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Nr. 162

Der chietzener Anzeiger erscheint täglich, mitt Ausnahme deS Montags.

Die Gießener Aamitienvtäller werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Samstag den 13. Juli

1S98

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger.

Vierteljähriger Aöonnementsprei« r 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezöge« 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, ExpeditioK und Druckerei:

Kchutstraße Ar.7.

Fernsprecher 51.

Amts- und Anzeigeblutt für den Ureis Gieren.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag« für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr.

Hratisöeilage: Hießener Zamitienötätter.

a

Alle Annoncen-Bureaux deS In« und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtliche* Theil.

Bekanntmachung.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Auf­schlags von Fünf vom Hundert pro Monat Juni 1895 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 Kg betragen: Hafer Mk. 14,35, Heu Mk. 4,73, Stroh Mk. 3,68.

Gießen, den 8. Juli 1895.

GroßherzoglicheS Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Deutsches Reich.

»erlitt, 11. Juli. Das characteriftische Merkmal der letztenWoche ist auf dem politischen Gebiete der Eintritt der sommerlichen Ruhe. Doch wenn dieselbe auch in den inneren Angelegenheiten wie alljährlich etngetreten ist, so wird man wohl in diesem Sommer wegen der Feier der bevorstehenden Gedenktage an die ruhmreichen deutschen Waffeuthaten von einer eigentlichen politischen Ruhe nicht reden können, denn die Erinnerung en diese große Zett giebt auch fortwährend zu allerlei politischen Erörterungen Anlaß.

In der Angelegenheit deS Schutzes der Bauhandwerker gegen die Ausbeutung durch gewissen- lose Bauunternehmer hat der Reichskanzler die Bundes­regierungen im Anschluß an die Märzberathung im Reichs- amt des Innern um entsprchende Mittheilungen mit gutacht­lichen Aeußerungen ersucht, wie eine Berücksichtigung der Wünsche der Bauhandwerker angängig sei.

Neueste Hadert d^tett*

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 11. Juli. Gestern sind die deutschen Kriegs­schiffeStosch" undHagen" in Tanger, das SchiffKaiser" in Wosung eingetroffen.

Berlin, 11. Juli. DieBerliner Corresp." veröffentlicht einen Erlaß des Cultusministers vom 9. Juli d. I., welcher betont, daß, weil in neuerer Zeit wiederholt Ver­fügungen der Verwaltungsbehörde, die nicht für die Oeffent- Üchkeit bestimmt waren, infolge Vertrauensbruchs von Beamten von nichtdienstlicher Stelle wortgetreu veröffentlicht I wurden, eine Mittheilung amtlicher Schriftstücke an unbefugte I

Dritte als schwere Verletzung der Pflicht der Amtsverschwiegen­heit angesehen und mit ernsten DiSciplinarstrafen geahndet werde.

Berlin, 11. Juli. Die Morgenblätter melden aus Breslau: Wegen Widerspruchs der polnischen Stu­denten gegen die akademische Ortsgruppe des Vereins zur Förderung des Deutschthums in den Ostmarken verbot der Rector der Universität Versammlungen in dieser Angelegenheit tn den Universitätsräumen.

Berlin, 11. Juli. In der heutigen Plenarsitzung deS BundeSratheS wurde die Ausdehnung der Berechtigung der Reichstagsabgeordneten zur freien Eisenbahn- fahrt und Gepäckbeförderung zwischen ihrem Wohnorte und Berlin auf die Zett vom 10. bis 20. August d. I. ge- nehmigt. Dem Ausschußantrag betr. den Etat der Zollver­waltungskosten für das Großherzogthum Oldenburg wurde die Zustimmung ertheilt, ebenso dem AuSschußantrage betr. den Entwurf eines VertheilungSplanes für den durch daS Gesetz vom 22. Mat 1895 zur Verfügung gestellten Betrag zu Beihilfen an Bedürftige ehemaliger KrtegStheilnehmer. Dem Ausschuß-Antrag betr. den Entwurf der Bestimmungen für die Volkszählung 1895- wurde die Zustimmung ertheilt.

Madrid, 11. Juli. Heute Nachmittag drang ein schlecht gekleidetes Individuum tn das königliche Palais ein und schoß sich in den Gallerten eine Ptstolenkugel in die Brust. Der Schwerverwundere wurde auf das Depot ge­bracht. Wie man annimmt, hatte der Selbstmörder lediglich die Absicht, die Aufmerksamkeit auf das Elend seiner Familie zu lenken.

Stora Sundby, 11. Juli. Der Kaiser wohnte nach dem gestrigen Diner, das einen vertraulichen Character hatte, einer vom Grafen und der Gräfin Wedell gebotenen Abend­unterhaltung an, bei welcher der bekannte Sänger Sven Schollaner mitwirkte. Heute sind des unsteten Wetters halber Vergnügen im Freien unterblieben. Der Kaiser unternahm mit dem Grafen Wedell einen mehrstündigen Spaziergang in der Nähe de- Schlosses. Heute Abend 6 Uhr wird der Kaiser nach Stockholm zurückkehren.

