Nr. 268 Zweites Blatt. Donnerstag de» 14. November
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Ausfuhrhandel und Auswanderung.
Es wäre wohl eine der glücklichsten Lösungen einer handelspolitischen und colonialpolitischen Aufgabe, wenn die immerhin noch sehr beträchtliche Auswanderung deutscher Srammesgenossen in eine vortheilhafte Beziehung zur Ausfuhr deutscher Jndustrieproducte gebracht werden könnte, denn dann würde sich nicht nur das Absatzgebiet für Deutschlands Industrie vermehren, sondern es würden sich auch bald noch eine Anzahl andere Vortheile für Handel und Verkehr, Land- wirthschaft und Gewerbe durch Steigerung deS Verbrauchs an Lebensmitteln und Rohproducten einstellen. Als Haupt- forderung zur Erreichung dieses Zieles muß die Organisation der deutschen Auswanderung und die Bekämpfung der vom nationalen Standpunkte ganz unglückseligen Zersplitterung und Zerstreuung der Auswanderer angesehen werden. Wenn z. B. noch jetzt ungefähr im Durchschnitt jährlich 60,000 Deutsche auswandern, so zerstreuen sich diese meist in alle Welttheile, verlieren zum größten Theile ihr Deutschthum, und das Mutterland hat von ihnen nichts mehr. Besonders ungünstig ist in dieser Hinsicht die Auswanderung nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika und nach den englischen Colontalstaaten Canada, Indien und Australien, denn dort übt die amerikanische und englische Cultur auf den stammverwandten Deutschen eine so große Anziehungskraft aus, daß er meist nur zu bald sein Deutschthum abstreist und aus diesem Grunde, sowie auch in Folge der scharfen Bekämpfung der deutschen Industrie durch England und durch die Vereinigten Staaten von Nordamerika alle wirthschaftlichen Beziehungen zum alten Vaterlande verliert. Dieser für das Deutschthum und das deutsche Reich sehr nachtheilige Zustand würde sich aber bald ändern, wenn die deutsche Auswanderung organisirt und so viel als möglich nach solchen Ländern gelenkt wird, wo die deutsche Cultur hoch angesehen ist und deutsche Jndustrie- probucte gern und ohne den domtnirenden Einfluß der englischen und nordamerikantschen Concurrenz wird gekauft werden. ES find dies die meisten südamertkanischen Länder, wie Chili, Argentinien, Bolivia, Peru und auch Brafilten, ferner auch Mexiko, und bann aber auch die meisten südafrikanischen Colonien, ganz besonders die Buren-Republik Transvaal, die sich so heldeumüthig gegen die Engländer vertheidigt hat und allen Deutschen eine große Sympathie entgegenbringt. Auch -sei erwähnt, daß die Buren holländischer und niederdeutscher Abkunft sind, und in ihren weiten Ländereien nur Viehzucht treiben, daß aber Boden und Klima auch für Ackerbau, Plantagenbau und Bergbau in Folge des Gold- und Kupfer-
reichthumS des Landes günstig sind. Es ist dies eine Frage, | welcher der Reichstag und die Colonialvereine ihre Aufmerksamkeit schenken sollten.
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Gießen, 13 November 1895.
