Ausgabe 
15.6.1895 Zweites Blatt
 
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Rr. 138 Zweites Blatt. Samstag de» 15. Ium

1898

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Amtlicher Theil.

BelaMtmachung,

betreffend Maul- und Klauenseuche zu Grebenhain, Kreis

Lauterbach.

Ueber die Gemarkung Grebenhain, Kreis Lauterbach, Ist, nachdem die rubricirte Seuche dorten eine große Aus­dehnung genommen hat, die Gemarkungssperre verhängt worden.

Gießen, den 11. Juni 1895.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Schlußbericht über die vierte Versammlung der Lmldesgruppe Deutsches Reich der Jnteruationalen kriminalistischen Vereinigung zu Gießen

vom 5., 6. und 7. Zum 1895.

Nachdem wir in zwei eingehenden Referaten unseren Lesern den wesentlichen Verlauf der zweitägigen Beratungen rnitgetheilt haben, sei uns zu einer kritischen Schluß- betrachtung nochmals das Wort verstattet. Freilich, ganz frei von Kritik waren auch unsere bisherigen Berichte nicht - wie ginge dies auch an, da wir doch über vtelstündtge Be> rathung auf knappem Raume nur berichten konnten) gerade die Knappheit aber birgt die Gefahr in sich, daß ein falscher Eindruck hervorgerufen werde. Zur möglichsten Klärung der Sachlage sollen die nachfolgenden Zeilen dienen.

Was den allgemeinen Werth solcher Ver­sammlungen, wie hier stattgehabt, in wiffenschaftlicher, theoretischer wie practischer Hinsicht anlangt, so haben uns die zahlreichen Kongresse aller Art belehrt, daß dieser Werth ei» sehr gering zu veranschlagender ist,- es ist dies ja such gar nicht zu verwundern- denn wie dürste man selbst von Berathungen, die einige Tage dauern, mehr erwarten, als von der etndrtngenden Arbeit vieler Wochen, Monate und Jahre. ist also ein geradezu unbilliges Verlangen, von derartigen Congreffen Großes zu erwarten. Wenn man nun gleichwohl Erfolge sehen will, solche anstrebt und trotz aller Erfahrungen, derartige Versammlungen nicht entbehren zu können glaubt, so dürste der Grund hierfür auf dem Boden politischer Erwägungen zu suchen sein. Die stille, eindringende Arbeit des Gelehrten oder des PraetikerS eingehende Thätigkeit, nimmt den ganzen Mann in Anspruch - und gerade der Tüchtigste ist nicht in der Lage, seinen Einfluß in weite Kreise zu tragen, da es ihm hierzu durchaus an Zeit gebricht. Hingegen bilden Congreffe und öffentliche Versammlungen, wofern sie sich das erreichbare Ziel von vornherein klar vor Augen stellen, ein vortreffliches Mittel dafür, die Ergebnisse un­gestörter ernster Arbeit in weitere Kreise zu tragen. Man muß sich nur der Schwierigkeiten klar be­wußt sein, und darf eS, wofern man die alten Fehler nicht verhindert, dem ernstlichen Arbeiter nicht verübeln, wenn er solche Versammlungen nicht besucht. Wie viele hat Verfaffer dieses nicht in den vergangenen Tagen gesprochen, die spöttisch und ernstlich über den Werth solcher Congreffe gertng- sch ätzend aburtheilten, wie viele, die nur aus Neben - rücksichten die Versammlungen besuchten? ES muß hier gesagt werden, auch die verfloffene Tagung hat die alten Fehler gezeigt. Man hat auch hier wiederum eine Tages­ordnung vor der Oeffentlichkeit berathen, die nicht reis hierzu und viel zu gewichtig war, um inwenigen Stunden durchgesprochen, discuttrt und zu knappen Beschlüssen verarbeitet werden zu können, ganz zu geschweigen von dem unbefriedigenden Ein- druck für das größere, vorher nicht unterrichtete Publikum. Es ist der alte Fehler, der Fluch, der darauf lastet, daß man häufig glaubt, man könne ohne Schweiß und Mühe, ohne ganz ernstliche Arbeit Gutes leisten, der Fluch der Bequemlichkeit- Hundert- und tausendmal glauben wir einen Richtweg ein­zuschlagen, der uns schneller zum Ziele führt, und immer wieder müssen wir gewahren, daß es ein Umweg war. Wann werden wir endlich daraus lernen?

