herzlicher Weise. Es fand hierauf Frühstück und später ein Familiendiner statt. Um 5 Uhr Nachmittags reiften Fürst Hohenlohe und Prinz Alexander nach Berlin zurück. Der Vorgang besitzt selbstverständlich keine hervorragende politische Bedeutung, dennoch wird er gewiß in allen patriotischen Kreisen unseres Volkes freudige» Widerhall finden. Denn das Ereigniß bekundet, daß der jetzige leitende Staatsmann des Reiches es nicht verschmäht, den erprobten staatsmännischen Rath des Fürsten Bismarck einzuholen, und gerade in der gcgnroärtigcn kritischen inneren politischen Lage werden die Anschauungen und Rathschläge des Fürsten Bismarck den Männern desneuesten C urses" zu statten kommen.

Neueste Nachrichten.

Wolff« telegraphisches Corresp, ndaq-Bure«.

Berlin, 14. Januar. DerReichsanzeiger" veröffentlicht das vom kaiserlichen Dieeeonsul in Casa Bianca aufgenommene Protocoll über die Hinrichtung des Marokkaners Abdel- Kader wegen Ermordung Neumanns.

Budapest, 14. Januar. Die BudapesterCorrefpondenz" versichert, Szilagyt fei bereit, eine eventuelle Wahl zum Präsidenten des Abgeordnetenhauses anzunehmen. Die neue» Minister werden am kommenden Mittwoch vereidigt. Aw Samstag stellt sich das neue Ministerium den beiden Häusern deS Reichstages vor. Am Freitag entwickelt Banffy daS Programm der Regierung in der Conferenz des liberalen Clubs. Der König bleibt bis nächste Woche hier.

Paris, 14. Januar. Der Director der ZeitungVoie Ferree", Ferrier, gegen den wegen der Südbahnangelegen- heit Verhaftsbefehl erlassen war, begab sich heute Nachmittag zum Untersuchungsrichter, der ihn verhaftete.

Paris, 14. Januar. Die Morgens eingeleitete Unter­suchung über die Explosion in der Rue Monceau ist bisher resultatloS geblieben. Die Polizei hat noch keine Anzeichen, die auf die Spur des Urhebers der Explosion führen könnten. In der Polizeipräfectur glaubt man, daß es sich eher um einen gefährlichen Scherz, als um ein anarchistisches Attentat handelt. Die vom Chef deS städtischen Laboratoriums vor­genommene Untersuchung ergab, daß die Bombe eine mit Chloratpulver gestillte Sturzbombe war. Die Wirkung der Explosion zeigte sich hauptsächlich in der Höhe, auf den Dächern wurden Bruchtheile der Bombe gesunden. Wäre die Explosion auf dem Fenster erfolgt, so hätte fie großen^Schaden angerichtet.

Birmingham, 14. Januar. DerBirminghamer Poft" zufolge ist zwischen dem Lord der Admiralität Spencer und dem Schatzkanzler Harcourt über die Verstärkung der Flotte im nächsten Finanzjahr ein Vergleich zu Stande ge­kommen, wonach, um die von Spencer verlangte Ausführung des MarineprogrammS zu ermöglichen und einer Demission des einen oder anderen Ministers vorzubeugen, eine Anleihe beschlossen wird, welche die Form von kündbaren Annuitäten annehmen dürfte. Den Wählern gegenüber dürfte die Anleihe damit gerechtfertigt werden, daß das Geld größtentheilS für permanente Bauten verwendet werden solle.

Depeschen de« Bureau» .Hersld*.

Berlin, 14. Januar. Die Gesch äftsordnun gs - Commission des Reichstags tritt heute Abend um 8 Uhr zur Berathung über die Erweiterung der Disciplinar- befugniffe des Präsidenten zusammen.

Berlin, 14. Januar. Nächsten Mittwoch findet beim Reichskanzler Fürsten Hohenlohe ein parlamentarischer Herrenabend statt, wozu Reichstags- und Landtags-Ad- geordnete, die Minister und die Chefs der Reichsämter ge­laden find. OsficiöS wird gemeldet, daß der Kaiser den Landtag morgen im weißen Saale des königlichen Schlaffes persönlich eröffnen wird. Gestern ist hier in der Dreisaltigkeitskirche der bekannte Graf Paul Hoens- brnch zur evangelischen Kirche übergetreten. DaS