Samstag den 14. Decembtt
Zweites Blatt
Mr. 294
Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieszsn
Hratisöeitage: Hießener Kamitienkkätter
Usnahmt eoe Anzeigen zu der Nachnittag- für bew felgenden Lag erscheinenden Nummer bi» Vorm. 10 Uhr.
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Gießener Anzeiger «e
Kenerat-Wnzeiger.
Amtlichem Theil.
vekanatmachuug,
betreffend: Ausbrach der Maul und Klauenseuche.
Zn Ober-Wöllstadt, Kreis Friedberg, und We- ning», Kreis Büdingen, ist die rubr. Seuche amtlich fest- gestellt und Gehöft- bezw. Gemarkungssperre verfügt worden.
Gießen, den 12. December 1895.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gag ern.
Der Krieg von 1870|71, geschildert durch Ausschnitte tu6 Zeitung-- Nummern jener Zett (Nachdruck verboten.)
14. December.
Daß ein Unglück nicht allein kommt, sondern noch andere Drangsale im Gefolge hat, daS erfahren jetzt die Einwohner Hott Paris. Der HungerSnoth haben fich die Pocken bet' gesellt, die große Verheerungen anrichten. In voriger Woche stad 480 Personen daran gestorben.
Die Rattensänger in Parts machen ein gutes Geschäft. Man schätzt die Zahl der Ratten in der Weltstadt auf 20 Millionen. Die Ratten werden in Champagner gekocht mb sehr stark gewürzt. Da sollen sie delikat schmecken. E n Eßwaarenhändler in Parts hat lebendige Ratten, die in Käfigen etngesperrt find, zu verkaufen.
Loupy, 14. December. Die Festung Montmcdy hat eapitultrt. v. Kam ecke.
Gambetta hat die Bildung eines Regiments GcnS- darmerte bei jeder Armee angeordvet. Der Chef der GenS- darmerie stehl unmittelbar unter dem KriegSmtutster und ist gleichzeitig Vorfitzender eines Kriegsgerichts, vor welches jeder Fliehende oder der Abficht zu fliehen verdächtige Soldat, sowie jeder Soldat, welcher die Ruse: „Rette sich, wer kann!" oder „®tr find verloren!" auSstötzt, gestellt werden soll.
Außer dem Oberbefehlshaber der Loire-Armee, AurelleS de Paladine, find elf Generale ihrer Stellungen enthoben und zum Theil auch ihrer Freiheit beraubt worden.
„Die Geburt Christi",
Kirchenoral orium von Heinrich von Herzogenberg.
(Fortsetzung.)
Der zweite Theil zersällt in drei Scenen: die Verkündigung der Geburt Christi durch den Engel Gabriel an Maria, die Geburt, die Engelbotschaft an die Hirten. An Stelle der Schristweisen Israels tritt der Evangelist, dem Herzogenberg, sowie den anderen redend eingesührten Personen deö Evangeliums, einen eigemhümlichen Sprechgesang zugeschrteben hat, der fich ebenso weit von Schütz wie von Bach entfernt hält, und dem die schönen MeltSmen, in denen daS Gefühl bei bedeutsamen Worten ausströmt, einen eigen- thümlich alterthümlichen Ausdruck geben,- bet der Scene zwischen Gabriel und Maria kommen einem unwillkürlich die altdeutschen bildlichen Darstellungen dieser Scene in den Sinn. Zweimal greift hier der Chor wirkungsvoll ein. Bei den Worten des Engels: „Siehe, du wirst einen Sohn gebären, deß Name sollst du Jesus heißen", weben die zu der Harmouiumbegleituug hinzutreteuden Streichinstrumente einen Heiligenschein um den Namen des Heilands- aus dem Chore aber klingt eS zweimal leise wie ein Hauch: „Jesu", und dann ertönt in homophonem, aber sehr gewähltem Satze mit zarten Zwischeuspteleu der Geigen das alte Lkkd: „JesuS ist ctn süßer Nam', den beten wir armen Sünder an". Zu diesem GebetSseufzer, der wie auS übermächtigem Drange der Gemeinde hrrvorgequollen, die Rede Gabriels kurz unterbricht, steht in schönem Contrast der folgende Chor, der im Att'chluß au die Worte deS Engels von dem Königreiche Jesu, da- kein Ende haben wird, nach der zum Lichte aufstrebenden Melodie: „Hosianna, Davids Sohn", da- in Christus nahende Reich Gottes begrüßt. Zu der GeburtSscene leitet ein zwischen Soloquartett und Chor abwechselnder Gesang über nach den Worten des bekannten Liedes von E. M. Arndt: „Erklinge Lied und werde Schall", frisch und fröhlich wie Lerchensang und Nachtigallenschlag, so recht geeignet zur Feier deS Festes, von dem Scheffler singt:
Jetzt wird die Welt recht neu geboren, Jetzt ist die Maienzeit.