Drei gewichtige Fragen standen auf der Tagesordnung: 1) Erscheinen die Bestimmungen des R.-Str.-Gb. über die correctionelle Nachhaft reformbedürf­tig? 2) Jndivi^dualftatisttk wiederholt vor­bestrafter Personen als Vorbereitung einer all­gemeinen Rückfallstatistik. 3) Das bei einer Revision des Retchsftrafgesetzbuchs zu Grunde

' zu legende Strafensystem. Welch unendliche Stofffülle rirgt vor allem das dritte Thema in sich! Wie geeignet wäre gerade es gewesen, ein aus so verschiedenen Zweigen der Wissenschaft zusammengesetztes Publikum zu fesseln, so­fern seine Behandlung nur innig vorbereitet war! Statt dessen gelangten just nur die ersten beiden Fragen zur Ver­handlung. Und wie unvollständig, wie lückenhaft und system­los war nicht vieles des Vorgebrachten? Wir wollen nicht vergessen, daß infolge einer Reihe von Zufällen nahezu sämmt- liche Herren Referenten, die ursprünglich vorgesehen waren, in Wegfall kamen- war doch Dr. von Engelberg der allein Uebriggebliebene! Die anderen Herren waren erst kurz vor der Tagung mit ihren Aufgaben betraut worden und kamen nun in die Lage, in knapp bemessener Zeit so umfassende Themata zu behandeln. Wie peinigend war nicht oft die Empfindung, daß der Redner durchaus nicht zum Schluß gelangen konnte? Andrerseits haben wir Treff­liches zu hören bekommen. Aber man erspare doch in Zu­kunft solche ungleiche Leistungen der Oeffentlichkeit- man darf sich vor allem nicht erlauben, einem großen nicht vor­bereiteten Publikum gegenüber fortwährend auf Schriften zu verweisen, die man ihm nicht als durchaus be­kannt voraussetzen darf. Wir kommen mit unseren formalen Ausstellungen zum Schluß und indem wir nochmals be­tonen, daß vor die Oeffentlichkeit seitens einer einheitlich gestalteten Vereinigung nur wohlvorbereitete Referate ge­bracht werden dürfen, daß eine unter lauter Zufälligkeiten erfolgte Zusammensetzung einer Versammlung nichts weniger als geeignet ist, in wissenschaftlichen Dingen Beschlüsse zu fassen, daß für wichtige Fragen überhaupt eine Beschluß­fassung nach wenigen Stunden der DtScusfion ein Unding ist hiernach erlauben wir unS für die Zukunft den wohl- gemeinten Vorschlag:Auf Grund eingehender in­terner Berathungen und Discussionen geeig­nete Gegenstände im Sinne der im Schoße der Vereinigungen stattgehabten Beschlußfassungen öffentlich durch einen dazu bestimmten Herrn be­handeln zu lassen, wobei man ev. noch einen Corre.ferenten zulassen mag. JmUebrigen diene eine solche mehrtägige Zusammenkunft dazu, sich persönlich näher zu treten und miteinander ganz unter sich über die durch die stattgehabten Vorträge erhaltenen Anregungen u. s. w. zu ver­handelnd Man wird dann selbst wett mehr befriedigt sein, in der Oeffentlichkeit weit mehr erreichen und keine Ansprüche wachrufen, die nachher nicht in Erfüllung gehen können. Freilich muß Eines noch gefordert werden: Die Vorträge müssen wohlabgerundet, umfassend sein und müssen jede Einseitigkeit! durchaus vermeiden.