Schuldienst-Nachrichten. Am 25. September wurde dem Lehrer an der Gemeindeschule zu Schneppenhausen Georg Keller die Stelle eines Anstaltslehrers an dem Landeszuchthaus Marienschloß übertragen- — an demselben Tage wurde der auf die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ober-Bessingen, Kreis Gießen, präsentirte SchulamtS- aSpirant Carl Erb aus Lich für diese Stelle, bestätigt- — am 2. October wurde der auf die erste Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Nieder-Wetsel, Kr. Friedberg, präsentirte Schulamtsaspirant Heinrich Vogt aus Lich für diese Stelle bestätigt- — an demselben Tage wurde dem Schullehrer Georg Lortz zu Rothenberg die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Waschenbach, Kreis Darmstadt, — am 5. October wurde dem SchulamtSaspiranten Johann Bauer auS Sonderbach eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Pfeddersheim, Kreis Worms, — an demselben Tage wurde dem Schullehrer Heinrich Dillmann zu Gadernheim eine Lehrerstelle an der evangel. Schule zu Bensheim, — an demselben Tage wurde dem Schullehrer Johannes Eckert zu Lengfeld eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Bauschhetm, Kr. Groß-Gerau, — an demselben Tage wurde dem Schullehrer Otto Hahn zu Bauschheim eine Lehrer- stelle an der Gemeindeschule zu Lengfeld, Kreis Dieburg, — an demselben Tage wurde dem Schullehrer Adam Eckhard zu Ober-Saulheim eine Lehrerftelle an der Gemeindeschule zu Freimersheim, Kr. Alzey, — an demselben Tage wurde dem Schullehrer Philipp Ferbert zu Freimersheim eine Lehrerstelle an der Gemetndeschule zu Ober-Saulheim, Kreis Oppenheim, — an demselben Tage wurde dem Schullehrer Peter Reinhardt zu Busenborn die Lehrerftelle an der Gemetndeschule zu WeiterShain, Kreis Gießen, — am 16. October wurde der Schulamtsaspirantin Anna Hillen brand auS Bensheim eine Lehrerinnenstelle an der Gemetndeschule zu Ftnthen, Kr. Mainz, — an demselben Tage wurde dem SchulamtSaspiranten Peter OchS auS Dom-Dürkhtim eine Lehrerstelle an der Gemetndeschule zu Wolfskehlen, Kr. Groß Gerau, — am 19. October wurde dem Schullehrer Johaon Philipp Bausch zu Asbach eine Lehrerstelle an der evangel. Schule zu Caftel, Kr. Mainz,
— an demselben Tage wurde dem Schullehrer Georg Rau zu Bechenheim eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Kostheim, Kr. Mainz, — an demselben Tage wurde der SchulamtsaSpirantin Katharina Kirn auS Offcnheim eine Lehrerinnenstelle an der Gemeindeschule zu Kostheim, Kreis Mainz, übertragen - — an demselben Tage wurde der auf die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ober Hörgern, Kreis Gießen, präsentirte SchulamtsaSpirant Rudolf Ratz auS Gambach für diese Stelle bestätigt.
Laubach, 7. November. Gestern Abend hielt der christlich - sociale Verein für Laubach und Umgegend im Gasthaus zur Traube seine diesjährige Generalversammlung ab, zu der 33 Personen erschienen waren. Herr Dr. Vogel sprach über daS socialdemokratische Agrarprogramm. An der Debatte beteiligten sich noch Se. Erlaucht, der hiesige Herr Graf und Pfarrer Röschen von Freienseen. Auf Anregung Sr. Erlaucht wurde an Herrn Hofprediger Stöcker in Berlin eine Adresse erlassen, deren Inhalt eine Aufmunterung bezweckte, in dem jetzigen schweren Kampfe auS- zuharren. ®r*
Die Fabrik des Freiherru v. heyl tu Worms, welche vor einigen Tagen vom Großherzog besichtigt wurde, ist nach dem Kruppschen Werke die größte in Privathänden befindliche in Deutschland. Aus kleinen Anfängen entstanden, beschäftigt sie jetzt in 320 Gebäuden 92 Beamte, kaufmännische und technische, 2536 männliche, 1004 weibliche Arbeiter, zusammen 3632 Personen. Es wird ausschließlich Kalbfell verarbeitet und zwar zu Wichs, Kid-, Glanz- und farbigem Leder- aus den Abfällen kocht man Leim, Gelatin und DegraS, außerdem künstliches Brandsohlleder. Die Fabrikate haben sich, wie man aus den zahlreichen Ehrendiplomen sieht, die ganze Welt erobert, das fcetjl’fäe Leder wird in allen Weltteilen getragen. Das Wohl seiner Arbeiter zu fördern, hat Herr v. Heyl verschiedene Sparkasien errichtet, zunächst eine solche, in welcher Einlagen von 20 Pf. an gemacht werden können, dann eine Pfennig-Sparkasse und schließlich eine solche für jugendliche Arbeiter von 16 bis 23 Jahren. Der Eintritt in diese erfolgt freiwillig- der Eintretende muß sich aber verpflichten, 10 Procent seines Lohnes wöchentlich einzuzahlen. Die Rückzahlung erfolgt, wenn der Einleger das 23. Lebensjahr zurückgelrgt hat, auS der Fabrik scheidet oder sich verhetrathet. Die Einlagen bis 500 Mk. werden mit 5 Procent, von 500 dis 1000 Mk. mit 4 Procent, von 1000 bis 2000 Mk. mit 3*/2 Procent verzinst - der Umsatz ist sehr bedeutend. Dann besteht eine Vorschußkasie, auS
Feuilleton.