Dann setzt der Evangelist mit dem unvergleichlichen Weihnachtsevangelium em zu schlichter Harmoniuwbegleitung. Aber nach den Worten „mit Maria, seinem vertrauten Weide, die war schwanger", lasten die Geigen pianiaaimo ein kurzes Motiv ertönen, daS bei dem in unseren WeihnachtSliedern
Heimischen sogleich die süßen Schauern der geheimnißvollen, heiligen Nacht wachrust- es find die ersten Klänge deS Lird.S „ES ist ein' Ros' entsprungen"- fie wiederholen fich noch etuigemale während deS Fortganges der Erzählung und leiten schließlich zum Gesang deS LiedeS selber über, das zu den bedeutendsten Paitieen deS ganzen Werkes gehört. Nach der unsterblichen Harmouifirung ^..eser Melodie durch M. Prä- tonuS (1609), die Gemembefitz aller rvanqeli'chm K'rchen- chöre geworden ist, mußte eine ganz neue Bearbeitung dieser Wet'e gefunden werden, sollte nicht bei Sängern und Hörern die Frage fich regen, weßhalb man nicht einfach den alten Prä onu- wieder ausgenommen habe. Herzogenberg hat eine solche neue Bearbeitung gegeben: In laugen Noten zieht im Sopran die Ultenretne Melodie dahin, von den begleitenden leicht bewegten Stimmen getragen, wie ein Schwan von der schwankenden Fluth- hinter jeder Zeile aber flechten die Streichinstrumente Zwischenspiele von so ekstatischer Stimmung ein, daß man den Klang himmlischer Instrumente zu hören vermeint, welche die Erde grüßen, auf der das seligste Ge- heimniß enthüllt ist! In die Stille der heiligen Nacht klingt nun, vom Violoncell gespielt, in Bruchstücken, hier und da von Harmoniumklängen getragen, die schlichte, alte Melodie „Kesonet in laudibua“, zu der man das Weihr.achtSwiegen- heb: „Joseph, lieber Joseph mein, hilf mir wiegen mein K'ndelein", zu fingen pflegte. Die Melodie des CelloS wird zu wiegender Bewegung, und von ihr getragen, setzt nun in wirkungsvollem Wechsel der Tonart daS Lied selbst ein, und zwar als Zwtegesang von Maria und Joseph gesungen. Es gehört ntchr viel Scharfsinn dazu, Voraussagen zu können, daß dieses Duett (zu dem sich ebenfalls in den Biahm-'schen Com- positionen eine Parallele findet- vergl. op 91, zwei Gesänge für eine Altstimme mit Bratsche, Nr. 2 geistliches Wiegenlied) bald zu den beliebtesten Nummern auf den Programmen von WeihnachiSconceiten gehören wird. Nachdem das letzte pizzicato der begleitenden Instrumente verklungen ist, heben, gleichsam als Antwort auf die Schlußzeilen des Duetts: „Kommt herab, ihr Engelein, zum finstern Stall, grüßt daS Kind mit Psalmen und mit süßem Schall", die Engel in dreistimmigem Chore einen Sang von bestrickendem Wohl- laute an, der die geheimnißvolle Stimmung dieser Scrne bis zur höchsten Höhe steigert. Es find das alles Stücke, bei denen man den Athem anhalten mö hte. Nun tritt die Hirten- scene ein mit dem rührend tröstenden Gesang des Engels, der nicht, wie gewöhnlich, dem Sopran, sondern dem Alt zu- gewiesen ist. Der Gesang der himmlischen Heerschaaren: „Ehre sei Gott in der Höhe", ist nahezu der einzige Chor öes Werkes, der in feierlich oratorienartiger Form breit dahinftrömt. In seinen Schlußaccord fällt das brausende Orgelhauptwerk ein und leitet mit einem glänzendem Jnter- ludium zu dem Gloria der Gemeinde „Allein Gott in der Höh' sei Ehr" über.