Hiermit kommen wir zu dem Inhalt, den diese nicht formvollendete Versammlung ihren Theifi- nehmern geboten hat. Auch er entsprach nicht der soeben erhobenen Anforderung, wenngleich in Einigem dieselbe erfüllt wurde. Eine hervorragende Stelle verdient zunächst der am zweiten Tage gehaltene Vortrag des Herrn Dr. Leppmann, Psychiater und Anstaltsarzt zu Moabit (Berlin). Nichts von Einseitigkeit, nichts hätte man vermissen mögen, nichts fehfite, wenn­gleich man gerne noch länger den interessanten Ausführungen gefolgt wäre. An der Hand der vom preußischen Ministerium des Innern veranstalteten Statistik vom 1. October 1894 mittelst Zählkarten für rückfällige Zuchthausgefangene ging der Vortragende alle Anforderungen durch, die man an eine derartige Statistik stellen müßte. Nach Feststellung des Namens, der Geburt (insbesondere ob ehelich oder unehelich), des Ortes seines Herkommens, sei vor Allem der Beruf des betreffenden Sträflings, die gehörige Vorbildung, Schulreife, dto. der Eltern (Stiefeltern) festzustellen, ferner seine Dienst­stellungen, seine Vermögensverhältnisse, die Vorstrafen, seine verschiedenen Wohnorte, die Zahl der Geschwister, seiner Kinder, seine Leidenschaften, Krankheiten usw. Erst au Grund aller dieser objectiv feststellbaren Thatsachen aus dem Leben des Individuums fei ein Schluß auf die Ursache des objectiv feststehenden Rückfalls zu ziehen. Auf Grund dessen vermöge dann die Beamten-Conferenz (nicht: der Beamte Koscherung, wie es im Referat heißt) ein Urtheil darüber zu fällen, ob und aus welchen Gründen der Be­treffende wieder rückfällig werden würde!

Wahrlich, bei ehrlicher, voruvtheilslosec Betrachtung dürfte ein ganz erheblicher Procentsatz der Rückfälligen in die Gruppe derer gehören, die in mißlicher bedrängter Lebenslage nicht stark genug sind, der sich darbietenden Gelegenheit, in unrechtmäßiger Weise sich in eine bessere Lage zu bringen, Trotz zu bieten, die mehr auS Schwachheit das Recht brechen.

Gewiß können wir vom politischen Standpunkte auch hnen gegenüber der Strafe nicht ganz entbehren, aber ganz anders sollten sie doch behandelt werden, als die Parasiten der Gesellschaft, seien sie reiche oder arme arbeitsscheue Lumpen, anders wieder als jene Leichtsinnigen, gegen die nur einer gründlichen Abschreckung bedarf, um ihren Leichtsinn zu curiren, die nach einigen Strafen, wie der Berliner sagt, die Nase voll haben! Nie möge die Strafjustiz sich von Gedankengymnastik" beherrschen lassen- sie muß voll und ganz mit dem Leben verwachsen sein. Bravo! Bravo! (Schluß folgt.)

Lauter (Kreis Gießen), 11. Juni. Einen schönen Erfolg hat der Zuchtviehhof für Vogelsberger Vieh, der auf der Bingmühle bet Lauter besieht, auf der vom 6. bis 10. Juni zu Köln stattgehabten LandwirthschaftS-Ausstellung erzielt. Es wurden ihm sechs erste, vier zweite und ein dritter Preis zuerkannt. Hierunter befindet sich auch der erste Zugpreis, mit dem er auch schon früher auf der Magde­burger Ausstellung ausgezeichnet wurde. ES ist dies gewiß ein Zeichen der hervorragenden Eigenschaften des Vogelsberger VieheS, wie auch von der Sorgfalt, welche Herr Zimmer auf die Viehzucht verwendet. Därmft. Ztg.