Aschieitsgkbräuchk, Sitten nnb Trachten im Nevumlde und im Kied.
(4. Fortsetzung.)
Gin Odenwälder Sprichwort sagt:
/s ist kaa Hochzig noch so kiaa, Sie bringt noch aa."
Dieses Sprichwort findet fich auch in anderen Gegenden und um zu sehen, wer von den jungen, noch nicht verlobten .und verheiratheten HochzeitSgäften bald ben Ehestand
treten wird, der beteiligt sich einem Orakel, welches man in folgender Weise veranstaltet: Man verbindet der Braut die Augen, alle unverheirateten, noch nicht ver^ -lobten jungen Damen fassen sich bei den Händen, schließen einen Kreis um die Braut und tanzen nach dem Liede aus Freischütz" : „Wir winden Dir den Jungfernkcanz einen Reigen. Die Braut fängt eine der jungen Damen auS dem Ringelreihen heraus und diese wird die erste sein, welche sich demnächst verlobt, fi° »hält znm HnMaten einen Zweig au« dem Brautkränze. Bei den Herren geht -s ähnlich, nur m t dem Uulerschiede, daß man dem Bräutigam eine weihe Nachtmütze auflett und der aus dem Reigen Gefangene einen Heinen Zweig aus dem Hochzeitsstrauste des Bräutigams empfängt «'n anderes Orakel ist ebenfalls sehr beliebt:
die Witte deS TanzfaaleS wird ein kleiner Ttfch gestellt; auf Metern liegen fo viele zufammengerollte Servietten, als ledige, noch nicht verlobte Paare tanzen. Jedes Paar darf eine Serviette vom Tifche hafchen, wenn es an Metern out- üfaeetanit. In einer der Servietten ist ein Biumenstraußchen eingewickelt. Dasjenige Paar, welches die Serviette mit dem Sträußchen haicht, wird fich zuerst verloben. In der Regel tarnen diejenigen jungen Leute den .Jungfernkranz zu< lammen, welche fich heimlich lieben oder eine aufkeimende Zu- »etgung für einander haben. . C4
Neber daS Berheirathen der jungen Leute werden oft
fünf bis sechs und mehr Jahre vorher Verabredungen unter den Alten getroffen. Der Vater eines jungen Burschen versäumt nicht, wenn eine Kirchweihe herannaht und der Junge so etwa 17 oder 18 Jahre geworden, zu sagen: „Du, Peter, die Katherine so und so ist ein schön' Mädchen, ordentlich und fleißig, hat so viel Morgen Aecker wie Du und paßt zu Dir. DaS wäre etwas für Dich, Peter!" In den meisten Fällen findet ein solcher Wink gute Ausnahme, denn die Jungen haben ihren Stolz und Kracke! wie die Alten. Reiche Obenwälder und Rtedbauem haben ihre Standes- vorurtheile und wiffen Elemente, die nicht convenircn, sehr von fich fervzuhalten. Sie sehen mit Hochmuth auf Minder- begüterte herab, halten auf Familientcaditionen wie ahnen- stolze Junker und geben ihre Töchter keinem sogenannten Beisaffen. Die Art und Weise, wie im Riede die Verlobungen geschehen und die Hochzeiten gefeiert werden, ver- dient kurz geschildert zu werden. Da, wo die Feierlichkeiten gleich ober ähnlich find wie diejenigen im Odenwalde, gehen wir mit wenigen Worten darüber hinweg.