Depeschen des Bureau .Herold".

Berlin, 11. Juli. Der Kaiser wird der gegen Mitte Octoberstattfindeuden Enthüllung des Kaiser-Fried- rich-Denkmals beiwohnen.

Berlin, 11. Juli. Wie mitgetheilt wird, ist unter den Schneidern Deutschlands eine Stimmung bemerkbar, welche sich mit dem Generalstrtke der Schneider beschäftigt. Den Anlaß dazu gibt der Ausstand der Berliner Confections- Schnetder. Sollten die Fabrikanten ihre Waaren außerhalb unfertigen lassen, so soll in den Strike eingetreten werden.

Berlin, 11. Juli. Die antisemitische Volks­partei hielt gestern Abend eine Volksversammlung ab, in welcher Dr. ck l über Freiheit und Offenheit in der Politik sprach. Redner verlangte die absolute Freiheit der Presse. Dem Staatsanwalt solle das Anklage-Monopol genommen werden. Entschädigung der unschuldig Verurtheilten werde die Volkspartei unablässig fordern. Die Vorwürfe, daß die Volkspartei aus verkappten Socialisten und Anarchisten bestehe, müsse er von sich weisen. Von den staatlichen Credit- genoffenschaften verspreche er sich wenig, denn der Bauer sei dazu noch gar nicht reif. Weiter erklärte Dr. Böckel, daß bei den kommenden Communalwahlen die antisemitische Volks­partei einschreiten werde.

Berlin, 11. Juli. DerLocalanzeiger" meldet auö Rom: Dicht vor dem Thore Roms und zwar auf der Via ApPiaNuova wurden fünf Studenten, welche von einem Ausfluge nach. Albano Abends spät auf ihren Velocipedev zurückkehrten, von bewaffneten Räubern überfallen und ihres gesammten Geldes, sowie der Werthgegenstände beraubt.

Berlin, 11. Juli. DasBerl. Tageb." meldet auS Konstantinopel: Aus Aberglauben, daß heute am ersten Jahrestage des großen Erdbebens letzteres sich erneuern müsse, zogen viele Leute ins Freie und auf Schiffe. Die meisten öffentlichen Aemter, Schulen und Geschäfte, selbst Lebensmittelhandlungen find geschlossen. In allen Moscheen werden Gottesdienste abgehalten.

Berlin, 11.Juli. Die vier jüngeren Söhne des Kaiserpaares und die Prinzessin begeben sich morgen früh zu längerem Aufenthalte nach Saßnitz auf .der Insel Rügen.

Rom, 11. Juli. In vaticanischen Kreisen verlautet, der Papst sei §ehr erregt über das Vorgehen der französischen Regierung gegen die Bischöfe und Priester, welche gegen die Zuwachssteuer protestirten.

Nom, 11. Juli. Das Gerücht, Kaiser Wilhelm werde zur Septemberfeter nach Rom kommen, wird officiöS dementirt.

Paris, 11. Juli. Die Blätter veröffentlichen ein Tele­gramm aus PortSmouth, wonach die italienisch-englischen Festlichkeiten durch einen tragischenZwischenfall gestört wurden. Der Admiral Curtis wurde nämlich in dem Augenblick ohnmächtig, als er das italienische Schiff verlassen wollte. Er starb, ohne nochmals zur Besinnung gekommen zu sein.

Odeffa, 11. Juli. Auf dem Schwarzen Me er wüthet ein furchtbarer Sturm. Drei türkische und zwei griechische Segelschiffe sind gesunken. Der russische Dampfer Don" ist mit der ganzen Bemannung untergegangen.

Sofia, 11. Juli. Minister Stoilow erklärte deme

Feuilleton.

An dir falsche Adresse.

Von Marie Treuter.

(Nachdruck verboten.)

Eommerzieurath Spiegelthals Adele hatte Lesekränzchen. In dem luxuriös ausgestatteten Boudoir der einzigen Tochter deS Millionärs waren fünf junge Mädchen versammelt, alle in dem wonnigen Alter von sechzehn bis achtzehn Jahren. Wie ein Kranz duftiger Frühlingsblumen umrahmten die Hellen Gestalten den zierlichen Marmorttsch.

Adele Spiegelthal, eine üppige Brünette mit einem hochmüthigen Gesicht, blickte tn unruhiger Erwartung auf die Thür. Die Peudule auf der schwarzen Marmorconsole unter dem Goldrahmensptegel verkündete mit Hellem Klang die sechste Stunde.

Sie kommt wieder nicht. Warten wir nicht länger," sagte sie mit einem ärgerlichen Achselzucken und setzte die Tischglocke in Bewegung.

Den Thee," herrschte sie den eiutretenden Diener an.