Ettingshausen, 9. Juni. Gestern Nachmittag V24 Uhr war ein 26 Jahre alter Bursche von Harbach mit dem Ab­schürfen von Erde in dem hiesigen Steinbruch beschäftigt, bei welcher Arbeit er jedenfalls das Gleichgewicht verlor und in den Steinbruch abstürzte. Ein kleiner Bube, welcher ihn auffand, glaubte, da er den Abgestürzten in sitzender Stellung fand, derselbe sei etngeschlafen. In den Schlaf war der Verunglückte freilich gesunken, leider jedoch, da er das Genick gebrochen, in den Schlaf, aus welchem es kein Erwachen giebt.

Villingeu, 9. Juni. In vergangener Woche gerieth unweit Ruppertsburg ein von der chemischen Fabrik FriedrichShütte nach der hiesigen Station gehender Waggon Holzkohlen in Brand, obwohl derselbe schon drei Tage lang beladen in FriedrichShütte gestanden hatte. Die Ruppertsburger Pfltchtfeuerwehr, die die sofortige Bekannt­machung deS Vorgangs durch die Ortsschelle nicht als vorschriftsmäßig" aufgefaßt hatte, Hornsignale konnten unmöglich gegeben werden, da die Stgnalisten zur Zeit aus der entferntgelegenen Fabrik als Arbeiter beschäftigt waren traf etwas verspätet ein- andere Umstände derselben verhindern ein rasches, sicheres Eingreifen, und so ver­brannte nicht allein der Inhalt, sondern auch der ganze Waggon ging bis auf ein Rest vom Räderwerk vollständig in Flammen auf.

R. Rodenbach i. d. W., 12. Juni. Die Frühkirschen- ernte hat bei uns begonnen und obwohl sie bei Weitem nicht so reich ausfällt, wie im vorigen Jahre, bringt sie den Baumbesitzern doch ein schönes Stück Geld ein. Letzteres ist um so willkommener, als die kleinen Landwirthe um die jetzige Zeit fast keine Einnahmequellen haben, dennnach Ostern und Pfingsten haben die Bauern am wingsten." Die Frühkirschen, welche im Etnzelkaufe zu 16 bis 18 Pfennigen pro Pfund verkauft werden, gehen zum Theil nach Nord­deutschland. Die Spätkirschen, welche sich zum Einmachen eignen, folgen in zwei bis drei Wochen. Die Bäume haben durch die Maikäfer nicht unbedeutend gelitten. Im vorigen Jahre hatten wir Bäume, welche 3 bis 4 Centner Früchte trugen. Da der Preis pro Centner aber nicht über 5 bis 6 Mark ging, war der Ertrag doch kein besonders guter. Mittelerträge mit guten Preisen sind vortheilhafter als Massenerträge bet schlechten Preisen. Das Ernten der Kirschen ist beschwerlich und nicht ohne Gefahr. Die Kirschen­ernte von Himbach, welches Dorf in unserer Nähe liegt, ist um 2900 Mark an Frankfurter Händler übergegangen. Das Anpflanzen von Kirschbäumen auf geeigneten Lagen in unserer Provinz ist immer noch kein schlechtes Geschäft.

V. AuS'dem Vogelsberge, 12. Juni. Die Gräser unserer Vogelsberger'Wald- und Bergwiesen sind sehr nahrhaft und dem Vieh ungemein zuträglich, daher werden die Samen dieser Gräser sehr gesucht und gut bezahlt. Unsere Lands­leute wissen aber noch immer keinen rechten Gebrauch davon zu machen. Daher kommt eS, daß auswärtige Händler die Grassamenernte pachten und ein schönes Stück Geld dabei verdienen. Unsere Dorfbewohner verrichten die groben Arbeiten des Einsammelns und Ausklopfens und die aus­wärtigen Händler verricht»» die Arbeiten des Verkaufens und Versendens, was ein viel größeres Stück Geld einbringt als erstere Arbeit. In den Waldungen von Schotten und Nidda