Im Riede wurden die Verlobungen und Hochzeiten nie in der arbeitsreichen Zeit des Jahres, sondern im Winter gefeiert. Gewöhnlich fand im December der Verspruch (auch Weinkauf genannt) und im Januar die Hochzeit statt. Der Verlobungsabend ward zwischen den beiderseitigen Eltern festgesetzt und fast ausschließlich im Hause der Braut abgehalten. Gegen 8 Uhr begab fich der Bräutigam mit den Eltern und den Pathen (die auch in der Rheinebene bei allen Familien- angelegenheiten eine hervorragende Rolle spielen, wie im Odenwalde) in daS Haus der Braut und man fand dort scheinbar die ganze Familie ihrer gewohnten Beschäftigung nachgehend.
Der HauSvater empfing die Gäste mit Ernst und Würde, in der Regel mit den Worten: „Ei, des sein jo seltene und fremme Gäft', die muß mr willkumme haaße. WoS is denn Euer Begehr?" Der Pathe, als RespeetSperson und wichtiges Mitglied bei Familienangelegenheiten, trat nun vor und antwortete an Stelle deS Vaters: „Was unser Begehr
ist, will ich Euch sagen. Mein Petter (Pathen) N. N. hat sich mit Bewilligung seiner Eltern und meiner entschlossen, in den Stand der Ehe zu treten und hat ein Auge auf Eure Tochter geworfen und da find wir gekommen, um Euch zu fragen, ob Ihr ihn als Tochtermann annehmen und ihm Euer Kind zu seinem ehelichen Gemahl geben wollt." — Der Brautvater spricht daraus einige Worte mit seiner Frau und antwortet folgendermaßen: „Wir haben gegen den N. N. nichts einzuwenden und wollen unsere Tochter rufen, um zu hören, waS fie dazu sagt."
Daraus erscheint meistens eine jüngere Schwester ober Verwanbte ber Braut, welche bereu Rolle spielt unb den Bräutigam neckt. Wir sehen hieran unb an ben nach weiter unten folgenben Mittheilungen, wie bie Rheinuserbewohner Neigung unb Anlage zu Scherz unb Kurzweil haben, viel mehr, als bie Odenwälber ober bie Oberheffen.
Nach einigen Minuten legt fich ber Pathe ins Mittel unb erklärt: „Hier muß ein Jrrthum obwalten, bas ist bic Rechte nicht."
Der Brautvater schickt toieber hinaus unb ruft nach ber gewünschten Braut. Diesmal kommt eine alte, häßliche ober häßlich gekleibete Person- wenn fie ein flinkes Mundwerk hat, ist sie besonders erwünscht. Sie hänselt den Bräutigam und treibt ihn in die Enge, wobei es mitunter etwas realistisch hergeht.
Auch jetzt steht der Pathe dem Bräutigam wieder bet, indem er den Plagegeist entfernen hilft unb nach ber richtigen Braut verlangt. Mitunter kommt noch eine Dritte unb Vierte, welche bie heitere Sache sortsetzeu, bis zuletzt bie wahre erscheint: mit rothen Wangen unb bescheidenen, verlegenen Blicken tritt sie herein, wirb allseitig herzlich begrübt, feierlich ft um ihre Zustimmung gefragt unb nun officieß als Braut auf- unb angenommen. Früher war es Sitte, baß ber Bräutigam als Zeichen ber Verlobung ber Braut ein große- Gelbstück, ben BerlobungSthaler, überreichte.
(Fortsetzung folgt).