Unerhört! Was sie sich nur einbildet! Ich würde fte nicht wieder einladen. Sie kann froh sein, daß Du mit ihr verkehren willst," riefen die Mädchen entrüstet durch­einander.

verkehren?" rief Adele zornig.Ich will nicht mit ihr verkehren. Ich mag diese Bettelprinzessin nicht leiden und habe sie nur eiugeladen, weil ich keinen besseren Ersatz für Betty von Reden augenblicklich finden konnte."

Jedenfalls glaubt sie, weil ihr verstorbener Vater General und ihre Mutter eine geborene Gräfin, sie könne darum mit Bürgerlichen nicht verkehren," warf Greta Holm, -eine entzückende Blondine, ein, welche ebenfalls die Tochter eine- Emporkömmlings war.

Pah, ich kann alle Tage einen Grafen heirathen," sagte

Adele geringschätzig.Graf Schlieben zeichnet in jeder Ge­sellschaft nur mich"

Und Paula von Eschenbach aus. Das ist ein offenes Geheimniß," fiel ihr ein lang aufgeschossener Backfisch, der im Gegensatz zu seiner LängeMignon" genannt wurde, malitiös in die Rede.

Adele warf der Boshaften einen bitterbösen Blick zu, daun zuckte sie hochmüthig die Achsel.

Die thut mir keinen Schaden," lachte sie verächtlich auf, sie ist arm wie eine Kirchenmaus. Sie kann froh sein, wenn sie dereinst ein Subalternbeamter heirathen würde.

Schrei nicht so, Adele," rief die dicke, gutmüthige Tilli Sedaström,die stolze, schöne Paula und einen Subaltern­beamten, horribel!"

UebrtgenS ist Schlieben selber reich," warf Mignon ein.

Adele beachtete den Einwurf nicht.

Gerade einen Subalternbeamten," fuhr sie in zorniger Erregung fort.Sie müßte einmal so recht ordentlich ge- demüthigt werden, das stolze, hochmüthige Geschöpf. Ich glaube übrigens, fie arbeitet mit ihrer Mutter für Geld, um den äußeren Schein des Wohlstandes bewahren zu können."

Für Geld arbeiten, (pfui, wie ordinär," warf Greta Holm ein.Wenn ich das wüßte, würde ich überhaupt nicht mit ihr verkehren."

Härt meinen Plan," rief Adele gebieterisch.

Die Mädchen steckten die Köpfe zusammen.

Adele sprach eifrig und mit glühenden Wangen. Ein tiefes Schweigen folgte der langen Rede.

Aber wenn es herauskommt," wagte endlich die sechzehn­jährige Anny von Wildemann die bedeutungsvolle Stille zu brechen.

Kindskopf," schalt Greta Holm,es kommt nichts heraus, außer wenn Du plauderst."

Adele klingelte und befahl dem eintretenden Diener, ihr die neueste Nummer desBerliner Tageblatt" zu bringen.

Nach wenigen Minuten studirten alle fünf, eine über die andere hinwegsehend, eifrig die Rubrik der HeirathSannoncen.

Ein Ministerialbeamter (Rath) in den besten Jahren, mit einem Jahreseinkommen von 6000 Mark und einem erheblichen Baarvermögen, möchte sich verheirathen. Damen der besseren Stände im Alter von 18 bis 25 Jahren, auch ohne Vermögen, mögen vertrauensvoll ihre Adressen nebst Photographie unter M. St. 100 in der Expedition desBerl. Tagebl." niederlegen," las Adele triumphirend.

Entzückend, herrlich, ganz für unseren Plan geschaffen," riefen alle einstimmig.Adele muß schreiben, gleich"

Gab Dir Paula nicht bet Sendens auch eine Photo­graphie?" fragte Greta Holm.

Sie konnte nicht umhin," erwiderte Adele gereizt,sie haßt mich, weil sie mich für ihre begünstigte Nebenbuhlerin hält. Ich opfere das Bild gern," fuhr Adele mit forcirter Heiterkeit fort.Schreiben will ich auch, aber den Namen nicht, nur die Wohnung. O, es gibt einen Hauptspaß, wenn der Herr Secretär, oder was er sonst sein mag, um die stolze Paula von Eschenbach anhalten kommt. Aber schweigen, Kinder! Wer plaudert, ist ehrlos und ausgeschlossen von unserer Freundschaft."

Sie reichten einander in feierlichem Schweigen die Hände.

* * *

Zum Donnerwetter, Kerl, was soll das heißen?" fuhr der Lieutenant v. Schlieben seinen Burschen an, der neben dem Morgentmbtß seines Herrn einen Chimborasso von Briefen aufthürmte.

Zu Befehl, Herr Lieutenant, alles von wegen des Hunde­vieh," antwortete de? biedere Elsässer mit einem gutmüthigeu Grinsen.

Heiliges Kanonenrohr, mit dem Ballast kann ich ja einen ganzen Hundepark anlegen. Sie können gehen, Wieden­sahler!"

Der Bursche verschwand.