Der dritte Theil, „die Anbetung", sührt die Stimmungen ein, die bei Werken ähnlichen CbaracterS meistens zu kurz kommen, aber in einem Wethnachtsstücke am wenigsten fehlen dürfen, kindlichen Jubel und Scherz. Insofern ist dieser letzte Theil vielleicht der originellste und populärste zugleich. Schon das eil'leitende Stück, ein Pastorale für Instrumente, spricht diesen Character auS. Wie schon bemerkt, tritt zu den Streichern das die Hirtenflöte, bezw. den Dudelsack tmi- tirende Instrument der Hoboe. Die Melodie des Pastorale ist dem sogenannten Quempaa entnommen, dem alten Weih- nachtswkchselgesang der Kinder: „Quem paatorea laudavere“, der dann in dreistimmigem Satze von Ktnderst'mmen im Anschluß an das Pastorale gesungen wird. Zunächst leitet nun der Evangelist den Gesang der Hirten ein, die fich auf den Weg nach Bethlehem machen. Ihm antwortet ein munterer Chor im Anschluß an eine altböhmische VolkSmelodie, der die Hirten auffordert, daS Kindlein im Stalle aufzusuchen- man steht fie in der Ferne verschwinden, verstreute Klänge der Hoboe klingen von Weitem herüber. Der Evangelist erzählt, wie fie das Kind gefunden haben, und nun zeigt uns ein farbenprächtiges Bild die Hirten und die ganze herzenSsrohe WeihnachtSgemeinde, wie fie das Kind der Maria anbeten und dazu jubeln und jauchzen in kindlicher Freude. Die herrliche Weise deS mittelalterlichen Liedes: In dulci jubilo, „Nun finget und seid froh" ist es, die fie anstimmen in alternirendem Soloquartett und Chor, umspielt von lustigen Violinen. Die Stimmung der harmlosen Kinderseligkeit deS WethnachtSfesteS kann nicht vollkommener zum Ausdruck gebracht werden. Der Evangelist erzählt weiter, wie die Hirten allerorten von dem, was sie gehört und gesehen hatten, Kunde geben. Da- alte Volkslied: „Als ich bei meinen Schafen wacht", für eine Tenorstimme und Männerchor mit höchst characteristischer Begleitung, führt in diese Situation ein. Nach Abschluß des Evangelium- treten jene vier Männer
vom Anfang wieder auf und preisen die Ersüllung der Verheißung n, die fie im ersten Theile ausgesprochen hatten. Hinter jedem Ab'atz der schönen, aus dem Lobgesang deS ZochariaS genommenen Worte stimmt der Chor ein kurze- Halleluja an, mtt pianiaaimo beginnend und mit lautem Jubelruf schließend. Dann aber theilt fich der Chor in zwei elbstständige Gruppen, welche eirunder an Innigkeit b;« Ausdrucks überbietend, die Summa des WeihnachtsfestcS verkündigen: „Also hat Gott die Welt geliebt" rc.- der Kmder. chor aber fivgt in die Wogen dieses von Liebe und Dankbarkeit überquellenden Stückes den Luther'schen ver»:
Er ist auf Erden kommen arm, Daß er unser sich erbarm Und in dem Himmel mache reich Und seinen lieben Engeln gleich, Hallelujah!
Mit diesem wundervollen Satze von eigenthümlich strömender Melodik gewinnt Herzogenberg, nachdem er mit den Kindern und Hirten gescherzt, die volle Höhe der kirchlichen Stimmung wieder, so daß die Gemeinde fich unmittelbar mit den Schlußversen auS „Vom Himmel hoch" au- schließen kann, deffen Melodie in dem zum Postludium gewordenen Präludium deS ganzen Werkes ausklingt.
(Schluß folgt.)
WB. Laug-GöuS, 11. December. Bei der diesjährigen Volkszählung zählte unser Ort 1479 Einwohner gegen 1427 im Jahre 1890, die Einwohnerzahl hat fich sonach um 52 vermehrt.
Riederweisel, 12. December. Die am 2. December stattgehabte Volkszählung ergab für den hiefigeu Ort 1341 Personen. Im Jahre 1886 waren 1325 und im Jahre 1890 1321 Personen anwesend. Mithin ist seit 1890 eine Zunahme von 20 Personen zu verzeichnen.
Worms, 9. December. Die seitens der Hessischen Ludwigsbahn projeclirte feste Eisenbahnbrücke über den Rhein bei WormS wird jetzt zur W.ttbewcrbung ausgeschrieben. Zu dieser Wetibewerbung sind die Ingenieure deutscher Staatsangehörigkeit aufgesordert, Entwürfe und Kostenansch äge für das Bauwerk anzufertigen und bis längstens 1. Juni 1896 an die Specialdirection der Hessischen Ludwigsbahn in Mainz einzusenden. Die erforderlichen Unterlagen können daselbst bezogen werden. Die vorgeschriebene Bausumme beträgt 2,860,000 Mk., und haben Entwürfe, welche diesen Betrags übersteigen, keinen Anspruch auf Zuerkennung eine- Preise«' Das Preisgericht, dem die Entwürfe zur Begutachtung vorgelegt werden und das über die Preiswürdrgkett fich auSzu- sprechen hat, besteht auS den Herren: Wttkl. Geheimrath Ex. Baensch in Berlin, Geh. Baurath Prof. Landsberz in Darmstadt, Präsident v. Le'bbrand in Stuttgart, Geheimrath Dr. Schäffer in Darmstadt, Geh. Oberbauraih Wetz in Darmstadt und Baurath Hehl in Mainz. Al- Preise sind ein erster Preis von 10,000 Mk., ferner zwei event. auch drei Preise im Gesawmlbetrage von 12,000 Mk. ausgesetzt.
Mainz, 11. December. Schwer bestraft wurde ein Soldat von der 5. Compagnie des Regiments Nr. 87. Der Betreffende wurde vor etwa sechs Wochen an einem Sonntag Nachmittag wegen Betrunkenheit in der Grabenstraße arretirt und zur Hauptwache gebracht. Hierbei leistete er Widerstand und beging einen Angr ff gegen einen Vorgesetzten vor versammelter Mannschaft u. s. w. Das Kriegs- gerecht verurtheilte den Soldaten zu 5* */a Jahren Zuchthaus und Au-ftoßung aus dem Heer. Schon heute wird der so hart Bestrafte, der übrigens schon viele Vorstrafen verbüßt hat, nach Marienschloß gebracht.
* Marburg, 12. December. Nach der am 2. December veranstalteten Volkszählung beläuft sich die Einwohnerzahl Marburgs auf 16 033 gegen 14357 in 1890- der Zuwachs beträgt demnach 1676. Männliche Einwohner wurden 7894 (1890 7185), weibliche 8139 (1890 7172) gezählt. Bewohnte Wohnhäuser find 1263 (1103), andere bewohnte Baulichkeiten 5 vorhanden. Gewöhnliche Haushalte von 2 und mehr Personen gibt es 2799 (2483), einzeln lebende Personen mit eigener Hauswirthschast 275 (218). Marb. Tgbl.
• Frankfurt a. M., 9. December. DaS vorläufige Resultat der Volkszählung am 2. December ergibt für Frankfurt a. M.-Bockenheim auf Grund der in den BezirkS- commissiooen vorgeprüfienControlltsten 228 750 ortsanwesende Personen, darunter 108880 männlichen und 120 220 weiblichen GeschlecktS. Bei der Volkszählung t« Jahre 1890 waren es 179666 Bewohner, die Stadt hat also, allerdings


